MIU – Modern Retro Soul

Geschätzte Lesezeit: 3 Minute(n)

Unsere Bewertung:


10 Gesamtnote

Gesamtnote

10

Modern Retro Soul – darunter kann ich mir alles vorstellen, aber auch nichts. Was wird mich jetzt erwarten, eine neue Auflage von Amy Winehouse oder eine junge Norah Jones? Weit gefehlt, Modern Retro Soul, das mittlerweile dritte Werk der Hamburger KĂŒnstlerin Miu, legt einen stilistischen Spagat zwischen airplaytauglichen Popnummern und feinstem Soul hin, bei dem ich mir meine Herbstwolldecke noch einmal höher ziehe und das Glas Wein genĂŒsslich in der Hand wiege.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Miu bedient sich an den großen alten KĂŒnstlern, ohne auf irgendeine Weise wie ein Plagiat zu wirken. Der Albumopener Take My Money And Run hat genau das, was ich 2019 hören möchte, wenn ich das Radio einschalte. Man möchte nicht nur mit dem Fuß wippen, sondern trotz der grauen Herbststimmung durchs Zimmer tanzen. Das Leben kann so rocken. Bitte mehr davon.

Nachdem der Einstieg in die Platte schon einmal gut gelungen ist, kommt er also, der berĂŒchtigte zweite Track, der zwischen dem Opener und dem ersten Hit der Platte gerne mal verpufft. Aber mit Up & Down geht Miu einen anderen Weg. Die Messlatte an guter AtmosphĂ€re wird noch einmal weiter hoch gelegt, und sie meistert es mit Bravour. Up & Down könnte fĂŒr mich das Zeug haben, einer meiner Lieblingstracks des Restjahres zu werden.

Doch wĂ€hrend die ersten beiden Tracks noch nicht wirklich Retro-Soul waren, tritt Miu mit Holy Grail gewaltig auf die Bremse. Schwere KlĂ€nge, eine knarzende Gitarre und eine Stimme, die langsam zur Höchstform auflĂ€uft. Ich fĂŒhle mich langsam verdammt wohl in dieser Platte. Dem tut auch der Abstecher in den typischen Sixties-Soul mit Moving Out keinen Abbruch.

In einem Portfolio schreibt jemand, dass Miu beeinflusst ist von keinem geringeren als Lenny Kravitz. Okay, das könnte sein, wobei ich, wenn ich schon Vergleiche ziehen muss, bei So Much More neben dem schwarzen Soul der 60er/70er eine Melodie und Stimmung raus höre, die ich eigentlich nur bei einem Barry Gibb erwarten wĂŒrde, wenn der noch Songs schreiben wĂŒrde. Aber da Gibb ja weiß ist, fĂ€llt er hier ja sowieso schon mal raus aus der Wertung, oder?

Mit Speachless hat Miu dann aber auch den Zenit des Albums endlich erreicht. Es ist so heimelig kuschelig um mich herum, dass ich mich langsam gar nicht mehr entscheiden kann, welches jetzt der beste Track sein soll. Also, her mit dem Booklet und endlich mal mit der Dame beschĂ€ftigen. Vieles wird mir bei dieser Platte offenbart. Wer Miu auf der Straße trifft, wĂŒrde nie und nimmer erwarten, dass diese Frau, die so viel Funk, Soul und Pop ausstrahlt, tatsĂ€chlich nicht schwarz ist.

Doch weiter im Text, bevor ich mich verliere. Gimme A Break ist ein guter Abschluss fĂŒr diese erste CD des Albums. Miu geht aufs Ganze. Kleckert nicht, sondern klotzt und liefert auch hier wieder ein grandioses Werk ab, welches mich zum GlĂŒck nicht einsam zurĂŒck lĂ€sst und den Klangboden ebnet fĂŒr die zweite Runde.

Und CD2 macht genau da weiter, wo der erste Silberling aufhört. Wobei Miu mit Risin‘ High wieder lauter wird. Das Volk will schließlich am Leben gehalten werden. Es groovt, und selten habe ich ein Album, bei dem ich das GefĂŒhl habe, es wĂ€re aus einem Guss, in einem StĂŒck aufgenommen. Zu gut ist das Zusammenspiel zwischen Miu und Band.

So ist es jetzt auch langsam mal gut. Sessel beiseite, Schuhe aus und Mutti an die Hand. Fuck You Very Much – jetzt wird getanzt. Der Knoten fĂŒr diese Platte hĂ€lt sowieso nicht mehr, und so können wir ausflippen. Und Miu flippt gleich mit aus.

Doch irgendwann ist die lĂ€ngste Party auch mal vorbei, und mit Be The Bigger Person schließt Miu eine qualitativ hochwertige Platte ab, die sich mit den grĂ¶ĂŸeren und grĂ¶ĂŸten aktuellen Soulstars messen lĂ€sst. Große KonzertsĂ€le, kleine Clubs oder sogar eine Bar, ich kann mir die Musik von Miu ĂŒberall vorstellen. Danke fĂŒr diese grandiose Platte.

Anspieltipps: Up & Down (Cozy Place in the Middle), So Much More, Speechless, Risin‘ High, Drifting Away, Fuck You Very Much

Tracklist MIU – Modern Retro Soul

1-01. Take the Money and Run
1-02. Up & Down (Cozy Place in the Middle)
1-03. Holy Grail
1-04. Moving Out
1-06. Heist Music
1-07. So Much More
1-08. Speechless
1-09. Groundhog Day
1-10. Follow You
1-10. Gimme a Break
1-11. Sweet Nothing
1-12. I Took the Money and Ran
2-01. Risin‘ High
2-02. Easy
2-03. It’s a Trap
2-04. Wake Me Up
2-05. Drifting Away
2-06. Intro
2-07. Partner in Crime
2-08. People the People
2-09. Fuck You Very Much
2-10. Lives
2-11. Stop
2-12. Cat Song
2-13. Be the Bigger Person

Weblinks MIU:

Homepage: miu-music.org
Facebook: www.facebook.com/listentomiu

Miu – Up&Down OFFICIAL VIDEO

Erst mit einem Klick auf das Vorschaubild wird das Video von YouTube eingebunden. Klicke nur, wenn du der DatenschutzerklÀrung zustimmst.

Geschrieben von
Mehr von Alf Urbschat

U96 – Reboot

Alle, die den Projektnamen U96 hören, assoziieren diesen mit fragwĂŒrdigem 90er-Jahre Kirmes-Techno,...
Weiterlesen