Lesedauer: 8 Minuten
Lesedauer: 8 MinutenDrei Abende, drei Welten: Das Ravensberger Park Open Air 2026
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Der Ravensberger Park hat an drei Abenden eindrucksvoll gezeigt, wie unterschiedlich ein Open-Air-Sommer in Bielefeld klingen kann. Vom jungen Deutschpop-Publikum bei Nina Chuba über die generationenübergreifende Rockgemeinde von Fury in the Slaughterhouse bis zum Heimspiel des Bielefelder Rappers Montez reichte die musikalische Spannweite. Und doch hatten alle drei Abende etwas gemeinsam: Der Ravensberger Park wurde nicht bloß zur Kulisse, sondern zu einem Teil der jeweiligen Geschichte.
11.000 Menschen kamen zum Auftakt, mehr als 7.000 am Freitag und zum Abschluss erneut knapp 11.000. Dazu kamen Vorbands, Überraschungsgäste, eine Live-Premiere, jede Menge Konfetti, Pyrotechnik und ein weitestgehend stabiles Wetter. Vor allem aber drei Künstler, die ihre Konzerte auf ganz unterschiedliche Weise zum Erlebnis machten.
Donnerstag: Nina Chuba – Popstar mit Konfetti, Flammen und einer Livepremiere
Den Auftakt übernahm Jolle. Die Hamburgerin mit ostwestfälischen Wurzeln stand mit auffallenden, mehr als bodenlangen Zöpfen auf der Bühne und auch die Bühne selbst wirkte eher verspielt als geschniegelt: Bühne und Mikrofonständer waren mit Kuscheltieren dekoriert. Musikalisch setzte Jolle auf emotionalen Hip-Hop und persönliche Geschichten. Ihr Set umfasste rund zehn Songs, mit dabei waren unter anderem „Bitterschön“, das diesmal ohne den sonstigen Collabo-Partner CRS auskommen musste, „50 Stufen Grau“, und „Fingergun“. Bei „Parisienne“ wurde es besonders persönlich: Jolle grüßte ihre Schwester und erzählte von einem vierjährigen Kind aus ihrem Umfeld, für das es das erste Konzert überhaupt ist. Ein kleiner Familienmoment mitten vor tausenden Menschen.
Mit „Alle Märchen sind gelogen“ war außerdem jener Song dabei, mit dem Jolle bereits für die 1Live-Krone nominiert wurde. So blieb der Support-Auftritt trotz des sympathischen Kuscheltier-Chaos auf der Bühne musikalisch durchaus ernst zu nehmen. Jolle muss Nina Chuba nicht kopieren und tut es auch nicht. Sie schaffte ihre eigene, eher intime Atmosphäre und bereitet damit den Weg für den großen Popmoment des Abends.
Danach war die Bühne bereit für Nina Chuba. Vor rund 11.000 Menschen startete sie mit „NINA“ – und schon dieser Opener machet klar, dass hier keine kleine Clubsängerin mehr steht. Die Sängerin wurdevon ihren Tänzerinnen getragen, pinkes Nebelfeuerwerk stieg hinter der Bühne auf, dazu Trompete, Saxofon und Posaune. Die Bühne ragte über einen Steg mit Drehteller weit in die Menge hinein.
Chuba hatte sich nach einer kleinen, rund einmonatigen Konzertpause sichtbar auf ihren Wiedereinstieg gefreut und strahlte schon zu Beginn Spielfreude aus. „Wildberry Lillet“ folgte bereits als dritter Song und wurde sofort zum ersten großen Triumphzug. Auffällig war das junge Publikum: Viele Kinder und Jugendliche, dazu Eltern, die teils ebenso textsicher mitsangen. Die Mischung aus Pop, Rap und maximaler Bühnenshow funktioniert dabei offensichtlich über Generationengrenzen hinweg.
„Mangos mit Chili“, „Jeeep“ und „Malediven“ führten durch das aktuelle Album, bevor „Kilimanjaro“ als besonderer Moment folgte. Der Song wurde in Bielefeld erstmals live gespielt und eröffnete damit gewissermaßen ein neues Kapitel der Show. Danach ging es über „Ich glaub ich will heut nicht mehr gehen“, „Wenn das Liebe ist“ und „Nicht allein“ weiter. „Nicht allein“ bekam eine ruhige Klavierpassage, bei „Fliegen“ kam eine Hebebühne zum Einsatz.
