MESH im Interview: „The Truth Doesn’t Matter“ und der Blick auf eine Welt die im Wandel ist

Mesh photo Chris Ruiz
Translate this post
Lesedauer: 6 Minuten

Dass die Welt zunehmend freidreht, steht außer Frage. Seit Beginn der 2020er-Jahre verlieren alte Werte und Leitlinien ihre Bedeutung und werden gesellschaftliche Errungenschaften überraschend negiert. Deswegen ist Meshs neuntes Album „The Truth Doesn’t Matter“ nicht nur ein weiteres, wieder einmal perfekt arrangiertes und produziertes Synthie-Pop-Album der Briten geworden, sondern auch ein verklausuliertes Statement zum vorherrschenden Zeitgeist. Natürlich drehen sich die Fragen an Musiker Richard Silverthorn um eben jene beängstigende aktuelle Entwicklungen; wir erfahren aber auch, warum „The Truth Doesn’t Matter“ ganze 16 Songs enthält und wieso Richard der Kategorisierung Meshs als „bestgehütetes Geheimnis Englands“ mit gemischten Gefühlen gegenübersteht.

🔊 Lass Dir den Beitrag vorlesen (KI-Stimme):

„The Truth Doesn’t Matter“ – was für ein Titel in diesen unbeständigen Zeiten. Tatsächlich scheint die Kombination aus KI und sozialen Medien für die Wahrheit geradezu giftig zu sein. Bezieht sich der Titel auf die aktuelle Situation?

Richard Silverthorn: Ja, das tut er in hohem Maße. Das war der Gedanke dahinter. Es ist eine Beobachtung dessen, wie wir als Menschheit kommunizieren. Wir beziehen unsere Informationen und Weltnachrichten aus den unterschiedlichsten Quellen. Die Medien und die sozialen Medien spielen dabei eine große Rolle. Die KI steckt zwar noch in den Kinderschuhen, hat aber alles, was wir sehen und hören, in Frage gestellt. Das ist eine beängstigende Situation. Wir müssen anfangen zu hinterfragen, ob das, was wir sehen, real ist. Wir können es uns nicht leisten, es einfach hinzunehmen. Sobald wir aufhören zu hinterfragen, „spielt die Wahrheit keine Rolle mehr“.

MESH – The Truth Doesn’t Matter

Meines Erachtens ist es das erste Mal, dass Mesh nicht nur ein Album, sondern auch eine (versteckte) politische Stellungnahme veröffentlichen. Ich glaube, dass diese turbulenten Zeiten Künstler fast schon dazu zwingen, politisch Stellung zu beziehen. Siehst du das auch so?

Ja, wenn man in den Medien mit schlechten Nachrichten und schrecklichen Bildern bombardiert wird, fangen wir wohl alle an, uns eine Meinung darüber zu bilden, was wir falsch machen. Es scheint so, als hätten wir in der heutigen Zeit den Verrückten wieder die Kontrolle über die Welt überlassen. Ich persönlich glaube nicht, dass wir jemals eine Band waren, die politische Statements abgibt, aber ein paar Songs auf diesem Album neigen dazu, das Weltgeschehen zu beobachten und diese unbequemen Fragen zu stellen.

Das ist euer erstes Album seit zehn Jahren. Warum hat es so lange gedauert, bis „The Truth Doesn’t Matter“ fertiggestellt war?

Als Band waren wir immer in diesem Kreislauf gefangen: ein Album schreiben, ein Album promoten, Tour, und das Ganze von vorne … Nach „Looking Skyward“ haben wir uns überreden lassen, eine „Retrospective-Tour“ zu machen, bei der wir älteres Material gespielt haben (was eine Menge Arbeit war), und dann kam Covid und brachte die Welt zum Stillstand. Wir waren beide ein bisschen ausgebrannt. Wir brauchten Zeit, um einfach mal darüber nachzudenken, wie weit wir gekommen waren, und Inspiration, um wieder anzufangen. Natürlich hatten wir nie vor, dass es so lange dauern würde, aber es ist einfach irgendwie so gekommen. Um ehrlich zu sein, hat es uns mental und körperlich gutgetan. Ich spüre, dass jetzt wieder Energie in uns steckt.

