LAIBACH – Musick

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Lesedauer: 4 Minuten
Unsere Wertung
7 / 10

Es ist schon irgendwie schade, dass sich Slowenien wegen der Teilnahme Israels von der eigenen Teilnahme am Eurovision Song Contest 2026 zurückzog. Denn tatsächlich hatte es durchaus realistische Chancen gegeben, dass Laibach für Österreichs südliches Nachbarland in Wien angetreten wären. Der zuständige Sender RTV hatte die erste Single des neuen Albums „Musick“ ernsthaft im Blick. Was das immer mal wieder von Skandalen und Provokationen umwitterte Künstlerkollektiv um Milan Fras von der Idee hielt, ist bis jetzt nicht öffentlich diskutiert worden. Es lässt sich allerdings feststellen, dass dieses höchst schwungvolle Stück durchaus Chancen auf eine höhere Platzierung gehabt hätte.

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Doch was nicht beim ESC ist, kann zumindest auf dem Album werden …oder so ähnlich. Schon vorab kündigt die Promotion-Maschinerie „das poppigste Album der Bandgeschichte“ an. Da mögen viele doch direkt an die äußerst gelungene „Spectre“-LP von 2014 denken, die seinerseits mit melodiösen Stücken wie „The Whistleblowers“ oder Synthiepop der Güteklasse „We Are Millions And Millions Are One“ überraschte, zudem viele Fans begeisterte. Es folgten unter anderem Interpretationen des 1950er-Jahre-Musicals „The Sound of Music“ inklusive eines denkwürdigen Auftritts in Nordkorea, das Dark-Ambient-Experiment „Also Sprach Zarathrustra“, die achtteilige krautrockig-psychedelische Suite „Love Is Still Alive“ und Neubearbeitungen der Kultsongs des „Opus Dei“-Albums.

Laibach - Musick (feat. Wiyaala) [Official Video]

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Jetzt aber endlich mal wieder so richtig neue Musik mit Strophen und Refrains, auf Albumlänge. Und ja, „Musick“ ist für Laibach-Verhältnisse ein sehr poppiges Album. Aber nein, an „Spectre“ erinnert hier gar nicht mal so viel. Die Slowenen arbeiteten im Studio mit unterschiedlichen Sängern und Sängerinnen aus aller Welt zusammen, darunter der langjährigen Weggefährtin Donna Marina Mårtensson, während seinerzeit Mina Spiler für fast sämtliche weibliche Stimmen auf „Spectre“ zuständig war. Besonders auffällig ist auf „Musick“ nun die Stimme der Ghanaerin Wiyaala, die im Titelsong sowie dem bereits erwähnten „Allgorhythm“ zu hören ist. Klar und kraftvoll setzt sie in diesen beiden Dancefloor-tauglichen Stücken Akzente.

Wobei auch diese voneinander unterschiedlich klingen. „Musick“ trägt nicht nur dank der präsent eingesetzten Robovox eindeutige Kraftwerk-Einflüsse in sich (das Abbilden der Figuren im Rotes-Hemd-Schwarze-Krawatte-Outfit im Musikvideo spricht Bände) und groovt wie Hölle. „Allgorhythm“ fußt dagegen im Früh-90er-Eurobeat, dürfte die massentauglichste Tanzflächen-Nummer der Bandgeschichte sein. Und damit ein Stück, bei dem viele langjährige Fans die Nase rümpfen. Eine gewisse Laibach-typische Ambivalenz besitzt der Song aber doch – gerade durch die Lyrics: Erst heißt es in bester DJ-Bobo-Gedächtnis-Manier „All the girls and the boys, let’s get loud and make some noise“ , später aber „Some people go Kung-Fu-Fighting, some people go Bitcoin-mining. Some nations go dynamiting, we like to do some crazy rhyming.“ Zeilen, die einem trotz euphorisch klingendem Vier-Viertel-Takt-Stampf doch etwas im Halse stecken bleiben. So ganz stumpf können und wollen die Slowenen eben nicht. Ganz im Gegenteil.