Spätestens im letzten Drittel wurde aus dem Konzert endgültig ein Pop-Spektakel. „Fucked Up“, „Rage Girl“, „3 Uhr Nacht“s und „Überdosis“ trieben das Tempo nach oben. Bei „Rage Girl“ wurde die gesamte Bühne rot, Nebel quoll hervor und am Bühnenrand schlugen Flammen hoch. Bei „Überdosis“ fuhr Nina schließlich erneut mit dem Lift nach oben. „Glatteis“, „Waldbrand“ und „Fahr zur Hölle“ setzten die Show fort, letzterer mit Konfetti und Bengalos.
Und dann wurde es zum an diesem Abend richtig sommerlich-romantisch. Vor der Zugabe mit „Ich hass dich“ und „So lange her“ spielte Nina Chuba „Nimm mich mit“, während die Sonne durch die Wolkendecke sank. Die blaue Stunde tauchte den Park in warmes orangefarbenes Licht. Natur und Bühneninszenierung ergaben für ein paar Minuten eine ziemlich perfekte Symbiose. Die Show endete nach rund 1:45 Stunden und ließ bei den Fans keine Wünsche offen.
Notiz der Redaktion: Das Management der Künstlerin erforderte eine vorherige Überprüfung der Konzertfotos und hat, wie auch bei anderen Medien, die weit überwiegende Mehrheit der Fotos nicht zur Veröffentlichung freigegeben (siehe auch Musikexpress.de).
Setlist NINA CHUBA @ Ravensberger Park, Bielefeld (20.08.2026)
01. NINA
02. Mangos mit Chili
03. Wildberry Lillet
04. Jeeep
05. Malediven
06. Kilimanjaro
07. Ich glaub ich will heut nicht mehr gehen
08. Wenn das Liebe ist
09. Nicht allein
10. ILMILMN (Skit)
11. Unsicher
12. Fliegen
13. Fata Morgana
14. Fucked Up
15. Rage Girl
16. 3 Uhr Nachts
17. Überdosis
18. Nimm mich mit
19. Tinnitus
20. Glatteis
21. Waldbrand
22. Fahr zur Hölle
23. Ich hass dich (Z)
24. So lange her (Z)
Freitag: Pohlmann, Fools Garden und Fury – der Abend der großen Erinnerungen
Pohlmann eröffnete den zweiten Konzertabend. Mit seinem gewohnt perkussiven Gitarrenstil und einem verschmitzten Lächeln zog der Singer-Songwriter das Publikum sofort in seinen Bann. Dies war auch nötig, denn mit fünf Songs war ihm und seinen Mitstreitern wenig Zeit vergönnt. Zwischen den Songs lockerte Pohlmann die Stimmung immer wieder durch charmante Anekdoten und unbeschwerte Scherze auf.
Ausgerechnet beim letzten Song „Wenn jetzt Sommer wär“ veränderte sich die Atmosphäre: Erst begann es leicht zu nieseln, unmittelbar danach wurd der Regen stärker. Ein kurzer Vorgeschmack darauf, dass der Ravensberger Park an diesem Abend nicht ganz auf Sommer eingestellt war. Glücklicherweise konnte sich das Wetter auch schnell wieder fangen.
Setlist POHLMANN @ Ravensberger Park, Bielefeld (21.08.2026)
01. Ziellos
02. Karre of Love
03. Star Wars
04. Ich will, dass Du mitgehst
05. Wenn jetzt Sommer wär
Ein Hauch von Neunzigern lag in der Luft, als Fools Garden die Bühne betrat und das Publikum von der ersten Sekunde an in ihren Bann zog. Die Band um Sänger Peter Freudenthaler bewies eindrucksvoll, dass sie weit mehr zu bieten hat als ihren weltweiten Megahit „Lemon Tree“. Mit einer perfekten Mischung aus gereiftem Indie-Pop, Spielfreude und charmanten Anekdoten zwischen den Songs schufen die Musiker eine intime, aber gleichzeitig hochenergetische Atmosphäre.
Natürlich wartete das Publikum besonders auf „Lemon Tree“ und bekam genau den Song, mit dem Fools Garden seit den 90ern untrennbar verbunden sind gegen Ende des Sets. Gleichzeitig zeigte der Auftritt der Band, dass sie musikalisch deutlich mehr zu bieten hat als nur ihren Welthit.
