BUSH – The Sea Of Memories – 15th Anniversary Edition

BUSH - The Sea Of Memories
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Lesedauer: 12 Minuten

Der Zeitpunkt für eine Bush-Retrospektive könnte kaum besser sein. Mit ihrem jüngsten Schaffen hat die Band musikalisch wieder eindrucksvoll zu einer Stärke gefunden, die unmittelbar an das erinnert, was ihren besonderen Reiz seit jeher ausmacht. Auch auf der Bühne wirkt Bush heute wieder mit einer Selbstverständlichkeit, Energie und Präsenz, die vergessen lässt, dass ihre Geschichte keineswegs immer geradlinig verlaufen ist. Genau in dieser Phase öffnet sich nun ein Fenster zurück ins Jahr 2011: Am 25. September erscheint „The Sea Of Memories“ anlässlich seines 15-jährigen Jubiläums komplett neu gemastert und ergänzt um sämtliche neun Bonustracks jener Ära.

Vom Überflieger zum stillen Ende

Um zu verstehen, weshalb gerade dieses Album einen besonderen Platz in der Bandgeschichte einnimmt, muss man die Zeit allerdings noch einmal um zehn weitere Jahre zurückdrehen. Als Bush 2001 „Golden State“ veröffentlichten, lag hinter ihnen eine außergewöhnlich erfolgreiche erste Dekade. Mit ihrem 1994 erschienenen Debüt „Sixteen Stone“ hatten die Briten vor allem in den USA einen nahezu explosionsartigen Durchbruch erlebt. Songs wie „Everything Zen“, „Comedown“, „Glycerine“ oder „Machinehead“ liefen bei MTV und im Radio rauf und runter und machten Bush innerhalb kürzester Zeit zu einer der großen Alternative-Rock-Bands der 90er. Während die Band in ihrer britischen Heimat zunächst deutlich weniger euphorisch aufgenommen wurde, entwickelte sich Amerika regelrecht zu ihrem wichtigsten Markt.

Auch in Deutschland waren Bush längst keine Unbekannten: Mitte der 90er hatten sie sich fest in der Alternative-Rock-Landschaft etabliert und waren auf großen Festivals wie Rock am Ring und dem Bizarre Festival präsent.

Der Erfolg blieb dabei keineswegs auf ein einziges Album beschränkt. „Razorblade Suitcase“ stieg 1996 direkt auf Platz eins der US-Charts ein, „Swallowed“ wurde zum nächsten großen Hit, und auch „The Science Of Things“ hielt Bush 1999 mit Songs wie „The Chemicals Between Us“ präsent, während die Band ihren Sound zugleich stärker öffnete und elektronische Elemente einfließen ließ.

Innerhalb weniger Jahre hatten Bush damit nicht nur Millionen Alben verkauft, sondern sich einen Sound und eine Ausstrahlung erarbeitet, die sofort wiederzuerkennen waren: schwere Gitarren, Gavin Rossdales rauer Gesang, eine besondere Melancholie und diese lässige, bewunderswerte Coolness.

Als 2001 schließlich „Golden State“ erschien, war diese goldene Phase jedoch bereits dabei, Risse zu bekommen. Das Album konnte kommerziell nicht mehr an seine Vorgänger anknüpfen, gleichzeitig begann auch das personelle Gefüge auseinanderzudriften. Gitarrist Nigel Pulsford zog sich aus dem Tourleben zurück, Chris Traynor sprang zunächst für ihn ein, später ging auch Bassist Dave Parsons andere Wege. Was wenige Jahre zuvor noch wie eine kaum aufzuhaltende Erfolgsgeschichte gewirkt hatte, verlor plötzlich seine Selbstverständlichkeit.

Hinzu kamen Schwierigkeiten mit dem damaligen Labelumfeld. Gavin hat insbesondere seine kurze Zeit bei Atlantic Records später wiederholt als ausgesprochen unglücklich beschrieben. Die Auflösung selbst verlief dagegen weniger spektakulär, als man angesichts der vorherigen Erfolge erwarten könnte. Rückblickend beschrieb er sie einmal sinngemäß als ausgesprochen englische Angelegenheit: ohne großen Knall, eher still und leise.

