AMPHI FESTIVAL 2026, Tag 2 – Köln, Tanzbrunnen (26.07.2026)

Eisbrecher, © Peter Bernsmann
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Lesedauer: 8 Minuten

Tag 2 des 20. Amphi Festivals sollte um einige Grad kühler und deutlich bewölkter werden als der erste (Bericht hier). Am Abend des Sonntags fiel tatsächlich gar ein wenig Regen – die ersten Schauer in der Region nach fünf (!) quasi komplett trockenen Wochen. Im „Beach Club“ wehte einem der Sand auf die Klamotten, geschwitzt wurde deutlich weniger als am Samstag – es sei denn, man begab sich zu späterer Stunde in Richtung Theater oder Orbit Stage. Zuvor und unterdessen gab es reichlich Gelegenheit, auf der Händlermeile zu stöbern, die Met-Insel zu besuchen, sich über die komplett irrwitzigen Preise für Essen am Tanzbrunnen, die langen Schlangen vor den Frauen-Toiletten (es braucht einfach mehr davon) und das teilweise doch recht träge agierende Gastro-Personal aufzuregen – oder einfach gute Musik zu genießen.

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Ein paar Frotzeleien über die Augenringe von Co-Moderatorin Celene Nox (echt, nicht geschminkt!) seitens Dr. Mark Benecke leiteten den Sonntag ein. Die Italiener von Motel Transsylvania machten den Anfang mit zackigem Industrial Rock auf dezentem elektronischem Unterbau. Der Sound machte wach, ebenso die „Ihr geht jetzt alle in die Knie und springt auf 3 hoch“-Aktion, zu der Sänger Toxi Ghoul in der Set-Mitte animierte. Später schmiss die Kombo mit Vorliebe für die Farben Schwarz und Neongrün noch ein paar Shirts in die Menge und bedankte sich aufrichtig: „Als Independent Band sind solche Erlebnisse wahrlich nicht garantiert. Nur Ihr macht das möglich!“ , sagte Toxi vor dem abschließenden „Generation Lost“. Wermutstropfen: Den Preis von 25 Euro für eine CD am Merchandise-Tisch kann man beim besten Willen nicht erklären. Grundsoliden Elektropop respektive Metal lieferten in der Folge Chrom und Schattenmann, während im Theater erneut das Industrial Dance Video Project produziert wurde. Wer eher harschen Klängen zugeneigt ist, konnte auch direkt für Extize vor Ort bleiben und erlebte ein mitreißendes Set. „Wir versuchen in den kommenden Tagen den Glitzer zu entfernen, unsere Kleidung zu trocknen und unsere Beine davon zu überzeugen, dass Laufen noch möglich ist“ , schrieb die Band um Raphaël Beck in ihren Social-Media-Präsenzen – das sagt alles.

Jetzt war es aber endlich Zeit für eine Reise zur Orbit Stage. Die lag heuer noch weiter vom Tanzbrunnen weg als im Vorjahr. Wie erwähnt trocknet die Rhein-Ruhr-Region seit Wochen aus, der Rheinpegel steht gefühlt so niedrig wie nie zuvor. Locker 40 Minuten dauerte es zu Fuß vom Tanzbrunnen zum Anleger Landungsbrücken Bastei Nr. 1. Wir bevorzugten den Shuttlebus, der an den beiden Tagen zuverlässig von A nach B und zurück fuhr – in etwa 25-30 Minuten gingen hier für eine Strecke von „Haustür zu Haustür“ drauf. Dort angekommen, verfolgte bereits eine ordentliche Besucherzahl den wohl größten stilistischen Ausreißer des Tages. Kllsignl aus München mischt düsteren Electro mit Trap – einem meist ganz und gar ungruftigen Genre. Der anonyme Künstler mit Hirschskelett-Maske, live begleitet von zwei Musikern an den Saiten, veröffentlichte am Amphi-Wochenende eine neue EP namens „Wendigo“, deren Songs animierten das schnell angefixte Publikum zum Mitklatschen und Tanzen. Ein guter Start mit einem zufriedenen Act, der sich spürbar über die so wohl nicht erwarteten Reaktionen freute („Ich dachte, das wird jetzt eher so voll wie bei einer Probe – vielen Dank euch!“ ).

