Lesedauer: 8 Minuten
Lesedauer: 8 MinutenDie Eisblume blüht wieder: 2009 gelang Sotiria Schenk mit einer Coverversion des beliebten Subway-to-Sally-Songs der kommerzielle Durchbruch. Das Musikvideo lief auf VIVA in der Heavy Rotation, die Single kletterte auf Chartplatz drei. Dauerhafter Erfolg blieb der Band aber nicht vergönnt, 2013 löste sich Eisblume nach nur zwei Alben auf. Sotiria erarbeitete sich in den Folgejahren Erfolge im Schlager-Genre, veröffentlichte zwei Top-Ten-LPs. Wirklich glücklich wurde die Wahl-Hamburgerin damit aber nicht. Mit der im Februar 2025 veröffentlichten Platte „Meine Liebe ist Gift“ ist das Klangbild wieder deutlich düsterer geworden, Kollaborationen mit Szene-Stars wie Alexander Wesselsky und Peter Heppner ließen ebenso aufhorchen wie Auftritte bei Gothic-Events wie dem Hildesheimer Mera Luna. Nun steht Sotiria vor ihrer ersten Headliner-Clubtour. Wir sprachen vorab mit der 39-Jährigen über Pläne, Wünsche und fiese Kommentare im Internet.
Hallo Sotiria, erst vor wenigen Wochen haben wir deinen ersten Auftritt beim Mera Luna gesehen. Wie hast du das Erlebnis vor Ort wahrgenommen?
Erstmal bin ich tatsächlich sehr froh, dass ich zum ersten Mal mit meiner Band da spielen durfte. Ich war ja letztes Jahr einmal bei Eisbrecher kurz dabei und hatte für mich so manifestiert, dass ich nächstes Jahr unbedingt dort mit meiner eigenen Band spielen möchte. Ich hatte sogar ein anderes Angebot für das Wochenende ausgeschlagen, ohne dass ich wusste, ob ich für das Mera Luna bestätigt werde. Zum Glück klappte es. Normalerweise ist es nicht meine Persönlichkeit, so viel Risiko einzugehen. Es war echt surreal für mich, auch wenn es noch sehr früh war an dem Sonntag.
Konntest du im Backstage ein paar besondere Kontakte knüpfen? Wie fühlte es sich für dich als „Quasi-Neuling“ an?
Ich bin jetzt nicht so der Mensch, der auf andere Leute zugeht, die ich nicht kenne. Eine Ausnahme war die Sängerin von Skynd. Ihr habe ich gesagt, dass ich sie und ihre Musik ganz toll finde. Und ich habe einige Leute wieder getroffen, die ich eh schon kannte. Das ist natürlich cool, kommt einem immer ein bisschen wie so ein großes Klassentreffen vor. Es hat jedenfalls großen Spaß gemacht.
Wie sehr ging die Düse vor dem Auftritt?
Ehrlich gesagt ging da noch viel mehr die Düse als bei den bei den ganzen Support-Shows für Mono Inc., Joachim Witt oder andere. Klar, so vor der ersten Mono-Inc.-Show war ich auch aufgeregt, weil man ja immer nicht so richtig weiß, ob einen die Fans annehmen. Die haben mich da aber sehr herzlich aufgenommen. Ich schwimme ja auch so ein bisschen zwischen den Welten. Ich liebe die schwarze Szene, fühle mich sehr wohl darin, bin aber trotzdem auch bei einer großen Major-Plattenfirma. Veranstalter sind oft auch erstmal ein bisschen vorsichtig, mich zu buchen, weil sie wahrscheinlich auch nicht wissen ‚Wollen die Leute das da überhaupt sehen?‘ Deswegen war ich natürlich auch megaaufgeregt. Ich wusste nicht, ob da um 11:35 Uhr am Sonntag, nachdem am Samstag alle lang gefeiert haben, überhaupt jemand vor der Bühne stehen wird.
Fotos: M’ERA LUNA 2026 – Bands -MainStage- Sonntag (09.08.2026)
Klappte aber ganz gut, so mein Eindruck.
