Lesedauer: 5 Minuten
Lesedauer: 5 MinutenDa war er nun, der Abend, vor dem Sotiria sicherlich großen Respekt, vielleicht gar etwas Angst hatte. Tourauftakt in Oberhausen, das erste Headliner-Konzert seit der musikalischen Rolle rückwärts weg vom reinen Schlager hin zu düsterrockigeren Klängen. Mit der LP „Meine Liebe ist Gift“ sammelte die frühere Eisblume einige Achtungserfolge, war zuletzt ständige Begleiterin bei Konzerten von Eisbrecher sowie Joachim Witt und überzeugte auch im August bei ihrem Mera-Luna-Debüt.
Zunächst war es aber an Florian Grey, den geschätzt rund 300 Fans im etwa halb gefüllten Kulttempel einzuheizen. Das geschah mit einem Set, das dem beim Amphi Festival keine drei Monate zuvor recht stark ähnelte. Die „Hamburg-Prague-Vampires“ spielen eingängigen Dark-Rock, dem aber irgendwie scheinbar das gewisse Etwas fehlt, um zunehmend und nachhaltig mehr Publikum zu begeistern. Schaut man die Slots an, die Florian Grey in der jüngeren Vergangenheit spielen, findet dem Anschein nach kaum eine Entwicklung in der Popularität statt. Der Schreiber dieser Zeilen sah das Quartett bereits im Herbst 2019 an Ort und Stelle als Vorgruppe von Hell Boulevard – ebenfalls eine längst in der Szene etablierte Band, die allerdings ebenfalls konstant weit von Festival-Headliner-Status entfernt bleibt.
Auch in Oberhausen rezipierte das Publikum den rund 35-minütigen Auftritt freundlich, aber nicht euphorisch, die Interaktion von der Bühne ging über Standards à la „Ich will eure Hände sehen“ und „Thank you so very much“ auch nicht hinaus. Das hymnische „Bluecifer“ beendete einen handwerklich absolut grundsoliden Auftritt – wirklich laut vor der Stage wurde es aber erst später.
Um 20.50 Uhr betrat Sotiria die Bühne. Begleitet von vier Menschen an den Instrumenten, die Szenekundigen durchaus bekannt vorkommen können. Gitarrist Rupert Keplinger spielt bei Eisbrecher Bass, Drummer Jörn und Keyboarderin Mia kennen womöglich Fans von Touren mit Joachim Witt und Bassist Justin Balk ist als (Co-)Songwriter unter anderen für Eisbrecher oder Santiano tätig. Ab Ende Oktober begleitet Balk übrigens keinen Geringeren als Max Mutzke auf dessen Herbsttournee und übernimmt dabei mit eigenen Songs das Vorprogramm.
Zum Tourauftakt nach Oberhausen kamen aber natürlich vorrangig diejenigen, die die musikalische Wiedergeburt Sotirias in LP-Form namens „Meine Liebe ist Gift“ live hören wollten. Über mehrere Jahre lieh die Hamburgerin lupenreinen Schlagern ihre Stimme, nun regiert 17 Jahre nach dem Durchbruch mit dem Subway To Sally-Cover „Eisblume“ wieder die Farbe Schwarz – auch dann, wenn der Konzertopener „Rubinrot“ heißt. Zuvor gab es eine Begrüßung vom Band, die erklärte, dass ein Sotiria-Konzert ein sicherer Raum für alle sein soll. Diskriminierendes Verhalten hat dort nichts verloren.
„Lasst den Alltag mal da draußen“ , forderte die Sängerin und gab ihr Bestes, um ihr Publikum von all dem Elend da draußen abzulenken. Recht früh, an dritter Stelle, kam dann doch mit „Hallo Leben“ ein Song, der der eigentlich so ungeliebten Schlager-Phase entstammt, wenngleich die Band diesen doch etwas rockiger interpretierte als im Flori-Silbereisen-Samstagabendshow-tauglichen Original. Weiteres Material aus den späten 2010er-Jahren, auch nicht das auf YouTube sehr gut geklickte „Nacht voll Schatten“ (> 18 Millionen Aufrufe!), kam allerdings nicht im Set vor – so wie es Sotiria vor einigen Wochen in unserem ausführlichen Interview angekündigt hatte.
Einmal wird es ganz leise
Ihre anfängliche Ankündigung, dass es „heute Abend mal ganz laut, mal ganz leise“ wird, unterstrich sie zu „Vergissmeinicht“ erstmals so richtig. Sotiria bat für eine Minute um absolute Ruhe, hielt eine flammende Rede zum Thema Depression mit klug gewählten Worten. „Auch diejenigen, die auf Partys am lautesten lachen, können an Depressionen leiden. Oft sieht man das nicht. Aber wenn ihr etwas bemerkt, schaut nicht weg. Das ist keine Show, das ist ein Hilferuf. Und falls hier heute jemand ist, der an Depressionen leidet: Du bist nicht allein, du bist wertvoll. Und ich freue mich, dass du heute hier bist.“ Das musste man erstmal sacken lassen. Aber keine Bange: Es wurde auch gelacht. Was auch an diesen typischen Kleinigkeiten lag, die bei einem Tourauftakt eben so passieren: „Es ist die erste Show, ich hatte mir ein paar Notizen gemacht, damit ich weiß, wann ich was in etwa sagen soll. Die habe ich aber so klein geschrieben, dass ich sie jetzt selbst nicht lesen kann.“ Kein Problem, spontan ist doch eh schöner.