Setlist FOOLS GARDEN @ Ravensberger Park, Bielefeld (21.08.2026)
01. The Seal
02. One Fine Day
03. Wild Days
04. I Burn
05. 25 Miles to Kissimmee
06. Lemon Tree
07. Life
Dann gehörte die Bühne Fury in the Slaughterhouse. Mehr als 7.000 Menschen waren inzwischen im Park, als die sechsköpfige Band mit „Changes“ startete. „9 Lives“, „Milk and Honey“ und „Letter to Myself“ folgen, bevor „Radio Orchid“ und „Why Worry?“ den Weg zurück in die große Bandgeschichte öffnen.
In Bielefeld ging das Konzept gut auf. „Lost and Found“, „Haunted Head and Heart“ und das akustische „Sorrowland“ zeigen die ruhigere Seite der Band. Dazu kommt mit „When I’m Dead and Gone“ ein Cover von McGuinness Flint. Danach wurde wieder hochgeschaltet: „Viva La Revolución“, „Every Generation Got Its Own Disease“, „Fix this Crack“, „Trapped Today“, „Trapped Tomorrow“, „Rain Will Fall, Party Girl / Pussycat Run“ und „Kick It Out“ lassen den Park zunehmend zur Tanzfläche werden.
Zwischen den Songs wurde es immer wieder sehr bielefeldspezifisch. Gitarrist Christof Stein-Schneider erinnerte sich an frühere Auftritte der Band im legendären PC69 und fragte augenzwinkernd, ob es den Club eigentlich noch gebe. Dann nahm er sich die Bielefeld-Verschwörung vor: Ein Freund habe ihm kurz vor dem Konzert gesagt, Bielefeld existiere gar nicht. Seine Antwort fällt eindeutig aus: Bielefeld sei da – und vor allem sei Bielefeld geil. Das er hier ordentlich Applaus erntete dürfte niemanden überraschen.
Kai Wingenfelders markante Stimme, die sechs Musiker auf der Bühne und die historische Parkkulisse ergaben einen Abend, der erstaunlich wenig nach Rückblick klingt. Eher nach einer Band, die ihre Vergangenheit kennt, aber noch lange nicht darin wohnen möchte. Zum Schluss wird natürlich geklotzt. „Youth Is Wasted On The Young“ und „Won’t Forget These Days“ leiteten das Finale ein, danach folgten in der Zugabe „Years of Thunder“ und „Time to Wonder“. Mit „Goodbye So Long“ und „Sister Moon“ ging der Abend endgültig zu Ende. 24 Songs umfasste die Bielefelder Setlist: Fast zwei Stunden Fury in the Slaughterhouse und ziemlich viel gemeinsame Vergangenheit.
Setlist FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE @ Ravensberger Park, Bielefeld (21.08.2026)
01. Changes
02. 9 Lives
03. Milk and Honey
04. Letter to Myself
05. Radio Orchid
06. Why Worry?
07. Lost and Found
08. Haunted Head and Heart
09. Sorrowland (Acoustic)
10. When I’m Dead and Gone (McGuinness Flint cover)
11. In Love With a Clown
12. Viva La Revolución
13. Every Generation Got Its Own Disease
14. Fix this Crack
15. Trapped Today, Trapped Tomorrow
16. Rain Will Fall
17. Party Girl / Pussycat Run
18. Kick It Out
19. Youth Is Wasted on the Young
20. Won’t Forget These Days
21. Years of Thunder (Z)
22. Time to Wonder (Z)
23. Goodbye So Long (ZZ)
24. Sister Moon (ZZ)
Samstag: Montez – Bielefeld lädt zum Heimspiel
Den Abschluss übernahm Montez und Elif steht zunächst als Support auf der Bühne. Die Sängerin ist damit nicht nur musikalische Begleitung des Abends, sondern wird später auch noch Teil der eigentlichen Montez-Show. Elif liefert damit den Auftakt für einen Abend, der ohnehin stark von persönlichen Verbindungen lebt. Denn Montez spielt vor knapp 11.000 Menschen in seiner Heimatstadt und macht aus dem letzten Termin des Ravensberger Park Open Airs ein echtes Heimspiel.
Nun war es soweit und der Lokalmatador Montez war an der Reihe. Er erzählte von seinen Anfängen in der Stadt, davon, dass er bereits mit 13 Jahren Songs geschrieben hat und sein Weg auf die großen Bühnen durch Bielefeld führte unter anderem über einen Job als Pizza-Lieferant. „Alles hat immer hier angefangen“, sagt er. Das Publikum bekommt dadurch nicht nur ein Konzert, sondern ein Stück Biografie von der es ein Teil ist.