Ja, klappte super. Der Platz wurde immer voller. Es war ein ganz tolles erleichterndes Gefühl, zu merken: ‚Ich spiele den Platz nicht leer, sondern voll.‘ Und auch bei der Autogrammstunde danach lief es so. Ich fragte mich erst: ‚Kommt da überhaupt irgendwer?‘ Da war es dann super voll und wir haben den Slot auch verlängert. Ich sollte erst eine halbe Stunde machen. Aber nach drei Minuten kam schon jemand und meinte: ‚Du musst schneller machen‘, weil da so viele Leute anstanden. Es war krass, weil es war ja megaheiß. Ich hätte das nicht gepackt, mich da eine Dreiviertelstunde in die Sonne zu stellen und anzustellen. Ich war jedenfalls sehr erleichtert und habe mich sehr gefreut.
Was auffällt, ist dein sehr enger Draht zu Eisbrecher und deren Frontmann Alex Wesselsky. Beim Amphi gab es ja sogar einen kleinen Pärchentanz auf der Bühne. Wie kommt dieses Verhältnis zustande?
Den Song „Meine Liebe ist Gift“ schrieb ich zusammen mit Rupert Keplinger, der bei mir Gitarre und bei Eisbrecher Bass spielt. Und bei dem Sprech-Part im Song dachten wir beide: ‚Alex wäre so geil für diesen Part.‘ Dann hat Rupert ihm den Song vorgespielt, den fand er ziemlich cool. Aber wir kannten uns halt noch nicht und dann war ich, ich glaube 2024 war das, in der Columbiahalle auf dem Eisbrecher-Konzert. Wir tranken backstage ein Bier zusammen, haben draußen zusammen Tischtennis gespielt und dann fand er mich cool, er sagte zu. Dann haben wir uns aber ganz lange auch gar nicht gesehen, bevor wir den Videodreh zusammen hatten. Es war ja ein Videodreh, wo er an einen Stuhl gefesselt war und wo man sich auch recht schnell nahe kam. Aber es war total entspannt. Und wir verstehen uns einfach gut.
Jetzt spielst du bald endlich eine Solotour. Auf viele Wochen im Voraus waren deine Solokonzerte in Dresden und Leipzig ausverkauft. Das muss doch runtergehen wie Öl …
Ja. Komplette Freude, Erleichterung. Ich habe seit sieben Jahren keine eigene Tour mehr gemacht. Das war ein Risiko. Ich habe eine coole Booking-Agentur, die auch gesagt hat: ‚Komm, wir machen das jetzt einfach.‘ Ich bin froh, dass ich da Headline auf meiner Seite habe.
Interessant ist, dass die Ost-Shows so schnell ausverkauft sind, im Gegensatz zu denen im Westen.
Das Ost-West-Gefälle gab es schon immer, glaube ich. Gerade im Dark-Rock-Bereich höre ich das ganz oft von anderen Bands, dass der Osten irgendwie besser läuft als der Westen. Woran es liegt, weiß ich auch nicht. Aber ich freue mich riesig, dass wir Dates ausverkaufen.
Kannst du denn mittlerweile (wieder?) von der Musik leben?
Es gab bei mir schon jegliche Konstellation. Ich habe mal eine Zeit lang nur von der Musik gelebt. Ich bin aber auch ein sicherheitsliebender Mensch. Und mir geht es psychisch nicht gut, wenn ich nicht weiß, wie ich das nächste halbe Jahr meine Miete bezahlen kann. Deswegen habe ich noch so einen Teilzeitjob, der mir einfach ein bisschen Ruhe gibt. Also vielleicht könnte ich das ohne den gerade so stemmen, aber ich fühle mich gerade ganz gut damit und kann nachts gut schlafen.
Jetzt musst du auf der Tour natürlich deutlich mehr Zeit füllen als bei Support- oder Festivalshows. Worauf dürfen sich Fans freuen?
Also aus der Schlagerphase kommt nichts (lacht) …
Nicht mal „Nacht voll Schatten“ trotz 18 Millionen YouTube-Views?
Nee. Ich hatte schon mal überlegt, ob man nicht mal eine Rockversion draus macht. Aber nee, kommt nicht. Stattdessen natürlich ganz viel vom Album. Es kommt ein bisschen was aus der Eisblume-Zeit. Zwei Stücke hatten wir ja für die „Meine Liebe ist Gift Black Edition“ schon neu produziert. Und dann kommt vielleicht noch was anderes, womit wir überraschen wollen.
MERA LUNA, Tag 2 – Hildesheim, Flugplatz Drispenstedt (09.08.2026)
Wie hat sich deine Liveband zusammengesetzt?
