Lesedauer: 6 Minuten
Lesedauer: 6 MinutenDas Wort „Abschiedstour“ fällt nicht, aber der Titel „Trink aus! Wir müssen gehen“ erscheint mir da eindeutig. Das letzte Studioalbum der Toten Hosen ist seit einigen Monaten veröffentlicht, und während mir schon beim Anhören ungewöhnlich viele Tränen rollten, heißt es nun, jeden Live-Ton zu genießen.
🔊 Lass Dir den Beitrag vorlesen (KI-Stimme):
Und so mache ich mich bei herrlichem Wetter auf nach Minden, wo die Band ein Event vorbereitet hat, das mit seinen Gästen wie ein Versprechen auf einen unvergesslichen Abend klingt. Begleitet werden die Düsseldorfer von Buster Shuffle, Thees Uhlmann & Band sowie Sondaschule. Die Parkplatzsituation am Weserufer Kanzlers Weide ist gut organisiert, und der Veranstaltungsort erinnert im positiven Sinne an ein kleines Festivalgelände. Es gibt unterschiedlichste kulinarische Angebote, wirklich tolles Merch, Stände der NGO „Ärzte ohne Grenzen“ und des Vereins „Kein Bock e. V.“. Auch die sanitären Anlagen sind gut auf die Besuchermenge abgestimmt. Und um auch im hinteren Bereich die Auftritte sichtbar zu machen, wurden insgesamt vier LED-Wände aufgestellt. So viel zu den Rahmenbedingungen.
Um 17 Uhr wird Buster Shuffle, die Band um Toten-Hosen-Live-Keyboarder Jet Baker, von Campino angekündigt, die in ihrem 30-minütigen Set Feierlaune unters Publikum bringt. Die Mischung aus Punk, Ska und Rock ’n’ Roll sorgt auch so früh am Abend für die ersten Wellen, die tanzen, klatschen und mitsingen.
Setlist BUSTER SHUFFLE:
- Our Night Out
- Fall to Pieces
- Pill
- Trust a Word
- Masterplan
- Teenage Wedding
- Brothers and Sisters
- Sucker Punch Blues
Weblinks BUSTER SHUFFLE:
Webseite: bustershufflemusic.com/
Facebook: @bustershuffleofficial
Instagram: @bustershuffleofficial
Bandcamp: Bandcamp
YouTube: Buster Shuffle Youtube Channel
Der zweite Gast des Abends – Thees Uhlmann & Band – wird von Andi als Freund und Geschichtenerzähler angekündigt. Die Musiker:innen, die erst vor Kurzem das Zakk in Düsseldorf ausverkauft haben, beginnen ihr Set mit „Danke für die Angst“ vom aktuellen Longplayer „Junkies und Scientologen“. Danach geht es mit „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ zeitlich zurück zum Debütalbum, bevor „Ich sang die ganze Zeit von dir“ in die TOMTE-Jahre zurückführt. „& Jay-Z sing uns ein Lied!“ wird im Anschluss Casper gewidmet, dessen Rap-Part nun Thees übernimmt.
Man merkt, dass es für Thees Uhlmann und die Band ein besonderer Moment ist, als Gast der Toten Hosen vor rund 40.000 Besucher:innen zu spielen. Und so erzählt er in seiner herrlich sympathischen Art, dass Textzeilen wie „Die Nordsee schlägt dir ins Gesicht, und trotzdem hast du verloren“ aus dem Song „Reisefieber“ ihn zum Hosen-Fan gemacht haben. Dass die Toten Hosen nun wiederum seinen Song „Junkies und Scientologen“ gecovert haben, sei natürlich ebenfalls etwas Besonderes. Der Song folgt dann auch prompt.
Bevor mit „Avicii“ das Ende des Sets eingeläutet wird, spricht Uhlmann vorrangig die Männer mit mentalen Problemen an und ruft dazu auf, durchzuhalten, Freunde anzurufen und sich Hilfe zu holen. So wichtige Worte zu einem so wichtigen Thema – Worte, die die Stimmung aber keineswegs herunterziehen. Die Spielfreude der Band, die sich durch den gesamten Auftritt zieht, bleibt ungebrochen.
Und ich kann nur jeder und jedem ans Herz legen, mindestens einmal ein Thees-Uhlmann-Konzert zu besuchen.
