Lesedauer: 14 Minuten
Lesedauer: 14 MinutenManchmal wird ein Traum so leise, dass man kaum noch weiß, ob man ihn weiterverfolgen soll. Miguel Owls (Gesang), Chris Biddiscombe (Gitarre) und Benji Havercroft (Schlagzeug) kannten dieses Gefühl. Heute machen sie als SAVE US gemeinsam Musik – obwohl zwischen Miguel in Kalifornien und seinen Bandkollegen in England mehr als 8.000 Kilometer liegen. Chris und Benji machten bereits zusammen Musik und suchten einen neuen Sänger, als Chris 2023 auf TikTok eines von Miguels Architects-Covern entdeckte. Er schrieb ihn an, und die drei begannen bald darauf, gemeinsam Songs zu entwickeln. Für Miguel, der bis dahin vor allem Coverversionen in den sozialen Medien veröffentlicht hatte, wurde SAVE US seine erste Band. Nebenher arbeitete er von 13 bis 21:30 Uhr in einer Fabrik. Um vor seiner Schicht mit Chris und Benji an gemeinsamer Musik schreiben zu können, stand er oft schon um 5:00 Uhr morgens auf. So entstanden über Monate hinweg Songs zwischen zwei Kontinenten, bevor die drei sich zum ersten Mal persönlich trafen.
Aus dieser Zusammenarbeit gingen die EPs „LUCID“ und „EXIST“ hervor. Der Name SAVE US erzählt dabei auch von dem, was die Band für ihre Mitglieder selbst bedeutete: Alle drei waren kurz davor gewesen, ihren Traum von der Musik aufzugeben. Stattdessen fanden sie in den anderen Menschen, die ihn mit ihnen weitertrugen. Am 16. Oktober 2026 erscheint ihr Debütalbum „Death To Something“ über Solid State Records. Für die Aufnahmen kamen SAVE US in Michigan zusammen und arbeiteten mit Landon Tewers, dem Sänger von The Plot In You, der das Album produzierte.
Musikalisch bewegen sich SAVE US zwischen Alternative Rock und modernem Metalcore. Elektronische Klänge legen sich in atmosphärische Passagen, bevor Gitarren und Drums den Songs eine ganz andere Wucht verleihen. Im Mittelpunkt steht Miguels Stimme: Sie kann einen verletzlichen Gedanken ganz nah an uns herantragen und im nächsten Moment mit voller Kraft ausbrechen. Diese Wechsel lassen ihre Musik so unmittelbar wirken – als würde hörbar, wie viele Gefühle in einem Menschen gleichzeitig Platz haben.

Auf dem Cover ist ein gefallener Engel zu sehen. Chris versteht die Platte als Geschichte der Wiedergeburt: Dahinter steht für ihn der Gedanke, dass jeder Mensch unschuldig beginnt. Das Leben formt uns, manchmal zerbricht etwas dabei. Der Engel macht diesen Verlust sichtbar, zugleich aber auch die Möglichkeit, nach einem Sturz wieder aufzustehen. Für Miguel erhielt dieser Gedanke eine weitere, sehr persönliche Bedeutung. Als er den Titelsong schrieb, erwarteten seine Frau und er ihr erstes Kind. Er dachte über alte Verletzungen nach und darüber, was er loslassen musste, um der Vater zu werden, der er sein wollte. Damit beginnt „Death To Something“ bei einer Frage, die weit über die Geschichte der Band hinausreicht: Was tragen wir aus unserer Vergangenheit mit uns – und was möchten wir den Menschen, die wir lieben, ersparen?
Die ersten Sekunden von „Chains“ gehören Miguel allein. Seine Stimme klingt beinahe verführerisch. Doch schon kurz darauf drängen die Worte schneller hervor, als ließen sie sich nicht länger zurückhalten. Er singt von Ketten um seinen Hals, von einem Schmerz, der ihn nicht loslässt, und von Worten, die er nicht über die Lippen bringt. Man ist diesem Gefühl zunächst ganz nah, ohne dass ein Instrument Abstand schafft. Erst bei „Calling from above“ setzen die Drums ein, die Gitarren öffnen den Klang, und das wiederholte „Are you ready for it?“ trifft mit voller Wucht. Umso eindringlicher wirkt es, wenn die Musik später wieder fast vollständig zurückweicht. Miguel singt davon, dass auch er wüsste, wie er den anderen Menschen verletzen könnte. Doch er will ihm diesen Schmerz nicht zufügen. In dieser leisen Entscheidung liegt bereits ein Ausweg aus dem Muster, in dem beide gefangen sind – auch wenn er noch nicht weiß, wie er ihn gehen soll.