Mit Rupert und Justin arbeite ich im Studio immer zusammen, das war dann einfach logisch. Jörn und Mia kenne ich auch schon länger und wir waren zusammen auf der Joachim-Witt-Tour. Jörn und Rupert kennen sich schon sehr lange und haben auch in anderen Bands zusammengespielt. Mia spielte auf der Witt-Tour Cello, kann aber auch Klavier. Da habe ich sie einfach gefragt, ob sie bei mir Keyboards spielen will. Außerdem finde ich eine weitere Frau in der Reisegruppe auch ganz gut.
Wenn du mal zurückblickst auf die große Eisblume-Phase rund um 2009: Was hat sich im Vergleich zu heute am stärksten verändert?
Fluch und Segen ist natürlich irgendwie Social Media. Damals gab es da gerade so Facebook und dann hat man vielleicht einmal die Woche irgendein Bild gepostet oder sowas. Und da ging natürlich viel mehr Werbung. Da gab es noch MTV, Viva und viel mehr Musiksendungen. Heute gibt es ja gefühlt im Fernsehen nur noch irgendwelche Schlagersendungen. Heutzutage musst du als Künstler auch Content Creator sein, ständig auf Social Media posten, Videos machen, schneiden. Bei jeder Show, die wir spielen, haben wir jetzt jemanden dabei, der Fotos und Videos macht. Der gehört jetzt halt fest zur Crew, weil man braucht ja Material. Ich gehöre jetzt nicht zu denjenigen, die das interessant finden, ihr Essen oder irgendwelche Kochrezepte zu posten. Ich will schon, dass das, was ich da mache, mit meiner Kunst zu tun hat. Das hat sich schon verändert und das ist auch echt anstrengend, weil es so den Fokus wegnimmt vom Kreativsein. Also eigentlich würde ich mich gerne viel mehr mit Songs schreiben beschäftigen, anstatt noch irgendein Video zu schneiden und zu überlegen: ‚Was macht man jetzt?‘ Aber so ändern sich die Zeiten.
Siehst du auch positive Auswirkungen?
Auf der anderen Seite ist es schön, dass man ein bisschen mehr Fankontakt hat. Leute, die einem schreiben oder auch selber Videos posten zu den eigenen Songs.
Gerade bei dir ist es aber auch so, dass immer wieder fiese Kommentare à la „Jetzt drückt sie wieder auf die Tränendrüse’ oder ‚Ah, jetzt will das Schlagermädchen wieder in die schwarze Szene zurück, weil sie Geld braucht‘ kommen. Wie gehst du mit Hasskommentaren um?
Unterschiedlich. Wenn ich irgendwas zum Song „Eisblume“ poste und es schreibt jemand ‚Ich finde die Version von Subway to Sally besser‘, dann lass ich das stehen. Ist ja auch fair. Wenn jetzt jemand anfängt, mich unter der Gürtellinie zu beleidigen, dann bin ich da echt rigoros geworden und sperre einfach die Konten. Also ich kann das sowieso nicht nachvollziehen, warum man Hass oder irgendwelches negative Zeug über Social Media äußert. Ich sehe auch manchmal Sachen, die ich doof finde. Aber dann scrolle ich einfach weiter. Das ist halt meine Plattform und es soll auch ein Safe Space für meine Community sein. Neulich hat jemand irgendwas geschrieben, aber ich glaube, das hat er dann selber gelöscht. Ich habe es zumindest nicht mehr gefunden. Ob ich die Tochter von Andrea Berg wäre. Das ist fast schon wieder lustig.
Wie hast du reagiert?
Da habe ich drunter geschrieben: ‚Nee, die Schwester, aber bitte sag es niemandem.‘
Was sagst du denjenigen, die dich weiterhin in die Kommerz-Schlager-Ecke schieben wollen?
Wenn es mir um Geld ginge, dann wäre ich da geblieben, wo ich war, weil es deutlich einfacher war, damit Geld zu verdienen. Aber darum geht es mir nicht. Ich habe meinen Brotjob, damit ich die Musik so machen kann, wie ich das gerne möchte und wie mir das Spaß macht. Bis man so viel Geld mit Musik verdient, dass man davon super gut leben kann, braucht es schon ganz schön viel. Bis dahin muss man einfach Spaß haben. Ansonsten hält man das nicht durch. Es war viel leichter für mich im Schlager. Alleine wenn man irgendwo auftritt, geht man dahin mit seinem USB-Stick, wo Halbplaybacks drauf sind. Man singt eine halbe Stunde und bekommt gar nicht mal wenig Geld dafür. Jetzt ist es so: Mit einer Band spielen verursacht Kosten. Die Technik, die Musiker, die auf der Bühne stehen, die man bezahlen muss, die Leute am FOH und am Licht. Alles, was man eben braucht, damit dieser Gig überhaupt stattfinden kann. Würde ich trotzdem sagen, ich habe gerade so viel Spaß wie noch nie? Ja, auf jeden Fall.