Der Nachmittag auf dem Schiff stand ganz im Zeichen der Frauen. Was bei Musikfestivals in alternativen Szenen selten genug der Fall ist. Zunächst präsentierte sich Emmon, bei der man sich wirklich fragen muss, warum zur Hölle es gut 25 Jahre dauerte, bis endlich jemand außerhalb Schwedens von ihr Notiz nahm. Emma Nylén geht mittlerweile stramm auf die 50 zu, veröffentlichte schon 2001 ihr Debüt „Global“. Der Durchbruch sollte allen Ernstes erst 2022 mit der LP „Recon“ kommen. Und nun steht die Stockholmerin auf der Bühne, mit einer kraftvollen Präsenz und Stimme, dass man sich ihr überhaupt nicht mehr entziehen kann. Der Sound liegt irgendwo zwischen typisch schwedischer EBM à la Spetsnaz, Electroclash und Synthpop, die Beats sind treibend, die Hooks verfügen über maximales Ohrwurmpotenzial – völlig egal, ob der Song „Decisions“, „Speak To Me“, „Shades Of Blue“ (an alle Fans der Depeche Mode der Mitt-80er: auschecken, den Track!!!) oder „Machines“ heißt. Zu Beginn spricht Emma davon, aus „dem Land der Dunkelheit, der Kälte und der Verzweiflung zu kommen“ – der Musik hört man das nicht an. Das sind Hits für den Dancefloor, energetisch vorgetragen – und die werden gebührend abgefeiert. Kleine technische Schwierigkeiten zu Beginn tun der Stimmung keinen Abbruch, hängen bleiben nach viel zu kurzen 45 Minuten euphorische Jubelszenen und zwei Sätze von Emma. Erstens: „I could stay here forever!“ Zweitens: „We need more lady bosses. „

Mit Ladys ging es weiter. Ob sich die Sängerin von SIIE als „Lady Boss“ bezeichnen würde, bleibt offen. Generell weiß man fünf Jahre nach der Gründung des Projekts immer noch wenig über das stets hinter Glitzermasken auftretende deutsch-schweizerische Duo. Cold Wave trifft auf Einflüsse aus Techno und EBM. Wo Vorgängerin Emmon mit klaren, kräftigen Vocals brilliert, ist der mit Hall belegte Gesang von, nennen wir sie mal Mrs. SIIE, eher Geschmackssache. Über jeden Zweifel erhaben sind aber die treibenden, perfekt ausproduzierten Beats von Stücken wie „Cite Lunaire“ und „Grand Mirage“. Die schönste Melodie hielten SIIE bis kurz vor Ende zurück: Die neue Single „Indigo“, in der Woche vor dem Amphi veröffentlicht, zeigt das Projekt von einer ungewohnt melodiösen Seite und enthält einen brutal hitverdächtigen Refrain – eine dringende Empfehlung an dieser Stelle sei allen Szene-DJs gegenüber ausgesprochen.

Die Sprache blieb französisch, die Arbeitsaufteilung „Mann-Maschine – Frau-Mikro“ unverändert. Potochkine kennen Amphi-Dauergäste bereits aus dem Jahr 2023. Damals gaben Polly und Hugo ihr Festivaldebüt und lieferten eine denkwürdige Performance voller Energie ab. An letzterer mangelte es auch diesmal nicht – ganz im Gegenteil. Nach einem im Tempo eher gemäßigten Auftakt mit dem wunderschönen „Pénurie de Larmes“ vom aktuellen Album „Sang d’Encre“ steigerten sich die Pariser in einen regelrechten Wahn. Eher groovige, funkige ältere Stücke wie „Je deteste attendre“ oder „Préférer se taire“ fielen aus dem Set, hinten raus hämmerten durchweg brutale Techno-Rhythmen durch das Innendeck, die auch auf der Dortmunder Mayday gut ankommen dürften. Zu „Pogo“ gab es tatsächlich auch entsprechende Bewegung mittig vor der Bühne – eine Seltenheit beim Amphi 2026, das auf Oldschool-EBM im Line-up leider gänzlich verzichtete. Nach knapp einer Stunde strahlte die zierliche Polly über beide schmale Backen – die Crowd war durchgeschwitzt, aber euphorisiert.

Am Tanzbrunnen sorgten derweil Solitary Experiments mit Hits wie „Immortal“ und „Rise and Fall“ für gute Stimmung. Bei „Achromatic“ gab es Unterstützung von Mari Kattman, die sich ebenfalls ins klassische „Rotes Hemd, schwarze Krawatte“-Gewand warf und mit ihrem Gatten Tom Shear zu Gast war. Letzterer sollte später mit seinem Projekt Assemblage 23 im Theater auftreten, mit Kattman an den Tasten. Deutlich entschleunigter die Cold-Waver Lebanon Hanover, die nicht nur auf das Mitbringen von Merchandise, sondern leider auch auf das Spielen ihres Tanzflächenschrubbers „Babes of the 80s“ verzichteten. Klanglich waren Larissa und William mit Stücken wie „Gallowdance“, „Kiss Me Until My Lips Fall Off“ oder „Come Kali Come“ der Fremdkörper im Hauptbühnen-Programm – gut und richtig ist aber, dass einer der Vorzeigebands der „neuen Goth-Generation“, die im Gegensatz zu vielen Etablierten auch mal junges Publikum lockt, endlich Platz auf der Mainstage eingeräumt wurde. Wer auf den abwechslungsreichen Sound des weltweit gefeierten Duos steht, wurde jedenfalls bestens bedient.