Dann kommt das Bild vom Tanz auf einer scharfen Klinge. Je mehr die beiden versuchen, einander zu halten, desto merklicher driften sie auseinander. Miguels Gesang klingt leidend, ein kurzer Scream lässt die Anspannung heraus, und für einen Moment wächst der Song zu einem großen, beinahe schwebenden Klanggewand an. Schließlich rücken die Worte wieder in die Ferne, bis am Ende nur seine Stimme und die Zeilen vom Anfang bleiben. „Chains“ schenkt seiner Entscheidung keinen einfachen Sieg: Er möchte den Schmerz nicht weitergeben, spürt die Ketten aber noch immer um seinen Hals.
„Last Of Me“ führt noch tiefer in die Spuren, die ein anderer Mensch hinterlassen kann. Dunkle Pianoklänge schaffen eine ruhige, leicht unbehagliche Atmosphäre. Miguel singt ganz präsent, als würde er sich an etwas erinnern, das längst vorbei sein sollte und doch sofort wieder nahe ist. Die gemeinsame Zukunft ist zerbrochen, doch deren Spuren sind geblieben. Besonders nah geht das Bild des Parasiten: Etwas zehrt weiter an ihm, obwohl diese Verbindung gelöst wurde. Ausgerechnet die Zeile „You are my parasite“ trägt Miguel mit einer beinahe lieblichen, höher steigenden Stimme vor. Dann bricht der Sound los, und sein verzweifeltes „No more“ zeigt, wie viel ihn diese Grenze kostet. Der Text geht noch einen Schritt tiefer. Dieser Mensch ist für die erzählende Person inzwischen auch ein Gemütszustand, vielleicht sogar ein Teil dessen geworden, was sie an sich selbst für falsch hält.
Überflutete Straßen machen den Weg nach vorn schwer erkennbar. Mit einem Licht sucht er nach einer Richtung. Kurz scheint die Last leichter zu werden, doch schon kehren die Gedanken und die einsamen Tage zurück. Die Drums treiben den nächsten Refrain nach vorne, und mit ihnen kehrt auch der Schmerz mit neuer Dringlichkeit zurück. Mit den Worten „I’m tired of holding on“ tritt die Erschöpfung hinter seinem Entschluss hervor. Sein „No more“ klingt hier verletzlicher als im Refrain. Noch einmal kehrt die ganze Wucht zurück, bevor „Last Of Me“ plötzlich endet. Man kann durchaus beschließen, einem Menschen nichts mehr von sich zu geben. Was dieser jedoch in einem hinterlassen hat, verschwindet deshalb aber noch lange nicht.
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Mit „Mente Fragmentada“ kippt die Stimmung ins Wütende und Bedrohliche. Zu flirrenden Gitarren klingt Miguels Gesang zunächst erstaunlich abgeklärt. Der Titel bedeutet „zersplitterter Verstand“, und schon die erste Strophe macht dieses Bild greifbar: In zerbrochenem Glas sieht die erzählende Person Bruchstücke ihrer Vergangenheit, die sich nicht mehr zu einem Bild zusammensetzen lassen. Als die Instrumente zurückweichen, tritt unter Miguels gefasstem Gesang etwas Verletztes hervor. Er singt davon, dass ihn ein Leben mit Schmerz geformt hat und er es dennoch nicht ändern würde. Das klingt nach Stärke, aber auch nach Trotz. „Dangerous“ wirkt dabei wie eine Rüstung: Wer so viel ausgehalten hat, will nie wieder hilflos erscheinen. Und doch wird die Verletzung hörbar. Im Refrain weitet sich der Sound. Miguel singt leidenschaftlich davon, in einen Sturm geworfen worden zu sein, und nimmt dessen Folgen mit „all a part of me“ als Teil seiner Geschichte an. Doch als diese Worte später in einen Scream umschlagen, klingt die Annahme weniger sicher. Vielleicht braucht es diese Wucht, um sie überhaupt aussprechen zu können. Noch widersprüchlicher wird es, als er schließlich von einem Weg spricht, den er selbst gewählt und mit Blut besiegelt habe. Wo endet das, was ihm angetan wurde, und wo beginnt die Verantwortung für das, was er daraus gemacht hat?
