Interview: SCHATTENMANN

Schattenmann © Sandro Griesbach
Geschätzte Lesezeit: 9 Minute(n)

Pyroshow um 11 Uhr morgens? Im Hause Schattenmann gar kein Problem. Überhaupt hatte sich beim diesjĂ€hrigen Sonntag des M’era Luna Festivals bereits zu frĂŒher Stunde ein beachtliches Publikum versammelt, um den NDH-KlĂ€ngen von Schattenmann zu lauschen und deren gelungene BĂŒhnenshow zu begutachten. Wir haben die Gelegenheit ergriffen, uns nach der Show am Nachmittag einmal mit Frank Herzig, dem SĂ€nger und Mastermind der Band zusammenzusetzen und ĂŒber den Auftritt, das aktuelle Album und seine Themen, kommende Shows und vieles mehr zu sprechen.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Der Auftritt liegt jetzt schon ein paar Stunden zurĂŒck. Wie hast Du ihn empfunden?
Es war einfach nur der Wahnsinn. Die Stimmung, die Leute, die Energie und das um elf Uhr morgens. Unfassbar. Wir haben nicht mit einer derartig guten Stimmung und derart positiven Reaktionen gerechnet.

Welchen Stellenwert hat dieser Auftritt fĂŒr Euch? Ihr habt Euch ja erst vor ca. zwei Jahren ĂŒberhaupt gegrĂŒndet und das ist hier eines der grĂ¶ĂŸten Festivals der Szene.
Das Festival an sich war fĂŒr uns – schon als die Buchung kam – der Ritterschlag. Ein lang gehegter Traum der Band ging dadurch in ErfĂŒllung. Dementsprechend hoch ist auch fĂŒr uns der Stellenwert des Konzerts und des M’era Lunas generell. Ein ganz tolles Erlebnis und ein ganz tolles Festival. Ich hatte ja die große Ehre, mit Stahlmann schon mal hier gewesen zu sein und jetzt mit Schattenmann ist das noch einmal mehr besonders.

Du warst mit Stahlmann hier, jetzt bist Du selber der Frontmann. Wie hat sich der Unterschied angefĂŒhlt?
Es hat beides einen Ă€hnlichen Charakter. Man steht erst einmal auf dieser BĂŒhne, was an sich schon toll ist. TatsĂ€chlich is es aber so: Wenn man als SĂ€nger mit den Leuten agiert und auch verbal seine Message in den Songs rĂŒber bringt, ist das noch einmal etwas ganz anderes. Ich empfinde das als etwas nackter vorm Publikum, etwas intimer. Man hat kein Instrument, hinter dem man sich verstecken kann. Das ist schon eine tolle Erfahrung. Ich möchte das SĂ€nger-Dasein nicht missen.

Ihr hattet ja auch noch eine Autogrammstunde hinterher. Hast Du da auch direkt Feedback zur Show bekommen? Ich habe nur die lange Schlange selbst nach einer halben Stunde noch gesehen…
Ja, ich war auch total baff. Die Leute waren total aus dem HĂ€uschen und begeistert. Es kam total positiver Zuspruch, weil Schattenmann ja auch ein Thema ist. Wir haben in den Clubs durch unsere UV-Show und die besondere Lichtshow unser Markenzeichen, da haben sich viele gefragt: „Was passiert denn jetzt bei Tageslicht? Was passiert um 11 Uhr morgens auf dem M’era Luna? Gibt es eine andere Show? Gibt es eine Ă€hnliche Show? Gibt es die gleiche Show? Funktioniert die dann auch?“ Ich glaube, wir konnten ziemlich viele Leute positiv ĂŒberraschen mit dem, was wir uns einfallen lassen haben. Es sorgte generell fĂŒr gute Resonanzen.

Wie bereitet man so eine Show vor? Es sind nur 20 Minuten, es ist 11 Uhr morgens, Du weiß nicht: Wer ist wegen Dir da? Wer ist nur neugierig?
Wir haben uns ĂŒberlegt: Worauf haben wir Bock? Welche Songs wollen wir gerne spielen? Was glauben wir, was gut in 20 Minuten passt? Man möchte natĂŒrlich auch in 20 Minuten eine große Bandbreite prĂ€sentieren. Das stellt einen als KĂŒnstler vor eine immense Herausforderung, zu sagen: „Wir haben zwölf Titel auf dem DebĂŒt, welche spielen wir jetzt davon in diesen knappen 20 Minuten?“ Das war nicht einfach. Als die Setlist stand, haben wir uns Gedanken um die Show gemacht und haben die mit dem Team durchgesprochen. TatsĂ€chlich kannst Du so eine Show nur trocken ĂŒben. Du kannst nirgendwo Flammen, Funken und Explosionen zĂŒnden, das funktioniert nicht. Da war die Crew wirklich top, es hat super funktioniert und es lief bis auf ein paar Kleinigkeiten alles so, wie wir es abgesprochen hatten.

