FRONT LINE ASSEMBLY / I YA TOYAH / TENSION CONTROL – Bochum, Zeche (20.05.2026)

Front Line Assembly © Carsten Zerbe - Schwarzpixel
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Lesedauer: 5 Minuten

Wax Trax. Ein Name, eine Marke. Fans von EBM und Post-Industrial-Sounds bekommen im Regelfall leuchtende Augen, wenn sie an die längst nicht mehr existierende Plattenfirma aus Chicago denken. Front 242, KMFDM, Laibach, My Life With The Thrill Kill Kult, Young Gods, Ministry – nur ein Auszug aus der Liste genreprägender Bands, die bei Wax Trax unter Vertrag standen. Auch Front Line Assembly, eine weitere Kultformation aus der Szene, veröffentlichte einige frühe Platten dort. Am populärsten sicherlich: „Caustic Grip“ aus dem Jahr 1990.

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36 Jahre später stand Bill Leeb und Rhys Fulber der Sinn anscheinend nach einer Zeitreise. Angekündigt wurde ein „Wax Trax Set“ mit Songs aus der Frühphase, rund um den Auftritt beim Leipziger Wave-Gotik-Treffen wurden einige Clubshows drapiert. So auch an diesem Mittwochabend in der Bochumer Traditionslocation Zeche. Zwei Supports waren gebucht, den Anfang machten mit Tension Control absolute Oldschooler. Das Projekt von Michael Schrader steht für puristischste Electronic Body Music, konnte mit „Ahoi Herr Kommandant“ einen dicken Szene-Club-Hit feiern und ist live regelmäßig präsent. FLA-Fans dürften Tension Control ein Begriff sein, Schrader eröffnete bereits vor einigen Jahren die gemeinsame Tour mit Die Krupps.

Trotz allem blieb es zunächst recht leer vor der Bühne. Am Engagement der beiden Herren – live wird Schrader von Vadim Lugosi an Keys und Mikro unterstützt – lag es sicher nicht. Die gingen mit vielen Songs des aktuellen Albums „Freiheit“, das in der ersten Hälfte das Leben in der DDR thematisiert, direkt in die Vollen. Wenngleich Schrader an zwei Stellen den Text vergaß, wofür er sich nach „Ahoi Herr Kommandant“ auch entschuldigte: „Etwas rumpelig heute, das macht die hohe See.“ Nach einigen älteren Stücken wie „Der Panther“ war das Ende nah – und dem Frontmann fiel auf, dass er sich im Zeitplan etwas geirrt hatte. „Hoppla, wir haben einen Song zu viel gespielt. Jetzt müsst Ihr entscheiden: ‚Resistance‘ oder ‚Die Jungs vom Jugendwerkhof‘?“ Die Wahl einiger lautstarker Fans ganz vorne fiel eindeutig auf Letzteres. So ging das Duo nach gut 40 Minuten mit ordentlich Tempo und Schraders Versprechen von der Bühne: „Nächstes Mal machen wir es besser – nee, ich mache es besser. Er (Vadim) war fehlerfrei.“ Kein Problem, Fehler sind menschlich. Und live ist live.

Setlist TENSION CONTROL @ Bochum, Zeche (20.05.2026)
  1. People Made in G.D.R.
  2. Rise Of The Machines
  3. Freiheit
  4. Und keiner geht hin
  5. Der Sheriff
  6. Ahoi Herr Kommandant
  7. Alles läuft nach Plan
  8. Preemptive Obedience
  9. Schöne neue Welt
  10. Der Panther
  11. Die Jungs vom Jugendwerkhof

Es folgte ein Wiedersehen mit einer alten Bekannten – und ein klarer Schnitt. Sowohl musikstilistisch als auch in Sachen Performance geht I Ya Toyah andere Wege. Die mittlerweile nach Chicago – Wax Trax, ick‘ hör dir trapsen – ausgewanderte Polin fühlt sich im Industrial Rock überaus wohl. Ihr aktuelles Album „Drama“ ließ sie von Stabbing-Westward-Mitglied Walter Flakus mischen und produzieren, zweifelsohne eine Wahl mit viel Kredibilität. Mit „I Am The Fire“ von eben jenem Album ging es los. Und Tatsache: Die Frau hat Feuer. Unabhängig davon, dass Ihr Look irgendwo zwischen Goth, Glam Rock und Punk ohnehin schon nahelegt, dass I Ya Toyah nicht unbedingt die introvertierteste Persönlichkeit zu sein scheint. Sie wirft sich auf der Stage umher, posiert für die Fotografen, haut mit einem Schuss Theatralik in die Gitarrensaiten und schießt im späteren Verlauf des Auftritts gar Laserstrahlen aus ihren Handschuhen. „Are you ready to feel something real tonight?“ , fragt sie und erntet zumindest direkt vor der Bühne einige Reaktionen.

Einige Besucher zogen es weiterhin vor, sich das Geschehen aus dem kleinen Sitzplatzblock am anderen Ende des Innenraums anzuschauen und in puncto Reaktionen im Salzsäulen-Modus zu verharren. Das änderte sich auch nicht beim Cover von Depeche Modes allseits bekannten „It’s No Good“ oder dem noch unveröffentlichten „Apology“. Insgesamt lieferte die „One Woman Army“, so steht es auf einem ihrer Shirts geschrieben, eine überzeugende, ansehnliche Bühnenshow und acht Songs, die Fans besagter Stabbing Westward und artverwandter Bands gut gefallen dürften. Aufgepasst: Im August ist I Ya Toyah erneut in Deutschland zu sehen, als Support von KMFDM.

