Interview: PINK TURNS BLUE (MIC JOGWER)

Mic Jogwer
GeschÀtzte Lesezeit: 9 Minute(n)

Nach fĂŒnf Jahren ist es nun soweit, dass Pink Turns Blue mit The AERDT – Untold Stories ihren Nachfolger zu Storm draußen haben. Auf ein Trio reduziert fĂŒhren Sie weiter ihren markanten Post Punk-Stil mit Wave Rock-EinflĂŒssen fort und bieten zehn neue StĂŒcke, auf die sich das Warten gelohnt hat. Wir haben das Album zum Anlass genommen, Mic Jogwer einen Schwung Fragen zu stellen, die sich um das Album, die lange Pause, ausgewĂ€hlte StĂŒcke, aber auch um ihr Publikum, das Genre an sich, eventuelle Live-Shows und mehr drehen. Hier nun die ausfĂŒhrlichen Antworten.

Zwischen dem VorgĂ€nger Storm und dem neuen Album lagen gute fĂŒnf Jahre. Wie kam es, dass es eine so lange Pause wurde?
Kreative Teams sind eine fragile Angelegenheit. Zur Re-Union, also PTB Nr. 2, gab es ein Team von willigen und kreativen Mitstreitern. Neue Ideen und viel Energie. Nach Phoenix und Ghost war Storm schon wieder eher zĂ€h. Deshalb hatte ich mich eigentlich von dem Projekt verabschiedet und praktisch solo ein paar neue Songs geschrieben. HĂ€tte diese sogar als Solo-Projekt herausgebracht. Allerdings stießen dann Ruebi, mein alter Mitstreiter aus den GrĂŒndungstagen, Ljubljana und London, mit frischer Energie dazu und Paul Richter ein junger, energiegeladener Studiodrummer aus Berlin. Wir haben dann mit sehr viel Liebe einen neuen Sound kreiert, der aus unserer Sicht den Kern von Pink Turns Blue, Melancholie, Tiefe, Nahbarkeit ausmacht, aber dennoch zeitgemĂ€ĂŸ und frisch ist.

Pink Turns Blue - The AERDT - Untold StoriesFĂŒr das neue Album habt Ihr das Konzept der Band auf das Wesentliche reduziert. Warum war es Deiner Meinung nach nötig, dies zu tun?
Das ist am Ende eine Geschmacksfrage. Der Trend in unserem Genre Post-Punk ging jetzt einige Jahre hin zu Maschinen, seichtem Wohlklang, Future-Pop. Da gibt es viele schöne Dinge zu hören – aber inzwischen auch viel seichten Einheitsbrei. Es werden Klischees und bestehende Erfolgskonzepte bedient, ohne Mut zum Risiko. Das ist langweilig. Das Gegenteil von Popkultur. Gleichzeitig entstand bei mir die Sehnsucht nach den ursprĂŒnglichen minimalistischen und menschlichen Komponenten. Die sind nahbarer und erzĂ€hlen mit jedem Ton. Klar, es wackelt, ist weniger perfekt, es hilft keine Maschine. Aber es eröffnet eine Beziehung zwischen der fehlenden Perfektion der Band und dem Hörer. Und Pink Turns Blue hat den Mut, diesen Weg zu gehen. Vielleicht auch die Möglichkeit.

Wie hat sich die Reduzierung auf den Sound ausgewirkt?
Pro Musiker ein Instrument, live aufgenommen, so gefĂŒhlvoll und intensiv wie es nur geht. Vom Anfang bis zum Ende. Ohne Reparaturen und Kosmetik. Der eine Effekt ist, es klingt wie eine Band auf der BĂŒhne, man kann sich tatsĂ€chlich die einzelnen Musiker bildlich vorstellen. Der andere Effekt ist die ZugĂ€nglichkeit. Nicht nur zum Song, sondern auch zu den Musikern. Ist natĂŒrlich klar Retro, altmodisch. Aber da Pink Turns Blue schon 1987 ihre erste Post-Punk CD herausgebracht hat, dĂŒrfen wir altmodisch sein. Wichtig war uns, dass es trotzdem zeitgemĂ€ĂŸ klingen soll. Also nicht einfach 80er Jahre Hall und Effekte. Dann klingt es wie eine Joy Division- oder Bauhaus- oder Chameleons- oder Pink Turns Blue 1987-Kopie. Eine platte Genre-Fan-Band. Es sollte modern klingen, so wie die Bands heute klingen, aber trotzdem vom Genre her klar Post-Punk und von der IdentitĂ€t klar Pink Turns Blue sein. Wenn eine Band oder ein Genre stehen bleibt, geht es um Konservierung von Etabliertem. Das widerspricht dem Sinn von KreativitĂ€t, von Popkultur und auch von dem, was Musik so spannend macht.

