POP-KULTUR – Berlin, Kulturbrauerei (21.-23.08.2019)

Pop-Kultur, ┬ę Christoph Mangler
Geschätzte Lesezeit: 5 Minute(n)

Wir haben einen objektiven Aufbewahrungsort, eine Adresse, ein Schlie├čfach gefunden. Wir sind begeistert, dass andere dasselbe Schlie├čfach benutzen. Wir gr├╝nden mit ihnen eine Bewegung, denn unsere zarten Gef├╝hle sind jetzt ein Politikum…

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├ťber Pop-Musik, Diedrich Diederichsen

Es war unfassbar. Diese Insel des wertsch├Ątzenden Beisammenseins, diese offenherzige und sichere Umgebung f├╝r kulturelle Identit├Ąten aller Art, die Barrierefreiheit und WCs f├╝r alle Geschlechter. Die meisten Performances des feinen Line-ups unterst├╝tzten Geb├Ąrdensprachedolmetscher*innen „Die mit den H├Ąnden tanzen“. Es sind die kleinen Dinge, die man sich f├╝r selbstverst├Ąndlich w├╝nscht und dort passierten, auf dem gro├čen Gel├Ąnde der Berliner Kulturbrauerei, Prenzlauer Berg.

Das Pop-Kultur in Berlin ist zum einen eine Plattform f├╝r Nachwuchs-Musiker*innen, -Produzent*innen, DJs, Videoregisseur*innen, PR-Manager*innen, Journalist*innen und alle, die im weiten Feld der Popkultur aktiv sein wollen, und zum anderen ein Festival, Diskussionsm├Âglichkeit und Treffpunkt f├╝r K├╝nstler*innen verschiedenster Bereiche. Ein gro├čes Vorhaben f├╝r drei Tage:

Nach der entspannten, aber fr├╝hzeitigen Anreise am Mittwoch – man wurde angehalten, sich sp├Ątestens 9.30 Uhr zur Akkreditierung zu melden – t├╝rmte sich das von pers├Ânlichen Erwartungen ma├člos an Gr├Â├če ├╝bertroffene, ehemalige Industriegel├Ąnde und Austragungsort vor mir auf. Die verwinkelten, hohen Backsteinw├Ąnde leuchteten im warmen Sonnenschein, mein Weg zum Kino wirkte offensichtlich. Die Kick-Off Veranstaltung und Er├Âffnung des Nachwuchsprogrammes erfolgte durch die Kuratoren und einem Gespr├Ąch mit Stephen Morris, der seine Erlebnisse mit Joy Division lesend erfahrbar machte: Sein Buch┬áRecord, Play, Pause┬ábewarb er nur am Rande und freute sich vielmehr ├╝ber die Fragen aus dem Publikum der jungen Musikbegeisterten. Er sch├Ątzte Inspiration als Bildung vielmehr als stupides Auswendiglernen, berichtete davon, wie er als schlechtester Gitarrist zum Schlagzeug degradiert wurde und beendete grinsend die Frage danach, wie er seine musikalischen Anf├Ąnge trotz finanzieller M├Ąngel bew├Ąltigte und was er von der gegenw├Ąrtigen Punkszene halte – wegen der Zeitknappheit – mit einem simplen „Punk is great!“. Dann startete schon das krasse Workshop-Programm, bei dem der erste ein unaufgeregt und damit umso authentischerer Austausch ├╝ber Anspr├╝che, Erfahrungswerte und Wirkweisen der Band-Photographie umfasste und von Joe Dilworth┬ábzw. vielmehr┬áseinen visuellen Eindr├╝cken angeleitet wurde. Eine vegane Mittagspause sp├Ąter verlangte mein selbstfestgelegtes Programm, das immer wieder eine Auswahl aus neun zeitgleich stattfindenden und alle spannenden Themen darstellte, den Weg zur├╝ck ins Kino. Zebo Adam referierte ein bisschen ├╝ber seine Arbeit als Musikproduzent, seinen Anspr├╝chen Momente, Gef├╝hle┬áeinzufangen (wie es ihm u.a. mit Bilderbuch gelang) und pl├Ądierte vielmehr mit seinem Wiener Dialekt f├╝r die Liebe zur Musik. Musik erscheine ihm┬áals Energie, deren einzigen, beiden Genres mit Existenzberechtigung „trifft mich“ und „trifft mich nicht“ umschreiben k├Ânnten.

