AMPHI FESTIVAL 2026, Tag 1 – Köln, Tanzbrunnen (25.07.2026)

Covenant, © Peter Bernsmann
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Lesedauer: 7 Minuten

Die 20 sind voll – das Amphi Festival feiert runden Geburtstag! 2005 gab es die Erstausgabe im Gelsenkirchener Amphitheater, bei der eine gewisse Band namens Unheilig im unteren Drittel des Werbeplakats auftauchte. Schon ein Jahr später folgte der Umzug an den Kölner Tanzbrunnen direkt am Rheinufer, dem man – Ausnahme: eine emotional diskutierte Ausgabe im Exil Lanxess Arena 2015 – stets treu blieb. Das Event ist längst als Schwerpunkttreffen für die schwarze Szene etabliert, nach dem WGT und dem Mera Luna sicher das wichtigste Community-Happening des Kalenderjahres. Schon am Freitagabend färbten sich die Straßen im Stadtteil Deutz sichtbar schwarz, rund 1300 Fans besuchten das lange im Voraus ausverkaufte „Call The Ship To Port“ mit Alienare, Hocico und Grendel. Viele andere ließen es sich bei einem der zahlreichen Gastronomieangebote im Viertel gut gehen oder tanzten sich bei der – ebenfalls ausverkauften – offiziellen Pre-Party warm für das, was kommen sollte. Einen Wermutstropfen für viele Anwesenden gab es allerdings: Wie schon im Vorjahr musste Ronan Harris krankheitsbedingt sein geplantes Headliner-Set absagen. VNV Nation werden 2027 einen dritten Versuch wagen. Der Ersatz hätte stilistisch kaum passender sein können – Covenant versprachen vorab ein „Greatest Hits“-Set – und sollten Wort halten.

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Doch der Reihe nach: Den Auftakt machte mit Florian Grey ein Act aus der Dark-Rock-Sparte, der erst vier Wochen zuvor im Vorprogramm von Alice Cooper in Pilsen auftreten durfte. Interessantes Gimmick: Die Bühne wurde mit zwei „Grabsteinen“ von Vincent Price und Edgar Allen Poe verziert. Die „Hamburg Prag Vampires“, wie sie Moderator Mark Benecke ankündigte, trafen auf ein noch etwas müdes Publikum, das sich nur langsam aus der Reserve locken ließ. 11 Uhr ist aber halt auch echt früh …nun ja. Neun Songs lang gab es recht schnörkellosen, melodiösen düsteren Rock, bei den abschließenden „Dead By Dawn“ und „Bluecifer“ hatte das Quartett dann auch das Gros der Fans vor der Bühne gewonnen. Ein absoluter solider Opener. Mit gemischten Gefühlen stiegen die folgenden Harpyie auf die Bühne, die einen im Amphi-Aufgebot selten gewordenen folkigen Akzent setzten. Für die Folkrocker aus Bad Oeynhausen war es das erste und auch letzte Mal am Tanzbrunnen – die Band wird sich zum Jahresende auflösen. „Wir hatten ein bisschen Angst, dass hier niemand steht, aber das ist ja der Wahnsinn“ , gab Sänger Aello die Windböe zu Protokoll, nachdem schon „Willkommen in der Freakshow“ und „Freakshow“ vom Publikum gut angenommen wurden. Der guten Stimmung schadete es auch nicht, dass während „Ikonoklast“ kurzzeitig der Sound ausfiel. Zu „Löwenherz“ wedelte die schwarz gekleidete Masse erstmals mit den Armen hin und her und das Luna-Luna-Cover „Wenn ich tot bin“ nahm auch diejenigen mit, die von Harpyie zuvor vielleicht noch keine Notiz nahmen. Gegen Ende schwenkte Aello noch die Regenbogenfahne – das Thema sollte noch am selben Abend durch das fürchterliche Attentat in der Hauptstadt traurige Aktualität und Aufmerksamkeit erhalten. Mit Soulbound sollte der Härtegrad auf der Hauptbühne dann noch einmal anziehen, wir entschieden uns aber zur einer musikalischen 180-Grad-Wendung.