Wenn man den Sound des neuen Albums betrachtet: Was ist auf dem Album neu und anders gegenĂŒber dem VorgĂ€nger Storm?
Storm war das Ende einer kreativen Gemeinschaft, Untold Stories ist der Anfang eines neuen, frischen Kapitels. Storm war von MĂŒdigkeit ĂŒberlagert, ausgebrannt. Untold Stories hat den Anspruch mitzuhelfen, dem Genre Post-Punk neues Leben einzuhauchen. Ob das gelungen ist, mĂŒssen andere entscheiden. Aber es gibt den Willen, den Anspruch, den Einsatz. Das tut mir als KĂŒnstler schon mal gut. Aufbruch, neue Ufer, frischer Sound, mehr Energie, Risiko.

Schauen wir mal auf den Album-Titel: The AERDT – Untold Stories. Welche Idee steckt dahinter? Was fĂŒr unerzĂ€hlte Geschichten sind es, um die es hier geht?
Pink Turns Blue waren 1991 schon einmal an dem Punkt, wo zwei Leute 99% der Arbeit gemacht haben. Damals zu AERDT in Ljubljana. Die meiste Zeit hatten Janez und ich im Studio verbracht. Und uns war alles egal. Hauptsache es klingt neu, frisch, anders. Interessanterweise hatte ich damals die Roland 909 Drum-Machine und Sequencer fĂŒr mich entdeckt. Da konnte ich dann alles programmieren und musste lediglich meine Geschichten und GefĂŒhle einsingen. Abschied vom etablierten Pink Turns Blue Sound, neues Kapitel. Ich war auch gerade nach London gezogen. Auch hier neues Kapitel. Wenn alles auf einem weißen Blatt Papier neu definiert wird, wenn das Erreichte ĂŒber Bord geworfen wird, wird das Leben wieder frisch und neu erlebt. Der Titel ist eine Referenz zu der Zeit des Neu-Entwurfs damals. Und die IntensitĂ€t der Songs und Geschichten. Die Songs von Untold Stories sind teilweise noch intensiver und dramatischer, noch ehrlicher und weniger verklĂ€rt als damals. Gleichzeitig war es mir wichtig, echte Musiker mit hohem Anspruch an die Musik und IntensitĂ€t zu finden, um wie damals bei If Two Worlds Kiss 100% Menschen einzufangen. FĂŒhlt sich einfach intensiver an.

Ich habe mal ein paar StĂŒcke aus dem Album ausgewĂ€hlt, ĂŒber die ich gerne sprechen wĂŒrde… Eines ist The Clown. Was symbolisiert der Clown fĂŒr Euch?
Das bin ich. Mit 18 habe ich ein Selbstportrait gemalt. Da bin ich als Clown. Der Clown hat etwas Liebenswertes, da er sich um die Stimmung der Menschen kĂŒmmert, vor allem der Kinder. Gleichzeitig hat er das Image, selbst eher ernst und vielleicht sogar weise zu sein, also ĂŒber dem Programm zu stehen.

Mic JogwerEbenfalls interessant ist Tomorrow Never Comes. Was fĂŒr ein Morgen, das niemals kommen wird, ist es, um das es hier geht?
Leider eine sehr traurige Geschichte. Es geht um einen nahen Menschen, der inzwischen an einem Hirntumor gestorben ist. Jemand, dessen geistige Verwirrung ĂŒber zwei Jahre tĂ€glich zunahm. Und ein Lied ĂŒber uns alle. Auf eine besseres Morgen zu hoffen, den Tag nicht zu leben und zu lieben, die wesentlichen Dinge zu verschieben, seinen Traum nicht heute zu leben. Oder gar tĂ€glich davon zu reden, am nĂ€chsten Tag Schluss zu machen, nur um sich selbst zu bemitleiden. Morgen wird alles besser, alles anders. Ein Lied ĂŒber unsere LĂ€cherlichkeit, Selbstmitleid, SelbstĂŒberhöhung.