Setlist THEES UHLMANN & BAND:
- Danke für die Angst
- Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
- Ich sang die ganze Zeit von dir (TOMTE-Lied)
- & Jay-Z singt uns ein Lied
- Junies und Scientologen
- Avicii
Weblinks THEES UHLMANN:
Webseite: theesuhlmann.de/
Facebook: @theesuhlmannmusik
Instagram: @theesuhlmann
YouTube: Thees Uhlmann Youtube Channel
Obgleich die Stimmung schon bei den Auftritten der ersten beiden Gäste wirklich gut ist, füllt sich die erste Welle zum Auftritt von Sondaschule merklich. Und kaum hat die Band mit dem Opener „Gute Zeiten“ das Motto des Abends vorgegeben, fliegt auch schon Konfetti aus dem Publikum. Es geht weiter mit „Wir bleiben wach“, zu dem ein Kind in der ersten Welle Seifenblasen macht. Sie können beinahe als Symbol für die Party stehen, die sich bis weit auf die Wiesen hinauszieht. Sondaschule hat Bock, das Publikum hat Bock – und das merkt man in jeder Sekunde.
Vor dem letzten Song „Weit, weit weg“ wird des 2021 verstorbenen Daniel „Blubbi“ Junker gedacht. Der Song selbst spendet Mut, dass irgendwann „die größte Scheiße“ vorbeigeht. Spendete die Ansage von Thees Uhlmann vor „Avicii“ schon Mut, so legt Sondaschule mit diesem Lied noch einmal nach.
Kurz nach halb acht ist dann Schluss, und zu den Klängen des „Dirty Dancing“-Soundtracks „(I’ve Had) The Time of My Life“ sieht man viele glückliche Gesichter.
Setlist SONDASCHULE:
- Gute Zeiten
- Wir bleiben wach
- Schöne Grüße vom Meer
- Ich trinke nicht mehr
- Das kann doch mal passieren
- Beverly Hills
- Sex, Kokain und frische Luft
- Ärgerlich
- Auf einen neuen Tag
-
Weit, weit weg
Weblinks SONDASCHULE:
Webseite: sondaschule.de
Facebook: @SondaschuleBand
Instagram: @sondaschule_official
YouTube: SONDASCHULE Youtube Channel
20:14 Uhr – der Ramones-Song „Blitzkrieg Bop“ hat es schon angekündigt – werden die Fahnen mit dem Knochenadler zum vom Publikum gesungenen „You’ll Never Walk Alone“ in der einsetzenden Dämmerung gehisst. Es folgt ein Intro, das visuell einen Streifzug durch vier Hosen-Jahrzehnte zeigt und die erste Wehmut aufkommen lässt. Als die Band die Bühne stürmt und mit „Opel-Gang“ ihr Set beginnt, ist diese aber erst einmal hinweggefegt, und es wird auf Party umgeschaltet. Nach diesem Opener vom 1983er-Debüt folgt mit „Die Show muss weitergehen“ sofort der Sprung in die Gegenwart.
Schon während der ersten beiden Lieder ist das Publikum in Ekstase. Für Erläuterungen über den Ursprung der Kanzlers Weide gönnt Campino den Fans allerdings eine kleine Verschnaufpause, bevor es mit „Auswärtsspiel“ wieder Vollgas weitergeht und das Publikum sich in einem Fahnenmeer wiederfindet. Wer die Energie der Band an diesem Abend spürt, ahnt nicht, dass dem Auftritt in Minden schon rund 20 weitere vorausgingen. Es hätte auch der erste sein können. Es gibt immer wieder kleine Momente, die die besondere Beziehung zwischen Band und Publikum deutlich machen. Und so hängt sich Campino kurzentschlossen während „Altes Fieber“ einen zugeworfenen Schal um, fröhliche Menschen tanzen zu „Ein Mädchen aus Rottweil“ und pogen zu „Liebeslied“.
Obwohl das Konzert natürlich im Zeichen des Feierns steht, findet es auch einen Tag vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt statt. Campino widmet deshalb auch den Menschen ein paar Worte, die sich gegen die AfD zur Wehr setzen, gefolgt von „Was ist mit uns los“. Trotz dieses ernsten Themas kommt der Humor vor dem nächsten Lied aber nicht zu kurz. Bei „Nichts bleibt für die Ewigkeit“, das zum ersten Mal auf dieser Tour gespielt wird, übernimmt Special Guest „Vogi“ – ein Spielzeugvogel – den Mittelpart.