Der Weg zurück zu Bush

Für den Sänger bedeutete das jedoch keineswegs einen Abschied von der Musik. Gemeinsam mit Chris Traynor gründete er Institute, später folgte 2008 mit „Wanderlust“ ein Soloalbum. Doch Bush blieb dabei offensichtlich stets im Raum. Gavin erzählte 2011 mehrfach, dass er eigentlich auf eine vollständige Reunion der ursprünglichen Besetzung gewartet hatte – insbesondere auf Nigel Pulsford. Selbst sein Soloweg sei zum Teil daraus entstanden, dass diese Rückkehr nicht zustande kam. Irgendwann stellte sich für ihn jedoch eine ebenso einfache wie entscheidende Frage: „Why am I fighting this?“ Warum weiterhin gegen etwas anarbeiten, das sich für ihn offensichtlich längst wieder richtig anfühlte?

Diese Erkenntnis war mehr als nur die Entscheidung, einen bekannten Bandnamen wiederzubeleben. Der Brite erklärte später, dass sich die Projekte außerhalb von Bush für ihn weniger vollständig und weniger kraftvoll angefühlt hätten. Er hatte lange versucht, die ursprüngliche Konstellation zu respektieren und auf deren Rückkehr zu warten, kam schließlich aber zu dem Schluss, dass Bush nicht zwingend an genau dieser einen Besetzung hängen mussten. In einem Interview zog er sogar Robert Smith und The Cure als gedankliches Beispiel heran: Auch eine Band könne in unterschiedlichen Inkarnationen weiterbestehen, ohne ihre Identität aufzugeben.

So entstand eine neue Version von Bush. Neben Gavin Rossdale und dem damaligen Originaldrummer Robin Goodridge gehörten nun Chris Traynor und Corey Britz fest zur Band. Und auch geschäftlich begann ein neues Kapitel. Nachdem die frühen Bush-Jahre eng mit großen Plattenfirmen verbunden gewesen waren, erschien „The Sea Of Memories“ 2011 über das bandeigene Zuma Rock Records, in den USA in Partnerschaft mit eOne und in Europa über earMUSIC. Gavin äußerte sich zu dieser Zeit ausgesprochen kritisch über die traditionelle Major-Label-Struktur und beschrieb die neue Unabhängigkeit als befreiend.

Damit war „The Sea Of Memories“ letztlich nicht einfach das fünfte Bush-Album. Es war der Versuch herauszufinden, ob Bush nach zehn Jahren überhaupt noch Bush sein konnten – ohne zwei Mitglieder der klassischen Besetzung, in einer vollkommen veränderten Musiklandschaft und nach Jahren, in denen Rossdale musikalisch verschiedene Wege ausprobiert hatte.

Und dieser Versuch funktionierte zumindest in einem entscheidenden Punkt: Mit „The Sound Of Winter“ gelang Bush ein bemerkenswertes Comeback. Die Single erreichte sowohl die Spitze der damaligen Billboard-Alternative- als auch der Rock-Charts; das Album selbst stieg in den USA bis auf Platz 18 der Billboard 200.

Fünfzehn Jahre später liegt genau dieses Album nun wieder vor uns. Neben dem neu gemasterten Originalalbum bündelt die Anniversary Edition neun Bonustracks aus der damaligen Ära, die seinerzeit über verschiedene Editionen und Veröffentlichungen verteilt waren. Damit liegt das Material nun in einer besonders umfassenden physischen Ausgabe gebündelt vor. earMUSIC bezeichnet die Neuauflage als bislang umfassendste Edition und als Möglichkeit, dieses Kapitel der Bandgeschichte noch einmal neu zu entdecken.