Im Theater setzten die Kalifornier The Sweet Kill post-punkig-rockige Akzente – Mastermind Pete Mills bedankte sich im Anschluss beim Publikum, das „bei allen 14 Songs mitsang“ und das Theater einmal mehr in eine Sauna verwandelte. Ein paar technische Probleme hatten im Anschluss leider Empathy Test und Clan of Xymox – viele (wenngleich bei weitem nicht alle) hatten es mitbekommen, denn sicher auch wegen des einsetzenden Regens kam es drinnen zum Einlassstopp. Hinten raus konnten sich aber beide Bands über gute Stimmung und viel Applaus freuen.

Wahre Veteranen der Szene traten bespielten im frühen Abendbereich die Mainstage. Dass Diary of Dreams alle paar Jahre zum Traumtanzen landen, wird regelmäßig mit lautem Applaus goutiert – so auch dieses Jahr -, an der Performance im Anschluss scheiden sich aber die Geister. Joachim Witt spaltet eben die Szene, Kritiker wie Fans. Auf die beiden Uralt-Chartbreaker „Goldener Reiter“ und „Die Flut“ können sich fast alle noch einigen – bei den weiteren Stücken der jüngeren Schaffensphase gehen die Meinungen aber brutal auseinander. Traditionell treffen bei Witt live schwere Gitarren auf jede Menge Pathos auf manchmal seltsam anmutende Songtexte auf noch seltsamere Ausrufe und Zwischenansagen. Klar ist allerdings: Der Mann verfügt auch mit stolzen 77 Jahren über eine einnehmende Bühnenpräsenz und reißt sein Publikum mit. Am Ende beschwerte er sich darüber, dass zum Auftrittsende mittlerweile alle „so ein Scheiß Foto machen müssen“ – nur um in diesem dann breitestmöglich in die Kamera zu grinsen, wie sich tags darauf auf seinen Social-Media-Kanälen zeigte. Was ein Typ.

Typen, die die schwarze Szene seit Jahrzehnten prägen, belegten auch die drei Headliner-Slots. Wobei ja zumindest Hannes „Honey“ Malecki bei Welle:Erdball stets zwei Sängerinnen mit in der Band – pardon, Moderatorinnen im Sender – hat. Mit M.A. Peel, der noch recht neuen, stellenweise noch etwas schüchtern-wackligen M. Shelley und Keyboarder Andre ging es im knüppelvollen und hitzigen Theater durch die gut drei Jahrzehnte Diskografie. Wo für frühere Amphi-Editionen gesonderte Setlists konzipiert wurden – man denke nur an die 80er-Covershow 2019 – , war hier „Hits Hits Hits“ das Motto. Von „Hoch die Fahnen“ über „Schweben, Fliegen und Fallen“ bis zu „VW Käfer“ und dem noch recht frischen „Drogenexzess im Musikexpress“ war alles dabei, was sich vor allem Gelegenheitshörer auf Festivals wünschen. Zu einer Schrecksekunde kam es während „23“ – der Sender unterbrach sein Programm wegen eines medizinischen Notfalls. Die Situation konnte zum Glück durch zügiges Eingreifen der Sanis bereinigt werden – weiterhin gute Besserung an dieser Stelle! Der sonst so strikte Zeitplan wurde ein wenig gelockert, so konnten Welle:Erdball ihr Set mit „Monoton + Minimal“ und „Ich bin nicht von dieser Welt“ um kurz nach 22 Uhr regulär beschließen.