Dass die 15 Jahre Montez-Tour ohnehin auf Rückblick angelegt ist, passte perfekt. In Bielefeld stand daher an diesem Abend weniger die neue Platte im Vordergrund, obwohl „So ist das mit dem Glück“ erst am Vortag erschienen ist. Stattdessen setzte Montez auf die Songs, die zu einem solchen Heimspiel passen. „Überfall“ gehörte früh in die Show, später folgen unter anderem „K.O.“, „Wenn du mich lässt“ und natürlich „Pass auf mein Herz auf“. Auch „Wir tanzen den Regen weg“ fand seinen Platz. Das aktuelle Album blieb dabei erstaunlich zurückhaltend vertreten.
Dafür war die Gästeliste umso größer. Elif übernahm zunächst das Vorprogramm und kehrte später für „Immer wenn ich gehen will“ auf die Bühne zurück. Nico Santos kam überraschend hinzu und sang gemeinsam mit Montez „Das Leben ruft“. Und dann folgte der Moment, mit dem vermutlich selbst viele im Publikum nicht gerechnet haben: Casper steht auf der Bühne. Gemeinsam spielten die beiden „Am Boden bleiben“ inklusive der Zeile über den Ort neben der Stadt, die es bekanntlich gar nicht gibt. Bielefeld, 1.000 Punkte.
Auch Benno! gehörte zu den Gästen und performte „Glaubst du nicht auch“. Überhaupt entstand an diesem Abend der Eindruck, dass Montez weniger ein sorgfältig abgearbeitetes Tourprogramm präsentieren möchte, als einen großen Abend mit Freunden, Weggefährten und Menschen, die zu seiner Geschichte gehören. Er selbst merkte an, dass organisatorisch längst nicht alle Gäste zusammenzubekommen gewesen seien. Was am Ende trotzdem auf der Bühne stand, ist dennoch bemerkenswert.
Und genau deshalb wirkte dieses Konzert emotional anders als die beiden Abende davor. Nina Chuba kommt als Popstar in ihre Show zurück, Fury feiern fast vier Jahrzehnte Bandgeschichte, aber Montez dagegen scheint seiner Stadt etwas zurückgeben zu wollen. Der Satz „Danke für alles“ bekam dabei mehr Gewicht als jedes Konfetti. Vor 11.000 Menschen war der Weg vom Bielefelder Teenager zum gefeierten Musiker plötzlich sichtbar.
Fazit: Der Ravensberger Park kann ziemlich viel
Drei Abende, drei ziemlich unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie ein Open-Air-Konzert funktionieren kann.
Nina Chuba setzte auf die große Popshow mit Bläsern, Tänzerinnen, Hebebühne, Konfetti, Nebel und Flammen. Dazu kam mit „Kilimanjaro“ eine echte Live-Premiere und ein Publikum, das vom Grundschulalter bis zu den Eltern erstaunlich textsicher ist. Fury in the Slaughterhouse machten aus fast 40 Jahren Bandgeschichte kein Museum. Sie mischten aktuelle Songs mit Klassikern, holten Erinnerungen an Bielefeld hervor und lieferten mit „Radio Orchid“, „Time to Wonder“ und „Won’t Forget These Days“ jene Momente, für die die Menschen gekommen waren. Die Show funktionierte 2026 noch immer, gerade weil die Band nicht versucht, jünger zu wirken, als sie ist. Und Montez machte den Schlussabend zu dem, was ein Heimspiel sein sollte: persönlich, überraschend und ein bisschen größer als ein gewöhnliches Konzert. Dass dafür Casper und weitere Gäste auftauchten, war spektakulär und freute die heimischen Fans. Noch wichtiger war aber, warum sie auftauchten: weil dieser Abend offensichtlich nicht nur Montez gehörte, sondern auch der Stadt, aus der er kommt.
Der Ravensberger Park Open Air 2026 war deshalb weniger ein Festival mit einer einheitlichen musikalischen Handschrift als eine kleine Konzertreihe mit drei sehr unterschiedlichen Kapiteln. Und vielleicht liegt gerade darin die Stärke des Konzepts: Man muss nicht an jedem Abend dieselbe Musik mögen. Man muss nur an dem Abend kommen, der einem gehört.
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