Gefolgt wird das StĂŒck von NYC Breakdown. Was fĂŒr ein „Breakdown“ ist es, den Ihr hier thematisiert?
Hier geht es um die Welt am seidenen Faden. In New York City kann man es sehr schön erleben. Man hat das GefĂŒhl, dass mehr Energie, mehr Power nicht gehen kann. Es pulsiert, es vibriert. Zeitgeist, Kultur, Nabel der Welt, Wallstreet. Und gleichzeitig hört man andauernd die Sirenen der Krankenwagen. Ohne Unterbrechung werden „gefallene“ Menschen durch die Stadt gekarrt. Das kann man natĂŒrlich ĂŒbertragen. Auf die Selbstherrlichkeit des Fortschrittglaubens und der Politik bei paralleler DauerĂŒberforderung durch Katastrophenalarm. Krisen, Terror, Tote. Ein Film, der immer schneller dreht. Keine Evolution, nur noch Hektik, die Panik verbergen soll.

Ihr beendet das Album mit Devil. WofĂŒr steht der Teufel in dem StĂŒck?
SelbstgefÀlligkeit.

Wenn wir das Album wieder als Ganzes betrachten: Welche Ziele habt Ihr? Wen und/oder was möchtet Ihr mit dem Album erreichen?
Wir wollen den Geist und Anspruch von Post-Punk, nĂ€mlich ein menschliches und authentisches LebensgefĂŒhl in dieser verrĂŒckten Welt, die niemals enden wollende Sehnsucht nach sinnvollem und echtem einen Platz in der heutigen Popkultur geben. NatĂŒrlich nur mit unseren bescheidenen musikalischen Mitteln. Aber Anspruch und RealitĂ€t dĂŒrfen ja ruhig auseinanderklaffen.

Neben dem neuen Album sind auch Eure frĂŒheren Werke remastered worden und neu erschienen. Warum war Euch das wichtig?
Interessanterweise ist der ĂŒberwiegende Teil unserer Fans zwischen 18 und 24 Jahren alt. Viele von ihnen mögen unsere Klassiker, die lange nur auf YouTube in ĂŒbler KlangqualitĂ€t verfĂŒgbar waren. Andere riefen bis zu 200 Euro fĂŒr unsere Klassiker auf. Auch wir haben Freude an vielen unserer alten Lieder. Deshalb haben wir die guten alten StĂŒcke wieder aufgelegt. Die gibt es allerdings nur bei uns direkt. So verhindern wir, dass irgendwelche ZwischenhĂ€ndler die Hand aufhalten.

Wenn man den Bezug zum Gesamtwerk herstellt: Welchen Stellenwert nimmt das neue Album fĂŒr Euch darin ein?
Wie immer ist das letzte Werk das wichtigste. Das sind die Geschichten, denen man am nĂ€chsten ist. Es gibt einzelne Ă€ltere Lieder, die immer wieder eine GĂ€nsehaut erzeugen, da sie eine besondere Kraft und Zeitlosigkeit besitzen. Oder vielleicht einfach gut sind. Die hören und spielen wir natĂŒrlich gerne. Aber als Album, als Gesamtwerk, hat nur das letzte wirklich Bedeutung. Was auch gut ist – obwohl neue Alben es bei eingeschworenen Fans meist schwer haben (frĂŒher war alles besser, dabei ist es nur so, dass wir eine Sympathie fĂŒr Bekanntes haben…) – ein neues Album und neue Songs erreichen neue Hörer. Bei Dirt hatten wir auf Facebook 264.000 Videoviews in 4 Wochen, das hatten wir bei unseren Klassikern in zehn Jahren.