Zwischen Vertrautem und Aufbruch

Denn aus der Perspektive des Jahres 2026 wirkt „The Sea Of Memories“ beinahe wie das Dokument einer Band, die ihre Identität gerade erst wieder zusammensetzen musste. Das Album klingt heller, stärker ausproduziert und stellenweise experimentierfreudiger als viele frühere Bush-Veröffentlichungen. Elektronische Texturen treten auffällig hervor, es gibt überzeugende Stücke, interessante Details und immer wieder Momente, in denen das alte Feuer aufblitzt. Doch etwas bleibt zunächst schwer greifbar: jene lässige, leicht düstere Bush-Coolness, die diese Band einmal so mühelos faszinierend wirken ließ.

Schon „The Mirror Of The Signs“ zeigt, dass Bush 2011 nicht einfach versucht haben, den eigenen Vergangenheitssound nachzubauen. Der ungewöhnliche Einstieg, elektronische Akzente und eine kurzzeitig verfremdete Stimme erzeugen zunächst sogar eine Assoziation zu Placebo jener Zeit, ehe sich der Song zunehmend in vertrauteres Bush-Terrain bewegt. Der prägnante Drum-Sound gibt ihm dabei ordentlich Schub, der Refrain bleibt hängen – und plötzlich steht die Band beinahe automatisch wieder vor dem inneren Auge auf einer Bühne. Gerade dieses Wechselspiel aus Neuem und Vertrautem funktioniert hier erstaunlich gut. Gavin selbst bezeichnete „The Mirror Of The Signs“ damals als experimentell und erklärte, der Song sei aus einem ungewöhnlichen Gitarrenmotiv heraus entstanden. Inhaltlich führt er direkt in das zentrale Motiv des Albums hinein: Erinnerung, Nostalgie und die Frage, ob vergangene Zeiten tatsächlich so schön waren, wie sie aus der Distanz erscheinen. Gleichzeitig verband er den Song mit dem Verlust zweier enger Freunde – wodurch der Blick zurück nicht nur etwas Wehmütiges, sondern auch etwas sehr Persönliches bekommt. Gerade deshalb wirkt „The Mirror Of The Signs“ wie ein passender Auftakt für ein Album, das sich immer wieder zwischen Rückschau, Verlust und Neuanfang bewegt.

Mit „The Sound Of Winter“ folgt ausgerechnet jener Song, der zum großen Erfolg der Comeback-Phase werden sollte. Gavin wollte hier bewusst wieder stärker an Elemente anknüpfen, die langjährige Bush-Hörer wiedererkennen konnten, und beschrieb die Entstehung später als einen Blick ebenso sehr zurück wie nach vorn. Das lässt sich durchaus hören: Der Refrain funktioniert, einzelne lyrisch akzentuierte Momente besitzen Wirkung und die Bush-DNA ist deutlich greifbarer. Für mich gehört der Song dennoch nicht ganz zu den Momenten des Albums, die emotional am stärksten nachhallen. Er funktioniert als Comeback-Song sehr gut, entfaltet aber nicht durchgehend jene besondere Sogwirkung, die Bush an anderer Stelle so mühelos erzeugen können.

BUSH "The Sound Of Winter" (Official Video)

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Deutlicher wird die Distanz bei „All My Life“. Der experimentellere Gitarrensound setzt zwar einen interessanten Akzent, fügt sich für mich jedoch nicht ganz so selbstverständlich ins Gesamtbild ein, und auch der Gesang erreicht mich hier weniger. „The Afterlife“ fordert anschließend noch etwas mehr Geduld. Der sprechende Einstieg wirkt zunächst ungewohnt, während Rossdale seine Stimme später in höhere Lagen führt, die stellenweise etwas angestrengt erscheinen. Umso spannender ist, wie sich der Song im Mittelteil plötzlich öffnet: Sobald er ruhiger wird, bekommt der Gesang deutlich mehr Wärme und Gefühl, auch das anschließende Gitarrensolo setzt einen schönen Akzent. Für einige Momente entsteht genau jene emotionale Nähe, die zuvor etwas gefehlt hat.