Als das Tempo anzieht, werden die Bilder noch dunkler – beinahe apokalyptisch: Blut, Hölle, Gottes befleckte Hände und Feuer. Die Person scheint sich selbst zu verurteilen und zugleich anzuklagen, was sie an diesen Punkt gebracht hat. „Don’t come closer“ hält andere fern – vielleicht als Warnung, vielleicht aus dem Wunsch heraus, niemanden in den eigenen Schmerz hineinzuziehen. Die „Burn“-Rufe brechen als harte Screams hervor. Wenn der Refrain danach noch einmal zurückkehrt, klingt Miguel eindringlicher und schmerzhafter als zuvor; bei den letzten herausgeschrienen „part of me“ zieht sich einem beinahe der Magen zusammen. „Mente Fragmentada“ erzählt von jemandem, der aus Verletzungen Kraft gezogen hat, aber noch ist unklar, ob diese Kraft ihn trägt oder gefangen hält.
Auf die Abwehr folgt mit „No Holding Back“ ein Gespräch, das scheinbar viel zu spät beginnt. Zunächst sind da nur Miguels Stimme und eine akustische Gitarre; Pianoklänge und sanfte Streicher legen sich behutsam dazu. Die Nähe dieser ersten Töne geht direkt ans Herz. Die erzählende Person bietet das direkte Gespräch an: Sprich aus, was in dir vorgeht. Ich höre zu. Ich halte es aus. In „pour out everything“ dürfen aufgestaute Gefühle endlich herausfließen. Miguel klingt dabei selbst leidend, singt „I know that it’s not easy“ aber mit einer Wärme, die dem anderen Mut zu machen scheint. Als der Refrain sich mit voller Instrumentierung öffnet, zeigt sich, wie viel für beide auf dem Spiel steht. Er will hören, dass das, was er getan hat, nicht genug war; er ist bereit, sich seiner Schuld zu stellen. Zugleich bittet er darum zu erfahren, dass er noch geliebt wird. Echte Reue und die Angst, den anderen zu verlieren, liegen hier ganz nah beieinander. Vielleicht ist das der verletzlichste Punkt des Songs: Er möchte zuhören, ohne sich zu verteidigen, und sucht doch selbst nach einem Halt in diesem Gespräch.
Im Verlauf wird es noch einmal still, und das lyrische Ich spricht aus, was er nun begriffen hat: Es lag falsch, hat diesen Menschen verletzt und bereut es. Als „I didn’t know it“ schließlich zum Scream wird und tief gestimmte Gitarren einsetzen, trifft die Erkenntnis mit voller Härte: ,Ich war da, aber ich habe nicht gesehen, wie verzweifelt du warst.‘ Die zarte Gitarre kehrt kurz zurück, bevor der Song mit drängenden Double-Bass-Drums noch einmal an Kraft gewinnt. Ob dieses Gespräch die Beziehung retten kann, erfahren wir nicht. „No Holding Back“ bleibt bei dem Versuch, Verantwortung zu übernehmen und dem anderen endlich den Raum zu geben, den er so lange gebraucht hat.
„Seraphim“ hat etwas Rastloses, als könnte der Song seine eigene Wut kaum bändigen. Die vielen elektronischen Passagen und der unruhige Drum-and-Bass-Beat treiben ihn voran, bis schwere Gitarren und Miguels wütende Screams mit voller Wucht dazwischenbrechen. Dann öffnet sich die Musik zu einem Refrain, dessen große, beinahe himmlische Melodie sich über all diese Wut legt: Eben lag die erzählende Person noch zu Staub geschlagen und blutend am Boden, nun will sie auf der Sonne tanzen und ihren Thron zurückfordern. Sogar Engel sollen sich vor ihr verneigen. Seraphim sind keine beliebigen Engel. Im Buch Jesaja erscheinen sie als sechsflügelige Wesen am Thron Gottes; in der späteren christlichen Überlieferung gelten sie als Engel, die ihm besonders nahestehen. Wenn im Refrain selbst sie vor der erzählenden Person niederknien sollen, kehrt sich diese Ordnung um: Jemand, der gerade noch im Staub lag, stellt sich plötzlich über die Wesen des Himmels.