Laibach trifft Mozart

Im weiteren Verlauf kommen sie immer wieder, diese kleinen aber feinen Zitate oder Querverweise, die einem ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Besonders bei „Singularity“, für das Laibach doch allen Ernstes Wolfgang Amadeus Mozarts berühmte „Eine kleine Nachtmusik“-Melodie nutzen und so den fiesesten Ohrwurm der Platte kreieren. Es ist so lustig wie passend, dass der Chorus die Zeile „Every song’s a copy or remake“ beinhaltet. Zuvor müssen sich Rivetheads und weitere Die-Hard-Schwarzkittel aber erst einmal durch „Fluid Emancipation“ quälen. Wem die Vorab-Auskopplung „Allgorhythm“ schon zu fröhlich-trashig daherkommt, der kotzt hier unter Garantie sein Frühstück wieder aus. Autotune satt in den Strophen und ein kindlich-quietschiger „Nanananananaaa“-K-Pop-Gedächtnisrefrain – das geht gleichermaßen sofort ins Ohr wie dem Oldschool-Goth kräftig auf den Sack. Popmusik eben, verdammt catchy, aber nicht den schwarz-alternativen Hörgewohnheiten zuträglich. Gleiches gilt für „Love Machine“, der „Machine-machine-machine-machiiiiiine“ -Chor erinnert erneut unvermeidlich an die Düsseldorfer Roboter-Fraktion.

Stilistisch in eine Schublade passt die LP aber nicht. „Resistencia“ setzt erst beschwingten Latin-Folk, später Experimental-Techno- und gar Dub-Rhythmen unter Milan Fras‘ Stimme, die wiederholt von einem „Guerra relampago“ brummelt – das heißt auf Deutsch übrigens Blitzkrieg. Laibach eben, kennt man ja v0m grandiosen „Spectre“-Song „Resistance Is Futile“. „Luigi Mangione“ thematisiert auf einer Mischung aus Country und Gospel den Mord an Brian Thompson, den damaligen und wegen seiner Geschäftspraktiken äußerst umstrittenen Chef des Krankenversicherungsunternehmen UnitedHealthcare. Das von Donna Marina Mårtensson fantastisch gesungene „Yes Maybe No“ kombiniert Chillout, Synthie- und Hyperpop; „Keep It Reel“ (nein, kein Tippfehler) prescht mit Hilfe von Manca Trampuš, sonst bei der Band Koala Voice, gar punkrockig voran. Mit wirklich griffigen Hooks warten diese Stücke aber eher nicht auf, was den Gesamteindruck im Mittelteil von „Musick“ etwas schmälert.

Laibach - Allgorhythm (feat. Wiyaala) [Official Video]

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Dann kommt „Allgorhythm“ – dazu wurde weiter oben alles Nötige gesagt – und zum Abschluss ein Lied mit einigen deutschen Textzeilen. „Das göttliche Kind“ thematisiert Roboter und KI mit Sample-Sprengseln unter passendem Vocal-Effekt („Übermenschliche unfehlbare Intelligenz, Zeichen der Zeit …“). Dazu wieder ein klebrig-süßlich-lieblicher Ohrwurm-Refrain, danach ein elegisches Outro – fertig ist „Musick“ nach ziemlich genau 37 Minuten und 45 Sekunden.

In diesen zeigen sich Laibach so zugänglich wie nie zuvor. Gleichzeitig ist der Teil politisch-provokative Teil ihrer DNA immer wieder präsent. Manche Stücke könnten es durchaus in bisher unerreichte TikTok-Playlisten jüngerer Generationen schaffen, andere Songs sich vielleicht als Konzert-Dauerbrenner in den Setlists festsetzen. Schwierig ist dennoch jede Prognose. Denn mit „Musick“ werden die Slowenen einmal kräftig anecken, gerade bei der langjährigen Fangemeinde. Aber genau das ist man als treuer Anhänger ja von ihnen gewohnt.

Tracklist LAIBACH – Musick
  1. Musick
  2. Fluid Emancipation
  3. Singularity
  4. Resistencia
  5. Love Machine
  6. Luigi Mangione
  7. Keep It Reel
  8. Yes Maybe No
  9. Allgorhythm
  10. Das göttliche Kind
Tourdaten LAIBACH 2026

18.05.26 Graz (AT), Orpheum
19.05.26 Schorndorf, Manufactur
20.05.26 Köln, Essigfabrik
22.05.26 Aarhus (DK), Voxhall
30.05.26 Warschau (PL), Progresia
31.05.26 Prag (CZ), Palac Acropolis
02.06.26 Leipzig, Täubchenthal
03.06.26 München, Muffathalle
04.06.26 Klagenfurt (AT), Burghof
06.10.26 Bochum, Zeche
08.10.26 Hamburg, Große Freiheit 36
13.10.26 Berlin, Huxley’s
14.10.26 Dresden, Reithalle Strasse E

Karten gibt’s hier ab ca. 50 Euro.

Weblinks LAIBACH:

Webseite: laibach.org
Facebook:  Laibach
Instagram:  laibachofficial


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