THE TWILIGHT SAD / FOR MARCY – Köln, Gebäude 9 (25.04.2026)

© Steffen Seth Prohn / Doctrine.design
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Lesedauer: 5 Minuten

Es liegen wahrlich grausame Zeiten hinter James Graham. Seine Mutter, über ihre letzten Jahre geplagt und gequält von stetig fortschreitender Demenz, verstarb. Seine Band löste sich fast komplett auf. Bassist Johnny Doherty? Weg. Drummer Sebastian Schultz? Weg. Keyboarder Brendan Smith? Weg. Aus dem Quintett The Twilight Sad wurde ein Duo. Graham kämpfte, wie er verschiedenen Medien gegenüber äußerte, mit Depressionen und verarbeitete seine Krankheit und seinen Kummer so, wie es viele Kunstschaffende tun: Er schrieb Texte für ein neues Album. Mit „It’s The Long Goodbye“ veröffentlichte das, was von der Band aus dem schottischen Kilsyth noch übrig ist (sprich: Graham und Gitarrist/Songwriter Andy MacFarlane) im März ein fantastisches Album im gewohnten Stil zwischen Post-Punk, Indie-Rock, Shoegaze und 80er-Synthie-Glitzer. Hilfe an den Saiten gab bei drei Songs vom größten und sicherlich auch berühmtesten Fan höchstpersönlich: Robert Smith.

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Mit The Cure durften The Twilight Sad schon mehrfach touren, auch im Sommer 2026 werden Graham & Co. wieder bei einigen Open-Air-Großkonzerten für die Wave-Legenden eröffnen. Jetzt war es an einem frühlingshaften Samstagabend aber erstmal das seit Monaten ausverkaufte Gebäude 9. Flugs auf zum Merchandise – und man mag es kaum glauben: Trotz Brexit, Inflation & Co. gibt es sie doch noch: Britische Bands, die einem nicht ein halbes Vermögen für ein Shirt abnehmen. Stückchen Stoff gab es zwischen 25 und 30 Euro, nebst einigen schicken Kunstdrucken mit Motiven aus der gesamten Bandgeschichte und Tonträgern. Verkauft wurden diese Teile von einem sympathischen Duo.

Warum dies eine Erwähnung wert ist? Zuvor blieb unklar, ob es einen Support geben wird. Um Punkt Acht ging das Licht im Saal erstmals aus und auf der Bühne stehen …Moment mal, das sind doch die beiden vom Merch-Stand! Mit Keyboard und zwei Gitarren war das völlig unbekannte Duo angereist, spielte die ersten zwei Stücke, um das Publikum dann erstmal zu begrüßen: „Hey, wir sind For Marcy. Und wir dachten, wenn wir schon das Merch für The Twilight Sad machen, dann können wir auch gleich noch hier spielen“ , sagte die Dame am Mikro, ohne im Anschluss breitere Informationen zu streuen.

Mit ein wenig Internet-Recherche findet man heraus: Bei ihr handelt es sich um Kamran Kaur, eine aus Brighton in England stammende Singer-Songwriterin, die sonst in der Band AtticOmatic spielt. Sie und ihr Kollege Lorcan Forder kredenzten den Fans eher ruhige, sphärische Töne. Downtempo, Ambient, Trip-Hop und Synthie-Pop kommen zu einem doch recht abwechslungsreichen, angenehmen gesungenen Mix zusammen. Gerne würden wir an dieser Stelle konkrete Tracks empfehlen – doch man findet nirgends eine Setlist, geschweige denn überhaupt Songs von For Marcy im Netz. Das Projekt muss noch in den Kinderschuhen – oder sagen wir besser Säuglingsschuhen – stehen. Eine Bandcamp-Seite ist eingerichtet, aber leer. Auch auf YouTube: Fehlanzeige. Irgendwie schade für diejenigen, die diese kurzweiligen 25 Minuten mochten. Dem Applaus nach zu urteilen, war das der Großteil der gut 350 Anwesenden. Kaur bedankte sich aufrichtig für die Reaktionen („Ihr scheint hier in Köln allesamt sehr nette Menschen zu sein“), bevor das Duo die Bühne verließ. Nach dem EU-Teil der Tour fanden The Twilight Sad via Social Media sehr warme Worte für die beiden: „Es fühlt sich an, als hätten wir zwei Freunde fürs Leben gefunden. Ohne sie wäre die Tour nicht dasselbe gewesen. „

Es begann eine mit 35 Minuten etwas zu lange Umbaupause. Um 21 Uhr legten The Twilight Sad endlich los. Und dies neuerdings zu viert und nach Geschlechtern paritär. James Graham und Andy MacFarlane besetzten die vakanten Stellen zumindest am Bass (Simone Marie Butler, Eingeweihten vielleicht schon von Primal Scream bekannt) und Schlagzeug (Cat Myers) nach. Bedeutet: Die Synthies kommen auf dieser Tournee nur vom Band. Schade, aber zu verschmerzen.