Umso eindringlicher wirkt anschließend „All Night Doctors“. Plötzlich braucht es keine großen Experimente mehr. Ein Piano, dezente Keyboardflächen, die beinahe streicherartig erscheinen, und Rossdales Stimme reichen aus, um eine vollkommen andere Atmosphäre entstehen zu lassen. Hier hängtt man förmlich an seinen Lippen. In seinem Gesang liegt etwas Leidendes und Verletzliches, gleichzeitig aber eine Wärme, die den Song beinahe tröstend wirken lässt – als würde er einen für ein paar Minuten in den Arm nehmen. Auch lyrisch trägt diese Wirkung: Gavin beschrieb „All Night Doctors“ als Beobachtung zweier Menschen, die mit den Entscheidungen, Enttäuschungen und Schwierigkeiten ihres Lebens umgehen müssen. Die titelgebenden „Doctors“ stehen dabei für jene unterschiedlichen Mittel und Wege, mit denen Menschen versuchen, sich selbst durch schwere Phasen zu bringen. Gerade dadurch bekommt die Ballade eine universelle Melancholie, ohne sich in ihr zu verlieren.

„Baby Come Home“ hellt die Stimmung anschließend wieder deutlich auf. Der Song ist poppiger, zugänglicher und angenehm zu hören, ohne denselben emotionalen Nachhall zu erzeugen. Er wurde 2012 auch als Single veröffentlicht; bemerkenswert ist zudem, dass ausgerechnet aus diesem Stück die Formulierung stammt, die Gavin schließlich zum Albumtitel inspirierte.


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Ähnlich verhält es sich mit „Red Light“: Auch hier dominiert ein vergleichsweise heller, glatter Sound. Der Song wirkt angenehm fließend und besitzt durchaus Charme, bleibt im direkten Vergleich mit den stärkeren Momenten des Albums jedoch etwas zurück.

Wie weit Bush ihre gewohnten Grenzen auf „The Sea Of Memories“ verschieben wollten, zeigt anschließend „She’s A Stallion“. Der ungewohnte Gitarren- beziehungsweise Basssound setzt zwar einen markanten Akzent, wirkt im Vergleich zu den vertrauteren Momenten des Albums jedoch deutlich sperriger. Auch das wiederkehrende „Hey, hey, hey“ dürfte nicht jeden Hörer unmittelbar abholen. Wo „The Mirror Of The Signs“ mit seinem Mut zur Veränderung noch Neugier weckt, finde ich bei „She’s A Stallion“ nur schwer einen Zugang. „I Believe In You“ lässt danach zumindest wieder Erinnerungen an ältere Bush aufblitzen. Auch „Stand Up“ gewinnt durch seine schönen Gitarrenmelodie, während Rossdales Stimme in einzelnen Passagen leicht angespannter wirkt als gewohnt.

Gegen Ende entfacht das Album noch einmal eine besonders starke Wirkung. „The Heart Of The Matter“ startet mit kräftigen Gitarren und bringt wieder mehr von jener Vertrautheit zurück, nach der man zwischendurch mehrfach gesucht hat. Besonders das ruhigere Ende, an dem Rossdale den Song beinahe zurücknimmt und ausklingen lässt, verleiht ihm noch einmal eine eigene emotionale Note.

Und dann ist da „Be Still My Love“. Kein großer Knall zum Abschluss, sondern ein ruhiger Song, der sich langsam entfaltet und einen einfach mitnimmt. Vielleicht ist es bezeichnend, dass „The Sea Of Memories“ ausgerechnet dort besonders überzeugt, wo Gavin nochmal Raum erhält, Atmosphäre und Gefühl entstehen zu lassen. Auch er selbst zählte „Be Still My Love“ gemeinsam mit dem Opener zu seinen persönlichen Favoriten des Albums. Damit schließt sich musikalisch der Kreis: Zwischen dem experimentelleren Beginn und dem stilleren Ende liegt ein Album voller Suche, spannender Ideen und einiger wirklich starker Momente – ein Werk, dem man auch heute noch anhört, wie viel Bewegung und Neuorientierung in dieser Phase von Bush steckte.