Woran liegt das genau?
Dass ich für dieses Album sehr frei Musik gemacht habe, so wie ich wollte. Ich habe mich von all dem, was vorher um mich rum war, von denen, die immer mich anders haben wollten, als ich das gerne wollte, befreit. Ich bin viel selbstbewusster geworden. Ich weiß nicht, ob das speziell als Frau so schwierig ist, aber es wurde an mir so viel rumkritisiert. Ich muss mehr so sein und ich darf das nicht machen und ich darf so nicht aussehen und ‚Hör mal auf mit deinem Düsterquatsch‘ und ‚Dafür bist du doch zu alt‘ und so weiter. Da wurde so viel auf mich eingeredet, dass ich auch komplett unsicher geworden bin und mich selber verloren habe. Und vor dem „Meine Liebe ist Gift“-Album habe ich wirklich alles gekappt. Jetzt stehe ich mit Leuten auf der Bühne, die darauf Bock haben, mit denen ich mich gut verstehe. So wie es sein sollte, wie es aber bei mir eigentlich noch nie war.
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Wer gab da die entscheidende personelle Initialzündung?
Henning kenne ich ja schon etwas länger, weil ich die Band Unheilig früher schon mal kennen gelernt habe. Und das Songschreiben habe ich tatsächlich einfach mit Rupert angefangen. Ich haute ihn an und meinte so: ‚Ey, ich will gerne wieder ein bisschen zurück dahin, wo ich musikalisch herkomme. Hast du Bock, mit mir Songs zu schreiben?‘ Dann haben wir einfach angefangen. Rupert hat Justin dazu geholt, die kannten sich, weil die beiden schon auch für Eisbrecher zusammen schrieben. Henning hat dann noch Noel Pix mit reingeholt für die Produktion. Henning war übrigens die einzige Person von damals, die ich nicht abgeschnitten habe.
Gibt es bei dir keine interessanten Verbindungen in die Schlager-Szene?
Der einzige, den ich besser kenne, ist Nino de Angelo, weil der schon ewig mit meinem Vater befreundet ist. Daher kam auch die Idee, mal zusammen einen Song zu machen. Und ich habe auch für Nino ein bisschen geschrieben als Autorin.
SOTIRIA feat. PETER HEPPNER veröffentlichen „Weiß wie Schnee“ Single und Video
Letzte Frage: Hast du bestimmte Ziele und Träume für deine Zukunft?
(zeigt aufs Mera-Luna-Plakat hinter sich) Da irgendwann mal ganz oben stehen. Und was Features angeht: Ich habe auf dem Album ja schon einige richtig krasse Leute dabei. Wie eben Alex und Peter Heppner. Ich könnte mir zum Beispiel, weil ich glaube, dass es musikalisch gut passt und weil das eine nette Truppe ist, ein Mono-Inc.-Feature vorstellen, Ich fände auch eigentlich mal ein Feature mit einer Frau cool. Aber mir ist jetzt auch noch nicht so die Frau eingefallen, wo es irgendwie passt.
Nicht Skynd?
Doch, das könnte ich mir vielleicht vorstellen.
Da musst du dir dann nur noch einen Serienmörder aussuchen, den du besingen willst.
Das Ding ist ja: Ich liebe True-Crime-Podcasts. Also es würde eigentlich passen. Jetzt müssten wir uns nur auf eine Sprache einigen. Oder mischen.
SOTIRIA live auf „Meine Liebe ist Gift“-Tour:
08.10.2026 Oberhausen, Kulttempel
09.10.2026 Köln, Luxor
14.10.2026 Hamburg, Knust
15.10.2026 Berlin, Badehaus
16.10.2026 Leipzig, Moritzbastei (ausverkauft)
17.10.2026 Dresden, Puschkin (ausverkauft)
Weblinks SOTIRIA
Homepage: https://www.sotiria-musik.de/
Facebook: sotiriamusik
Instagram: sotiriamusik
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