Denn die Qualität des Songmaterials war über die gesamte Dauer von 90 Minuten durchgängig auf hohem Level. Los ging es mit einem Block vom aktuellen Longplayer. Das knapp siebenminütige „Dead Flowers“, schon auf der Platte eines der absoluten Highlights, funktioniert als Live-Opener mindestens so gut wie als Mittelstück auf Tonträger. Wer The Twilight Sad noch nie live verfolgen konnte, merkte schnell, worum es hier geht. Musik und Katharsis für James Graham. Auf Videoprojektionen, Laserflackern oder scherzende Publikumsinteraktion verzichtet diese Band gänzlich.

Im Mittelpunkt, nicht nur wegen des flehenden Gesangs, steht klar der Frontmann. James Graham ist einer dieser über allen Maßen sympathisch wirkenden Männer, denen man leicht das Attribut „Kuschelbär mit Schultern zum Anlehnen“ zuschreiben könnte. Er wirkt stets wie der liebe, herzensgute, aber auch etwas bemitleidenswerte Kerl von nebenan, dem das Leben zu oft übel mitspielt, der aber trotzdem niemals aufgibt und all seine Kraft und Emotion in das legt, was ihn erfüllt. Weil es ihm scheinbar hilft. Wer diesen Typen auf der Bühne betrachtet, fühlt fast schon selbst die Schmerzlinderung, die Graham wahrscheinlich während eines Live-Konzerts spürt. In den energetischen, lärmenden Shoegaze-Parts betreibt er Luftboxen, ballt die Fäuste, kloppt sich auf die Brust, schreit alles raus. Immer intensiv, in Maßen brutal wirkend, aber niemals einschüchternd. Während um ihn herum MacFarlane und die weibliche Rhythmus-Fraktion in stoischer Ruhe, Wucht und Präzision auf den Punkt spielen.

Neun von insgesamt 17 Songs entstammen „It’s The Long Goodbye“. Wäre die neue Platte nicht von derart hoher Qualität, könnte man dies als Kritikpunkt fassen. Auf Stücke der Alben „Forget The Night Ahead“ und „No One Can Ever Know“ müssen Fans ebenso verzichten wie auf den früheren Live-Standard „The Wrong Car“. Was schade ist, doch Stücke wie das von pulsierendem Electro angetriebene „Waiting For The Phone Call“, das liebliche Synthpop-Lied „Inhospitable/Hospital“ oder das abschließende „TV People Still Throwing TVs At People“, das sich nach schleppenden Beginn in einen temporeichen Rausch steigert, stellen einen absolut gleichwertigen Ersatz für die „I Became A Prostitute“s oder „Dead City“s der Vergangenheit dar. Vom eindeutigen „Rock-Hit“ des Albums namens „Attempt A Crash Landing – Theme“ mal ganz abgesehen. Immerhin bedienen die unvermeidlichen „Cold Days From The Birdhouse“ und „And She Would Darken The Memory“ kurz vor Schluss die Fans der ersten Stunde.

Seine wenigen Zwischenansagen füllt Graham – es passt zum sonstigen Eindruck – vor allem mit Danksagungen an das Publikum. „We hope to come back very soon“ , sprach er zum Publikum. (Hoffentlich behält er Recht.) Er fühle sich darüber hinaus geehrt, dass nach so langer Zeit (die letzten Club-Shows der Band in Deutschland sind sieben Jahre her, Bericht hier) noch so viele Leute kommen. In diesem Moment erwischt man sich bei dem Gedanken „Warum habt Ihr die Show nicht hochverlegt, wenn sie doch schon seit Monaten ausverkauft war?“ Es hätten doch noch so viele Menschen mehr vor der Bühne stehen können. Andererseits: Die melancholisch-kraftvolle Musik von The Twilight Sad funktioniert im möglichst intimen Rahmen wohl am Besten. Wenngleich man insbesondere James Graham große Hallen und die damit verbundenen Einnahmen von Herzen gönnen würde. Aber vielleicht tun es auch erst einmal einige kommende Jahre ohne schmerzhaften Verlust.

Setlist THE TWILIGHT SAD @ Köln, Gebäude 9 (25.04.2026)
  1. Dead Flowers
  2. Designed To Lose
  3. Attempt A Crash Landing – Theme
  4. Waiting For The Phone Call
  5. VTr
  6. Last January
  7. The Arbor
  8. Videograms
  9. Inhospitable/Hospital
  10. Chest Wound To The Chest
  11. I/m Not Here [missing face]
  12. There’s A Girl In The Corner
  13. Get Away From It All
  14. Back To Fourteen
  15. Cold Days From The Birdhouse
  16. And She Would Darken The Memory
  17. TV People Still Throwing TVs At People
Weblinks THE TWILIGHT SAD

Homepage: www.thetwilightsad.com
Facebook: www.facebook.com/thetwilightsad
Instagram:  www.instagram.com/thetwilightsad

Weblink FOR MARCY

Bandcamp: formarcy.bandcamp.com


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