Mehr als nur ein paar Extras

Diese Offenheit setzt sich auch auf der zweiten CD fort, auch wenn ihre neun Titel keine neu ausgegrabenen Aufnahmen aus dem Archiv darstellen. Vielmehr bündelt die Anniversary Edition Material, das bereits rund um die ursprüngliche Veröffentlichung auf unterschiedlichen Ausgaben und in verschiedenen Formaten erschienen war. So fanden sich etwa „The Year Of Danger“, „Ghost“ und „Lay Down Your Guns“ bereits auf damaligen Limited Editions, während andere Aufnahmen wiederum bestimmten Sonderausgaben vorbehalten waren. Gerade als physische Veröffentlichung führt die Neuauflage diese verstreuten Bestandteile nun erstmals besonders umfassend zusammen.

Den Auftakt bildet mit „Love Will Tear Us Apart“ ausgerechnet ein Klassiker von Joy Division. Bush nähern sich dem 1980 veröffentlichten Stück mit viel Gefühl, geben ihm durch die stärker hervortretenden Gitarren einen moderneren Anstrich und widerstehen dabei erfreulicherweise der Versuchung, den Song unnötig aufzublasen. Die Interpretation bleibt herrlich nahbar und besitzt dennoch genügend eigene Handschrift, um nicht wie eine Pflichtübung zu wirken. „The Year Of Danger“ schlägt anschließend eine ähnlich stimmige Richtung ein, während „Ghost“ deutlich treibender und lebendiger daherkommt. Mit „Lay Down Your Guns“ wird es dagegen wieder etwas eigenwilliger: Der leicht funky wirkende Gitarrensound setzt einen markanten Akzent, findet bei mir persönlich jedoch weniger unmittelbar einen Zugang.

Bewusst verlassen Bush anschließend ihr angestammtes Terrain. Der Junior-Sanchez-Remix von „The Sound Of Winter“ versetzt den Song nahezu vollständig in elektronische Clubwelten. Sanchez kommt aus der House-Szene, und genau das ist der Version deutlich anzuhören: Aus dem Rocksong wird ein beatgetriebener, tanzbarer Remix, der sich stilistisch bewusst weit vom Original entfernt. Das ist konsequent umgesetzt und zeigt, wie offen Bush damals auch für völlig andere Klangräume waren. Noch überraschender fällt der Washroom-&-Bass-Over-Babylon-Remix von „The Afterlife“ aus. Neben dem völlig veränderten Klangbild tritt hier mit der jamaikanischen Sängerin Ce’Cile eine zusätzliche Stimme hinzu, wodurch der Song noch einmal eine vollkommen neue Färbung erhält. Die Version erschien später auch auf der „The Afterlife“-Single von 2012. Für mich bleibt gerade diese Auslegung allerdings eher ein interessantes Zeitdokument der Experimentierfreude jener Phase als eine Variante, die mir den ohnehin schwierigeren Zugang zum Original erleichtert.

Spannend wird es bei „All Night Doctors – Original Edit“. Gerade weil die Albumfassung zuvor mit Piano, Wärme und Rossdales verletzlichem Gesang so unmittelbar berührt, lässt sich hier besonders gut hören, wie stark eine andere klangliche Ausgestaltung die Wirkung eines Songs verändern kann. Cleane Gitarren und elektronische Elemente treten deutlicher hervor, das Piano fehlt – und plötzlich wirkt dasselbe Stück merklich kühler und reduzierter. Gerade im direkten Vergleich wird deutlich, wie entscheidend die spätere Albumfassung für jene tröstende Emotionalität ist, die „All Night Doctors“ zu einem der stärksten Momente des Albums macht.