Schattenmann © Sandro Griesbach

Was waren das fĂŒr Kleinigkeiten?
Zum Beispiel, dass ich den Schalter von der KettensÀge erst einmal nicht gefunden habe und ein paar Sekunden zu spÀt war. Aber ich glaube, das hat keiner gemerkt.

Nee, generell waren die Augen ĂŒberhaupt erst einmal auf die KettensĂ€ge groß.
So kleine Timing-Geschichten passieren dan schon noch, aber das hat man immer. Die perfekte Show gibt’s ja nicht. Das wĂ€re ja auch schade, dann wĂ€re der ganze Live-Charakter dahin.

Ich glaube, der einzige Vorteil der frĂŒhen Show war zumindest, dass Ihr alle Zeit der Welt fĂŒr den Soundcheck hattet.
Nein, tatsĂ€chlich nicht. Ganz im Gegenteil. Der Headliner baut ja immer schon vorher auf und wir hatten wie jede andere Band anderthalb Stunden vor dem Konzert die Möglichkeit, unser Material aufzubauen. Bis um 09:40 Uhr durften wir auf die BĂŒhne schieben, um 10:00 Uhr wurde das Infield eröffnet. Da hatten wir schon das GlĂŒck, dass wir einen Song mal kurz so zwei Minuten anspielen durften. Das ist der einzige Vorteil, aber ansonsten ist das gleiches Recht fĂŒr alle, da mĂŒssen alle durch. Da muss man einfach flitzen.

Ihr seid aktuell ja auch nach wie vor unterwegs, um das Album zu promoten. Ich hoffe, Du  bist noch nicht mĂŒde, darĂŒber zu sprechen…
Nein, um Gottes Willen. Das ist ja noch jung. Es ist ja gerade einmal fĂŒnf Monate alt.

Es hat den Titel Licht an. WĂŒrdest Du sagen, dass das ein programmatischer Titel ist, weil es eben das DebĂŒt ist?
Ja, tatsĂ€chlich. Es kommt so ein bisschen natĂŒrlich auch vom Song Licht an, der stellvertretend fĂŒr unsere UV-Show ist. Das Licht geht an, das Licht geht aus und unsere eigentliche UV-Zeichnung in dem Schattenmann-typischen NeongrĂŒn wird sichtbar. Da ist dieser Titel natĂŒrlich dafĂŒr prĂ€destiniert, Schattenmann darzustellen. Einmal bei Tag, bei Licht an, und einmal im Verborgenen, im Dunkeln, bei Licht aus. Und auch, um zu sagen: Das ist der Titelsong des Albums, den gab es ja auch als Video und als Single. Wir fanden das Thema „Schattenmann ist da! Spot on, Licht an, hier sind wir, das ist unser DebĂŒt“ auch sehr pragmatisch und passend.

Ich habe mir das Album vor dem Interview natĂŒrlich auch angehört. Ich finde, es sind sehr viele verschiedene Thematiken, die darauf angesprochen werden. Wo nimmt Du die Themen her? Was inspiriert Dich dazu?
Das ist immer ganz unterschiedlicher Natur. Es sind, wenn man es global sieht, Dinge, die uns bewegen, die auch mich bewegen. Seien es zwischenmenschliche Beziehungen, wovon zum Beispiel AMOK handelt oder Brennendes Eis, das von verlorener Liebe oder alter Jugendliebe handelt… Was dann vielleicht auch wieder aufflammt, SehnsĂŒchte, die man gerne stillt. Die Reise, persönlich endlich anzukommen, wovon Gekentert handelt – die Person zu finden, an der man dann auch kentern kann. Also ganz viele Alltagsdinge. Auch in Generation Sex, das ist eine absolut kritische Nummer, auch eine sehr provokative Nummer. Das sind Themen, die aus dem Alltag kommen.

Du hast das Provokative jetzt schon erwĂ€hnt. Du meintest, K wĂ€re eher auf einer zwischenmenschlichen Ebene. Ich selbst musste an den Amoklauf in MĂŒnchen vor anderthalb Jahren denken…
Nein, um Gottes Willen. So ist AMOK nicht gemeint. AMOK ist eigentlich ein Hilferuf. Der Refrain handelt ja davon: „Ich laufe AMOK! Halt mich auf, halt mich fest, wenn es in mir explodiert.“ Also bevor es eskaliert, das ist der Tenor des Refrains. Es geht um das innere Sich-Aufheizen, Sich-Aufregen, das innere Amok-Laufen. Davon handelt es, dass jeder Freunde und Menschen in seinem Leben braucht, die einen auffangen, wenn man in einer verqueren oder fĂŒr sich selbst desaströsen Lage ist. Es ist ein Hilferuf. Die Thematik geht genau in die andere Richtung.