Ihr spielt in diesem Jahr live auf dem Wave Gotik Treffen. Wie wichtig ist das Festival fĂŒr Euch?
Angenehm ist, dass das WGT ziemlich viele internationale GĂ€ste anzieht. Die Fans kommen also zu Dir, Du musst nicht hinfliegen. Auch gut ist, dass es alle Genres beherbergt und nicht nur „die gute alte Zeit“ konserviert. Da gibt es dann auch mal IAMX und nicht immer nur die gleichen Kopien der Kopien.

Wie steht es um weitere Shows? Plant Ihr, auch einige Club-Shows zu spielen?
Das steht noch in den Sternen. Zurzeit haben wir viele Einladungen nach Übersee, da es in Amerika einen Post-Punk Boom zu geben scheint. Also einfache Gitarrenbands scheinen dort on-vogue zu sein? 90% unserer Fans leben in Amerika. In Deutschland sind wir Exoten.

Was wĂŒrdet Ihr sagen, erwartet den Zuschauer, wenn er zu Euren Shows kommt?
Eine Band. Ich denke, dass Pink Turns Blue auf ihrem Level eine OriginalitĂ€t und IntensitĂ€t hat, die man nicht an jeder Ecke bekommt. Zumindest tun wir alles dafĂŒr, das zu bieten.

Pink Turns BlueBei einigen „alteingessenen“ Acts wie den Sisters of Mercy und den Fields Of The Nephilim habe ich jĂŒngst festgestellt, dass das Publikum bei den Shows ĂŒberwiegend aus denen besteht, die schon lange dabei sind, aber kaum neue Hörer dazu kommen. Davon abgeleitet: Ist es fĂŒr Euch ein Anspruch, auch neue Hörer zu gewinnen mit dem neuen Album und den Shows?
Wie gesagt, unsere Fans sind ĂŒberwiegend 18–24 Jahre alt. Mit allen Vor- und Nachteilen. FĂŒr diese sind wir „Originale“, die man sich anguckt, weil man die Musik mag. Wenn sie jemanden „sĂŒĂŸâ€œ finden wollen, gehen sie woanders hin.

Nun ist in der Album-Info die Rede davon, dass Ihr musikalisch und vom Sound in das gegenwĂ€rtige Post Punk Revival passen wĂŒrdet. Empfindet Ihr das auch so?
Zumindest freue ich mich darĂŒber, dass Bands wie The XX, Interpol und Savages groß rauskommen. Und auch darĂŒber, dass kleine Juwelen wie She Past Away, Soviet Soviet und Lebanon Hanover mir super gefallen und außerdem auch noch gut ankommen. Wir haben uns einige Jahre lang ganz schön alleine mit unserem Sound gefĂŒhlt. Es gibt immer mehr junge Bands, die coole Musik mit Gitarren und immer hĂ€ufiger mit vollstĂ€ndiger Band machen und so ziemlich einfach als Band auftreten, ohne erstmal eine „Ich-bin-der-Teufel-ich-komm-dich-holen-Show“ auszuarbeiten und langweilige NachĂ€ff-Mucke abzuspulen. Oder Euro-Trash/Future-Pop mit Schminke, oder Mittelalter-mit-RitterĂŒstung. Irgendwie freue ich darauf, eine einfache Wave-Band mit schwarzen Jeans zu sehen, die einfach gute Mucke macht. Idealerweise mit etwas Neuem im Sound. Dass She Past Away TĂŒrkisch singen, finde ich einfach originell und ansprechend. Und ihren unprĂ€tentiösen Auftritt extrem sympathisch. Mehr davon!!!

Zum Abschluss noch die Frage nach einem Ausblick: Wir haben nun ĂŒber das Album und eventuelle Konzerte gesprochen… Gibt es schon weitere PlĂ€ne fĂŒr die nahe und ferne Zukunft, die Ihr nennen könnt?
Nö, eines nach dem anderen. Generell freuen wir uns jetzt erst einmal darauf, immer mehr Gleichgesinnte auf Festivals zu treffen und dem Genre einen frischen Atem einzuhauchen.

Weblinks PINK TURNS BLUE:

Homepage: www.pinkturnsblue.com
Facebook: www.facebook.com/Pink.Turns.Blue.Official
Twitter: www.twitter.com/PINK_TURNS_BLUE

The AERDT – Untold Stories

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Bilder: Pressefreigabe