Im Theater eröffneten Echoberyl, ein noch recht unbeschriebenes Blatt. Seit 2019 veröffentlichen Sängerin Cecilia und Multiinstrumentalist Adriano gemeinsam Musik und passen mit ihrem Sound perfekt zum aktuellen Cold-Wave-Zeitgeist. Denn da gibt es ja so manch erfolgreichen Act mit (zumeist hauchender) Frauenstimme und französischen Lyrics, wie sich auch im weiteren Festivalverlauf noch spürbar zeigen sollte. Zu den sphärischen Synth-Klängen und vergleichsweise zarten Beats konnte man sich gut in Trance tanzen. Dass man zu diesem Zeitpunkt auch noch merkte, dass das Theater tatsächlich über eine angeschaltete Klimaanlage verfügt, tat der Atmosphäre ebenfalls gut. Mal mit, mal ohne verhallte Gitarre spielte sich das Pariser Duo durch die noch recht kurze Diskografie. Cecilia konzentrierte sich auf das Wesentliche – ihren Gesang – und knauserte mit Zwischenansagen, die die Fans aber ohnehin nur aus der Sogwirkung herausgezogen hätten. Immerhin: Ein „You’re so great“ ließ sie sich gegen Ende doch entlocken. Wer auf die NNHMNs und Linea Asperas dieser Welt steht, dem sei durchaus empfohlen, bei Echoberyl einmal reinzuhören. Anspieltipp: das repräsentative „Doll Heart“, dem erst im Vormonat ein Musikvideo geschenkt wurde.

Das Tempo zogen Dina Summer im Anschluss an. 2025 begeisterte uns das musikalisch vielseitig aufgestellte deutsch-griechische Trio mit seiner zweiten LP „Girls Gang“, tourte damit quer durchs Land. Nur in NRW gab es keinen einzigen Tourstopp, umso gespannter durfte man als Fan aus der Region sein – und wurde nicht enttäuscht. „We are here to make you dance“ , sprach Sängerin Dina unmissverständlich aus. Und dank Brechern wie „Who Am I“, „Fuel“, „Revenge“ oder dem abschließenden „Disco Goth“ funktionierte dies ganz vorzüglich, hier und da hämmerten doch gewaltige EBM-Sequenzen durch das zunehmend wärmer werdende Theater. Interessant vor allem der Kontrast der Performance zwischen Dina und Jakob „Kalipo“ Häglsperger – erstere stets kontrolliert, zweiterer in eher punkiger Manier mit kräftiger Stimme (vor allem bei „Schall und Rauch“) und geballter Faust. Da kommt dann eben der Musiker der Elektropunk-Band Frittenbude durch. Was den Auftritt darüber hinaus sehenswert machte, war die wirklich starke, auf den Punkt abgestimmte Lichtshow – da war richtig Zug drin. Nur am Front-242-Cover „Headhunter“ schieden sich doch die Geister – für nicht wenige Fans stellt die Dina-Summer-Interpretation den Tatbestand der Blasphemie dar. Mit den Worten „Ich hoffe, wir sehen uns in 20 Jahren hier wieder“ , verabschiedete sich das Trio unter lautem Jubel. Ähnliche Formulierungen hörte man über das ganze Wochenende immer wieder von unterschiedlichen Bands.