Zum Ende hin richtet sich der Blick noch einmal weiter zurück. „Landslide“ stammt ursprünglich aus der Feder von Stevie Nicks und wurde 1975 durch Fleetwood Mac veröffentlicht. Die hier enthaltene Livefassung führt zurück zum Bridge School Benefit 2009, bei dem Gavin Rossdale noch als Solokünstler auftrat – also genau in jene Zwischenzeit, bevor Bush wieder zum Mittelpunkt seines musikalischen Schaffens wurden. In der akustischen Umgebung bekommt der Song etwas angenehm Unmittelbares und fügt sich damit überraschend schön in die rückblickende Idee dieser Edition ein.

Und schließlich „Float“. Dass ausgerechnet eine Akustikversion dieses Songs den Schlusspunkt setzt, besitzt fast schon erzählerischen Charme: Das Original beendete 2001 „Golden State“ – jenes Album, nach dem Bush für viele Jahre verstummten. Nun steht „Float“ erneut am Ende, diesmal jedoch hinter einer Sammlung, die genau jene Phase dokumentiert, in der Rossdale den Weg zurück zu Bush gefunden hatte. Ein stiller, beinahe versöhnlicher Abschluss für eine Jubiläumsausgabe, deren Reiz letztlich weniger im bislang Ungehörten als in der vollständigen Rückschau auf diesen besonderen Abschnitt der Bandgeschichte liegt.

Auch visuell unterstreicht „The Sea Of Memories“ Gavins Wunsch nach Veränderung. Für das Artwork holte er den Los-Angeles-Künstler RETNA ins Boot, dessen unverwechselbare Bildsprache Einflüsse aus Blackletter, Hieroglyphen, arabischer und hebräischer Kalligrafie sowie Graffiti miteinander verbindet. Die ungewöhnlichen Zeichen wirken wie eine eigene, beinahe geheimnisvolle Schriftwelt – und passen damit erstaunlich gut zu einem Album, auf dem auch Bush Vertrautes neu ordneten und bewusst nach anderen Ausdrucksformen suchten.

Wenn sich Wege wieder kreuzen

Vielleicht liegt genau darin am Ende auch der Schlüssel zu der Frage, warum „The Sea Of Memories“ ausgerechnet jetzt noch einmal so ausführlich in den Mittelpunkt rückt. Bush befinden sich schließlich längst nicht in einer Phase, in der sie von ihrer Vergangenheit leben müssten. Mit „I Beat Loneliness“ erschien 2025 ein extrem starkes aktuelles Album, große Festivalauftritte wie bei Rock am Ring 2026 zeigen eine Band, die auch live wieder mit enormer Präsenz überzeugt – und einen Gavin Rossdale, der die Nähe zu seinen Fans geradezu sucht, minutenlang durch die Menge zieht und sich davon scichtlich nur schwer wieder lösen kann.

Gerade aus dieser Perspektive mag der Schritt zurück ins Jahr 2011 zunächst überraschen. „The Sea Of Memories“ verkörpert schließlich nicht unbedingt jene Seite von Bush, die heute besonders unmittelbar fasziniert. Gleichzeitig gibt es Songs wie „The Mirror Of The Signs“, „All Night Doctors“, „The Heart Of The Matter“ oder „Be Still My Love“, die zeigen, wie viel Gefühl, Atmosphäre und vertraute Bush-DNA auch in diesem Album steckt.

Vielleicht wäre es deshalb auch zu einfach, die Bedeutung von „The Sea Of Memories“ ausschließlich daran zu messen, ob es fünfzehn Jahre später zu den stärksten Werken der Band zählt. Seine eigentliche Bedeutung liegt tiefer. Es dokumentiert jenen Moment, in dem Gavin Rossdale aufhörte, auf die Rückkehr einer früheren Version von Bush zu warten, und stattdessen den Mut fasste, die Geschichte in neuer Besetzung weiterzuschreiben. Was damals noch nach einer Band auf der Suche nach ihrer neuen Identität klingt, erscheint aus heutiger Sicht beinahe wie der notwendige Ausgangspunkt für alles, was danach wieder wachsen konnte.