Das ist nun euer neuntes Album – gab es Momente, in denen ihr das Gefühl hattet, schon alles gesagt zu haben?

Ja, es gibt viele Momente, in denen man sich fragt, ob sich das alles überhaupt lohnt. Es geht nicht unbedingt darum, dass uns die Themen ausgehen, sondern eher um die Branche selbst. Es ist ein sehr hartes Geschäft. Man steckt Herz und Seele in die Musik, aber das Schwierige ist, in dem Meer aus kommerziellem Mist, das da draußen herrscht, überhaupt gehört zu werden. Wir scheinen diesen Slogan „die am meisten unterschätzte Band“ oder „das bestgehütete Geheimnis Großbritanniens“ bekommen zu haben, was zwar sehr schmeichelhaft ist, aber letztendlich auch demoralisierend. Wir lieben, was wir tun, aber die Sache mit der Bekanntheit kann sehr frustrierend sein.

Spürt ihr nach all der Zeit mit so vielen Fans auf der ganzen Welt einen gewissen Druck, das Publikum zu überzeugen?

Ein neues Album zu schreiben und dabei zuversichtlich zu sein, dass man etwas Neues geschaffen hat, ist eine Zeit voller Nervosität. Ich weiß, dass wir eine treue und starke Fangemeinde haben, was hilft, aber man muss trotzdem liefern. Wir nehmen das auf jeden Fall ernst und halten das nicht für selbstverständlich. Wir haben unsere Lehrjahre hinter uns, haben in all den miesen kleinen Clubs gespielt und uns hochgearbeitet, aber wir ruhen uns nie auf unseren Lorbeeren aus. Alles, was wir tun, tun wir nach bestem Wissen und Gewissen, und wir hoffen, dass das rüberkommt. Wir sind auch den Menschen, die uns die Treue gehalten haben, sehr dankbar.

Dieses Album enthält 16 Songs. In Zeiten von Spotify-Playlists und kurzer Aufmerksamkeitsspanne ist das wirklich „veraltet“. Was war für euch der Hauptgrund, diese Veröffentlichung so umfangreich zu gestalten?

Eigentlich wollten wir zwölf Songs für das Album schreiben, aber dann kam von der Plattenfirma die Bitte nach exklusivem Material für ein Deluxe-Album, also haben wir beschlossen, noch ein paar Songs mehr zu schreiben. Das nächste Problem war, zu entscheiden, welche Tracks auf das Album kommen und so weiter. Buchstäblich während wir das Album abmischten, kam uns „Exile“ in den Sinn, das sich sofort als Single hervorhob, was einen weiteren Song auf dem Album bedeutete. Ehe wir uns versahen, hatten wir 16 Songs. Nachdem wir so lange weg waren, ist das vielleicht eine Art Entschädigung (lacht).


Erst mit einem Klick auf das Vorschaubild wird das Video von YouTube eingebunden. Klicke nur, wenn du der Datenschutzerklärung zustimmst.

Obwohl sich das Album auf die aktuelle Situation bezieht, gibt es Songs wie „I Lost A Friend Today“ oder „Hey Stranger“, die sehr persönlich wirken und vom Verlust eines Menschen sowie vom Wiedersehen mit einem alten Freund handeln. Basieren sie auf persönlichen Erfahrungen?

Mark lässt sich für seine Texte von den unterschiedlichsten Quellen inspirieren. Das kann eine reale Erfahrung sein, Fernsehen oder einfach nur allgemeine Beobachtungen. Ich weiß, dass bei „I Lost A Friend“ ein persönliches Ereignis den Text inspiriert hat. Das Schöne an solchen Songs ist, dass wir sie alle auf eine Erfahrung in unserem eigenen Leben beziehen können.