Schattenmann © Sandro Griesbach

Es wurde natĂŒrlich ein reißerischer Titel gewĂ€hlt zu einem Thema, auf das die Menschen sensibilisiert sind.
Richtig. Aber das ist ja auch das Schöne an dem Titel, dass ich denke: Du machst die Menschen wach. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die eben keinen zum Reden haben, die eine starke Schulter brĂ€uchten. Davon handelt dieser Titel. Vielleicht wĂ€ren viele Dinge dann auch gar nicht so weit gekommen, wie sie gekommen sind. Das weiß man nie. Ich verurteile das natĂŒrlich zutiefst, das geht  gar nicht. Keine Frage, dass ich mich von sowas grundsĂ€tzlich distanziere. Deswegen aber auch der Song, weil ich der Meinung bin: Leute, hört Euch doch mal alle ein bisschen zu. Seid fĂŒreinander da, seid nett, dann kann man vieles von vornherein auch deeskalieren.

Du hast auch schon Generation Sex erwÀhnt. Warum war es Dir wichtig, so einen Titel zu machen?
Ich glaube, wir verrohen in der Gesellschaft ein StĂŒckchen. Wenn man zurĂŒckguckt in Zeiten, in denen ich auch groß geworden bin, was es da an Möglichkeiten gab… Heutzutage ist alles sofort greifbar, klickbar, wir haben einen wahnsinnigen Informations- und Datenfluss in der gesamten Gesellschaft. Ich glaube, dadurch stumpfen wir ein bisschen ab. Generation Sex hat einen sehr provokanten Text, der das Abstumpfen und Verrohen der Gesellschaft darlegt. Und ich glaube auch, dass dadurch, dass beispielsweise Pornographie fĂŒr alle leicht zu greifen ist, auch fĂŒr junge Heranwachsende, die ihre Erfahrungen machen – denen wird etwas vorgelebt, was sie gar nicht mehr selber erfahren und erspĂŒren können. Der Song soll ein bisschen wachrĂŒtteln.

Meinst Du schon, dass sich das in den letzten Jahren gewandelt hat? Ich denke manchmal, dass die Menschen frĂŒher auch versaut drauf waren, nur dass es halt heute jeder auf Facebook postet…
Ja, das meine ich damit. Das ist natĂŒrlich auch richtig, aber dieses Abgestumpfte merkt man finde ich schon. Ich finde, auch gerade der Umgang mit SexualitĂ€t und dem Ganzen… Durch meinen Job als Gitarrenlehrer, den ich neben der TĂ€tigkeit mit Schattenmann noch zwei Tage die Woche ausĂŒbe, kriege ich das mit. Ich bin ja unmittelbar an der Teenager-Generation dran und sage es ganz salopp: Wenn die Kids sich unterhalten und man ein bisschen an deren Leben teilhat… Die erzĂ€hlen mal was, kommen auch mal zum Konzert – man hat Kontakt, das ist als Musiklehrer ein ganz cooles VerhĂ€ltnis und nicht so ein typisches SchulverhĂ€ltnis. Da hat man auch das GefĂŒhl, dass die Kids durch diese Greifbarkeit und die Medien unter einem gewissen Leistungsdruck stehen. Immer verfĂŒgbar, immer erreichbar, alles muss schnell gehen, alles muss der Superlativ sein. Ich habe noch mehr Likes auf meinem Foto, ich bin noch besser, ich will das GrĂ¶ĂŸte, das Schönste, das Tollste, das Schnellste. Das ist eine Endlos-Spirale. Im Endeffekt ĂŒbersetzt Generation Sex genau das. Eben auch in dieser abschreckenden, provokanten, auch ĂŒberzogenen Sprache.

Das ist denke ich ein Thema, das sich auch auf andere Lebensbereiche beziehen lÀsst.
Sicher, absolut.

Schattenmann © Sandro Griesbach

Ich sehe es selbst, wenn ich S-Bahn fahre und dann eine Vierergruppe einsteigt, bei der alle nur auf ihr Smartphone starren.
Ganz genau!