Die Zeitreise geht mit „Steh auf, wenn du am Boden bist“, „Bonnie & Clyde“ sowie „Helden und Diebe“ weiter. Zu letzterem werden die Reihen in rotes Bengalo-Licht getaucht. Das folgende „Was früher einmal war“ macht mir dann doch wieder deutlich, wo wir uns in der Geschichte der Band befinden: im Schlussakt.
Und wenn ich bei diesem Song – und nicht nur bei diesem – an Bilder der Jahrzehnte denke, in denen ich die Band schon höre, schäme ich mich der Emotionalität, die dieser Song bei mir auslöst, nicht. Und ich wage zu behaupten: Vielen im Publikum geht es ähnlich. Zum Trauern bleibt aber keine Zeit, denn nach dem darauffolgenden „Alles aus Liebe“ geht es mit „Pushed Again“, „Wünsch dir was“ und „Hier kommt Alex“ zwar in der Diskografie wieder nach hinten, stimmungsmäßig aber energiegeladen nach vorne.
Die erste Zugabe: „Achterbahn“ vom Album „Auf dem Kreuzzug ins Glück“ lässt die Fans in absolute Euphorie ausbrechen. Und auch die weiteren Songs können überzeugen: Nach dem ruhigen „Alles wird vorübergehen“, zu dem die Kanzlers Weide in Feuerzeug- und Smartphonelichter getaucht wird, vollenden „Halbstark“ und „Tage wie diese“ den ersten Zugabenblock.
„Wie viele Jahre“ eröffnet den zweiten. Bevor es weitergeht, gedenkt Campino einer Band aus Berlin, und zu „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte bricht erneut zu Recht Ekstase aus. „Schönen Gruß, auf Wiederseh’n“ beendet den zweiten Zugabenteil. Aber von Abschied noch keine Spur.
Der dritte und letzte Zugabenblock hat es noch einmal in sich. Die Feier auf der Bühne und im Publikum geht mit „Eisgekühlter Bommerlunder“ weiter, bevor nach „Freunde“ und „Zehn kleine Jägermeister“ mit „You’ll Never Walk Alone“ das Konzert unaufhaltsam auf sein Ende zusteuert.
Zum Outro „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros, das von Campino mitgesungen wird, verlassen die Besucher:innen nach und nach das Gelände. Sie wirken sichtlich glücklich.
Die Toten Hosen gehören seit meiner Kindheit zu meinen Lieblingsbands, und jedes Konzert ist für mich etwas Besonderes. Aber auch objektiv lässt sich feststellen, dass Campino, Kuddel, Vom, Breiti und Andi eine der besten Livebands bilden. Und so bin ich dankbar, die Band auf dieser Tour zum dritten Mal erlebt haben zu dürfen.
Und das bittere Tour-Ende ist noch nicht erreicht, denn auch 2027 geht es weiter… zum Glück!
Setlist DIE TOTEN HOSEN
- Blitzkrieg Bop (Ramones) [Intro 1]
- You’ll Never Walk Alone (Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II – a capella vom Publikum) [Intro 2]
- Opel-Gang
- Die Show muss weitergehen
- Wir waren nie weg
- Auswärtsspiel
- Du lebst nur einmal (vorher)
- Laune der Natur
- Paradies
- Nur nach vorn
- Altes Fieber
- Das Mädchen aus Rottweil
- Wannsee
- Liebeslied
- Was ist mit uns los
- Alles was war
- Nichts bleibt für die Ewigkeit
- Steh auf, wenn du am Boden bist
- Bonnie & Clyde
- Helden und Diebe
- Was früher einmal war
- Alles aus Liebe
- Pushed Again
- Wünsch DIR was
- Hier kommt Alex
- Achterbahn [Z]
- Alles wird vorübergehen [Z]
- Halbstark [The Yankees-Cover] [Z]
- Tage wie diese [Z]
- Wie viele Jahre (Hasta la muerte) [ZZ]
- Schrei nach Liebe [Die Ärzte-Cover] [ZZ]
- Schönen Gruß, auf Wiederseh’n [ZZ]
- Eisgekühlter Bommerlunder [ZZZ]
- Freunde [ZZZ]
- Zehn kleine Jägermeister [ZZZ]
- You’ll Never Walk Alone [Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II-Cover] [ZZZ]
- Ich liebe das Leben (Vicky Leandros) [Outro, mitgesungen von Campino und dem Publikum]
Weblinks DIE TOTEN HOSEN:
Webseite: www.dietotenhosen.de/
Facebook: @dietotenhosen
Instagram: @dietotenhosen_official
YouTube: @dietotenhosen_official
Alle Konzertfotos © Bastian Bochinski
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