Zur Setmitte wechselte Rupert an die Tasten und Mia ans Cello für einen besonders reduzierten Part. „Eigentlich wollte ich dazu ein Lagerfeuer machen, aber Brandschutz hat gesagt ‚is nich‘“ , sagte Sotiria. Schön klang das Zwischenspiel trotzdem, bevor in Hälfte zwei die wohl stärksten Songs des Albums ausgepackt wurden: „Meine Liebe ist Gift“ funktioniert auch ohne Gaststar Alex Wesselsky wunderbar, zu „Schwarzer Diamant“ gab es eine nett anzuschauende Fanaktion – die vorher am Merchandise ausgelegten Bierdeckel-ähnlichen Schilder in Herzform mit Newsletter-QR-Code wurden zum Refrain von vielen Fans als Gruppenaktion rhythmisch hin und her geschwenkt. Wovon die Sängerin anscheinend vorher nichts ahnte und entsprechend freudig überrascht wirkte.
Einen besonderen Moment voller Pathos, der dank des Zusammenspiels zwischen Licht und Ton wirklich gut funktionierte, überlegte sich die 39-Jährige für den Abschluss des Hauptsets: Am Ende von „Königin“ greift sie sich plötzlich an die Brust, reißt daran und hält plötzlich ein Herz-ähnliches Artefakt in der Hand, sackt zusammen – alle Schweinwerfer aus, Stille, die Band verzieht sich ins Backstage. Dann laute „Zugabe“-Rufe des doch hörbar sehr zufriedenen Publikums. Das übrigens nach eigenen Angaben bis dato – die Sängerin hakte zwischendurch nach – zu knapp 90 Prozent noch nie einem Sotiria- oder Eisblume-Liveauftritt beigewohnt hatte.
Schlagerchor und Ouzo zur Zugabe
Natürlich fehlten noch ein paar Fan-Lieblinge. Allen voran das „Eisblume“-Cover, bei dem die Fans selbstverständlich deutlich hörbar mitsangen. Doch richtig gut funktionierte auch das folgende „Leben ist schön“, ebenfalls aus den alten Eisblume-Zeiten. Zu dem ultra Schlager-lastigen „Nanananaa“-Chor hatte Sotiria noch eine unterhaltsame Anekdote auf Lager: „Damals durfte ich mit Eisblume mal im Vorprogramm von Lacrimosa spielen. Und habe mich nicht getraut, diesen Chor so zu singen. Also habe ich das ‚Nanananaa‘ abgeändert. Naja … letztens habe ich ihn auf dem Mera Luna getroffen und er hat mich noch gegrüßt … kann also nicht so schlimm gewesen sein.“ Gut, dass die Sotiria von heute da nicht mehr einknickt – Schlager hin oder her, das Ding ist ein brutaler Ohrwurm. Genauso wie das folgende Cover von „Tainted Love“, das natürlich nicht ganz so brachial wie die allseits bekannte Marilyn-Manson-Version daherkam, sich aber doch sinnvoll ins Set einfügte.
Einen Überraschungsmoment hatte der Trupp noch auf Lager. Sotiria fragte die Fans, ob sie denn wüssten, wo ihr Name herkäme. „Griechenland“ , rief ein gut informierter Gast zügig rein. Tatsächlich ist Sotiria Tochter eines Griechen. „Und wir Griechen sind immer gute Gastgeber. “ Sagt sie – und schon taucht ein Crew-Mitglied mit einem gut gefüllten Tablett mit Ouzo-Pinneken im Innenraum auf und verteilt die Schnäpse an Band und das verblüffte Publikum. Jámas!
Mit frischem Atem und wohlig-warmem Gefühl in der Speiseröhre tanzten zum Abschluss alle zusammen Richtung Untergang – der härteste und schnellste Song des Albums und Abends steht Sotiria verdammt gut und dürfte mit seiner klanglichen Verwandtschaft auch Eisbrecher-Fans abholen. Man darf sich wünschen, dass Sotiria in Zukunft diesen etwas dreckigeren, flotteren Stil noch ein wenig ausbaut. Fürs Erste kann sie sich aber glücklich schätzen: Es war ein absolut zufriedenstellender Tourauftakt mit guter Stimmung, fröhlichem Publikum, nahezu keinen hörbaren Fehlern und einer angenehmen Mischung aus einstudierten Showelementen sowie Zwischenansagen und sympathischer Spontaneität. So kann es weitergehen. Und die Tickets für die drei noch folgenden Konzerte im Osten der Republik sind bereits seit Wochen restlos vergriffen. Gar nicht so schlecht für eine Künstlerin, die kurz vor Konzertende ehrlich konstatiert: „Vor ein paar Jahren dachte ich nicht, dass ich überhaupt nochmal auf einer Bühne stehen werde.“ Im Oktober 2026 bittet sie nach 85 mitreißenden Minuten die Fans in Oberhausen noch um ein Foto: „Sonst glaubt mir meine Mama wieder nicht, dass Leute kamen.“ Na, wenn die Mama bald erst die Fotos von den ausverkauften Shows in Berlin, Dresden und Leipzig sieht …
Setlist SOTIRIA @ Oberhausen, Kulttempel (08.10.2026)
- Rubinrot
- Schwarze Rosen
- Hallo Leben
- Gegen den Rest der Welt
- Vergissmeinnicht
- Weiß wie Schnee
- Weck mich auf
- Vergib mir
- Louise
- Dein Spiel ist aus
- Meine Liebe ist Gift
- Schwarzer Diamant
- Königin
- Eisblumen
- Leben ist schön
- Tainted Love
- Tanzen Richtung Untergang
Weblinks SOTIRIA
Homepage: https://www.sotiria-musik.de/
Facebook: sotiriamusik
Instagram: sotiriamusik
Weblinks FLORIAN GREY
Homepage: www.florian-grey.com
Facebook: floriangreyofficial
Instagram: @floriangreyofficial
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