Doch mit dem Anspruch auf den Thron ist der Kampf noch lange nicht vorbei. Die Krone des Gegenübers zerfällt. Während er seinen Weg aus dem Staub sucht, muss er aber auch mitansehen, wie das Leben verbrennt, das er sich selbst einmal versprochen hatte. Miguel singt diese Zeilen zunächst voller Wut; später spricht er sie beinahe ruhig aus. Nur der schnelle Beat darunter gibt keine Ruhe, pocht wie ein aufgebrachter Herzschlag, bis die Worte wieder aus ihm herausbrechen. „I’ve given everything“ klingt erschöpft; schwere, tief gestimmte Gitarren tragen die Wut zurück in die wiederholten „constant lies“. Selbst in der Weite des Refrains bleibt der Schmerz hörbar. „I’ll carry the gold to the throne“ singt Miguel nicht wie jemand, dem der Sieg bereits sicher ist. Gegen Ende spricht er die „constant lies“ noch einmal aus, bedrohlich und beinahe ruhig, bevor die Wut erneut hervorbricht. Gerade darin liegt für mich die Kraft dieses Songs. Die Person erhebt sich und beansprucht ihren Platz mit aller Macht. Doch die verbrannten Versprechen und die Lügen steigen gewissermaßen mit ihr empor. „Seraphim“ lässt uns beides spüren: wie befreiend es sein kann, sich endlich aufzurichten, und wie sehr der Weg nach oben noch schmerzt.
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„Far“ öffnete für mich die Tür zu „Death To Something“. Warmer Sound empfängt uns, ehe nur noch die akustische Gitarre und Miguels Stimme bleiben. Sein Gesang ist so innig, dass man unwillkürlich näher an die Lautsprecher rücken möchte. Ein Seufzer lässt sich kaum unterdrücken. Könnte dieser Augenblick nicht noch ein wenig länger dauern? Der Song entstand etwa zur Hälfte der Zeit, die Miguel für die Albumaufnahmen fern von zu Hause verbrachte. Das Heimweh hatte ihn eingeholt; nie zuvor war er so lange von seiner Frau getrennt gewesen. In „Far“ verdunkeln sich die Tage, und selbst die Sterne geben keine Orientierung mehr. Später geht die Sonne auf, doch mit dem Tageslicht verschwindet die Einsamkeit keineswegs. Es ist ein zartes, schmerzhaftes Bild für einen Traum, der endlich Wirklichkeit wird und Miguel zugleich von dem Menschen entfernt, den er am liebsten bei sich hätte. Im Refrain wächst die Instrumentierung, und mit ihr bekommt die Sehnsucht mehr Raum. Miguel betont „both“, die Drums setzen genau dort einen Schlag: Beide versuchen, stark zu bleiben. In seinem lang gezogenen „so long“ schwingt mit, wie lange sie sich diesen Weg gewünscht haben – und wie wenig sie auf das vorbereitet waren, was er ihnen abverlangt. Besonders nahe geht der Wechsel der Perspektive: Erst fürchtet die erzählende Person, selbst zu entgleiten, später scheint der geliebte Mensch in der Ferne fortzurutschen. Das fast gehauchte „so far“ lässt die Entfernung noch schmerzlicher werden. Seine Hände wollen den anderen vor dem Untergehen bewahren, obwohl sie die andere Person gerade nicht erreichen können.