Melodiöse elektronische Musik gab es parallel auf der ebenfalls knüppelvollen Orbit Stage. Erst bei Paradox Obscur, zum Abschluss bei Rotersand, wo die Kapazitätsgrenze von knapp 1300 Personen erreicht wurde. Mit reichlich Energie riss Sänger Rascal die Fans mit, Hits wie „War on Error“, „Private Firmament“ oder „Exterminate Annihilate Destroy“ brachten das Schiff zum Wackeln. Das Publikum vergnügte sich mit schwarzen und orangenen Luftballons, Seifenblasen, einigen Shakehands mit Rascal. Unentwegt wurde getanzt. „Was stimmt nicht mit Euch?“ rief der Frontmann zwischendurch dem Publikum entgegen – wohl überrascht von den verdienten euphorischen Reaktionen. Lustig: In etwas Übermut gratulierte er dem Amphi zum „30. Geburtstag“. Schön wär’s – wir hoffen natürlich auch auf zehn weitere Jahre!

Pures Entertainment boten Eisbrecher. Die Band, die zusammen mit Project Pitchfork den Amphi-Anwesenheitsrekord hält und zum insgesamt achten Mal am Tanzbrunnen aufspielte, fuhr insbesondere in der Kategorie „Gastauftritte“ alles auf, was geht. „Zeitgeist“ mit Joachim Witt, „Auf die Zunge“ mit Schattenmanns Frank Herzig („Der Mann mit der Frisur, die ich gerne hätte“ , Zitat Wesselsky) und „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ mit Sotiria, die mit Alex Wesselsky gar zu Pärchentanz und Wangenküsschen ansetzte. Letzterer warf sich zu „Waffen Waffen Waffen“ eine Camouflage-Weste, Schutzbrille und Munitionsgürtel über, besprühte ein Schild mit dem Songtitel mit roter Farbe, mit der er ein Friedenszeichen malte. Neben Emmon, die kurz auf das grausame Attentat beim Berliner CSD einging, eines der wenigen politischen Statements an diesem Wochenende.

So richtig absurd und lustig wurde es bei „Schwarze Witwe“. Mit einer Peitsche („Die ist vom Benecke“ , erneut Zitat Wesselsky) ging der Sänger, dem Gitarrist Jürgen Plangger „geballte animalische Anziehungskraft“ bescheinigte, in den Graben und ließ sich von einigen sichtlich vergnügten weiblichen Fans in der ersten Reihe das Gesäß versohlen – nur um dies dann im Gegenzug bei Moderator Oliver Klein ebenfalls zu tun. Kaum dachte man, dass der Spaß vorbei wäre, taucht plötzlich Heldmaschine-Sänger René Anlauff auf, schnappt sich die Peitsche und verhaut Wesselsky. Irrwitzige Szenen, übertragen auf der neuen Leinwand, die die Amphi-Verantwortlichen rechts der Hauptbühne aufstellten und die wahrlich einen Mehrwert für alle kleineren und weiter weg stehenden Zuschauer liefert.

Nach der Disco-Hitrutsche mit „Kaltfront“, „This Is Deutsch“ (inklusive Solo von Wesselsky am Horn!), „Was ist hier los?“ und „Verrückt“ kamen alle drei Gäste zum großen Finale nochmal auf die Bühne und schmetterten das Falco-Cover „Out of the Dark“. Zu den Klängen von „Junge, komm bald wieder“ pfefferte die Band in guter Tradition noch ein paar Plüscheisbären ins Publikum – und dann war das Jubiläums-Amphi auch schon wieder Geschichte.

Ein Festival, das einmal mehr viel familiären Spaß bereitete, im Gegensatz zu manch Mitbewerber in diesem Sommer von Horror-Gluthitze verschont blieb und – besonders erwähnenswert – mit fast durchweg guter bis sehr guter Akustik bei den allermeisten Auftritten auf allen drei Bühnen glänzte. Aber auch ein Festival, das gerade in den Bereichen Gastro-Service und -Preise sowie der (Frauen-)Toilettensituation noch Luft nach oben hat.

Beenden wir diesen Report mit einem Bonmot von Alex Wesselsky, das wir uneingeschränkt unterstreichen wollen: „Ich wünsche mir, dass der Laden nicht auseinandergeht, der Bach nicht austrocknet und die schwarze Szene noch 4000 Jahre weiterlebt.“ Zumindest 2027 geht es schon mal weiter – am 24. und 25. Juli. Karten sind für 126 Euro bereits erhältlich, Bands stehen noch nicht fest – nur für das nach nur zwei Tagen in Rekordschnelle ausverkaufte „Call The Ship To Port“-Event mit Solar Fake, Ductape und Auger. Egal, was da beim regulären Festival kommt: Wir freuen uns drauf!

Fotos: AMPHI FESTIVAL 2026 – Bands Sonntag (26.07.2026 bis 16:00 Uhr)

Fotos: AMPHI FESTIVAL 2026 – Bands Sonntag (26.07.2026 ab 16:00 Uhr)

 


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