Ich wage zu behaupten, dass Texte wie diese früher nicht so leicht von der Hand gegangen wären, weil die Erfahrung gefehlt hat, oder?

Ja, ganz sicher. Das Leben hält manchmal Überraschungen für uns bereit. Das Schwierige ist, diese Erfahrungen in einem Song rüberzubringen. Wir als Band geben unser Bestes, um eine Emotion oder ein Gefühl einzufangen. Die Texte und die Emotionen, die in der Musik stecken, sind es, die die Menschen ansprechen.

Ihr geht dieses Jahr auch auf Tour. Wie schwierig ist es für euch, die Setlist zusammenzustellen, da ihr so viele Evergreens habt, die das Publikum hören möchte?

Wir sind gerade dabei. Es ist nie einfach, die richtige Balance zu finden, und wir hören immer wieder Leute sagen: „Oh, ich hätte mir gewünscht, ihr hättet diesen oder jenen Song gespielt“, je nach ihren Favoriten. Wir werden versuchen, so viel wie möglich vom neuen Album zu spielen, da es sich um eine Tour zur Promotion dieses Albums handelt, aber wie du sagst, müssen wir trotzdem diese „unverzichtbaren“ Songs spielen, die jeder erwartet. Je mehr Alben man schreibt, desto schwieriger werden die Entscheidungen.

Gibt es einen Song, den ihr jedes Mal spielt, wenn ihr auf der Bühne steht?

Hmm… Wahrscheinlich „Born To Lie“ und „Taken For Granted“, da sie anscheinend die Favoriten des Publikums sind und sich gut zum Mitsingen eignen.

Parallel zum Albumstart steht für Mesh auch die Rückkehr auf die Bühne an. Die „The Truth Doesn’t Matter“-Tour beginnt im April und führt die Band zunächst durch mehrere deutsche Städte, darunter Berlin, Hamburg, Leipzig und Köln, bevor weitere Termine in Europa und Großbritannien folgen. Nach fast neun Jahren ohne neue Studioveröffentlichung und längerer Live-Pause dürfte das Jahr 2026 für Mesh damit zu einem der wichtigsten Kapitel ihrer Karriere werden.

Tourdaten Mesh 2026

02.04.2026 Oberhausen, Kulttempel (ausverkauft)
03.04.2026 Berlin , Huxleys
04.04.2026 Hamburg, Docks
05.04.2026 Leipzig, Felsenkeller
06.04.2026 CZ, Prag, Lucerna Music Bar
08.04.2026 München, Backstage
09.04.2026 Frankfurt, Batschkapp
10.04.2026 Köln, Carlswerk Victoria
11.04.2026 Hannover, Pavillon

Tickets für alle Konzerte außer Oberhausen bekommt ihr hier: The Truth Doesn’t Matter – Pluswelt Tickets

Seit ihrer Gründung im Jahr 1991 gehören Mesh zu den konstantesten und zugleich unterschätzten Größen der elektronischen Alternative-Szene. Das Duo aus Bristol – bestehend aus Sänger und Texter Mark Hockings sowie Komponist und Keyboarder Richard Silverthorn – hat sich über Jahrzehnte hinweg eine treue internationale Fanbasis aufgebaut. Besonders in Deutschland gilt die Band seit Jahren als eine der wichtigsten Stimmen des modernen Synthpop und wird nicht selten als „Britain’s Best Kept Secret“ bezeichnet.

MESH feiern Videopremiere zu „This World“ – dritter Vorbote des Albums „The Truth Doesn’t Matter“ erschienen

MESH verdichten ihr Comeback: „Hey Stranger“ feiert Videopremiere – Album „The Truth Doesn’t Matter“ und Tourstart im März

MESH veröffentlichen „Exile“: Neue Single mit Video eröffnet das Albumjahr 2026

Weblinks MESH:

Webseite: www.mesh.co.uk
Facebook: @meshtheband
Instagram: @mesh.co.uk
YouTube: @meshtheband


Autor


Entdecke mehr von Monkeypress.de

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Translate »