Wenn Miguel versichert, er würde an ihrem Weg nichts ändern, klingt darin kein leichtfertiger Trost. Seine Stimme trägt die Last dieser Entscheidung; ihre schmerzerfüllte Dringlichkeit erinnert für einen Moment an Thirty Seconds to Mars – jene Band, die ihn früh geprägt habt. Dann bleiben erneut nur die sanfte Gitarre und Stimme zurück. Miguel klingt plötzlich etwas ferner, als hätte die Distanz, von der er singt, auch seinen Gesang erreicht. Die erzählende Person gesteht ein, sich verloren zu fühlen, möchte es dem anderen aber nicht zeigen. Sie braucht selbst Halt und versucht dennoch, welchen zu geben. Der Refrain lässt „Far“ schließlich schwebend ausklingen. Zurück bleibt das Gefühl, dass Liebe und ein lang ersehnter Traum gleichzeitig wunderschön und schwer sein können.
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„Run Away“ führt das Bild der Entfernung weiter, obwohl die beiden Menschen hier dicht beieinander sind. In nur gut zwei Minuten genügen akustische Gitarrenklänge, sanfte Streicher und Miguels zarte Stimme, um diese Unsicherheit spürbar zu machen. Die erzählende Person verspricht, ein Leben lang zu bleiben. Doch schon in „if you want“ liegt die bange Frage, ob der andere sie überhaupt noch bei sich haben möchte. Sie erwartet, dass er fortläuft wie Menschen vor ihm, und fühlt sich ihm meilenweit entfernt, während er direkt neben ihr ist. Am Ende fürchtet sie nicht mehr allein, verlassen zu werden: Sie fragt sich auch, ob ihre eigene Liebe den anderen noch erreicht.
Von der Angst, verlassen zu werden, führt „Bruised“ zu den alten Verletzungen, die Nähe schmerzhaft machen. Ein zurückhaltender Drumtakt und dunkle Pianoklänge bilden in einen stillen Auftakt. In Miguels Stimme liegt bereits Schmerz, doch wenn er „I’ve been bruised“ sanft in die Höhe führt, klingt sie beinahe zärtlich. Streicher und ein leicht flirrender Klang hüllen den Song in Wärme. Erst etwa zur Mitte brechen schwere Gitarren und wuchtige Drums herein. Für einen Moment erinnert dieses Zusammenspiel von Härte und schwebender Atmosphäre an Sleep Token; die sphärische Weite bleibt auch dann erhalten, als der Schmerz lauter wird. Der blaue Fleck im Titel ist ein berührendes Bild für das, was zwischen zwei Menschen geschieht: Eine liebevolle Berührung kann ausgerechnet dort wehtun, wo eine alte Verletzung noch nicht verheilt ist. Die erzählende Person hat ihre Gefühle lange verschlossen gehalten und fürchtet, dem anderen deshalb nicht gerecht zu werden. Wenn Miguel „I’ve been bruised“ später voller Schmerz ruft, ist von dieser Zurückhaltung kaum noch etwas übrig. Umso näher geht der Moment, in dem er zu einer nur angespielten E-Gitarre fast flüstert, dass der andere seinen wahren Schmerz wohl nie ganz verstehen werde. Der Nachdruck in seiner Stimme macht aus dem leisen „if you wanna stay, I’ll face it“ ein Versprechen. Zum Schluss kehren akustische Klänge, Streicher und sein weicher Gesang zurück. Es klingt, als dürfe nach all dem Ausbruch wieder behutsam Nähe entstehen.
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Nach der Furcht vor dem Fortlaufen in „Run Away“ und den empfindlichen Wunden von „Bruised“ versucht „Cry“, dem geliebten Menschen wieder Sicherheit zu geben. Der Song beginnt zurückgenommen; ein elektronischer Beat tritt hinzu, während Miguel von dem Tempo des Lebens und von Fehlern singt, die das lyrische Ich nicht leugnen kann. Zu „Don’t cry“ bleibt seine Stimme vor einer sanften Pianomelodie ganz nah. Er möchte trösten, doch in seinem wiederholten „I’m trying“ hört man auch, wie sehr er selbst hofft, dass seine Bemühungen reichen. Er will nicht zurück zu alten Spielchen. Die „fake diamonds“, die durch die Türöffnungen kriechen, lassen etwas Verlockendes und zugleich Unechtes in die Gegenwart eindringen. Was genau sie für ihn bedeuten, bleibt offen. Umso deutlicher ist, was er in dem anderen Menschen sieht: Während der Sturm über beide hereinbricht, nennt er ihn die Sonne, die Licht bringt. Miguel lässt das Wort „light“ hell aufscheinen. Die Zeile „your soul is light“ ist schön in ihrer Doppeldeutigkeit: eine Seele voller Licht, vielleicht auch eine, die sich die Leichtigkeit bewahrt hat, nach der er selbst sucht.