Setlist I YA TOYAH @ Bochum, Zeche (20.05.2026)
  1. I Am The Fire
  2. Vast Spaces
  3. Dream Not To Dream
  4. Feelings
  5. It’s No Good
  6. Apology
  7. Panic Room
  8. Out Of Order

Kurz nach 22 Uhr ging die mittlerweile eingespielte aktuelle Besetzung von Front Line Assembly auf die Bühne. Bill Leeb und Rhys Fulber wurden erneut von Eli van Vegas (Zweite Jugend, Drums) und Joey Blush (Maschinen, auch bekannt unter seinem Künstlernamen Blush Response) unterstützt. Etwas voller war es mittlerweile, aber insgesamt muss man die Auslastung der Zeche an diesem Abend als enttäuschend bezeichnen. Vielleicht kannibalisierte sich die Bochum-Show mit dem geplanten zweiten NRW-Termin wenige Tage später im nur 58 Kilometer entfernten Coesfeld, zudem gab es prominente Konkurrenz durch die erste Deutschland-Show der Kollegen Laibach zum neuen Album „Musick“ in Köln. Für diejenigen, die den Weg in die Zeche fanden, wurden dann aber einige Setlist-Träume war – so man bei FLA denn auf den Alte-Schule-Sound und weniger auf die Metal- oder Dubstep/Breakbeat-Experimente späterer Jahre steht.

Der Start gestaltete sich allerdings holprig. Bill diskutierte nach dem Opener „No Limit“ sichtbar erregt mit dem Techniker, es gab Probleme mit dem Mikrofon. Auch Joey deutete gestenreich an, dass sich in Sachen In-Ear-Klang bei ihm noch etwas ändern sollte. Schnell waren alle Schwierigkeiten beseitigt und auch die Soundqualität vor der Bühne konnte als absolut zufriedenstellend bewertet werden. Nach dem Live-Standard „Resist“ kamen zum Großteil die Songs, auf die nicht wenige Fans im Konzert-Setting teils Jahrzehnte warten mussten. Die letzte Live-Performance von „Big Money“ von der „Gashed Senses & Crossfire“-LP dürfte beispielsweise ins Jahr 1989 zurückzudatieren sein.

Und endlich gab es auch einen Großteil der Brecher von der „Caustic Grip“ auf die Ohren, die nicht den Titel „Resist“ tragen. „Provision“, „Mental Distortion“ und gerade „Iceolate“ sorgten für sichtbare Euphorie bei vielen alten Haudegen im Publikum. Nach ersterem Stück begrüßte Bill das Publikum mit einem „Guten Abend, wie geht’s?“ – zumindest ein paar Brocken Deutsch scheinen bei dem gebürtigen Österreicher, der im Teenager-Alter mit seinen Eltern nach Kanada auswanderte, noch hängengeblieben zu sein. Leeb zeigte sich darüber hinaus in guter Form, textsicher und im Takt – das war in der jüngeren Vergangenheit auch nicht immer der Fall. In die Performance legte der bald 60-Jährige – am 21. September dieses Jahres ist es soweit – richtig viel rein, inklusive manischem Getrommel, das man von FLA-Konzerten eben gewohnt ist. Sorgen musste man sich dagegen fast um Joey machen, der immer wieder auf das nicht ganz standfest wirkende Podest mit seinem Synth kletterte und die Fans „von oben“ anheizte.

Die einzige Enttäuschung des Abends war die Länge des Auftritts. Lediglich eine Zugabe gab es nach ohnehin nur zehn Stücken im Hauptset. Die hatte es immerhin in sich, handelte es sich doch um das Stück „Nothing Stays“ des recht kurzlebigen Projekts Cyberaktif. 1991 veröffentlichten Bill Leeb und die Skinny-Puppy-Mitglieder cEvin Key und Dwayne Goettel das Kollabo-Album „Tenebrae Vision“ auf Wax Trax – das dürften wirklich nur eingefleischteste Fans auf der Rechnung gehabt haben. 2024 belebten Leeb und Key das Projekt übrigens wieder, mit Fulber als Ersatz für den leider schon 1995 verstorbenen Goettel erschien die hörenswerte Platte „eNdgame“. Die Live-Show endete somit nach nur gut 60 Minuten, ein wenig arg kurz. Ein „Overkill“, ein „The Blade“ oder ein „Gun“ hätten der Performance zweifelsohne gut zu Gesicht gestanden.

Wer den Spaß verpasste, erhält im August noch einige Chancen in Deutschland. Das Wax-Trax-Set bringen Front Line Assembly in Leipzig (4.8. Moritzbastei), Berlin (5.8. Gretchen) und beim Mera Luna Festival (8.8. Flugplatz Hildesheim) drei weitere Male auf die Bühne. Und wer weiß schon, für wie lang so manch Klassiker danach wieder aus der Setlist fliegt …

Setlist FRONT LINE ASSEMBLY @ Bochum, Zeche (20.05.2026)
  1. No Limit
  2. Resist
  3. Big Money
  4. Provision
  5. Bio-Mechanic
  6. Digital Tension Dementia
  7. Mental Distortion
  8. Iceolate
  9. Mindphaser
  10. Body Count
  11. Nothing Stays (Z)
Weblinks FRONT LINE ASSEMBLY

Facebook:  www.facebook.com/frontlineassembly/
Website: www.mindphaser.com
Instagram:  www.instagram.com/front.line.assembly.official

Weblinks I YA TOYAH

Website: www.iyatoyah.com
Facebook: www.facebook.com/IYaToyah
Instagram: www.instagram.com/iyatoyah

Weblinks TENSION CONTROL

Website: www.tensioncontrol.de
Facebook: www.facebook.com/tension.control.ebm
Instagram: www.instagram.com/tension.control


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