Ein anderer Titel auf dem Album ist Krieger des Lichts. Wer sind diese Krieger des Lichts? Was machen Sie?
Krieger des Lichts sind Leute, die mit reinem Gewissen und gutem Herzen fĂŒreinander einstehen. Krieger des Lichts sind Menschen eines ganz besonderen Schlages. Wir krönen auch live immer einen Krieger des Lichts, indem wir einen aus dem Publikum rausholen, der dann auf der BĂŒhne zum Krieger des Lichts geschlagen wird. NatĂŒrlich: Schattenmann, Krieger des Lichts… Das passt super. Meine Überzeugung und die Intention dabei, das zu schreiben, war: „Hey Leute, es ist manchmal nicht einfach, aber steht doch fĂŒreinander ein. Ihr seid die Krieger des Lichts. Hört drauf, was Euer Herz Euch sagt und handelt auch nach dem. Seid fair, steht fĂŒreinander ein, kĂ€mpft fĂŒr Eure Ideale.“

Auch Gekentert ist mir aufgefallen. Erstmal das StĂŒck an sich, aber auch, dass es zweimal auf dem Album zu finden ist. Einmal die normale Version, dazu die Akustik-Version. Warum war es Dir wichtig, diese zweite Version mit auf dem Album zu haben?
Die zweite Version entstand als erstes visuelles und akustisches Lebenszeichen von Schattenmann. Da gibt es auch ein schönes Self-made-akustik-Video dazu, das wir Weihnachten 2016 rausgebracht haben. Es war Weihnachten, wir haben uns ĂŒberlegt, was zu machen und wollten der Zeit angemessen etwas Akustisches machen. Dann kam mir Gekentert in den Sinn. Ich fand das Arrangement schön und dachte mir, warum wir das Ding nicht auf mit aufs Album nehmen. UrsprĂŒnglich war das nur fĂŒr das Video gedacht, aber der Song hat so eine unglaubliche Kraft, die sich auch in der langsamen Version geil anfĂŒhlt. Er hat zwei wunderschöne Seiten, deswegen gibt es ihn auch auf zwei Art und Weisen auf dem Album.

Das Album ist jetzt schon einige Monate draußen. Wie hast Du die Resonanzen darauf empfunden?
Musik ist Kunst und ĂŒber Kunst lĂ€sst sich bekanntlich streiten. Du hast Leute, die finden es total toll, Du hast Leute, die finden es okay und Du hast Leute, die sagen „okay, ist nicht meins“. Das muss aber auch so sein, denn nur dadurch wird unsere Welt bunt. Das finde ich schön. Viele verschiedene GeschmĂ€cker ergeben am Ende eine schöne bunte Welt. Ich bin mit den Reaktionen durchweg… Ich möchte nicht sagen zufrieden, das klingt irgendwie doof… Ich bin ĂŒberrascht ĂŒber soviel positiven Zuspruch. Lass es mich so formulieren. Und was mich jedes Mal wieder begeistert und wirklich auch berĂŒhrt ist, wenn Leute (die ich teilweise vorher noch nie irgendwo gesehen habe) die Songs mitsingen, weil ich damit was in den Menschen bewegt habe, dass sie sich damit identifizieren und wenn die Leute kommen und sagen, dass sie den Song toll finden. Oder, wie es kĂŒrzlich war, wenn jemand sagt, dass man ihm mit einem Song echt geholfen hat, der sagt „ey, mir ging es echt scheiße, ich hab die Nummer gehört und mir ging es gleich ein StĂŒckchen besser.“ So etwas bewegt mich. Das sind die Reaktionen, die mich sehr stolz machen, die uns als Band unfassbar glĂŒcklich machen und fĂŒr die sich dann dieser ganze Aufwand lohnt, weil es immer noch darum geht, Musik zu machen und den Leuten Freude zu bereiten.

Ist mir heute auch aufgefallen, dass da sehr textsichere Leute mit dabei waren.
Absolut. Und ich war wieder ĂŒberrascht!

Das war es fast mit meinen Fragen. Wir haben ĂŒber das Album geredet, ĂŒber das Festival… Wie geht es denn weiter? Was sind die PlĂ€ne fĂŒr die nahe und ferne Zukunft?
Wir sind schon wieder fleißig dabei, Songs zu schreiben. Wir sind dabei, Ideen zu sammeln und fĂŒr das nĂ€chste Album zu musizieren. Jetzt steht auch noch live die Tour als Support fĂŒr Feuerschwanz an. In Oberhausen haben wir am 27.10. unsere zweite Headliner-Show im Kulttempel. NĂ€chstes Jahr wird es dann noch einmal richtig sportlich und ernst fĂŒr uns: Wir gehen Mitte Februar bis Ende MĂ€rz auf Headliner-Tour in allen grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten. Und ja, wir gucken mal, was dabei rumkommt. Ich wĂŒrde mich auf jeden Fall freuen, wenn Ihr da draußen alle vorbeikommt!

Weblinks SCHATTENMANN:

Homepage: www.schattenmann.net
Facebook: www.facebook.com/schattenmannband
Twitter: www.twitter.com/_schattenmann_

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Fotos: PLAN B

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