Doch dieser Mensch weint, und Miguel bittet ihn schließlich: „Say something, tell me that we’re okay.“ Er möchte Halt geben und braucht ihn ebenso. Gegen Ende steht „Don’t cry“ kurz fast allein im Raum, bevor die Instrumente zurückkehren. Hinter dem Gesang klingt Verzweiflung auf, ein „don’t look back“ bricht als Scream hervor, und die letzten Worte verlieren sich schwebend im Hintergrund. „Cry“ erzählt vom Versuch, füreinander da zu sein, während noch keiner von beiden sicher weiß, ob sie den Sturm gemeinsam überstehen.
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Nach den Songs, die noch um Nähe und das mögliche Fortgehen eines Menschen rangen, steht „Numb“ vor einem Verlust, der bereits geschehen ist. Die erzählende Person hatte sich ein Leben ohne diesen Menschen nie vorgestellt. Nun sucht sie nach einer Erklärung und fragt sich, ob sie genug für ihn getan hat. Der Text erzählt auch von dessen Einsamkeit und davon, dass er selbst hoffnungslose Menschen an sich heranließ. Was zu seinem Tod führte, bleibt offen; die quälende Frage nach dem eigenen Versagen bleibt zurück. Musikalisch überrascht „Numb“. Elektronische Klänge und ein treibender Rhythmus geben dem Song zunächst eine beinahe unerwartete Leichtigkeit. Gerade dadurch trifft sein Inhalt umso härter. Miguel ruft „Tell me why“ gegen den Beat an, als könnte der Schwung der Musik ihm eine Antwort entreißen. Dann setzen Drum and Bass ein, seine Stimme wird kurz verfremdet. Bei „I’ll never say goodbye“ trägt dieses Spiel mit dem Gesang sie in andere Sphären – weit weg und doch nicht frei von dem Schmerz, dem sie entkommen möchte. Zum Ende hin scheint der Song den Boden unter den Füßen zu verlieren. Miguel singt vom Grab und von Engeln, die den geliebten Menschen fortzerren; seine Stimme schwebt über diesem Bild. Erst danach wird der Klang bedrohlich und dunkel. Schwere Gitarren brechen herein, und das abschließende „now you’re gone“ klingt verbittert. Die Taubheit, von der „Numb“ erzählt, hat die Trauer nicht ausgelöscht. Für einen Moment konnte die Musik sie fast leicht erscheinen lassen – bis der Verlust mit voller Wucht zurückkehrt.
Auf die Dunkelheit von „Numb“ eröffnet ein leises Regenprasseln den Titeltrack. Im Vordergrund klingt Miguels Stimme so verletzlich und bedrückt, als säße er unmittelbar neben uns. Piano, Streicher und ein feines Flirren umgeben seinen Gesang. Das Haus aus den dunkelsten Tagen, von dem er singt, ist längst gebaut; die Narben lassen sich nicht einfach fortwaschen. Hier scheint der Gedanke zu liegen, um den das Album kreist: Was muss ein Mensch hinter sich lassen, damit etwas Neues wachsen kann? Als er „you’re worth it“ mit plötzlicher Dringlichkeit singt, verändert sich etwas. Inmitten all dessen besteht er darauf, dass dieser Mensch es wert ist, weiterzukämpfen.