Rockiger ging es im Theater mit Soror Dolorosa weiter, die sich vor allem auf Songs ihres aktuellen Albums „Mond“ von 2024 konzentrierten (mit „Obsidian Museum“, „Autumn Wounds“ und „Trembling Androgenous“ spielten die Franzosen zum Auftrittsende gleich drei Songs der Platte hintereinander). Draußen gab es derweil Neue-Deutsche-Härte-Malen-nach-Zahlen von der Heldmaschine, die natürlich wieder einmal kräftig das „R“ rollte und die ewigen, wahrlich unkaputtbaren Das Ich, bei denen es neben den unvermeidlichen „Gottes Tod“ und „Destillat“ auch drei Stücke des lange erwarteten neuen Albums „Fanal“ ins Set schafften („Brutus“, „Lazarus“, „Was bin ich?“). So richtig drehten im Anschluss Solar Fake am Hit-Roulette. Dies erfreulicherweise wieder mit Andre Feller. Der Keyboarder und Bassist musste in den vergangenen Monaten wegen Burnout-Symptomen kürzertreten, feierte nun sein Comeback auf der Bühne und teilte sich mit Ersatzmann Elliott Berlin die Aufgaben. Das „Jobsharing“ erlaubte Letzterem gar eine Crowdsurfing-Einlage – ein wahrlich seltenes Bild beim Amphi Festival. Zuvor durfte gemeinsam gelacht werden: Bei der Anmoderation durch das Team um Mark Benecke, Celene Nox und Jens Domgörgen fielen plötzlich sämtliche Mikros aus. Das erlebt man auch nicht alle Tage. Solar-Fake-Frontmann Sven Friedrich kommentierte nach dem Opener „Hurts So Bad“ so lächelnd wie lakonisch: „Da das mit der Ansage gerade nicht geklappt hat: Wir sind Solar Fake!“ Als ob die Fans das nicht gewusst hätten. Die kamen mal so richtig auf ihre Kosten, so sie denn in Partystimmung waren. 13 Songs gab es auf die Ohren, ein jeder ist ein Hit, von „This Generation Ends“ über „The Pain That Kills You Too“ bis zum Closer „Observer“. Der Scooter-Döp-Döp-Döp-Gedächtnischor bei „Not So Important“ schallte laut aus dem Publikum, ebenso die „This is my nightmare, but it’s my life“ -Zeile in „Not What I Wanted“. Auf Coverversionen, die sie sonst reichlich im Live-Repertoire haben, verzichteten Solar Fake diesmal übrigens komplett. Gemessen an den Reaktionen eine weise Entscheidung.

Wer sich um den Szene-Nachwuchs sorgt, konnte nach einer Stippvisite ins Theater etwas durchatmen. Selofan berührten mit ihrem Cold Wave die „Drei Dosen Haarspray und Patchouli“-Oldschool-Batcave-Fraktion, im Anschluss folgte einer der begeisterndsten Auftritte des gesamten Wochenendes. Rue Oberkampf haben sich wahrlich nach oben gespielt. 2023 gab die bayerische Formation ihr Amphi-Debüt auf der Orbit Stage am Nachmittag, drei Jahre danach erhielten Julia de Jouy und Oliver Maier (diesmal ohne das Teilzeit-Mitglied Geistha an den Maschinen) den Co-Headliner-Slot im Theater. Der abwechslungsreiche Sound zwischen 2000er-Electroclash der Miss Kittin & The Hacker-Ära, Cold Wave und EBM zieht zunehmend tanzwütiges Publikum. Dieses musste lediglich mit den klimatischen Bedingungen kämpfen, mittlerweile war es brutal schwül im Inneren. Fast witzig, dass an zweiter Stelle der brandneue Song „Eiszeit“ auf dem Programm stand. Der besticht wie eigentlich die ganze Diskografie Rue Oberkamps durch ein mit Liebe zum Detail ausgestattetes Sounddesign und reiht sich mühelos in den Reigen ein. Hämmernde EBM-Sequenzen bei „Solitude“ oder „Glycine“, das sphärische „Allein“, das trancige „I Won’t Surrender“ oder das an Welle:Erdball erinnernde „Deine Augen“ (nein, kein Cover!) – hier werden verschiedenste Subgenres touchiert, kombiniert mit Ohrwurm-Melodien und stimmiger Lichtshow. Das kam brutal gut an – den gefühlt 40 Grad im Theater zum Trotz wurde lautstark gejubelt. Das kam auch auf der Bühne an – tags darauf veröffentlichte die Band ein Statement mit den einleitenden Worten „Amphi, you left us speechless“ . Dem ist an dieser Stelle nichts mehr hinzuzufügen.

Wem die Laune zu später Stunde eher nach Gitarrenklängen war, hatte die Wahl zwischen der ewig routiniert-repetitiven Show von Mono Inc. – oder musste sich zu Fuß oder per Shuttlebus auf den Weg zum Schiff machen und konnte dort schlussendlich den Lokalhelden Pink Turns Blue lauschen. Auf der Orbit Stage, die wegen eklatanten Regenmangels in der Region und dem damit verbundenen Rhein-Tiefststand nun noch einige Hundert Meter weiter vom Tanzbrunnen weg verlegt werden musste als im Vorjahr, trafen den gesamten Samstag über Bands verschiedener Generationen aus Gothrock und Postpunk auf. Und gerade Twin Noir, die mit „Chapter 3“ eines der besten Szene-Alben des bisherigen Jahres veröffentlichten, hätte sich der Schreiber dieser Zeilen zu gerne angeschaut. Letztlich müssen bei Festivals mit mehreren Bühnen und Überschneidungen aber schmerzhafte Entscheidungen getroffen werden – so verblieben wir an Tag 1 des Amphi 2026 schweren Herzens am Tanzbrunnen. Dort beendeten wahre Veteranen das Programm.