Soweit so warm. Die Pause verging schnell und ich chillte erneut in den flauschigen Kinosesseln, um mich mit der Vielzahl an Interessierten, die den Saal f├╝llten, f├╝r den Film┬áEverybody In The Place: An Incomplete History Of Britain 1984-1992┬ávon Jeremy Deller zu begeistern. Die anschlie├čende Besprechung mit Danielle de Picciotto und Sven von Th├╝len verpasste ich zugunsten des Aufleuchtens im Innenraum des gro├čen Kesselhaus w├Ąhrend des Beginn von┬áDer Ring.┬áDer Titel des┬áPop-Projekts auf Basis Richard Wagners Opus deutete die zu erwartende K├╝rze an und ist ein musikalisches, video-unterst├╝tztes Zusammenwirken von Jens Friebe und der Gruppe 21 Downbeat des RambaZamba Theaters. Liebenswert gaben sie und ihre wundervoll strahlenden und zappelnden Fans in den ersten Reihen sich den Rhythmen und ihrer Spielfreude hin – f├╝r ein Projekt dessen Gesellschaftskritik zwischen den Zeilen reizte. Da zu viel Sch├Ânes passierte, zog das Programm weiter, um die Ecke, zum Palais-Eingang, vor dem sich eine lange Schlange tummelte, sodass der Saal bereits vor Konzertbeginn voll erschien. Im Nebel zwischen den zuckenden Lichtern bauten sich┬áJungst├Âtter┬áauf und zauberten t├Ąnzelnde Melodien, die von den Worten der charismatischen Stimme komplettiert wurden. Im Frannz Club wippten P├Ąrchen gleichm├Ą├čig unter Anleitung eines/einer Tanzkursleitenden, wohingegen im Inneren der Punk abging.┬áVoodoo Beach dr├Âhnen┬áin den aufgeheizten Abend hinein, der mit einer Diskussion unter dem ansprechenden Titel┬áMusik Und Warum Sie So Schei├če Klingt und den ansprechenderen G├Ąsten┬áMax Gruber und Max Rieger unter Moderation von┬áGesine K├╝hne unterhielt. Das Panda-Theater erschien viel zu klein f├╝r die gro├če Flut an einstr├Âmenden Interessierten, die sich am Referieren ├╝ber (allen voran) Metallica, ihrem Budget und ihrer kritisierten Entscheidungen im Musikproduktionsprozess am├╝sierten. Wie┬á gut. Die Nacht des ersten Tages des f├╝nften Berliner Festivals berauscht mit den Beats von Haszcara in der Alten Kantine und der stimmlich gro├čen Performance von Anna Calvi im Kesselhaus. Ausklingend s├Ąuselt Stella Sommer,┬áDie Heiterkeit, im┬áPalais.

Der zweite Festivaltag startete zur selben Zeit und gl├╝cklicherweise mit dem sehr viel k├╝rzeren Weg vom Hotel in Richtung des Kinoeingangs der backsteinernen Location. Der Start in den Tag ist das verschlafene Abholen der Essensmarke und im angeschlossenen Kick-Off-Gespr├Ąch, das deutlich tr├Ąger als zum Vortrag ausfiel.┬áCocoRosie berichteten auf Anfrage von Christian Morin von ihren Inspirationen, gescheiterten Ausbildungen und gelungenen Nischenexplorationen mit dem Anspruch, sich selbst treu zu bleiben. Wenig greifbar obgleich der kryptischen Erl├Ąuterungen der beiden Damen, schwebte es sich etwas g├Ąhnend und mehr nachsinnierend durch die dunklen G├Ąngen mit anhaftenden Popcornduft. Mein Vormittag glitzerte in den Spiegelreflektionen des Sodaclubs.┬áHaszcara┬áund die darum gescharte Gruppe motivierter Nachwuchsprogrammteilnehmenden gaben sich der Rap-Leidenschaft der Anleitenden hin. Begeistert erkl├Ąrte sie in Zeitknappheit was Flow, Rhythmen und Worte darstellen k├Ânnen, was gut wirke und sch├Ân klinge und woher die Reime kommen w├╝rden. Im Anschluss an die ├╝ppige, vegane Mittagspause bewegte es sich durch die Hitze schwerer, aber der Marsch ├╝ber die Dachterrassen des┬áPalais┬áist sch├Ân. Dort erz├Ąhlte┬áKurt „Pyrolator“ Dahlke┬áentspannt und locker wie ‚Hit‘ gehe – von der Idee bis zur Vermarktung ist es ein langer Weg, der den gesamten Nachmittag unterhielt.