„All I can do is not repeat“
Drums setzen ein, Saitenklänge bewegen sich im Hintergrund, und der Song legt zu. Miguel singt nun geradliniger, entschlossener, ohne dass die Verletzung aus seiner Stimme verschwindet. Der große Refrain geht unter die Haut: „There must be death to something“ wird zum Vorsatz, alte Fehler nicht weiterleben zu lassen. Jemand hat ihm geholfen, sich aus der Tiefe zu lösen. Doch dass ein anderes Leben möglich wird, macht den Abschied vom alten Selbst noch lange nicht leicht. In der zurückgenommenen Passage danach spürt man, wie laut die Gedanken trotz aller Entschlossenheit bleiben. Dann zieht sich der Klang für einen Moment zurück. Miguel spricht leise davon, dass etwas zu Ende gegangen ist, Sonne und Sterne sich fügen und er allein aufsteigt. Gleich darauf bricht der Song mit voller Härte über diese Worte herein. „I’ll leave the dark behind me“ klingt jetzt wie eine Entscheidung, die er mit aller Kraft durchsetzen muss. Das Ende kommt beinahe abrupt – als ließe sich dieser Schritt nicht noch einmal zurücknehmen. „Death To Something“ schenkt seinem Neuanfang Größe, aber keine mühelose Erlösung.
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Nach dem kraftvollen Ende des Titeltracks führt „Stasis“ das Album in eine melancholische Stille zurück. Ein Piano begleitet Miguels behutsam getragenen Gesang. Bei „I won’t survive this / but I’m still trying“ nimmt seine Stimme an Intensität zu: Er klingt erschöpft und kämpft doch weiter. Die Bilder machen diesen Zustand sehr körperlich. Nähte halten die Wunde nicht mehr geschlossen; sie blutet hindurch, aber jede Narbe hat ihn auch zu einem Menschen geführt, bei dem er sich sicher fühlt. Zum Schluss bleiben nur Miguel und eine Akustikgitarre. Ganz pur singt er erneut davon, dass seine Seele stirbt. So lässt „Stasis“ den Neuanfang des Titeltracks stehen, ohne den Kampf für beendet zu erklären. Die Geschichte geht weiter – und inmitten der Erschöpfung bleibt das Versprechen, einander dabei nicht allein zu lassen.
Gerade nach dem stillen Ausklang von „Stasis“ wird deutlich, wie wirkungsvoll SAVE US mit Klang und Stimme erzählen. Die Produktion gibt einem leisen Atemzug ebenso viel Raum wie einem schweren Ausbruch. Miguel klingt mal so nah, als vertraue er uns etwas an; dann rückt seine Stimme in die Ferne, wird verfremdet oder bricht als Scream hervor. Diese Kontraste lassen uns hören, was Worte allein kaum fassen können.
Damit führt das Album zurück zum gefallenen Engel auf dem Cover. Er stützt sich am Boden ab, die Flügel hinter ihm aufgerichtet. Die zwölf Songs erzählen, was zwischen dem Sturz und dem Wiederaufstehen liegt: die Suche nach Nähe, während alte Wunden zwischen Menschen stehen. Im Titeltrack fällt die Entscheidung, alte Muster hinter sich zu lassen; „Stasis“ lässt den Hörer gar spüren, wie sehr diese Wunden trotz allem noch schmerzen.
Genau darin liegt die Stärke von „Death To Something“. SAVE US haben ein Debüt geschaffen, das einen mit seiner musikalischen Wucht mitreißt und in seinen leisen Momenten besonders intensiv trifft. Der Kampf ist längst nicht ausgefochten und der Engel steht am Ende noch nicht wieder aufrecht. Aber er ist nicht allein …
Am 23. Oktober 2026 gehen SAVE US als Support-Act von Saosin mit Silent Planet und Like Moths To Flames in den USA auf Tour. Für Miguel wird es das erste Mal sein, als Frontmann von SAVE US auf einer Bühne zu stehen. Was bisher in seinen Songs so nah klang, kann er dann mit den Menschen vor sich teilen. Endlich kann Miguel all die Gefühle, die er in diese Songs gelegt hat, mit den Menschen teilen, die SAVE US bis hierher begleitet und unterstützt haben. Und wer weiß: Vielleicht führt dieser Weg die Band 2027 auch nach Europa? 🙂
Tracklist SAVE US – Death To Something:
- Chains
- Last Of Me
- Mente Fragmentada
- No Holding Back
- Seraphim
- Far
- Runaway
- Bruised
- Cry
- Numb
- Death To Something
- Stasis
Weblinks SAVE US:
Facebook: @saveustheband
Instagram: @saveus.band
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