Zum einen die eingangs erwähnten Covenant. Für den Headliner-Auftritt schmiss sich Sänger Eskil Simonsson so richtig in Schale: weißer Anzug, Hut, schwarzes Hemd. In die Setlist schafften es wie angekündigt vor allem „Greatest Hits“ – mit „Leviathan“ und „Brave New World“ waren aber zumindest zwei Stücke dabei, die sonst gerade bei kürzeren Festival-Sets eher außen vor bleiben. Ansonsten: Party pur! „Der Leiermann“ zum Auftakt, später „Dead Stars“, „Bullet“, „Stalker“, das unvermeidliche „Call The Ships To Port“ und „We Stand Alone“ zum krönenden, aber fünf Minuten zu frühen Abschluss. Fans wie Gelegenheitshörer hatten größtenteils ihren Spaß – wenngleich in den Sozialen Medien einmal mehr Diskussionen über die Qualität von Eskils Gesang aufbrannten.

Nicht mehr ganz so voll wie bei Rue Oberkampf war es derweil im Theater, wo ein wahrer Kult-Act der 90er-Jahre zu einer seltenen Audienz lud. Constantin Warter belebte 2023 Calva y Nada wieder, nach einem Vierteljahrhundert ohne jegliche Aktivität. Der Comeback-Auftritt fand an Ort und Stelle statt und entzündete bei „Breñal“, so Warters Pseudonym, anscheinend einen Funken. Selten steht Calva y Nada seither auf verschiedenen Bühnen (u.a. beim WGT 2025 sowie im Februar 2026 beim „elektrisch“-Festival in Zwickau). Und dies in Vater-Tochter-Konstellation, Keyboards und Percussion übernimmt mittlerweile Sprössling Alba. Dass die Familienbande sich nicht nur auf Bewährtem ausruhen will, bewies direkt der Opener „Huele a muerte“, ein sehr schleppendes, noch unveröffentlichtes Stück. Im weiteren Verlauf kamen sie dann aber in Reihe, diese treibenden Beats, denen Warter seinen Kultstatus in Dark-Electro- und EBM-Kreisen verdankt. „Días felizes“, „Leben“, „Der Sturm“ – alles Tanzflächen-Kracher, die nichts von ihrer Kraft verloren haben. Dazu die Vocals. „Eey, der klingt ja immer noch genau wie in den 90ern“ , entfährt es einem Fan in den vorderen Reihen. Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Vor „La pura mierda“, der im Februar veröffentlichten ersten Single seit 1998, frotzelt Constantin noch: „Gibt noch ein bisschen. Aber danach muss ich ins Bett. Bin ja nicht mehr der Jüngste.“ Auf den Über-Hit „Rascheln“ folgt lauter Jubel und eine schöne, abschließende Ansage: „20 Jahre Amphi. Gratulation dazu. Hoffentlich geht es nochmal genauso lange weiter. Ihr werdet beim 40. Amphi sicher auch dabei. Wir wären es gerne auch!“ Das Wort zum Sonntag. Tags darauf gaben Papa und Kind noch eine Autogrammstunde und ließen sich dabei entlocken, dass an weiteren neuen Songs gearbeitet wird und schon ein Live-Auftritt in Köln in der Zukunft unter Dach und Fach gebracht ist.

Fotos: AMPHI FESTIVAL 2026 – Bands Samstag (25.07.2026 bis 16:00 Uhr)

Fotos: AMPHI FESTIVAL 2026 – Bands Samstag (25.07.2026 ab 16:00 Uhr)

Den Bericht zum zweiten Festivaltag gibt es hier:

AMPHI FESTIVAL 2026, Tag 2 – Köln, Tanzbrunnen (26.07.2026)

 


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