Kurze Pause zum Durchatmen und Kaffee schl├╝rfen – der Abend wird lang, das Programm weckte gro├če Erwartungen. Ab ins Kino, in dem vor einem der S├Ąle bereits weitere Gespannte warteten, um an der Konversation und dem vom Deutschlandfunk Kultur beworbenen Gespr├Ąch dar├╝ber, ob ich noch Michael Jackson h├Âren d├╝rfe, und wenn ja, wie das geschehen solle, teilzunehmen. Hartwig Vens und Dirk Schneider sprachen mit Lisa Ludwig und Samira El Ouassil ├╝ber Pop, Ethik und Identit├Ątspolitik, ├╝ber Verantwortung und Umgang mit den Opfern, Herausforderungen und Konsequenz (? Hier nachh├Âren). Die Stunde im ├╝berf├╝llten Raum ging schnell vorbei, die Sonne weiter unter. Ich suchte den Zutritt zum Maschinenhaus, der durch das leere Treppenhaus ├╝ber den Kesselsaal f├╝hrte. Hier schmeichelten sich┬áLittle Annies┬ágro├če Lippen um die Melodien von┬áPaul Wallfisch und Band in die Herzen der zufriedend wippenden und begeisternd rufenden Zuschauenden. Eines meiner Highlights des Festivals, wie sich dort das gro├če Charisma der kleinen Dame pomp├Âse Musik abperformt, im hellen Gegenlicht den Tr├Ąnen nahe schien und soviel Wertsch├Ątzung f├╝r die Publikumseuphorie ├╝brig behielt – mehr Energien passten nicht in die etwa 45-min├╝tige Darbietung. ‚r├╝ber ins Palais, bitte schnell, Taschenkontrolle und ein ├╝berraschend locker gef├╝llter Saal mit nebliger B├╝hne wartete auf den Auftritt von┬áStation 17.┬áDer Bandname, ├╝ber dessen deutsche Aussprache ich mich gern belehren lie├č, bezeichnet eine Hamburger Gruppe und die erste genuin inklusive Band Deutschlands, die ein B├╝ndel guter Laune, Spielfreude und Merchandise bereithielt. Schade, dass die Vielzahl an Programmpunkten so dr├Ąngte, aber mich zog es weiter zu┬áDie Kerzen, die im┬áFrannz Club mit dem Zuh├Ârenden um die Wette schwitzten. Bescheiden bis ironisch kokettiert der S├Ąnger mit seiner Aufregung, die vor den begeisterten Gesichtern im bebenden Zuschauerraum nahezu unbegr├╝ndet erschien. Puh, nur Gutes passierte ├╝berall und in dem kleinen Club, aber mein gewonnener Sitzplatz auf der Empore des Kesselhauses┬ábest├Ątigte mich in meinem positiven Gef├╝hl f├╝r┬áDie Goldenen Zitronen. Dass ihnen ein Bandmitglied fehlte ├╝berspielten die Hamburger Herren mit ihrem Entertainmentdrang – Schorsch h├╝pfte in seiner schillernden Beinbekleidung ├╝ber die B├╝hne, nachdem ein Technikproblem als Fotopose inszeniert werden konnte. Laut zwirbelten die ger├Ąuschhaften T├Âne des S├Ąngers auf den dr├Âhnenden Melodien in die zwingend zappelnden Gliedma├čen. W├Ąhrenddessen rissen Repetitor,┬á├Ąhnlich energiegeladen, aber eine deutlich lautere Band aus Belgrad den kleinen Frannz Club samt dichtgedr├Ąngten Publikumsscharen in die Tiefen treibender Noisepunkwellen. Ehe der Satz „Keine M├╝digkeit vort├Ąuschen“ zu m├╝hselig erscheinen k├Ânnte, watete ich ├╝ber den gepflasterten Hof, vorbei an dem Konzert, was dort vor dem Palais passiert, in die Probeb├╝hne des RambaZamba-Theaters. Das h├Ârt sich klein und unscheinbar an (von Au├čen mag es auch so aussehen), aber darin tummelten sich auf den zwei Bierb├Ąnken und den Holzboden, zwischen den sparsamen, blauen Lichtern Unverst├Ąndnis oder Begeisterung. „An Evening with┬áJauche“┬á– Jauche, das sind Max Rieger (Mitglied von Die Nerven, Produzent von u.a. Drangsal, Ilgen Nur und Jungst├Âtter), Ralv Milberg (Produzent von u.a. Die Nerven) und Thomas Zehnle (Mitglied der Wolf Mountains, Produzent von u.a. Levin Goes Lightly) – lie├č Klangbilder durch die Spontanit├Ąt der Musizierenden formen oder einfach beobachten, was da passierte, wie interagiert, rauchend Regler rotiert wurden oder der dichte Nebel aufstiegen. Der geplante sechsst├╝ndige Auftritt der Gruppe mit dem einpr├Ągsamen Namen, neigte sich langsam dem Ende und ist immernoch sch├Ân. Wieder zur├╝ck im┬áFrannz┬álie├č ich den Abend mit der dynamischen Darbietung der┬áDecibelles┬áausklingen.

Zehn von zehn cleveren Gedanken von Gutgekleideten, die wertsch├Ątzenden Applaus klatschen! Das Pop-Kultur ist ein umfassendes und damit so vielseitig liebenswertes Festival im frischen Berliner Stadtteil, in dem ausschlie├člich sch├Âne Menschen wimmelten – die vielseitige, gro├če Kulturbrauerei als Ort junger Kunst und gro├čer Wertsch├Ątzung. Ich bin gl├╝cklich, inspiriert von soviel Freude und Drang zum Kreativen in den Alltag zur├╝ckgekehrt.

Weblinks POP-KULTUR:

Homepage: www.pop-kultur.berlin
Facebook: www.facebook.com/popkulturberlinfestival
Twitter: twitter.com/popkulturberlin
Instagram: instagram.com/popkulturberlin

Geschrieben von
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