Die Anniversary Edition erzählt dieses Kapitel nun so umfassend wie möglich. Das neu gemasterte Originalalbum wird um neun Aufnahmen aus der damaligen Ära ergänzt, die zuvor über verschiedene Editionen und Veröffentlichungen verteilt waren. Für langjährige Fans liegt der Reiz der Anniversary Edition daher weniger in spektakulär Neuem als in der liebevoll aufbereiteten physischen Gesamtschau dieser Ära. Das 2CD-Digipak samt Poster-Booklet beziehungsweise die 3LP-Gatefold-Ausgabe dürften dabei insbesondere Sammler ansprechen.

Doch Bush erreichen heute längst nicht mehr ausschließlich jene Menschen, die „Glycerine“, „Swallowed“ oder „The Chemicals Between Us“ schon in den 90ern begleitet haben. Ihr aktuelles Album, ausgedehnte Tourneen und große Festivalauftritte bringen die Band immer wieder auch vor ein Publikum, das Teile ihrer Geschichte erst noch entdecken kann. Für solche neu hinzugekommenen Hörer bietet diese Edition durchaus eine schöne Gelegenheit, fünfzehn Jahre zurückzudrehen und einen Abschnitt kennenzulernen, der vielleicht nicht immer die offensichtlichste Seite von Bush zeigt, für ihre weitere Entwicklung aber umso wichtiger war. Genau darauf zielt auch die offizielle Einordnung der Neuauflage ab: Sie soll sowohl zur Wiederentdeckung für langjährige Fans als auch als Einstieg für neue Hörer funktionieren.

Und vielleicht ist genau das am Ende auch das Schönste an einer langen Reise mit einer Band: Nicht jeder musikalische Abzweig führt einen automatisch mit. Man verliert sich zwischendurch aus den Augen, findet keinen Zugang zu einer bestimmten Phase oder biegt selbst für einige Jahre anders ab. Bei Bush war es für mich nicht anders. Erst mit „I Beat Loneliness“ hat mich die Band musikalisch wieder mit voller Wucht erwischt – und umso intensiver war es anschließend, dieses neu entfachte Gefühl auch live wiederzufinden. Plötzlich war sie wieder da, diese besondere Verbindung, die in meinen jungen Jahren begonnen hatte und zwischenzeitlich verloren gegangen schien. „The Sea Of Memories“ erinnert dabei auf seine ganz eigene Weise daran, dass auch Umwege zu einer langen Bandgeschichte gehören. Und wenn sich Wege nach Jahren wieder kreuzen, darf man vielleicht einfach darauf vertrauen, dass sie sich diesmal nicht mehr trennen. 🙂

Bush © Joseph Llanes: Pressefoto aus der Zeit der Erstveröffentlichung von „The Sea Of Memories“ (2011), verwendet im Kontext der 15th Anniversary Edition.
Tracklist BUSH – The Sea Of Memories:

01. The Mirror of the Signs
02. The Sound of Winter
03. All My Life
04. The Afterlife
05. All Night Doctors
06. Baby Come Home
07. Red Light
08. She’s a Stallion
09. I Believe in You
10. Stand Up
11. The Heart of the Matter
12. Be Still My Love

Bonus Tracks:

13. Love Will Tear Us Apart
14. The Year Of Danger
15. Ghost
16. Lay Down Your Guns
17. The Sound Of Winter – Junior Sanchez Remix
18. The Afterlife – Remix by Washroom & Bass over
Babylon
19. All Night Doctors – Original Edit
20. Landslide – Live from the Bridge School Benefit
21. Float Acoustic

Vinyl-Ausgabe:

LP 1 & 2:
The Sea Of Memories (Remastered Edition)
LP 3: Bonus 12‘‘ mit allen 9 Bonustracks

Weblinks BUSH:

Webseite: www.bushofficial.com/
Facebook: @BUSHOfficial
Instagram: @bush


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