White Lies – Ritual

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White Lies – Ritual


In Musikerkreisen gilt das zweite Album stets als das Schwerste und wenn eine Band dann auch noch beim DebĂŒt direkt einen Meilenstein hingelegt hat, gilt dies natĂŒrlich umso mehr. Diesem Gedanken folgend standen die White Lies geradezu vor einer unlösbaren Aufgabe, denn ihr DebĂŒt „To Lose My Life“ war nahezu perfekt: Eine tolle Stimme, druckvolle Melodien voller GefĂŒhl und ein Abwechslungsreichtum wie man ihn nur selten hört; vor allem nicht bei einem Erstlingswerk. Die Songs waren interessant verschachtelt und es war schon beachtlich, wie die vier Jungs aus dem Londoner Stadtteil Ealing es schafften, jeweils so viele Ideen in einen einzigen Song zu verpacken.

Nun also naht der Tag der Wahrheit, denn mit „Ritual“ steht der Nachfolger in den Startlöchern und natĂŒrlich sind die Erwartungen entsprechend hoch. Sollte der Name des ersten Vorboten, die Vorabsingle „Bigger Than Us“, etwa Sinnbild fĂŒr die eigenen Zweifel der Band sein? ZwangslĂ€ufig beschĂ€ftigt man sich als Rezensent vorab mit der Frage, ob die Band wohl auf Nummer Sicher ging und versuchen wĂŒrde ein „To Lose My Life – Part 2“ zu veröffentlichen, oder ob ihnen bewusst war, dass dieses Feld bereits vollstĂ€ndig ausgeschlachtet war und daher einen komplett anderen Weg gehen wĂŒrde. Interessanterweise ist „Ritual“ weder das eine, noch das andere geworden. Die White Lies folgen hier einigen neuen Nebenstraßen, schauen mal bei einer Tanzveranstaltung vorbei um kurz danach wieder andĂ€chtig einem Trauermarsch zu folgen. Und so entwickelt sich „Ritual“ zu einem Album, das sich vom DebĂŒt unterscheidet, ohne dessen EinflĂŒsse komplett zu leugnen. Wieder hat man einige Breaks in die Songs eingebaut, diese jedoch etwas zurĂŒckhaltender gesetzt und leider auch weitestgehend auf „Songs innerhalb der Songs“ verzichtet, wie es zum Beispiel bei „The Price Of Love“ auf dem DebĂŒt noch der Fall war. Trotzdem sind die neuen Songs weiterhin abwechslungsreich, aber der jeweilige Songbeginn gibt nun klarer den weiteren Verlauf des Tracks vor. Auch klingen die Songs nicht mehr ganz so groß, episch und atmosphĂ€risch wie beim vor Pathos nur so strotzenden VorgĂ€nger. Der Sound erscheint auch dank der Hilfe von Produzent Alan Moulder (Nine Inch Nails, Smashing Pumpkins, U2) etwas enger gestrickt und festgezurrt, ohne jedoch diesen Pathos und alle anderen bekannten StĂ€rken der NotlĂŒgen komplett einzubĂŒĂŸen. Und natĂŒrlich hilft es der Band auch, dass SĂ€nger Harry McVeigh eine Stimme mit enorm hohem Wiedererkennungswert besitzt. Schauen wir also mal was sich so getan hat


Beschwörend klingen sie, die DrumschlĂ€ge die den ersten Song „Is Love“ und damit das neue Album einleiten. Der Song erscheint perfekt gewĂ€hlt um die BrĂŒcke zwischen Alt und Neu zu schlagen. Ein fast schon pathetisch-bombastischer Beginn der sich im weiteren Verlauf zu einem Madchester-Ravesong der Marke Happy Mondays oder Primal Scream entwickelt und die Neugierde des Hörers weiter anregt. Den positiven ersten Eindruck kann auch das nachfolgende „Strangers“ bestĂ€tigen, in dem es um Rituale rein körperlicher Beziehungen geht und welcher in der Aussage "and there’s nothing stranger than to love someone" mĂŒndet. Als nĂ€chstes ist die Vorabsingle „Bigger Than Us“ an der Reihe. Dieser Song ist ein Popsong klassischer PrĂ€gung und geradezu prĂ€destiniert die Charts zu stĂŒrmen. Er erinnert noch am meisten an den Bombast des VorgĂ€ngers, der sich besonders im Refrain entlĂ€dt. Etwas weiter in die Vergangenheit geht es mit „Peace & Quiet“, bei dem sich die Londoner von den Siebziger und Achtziger Jahren beeinflusst zeigen. Den heiligen Geist der frĂŒheren Werke Alan Moulders atmet „Holy Ghost“ in den effektvoll eingesetzten Gitarren, die sich immer weiter aufbauen und die anderen Instrumente zum Ende hin immer weiter in den Hintergrund verdrĂ€ngen, bis alles in sich zusammenbricht. Da wirkt der wabbernde Sound von „Turn The Bells“ fast schon als Wiederauferstehung. Geschickt wird die so gestiftete Unruhe mit getragen Ă€therischen Sounds verwoben und lĂ€sst den Hörer so zwischen unbehaglicher NervositĂ€t und melancholischem TrĂ€umen hin- und herschwanken. Richtig elektronisch geht es hingegen bei „The Power & The Glory“ zu, das merklich von organischen Soundexperimenten eines TrentemĂžller beeinflusst wurde und das Repertoire der White Lies um eine völlig neue Facette erweitert. In AnsĂ€tzen gilt das auch fĂŒr das nachfolgende „Bad Love“, das minimalistisch dĂŒster beginnt und in einen Pathos getrĂ€nkten Refrain und der Aussage „If I’m guilty of aything, it’s loving you too much“ ufert. Der Ausklang des Rituals ist mit „Come Down“ einem weiteren etwas ruhigeren Song vorbehalten. Die minimalistischen Backingsounds geben Harry McVeighs Stimme eine letzte große BĂŒhne zum Scheinen, nicht aber ohne beim Refrain durch mehrstimmigen Gesang fast schon chorales GospelgefĂŒhl aufkommen zu lassen. Das Album endet mit den deprimierenden Zeilen „And I’ll never be good enough for you or for me, I’ve buried my pride, I’ve buried my key”.

GlĂŒcklicherweise ist mein Eindruck vom neuen Album deutlich positiver als diese letzte Textzeile. Die White Lies haben mit „Ritual“ fast alles richtig gemacht. Auch wenn es in meinen Augen (wie erwartet) nicht ganz an die Brillanz eines Meisterwerks wie „To Lose My Life“ heranreicht, ist es doch ein wĂŒrdiger Nachfolger geworden, der viele StĂ€rken des DebĂŒts konservieren konnte und diese in einem weitestgehend neuen Gewand prĂ€sentiert. Sie zeigen sich durchaus experimentierfreudig und gehen so dem Vorwurf eines eigenen Plagiats von vorneherein aus dem Weg. Schon jetzt bin ich neugierig, wie die neuen Songs live klingen werden. Davon wird man sich natĂŒrlich auch in KĂŒrze ein Bild machen können, wenn die Band ab Ende Februar fĂŒr einige Konzerte nach Deutschland kommt.

Tracklist:
01. Is Love
02. Strangers
03. Streetlights
04. Bigger Than Us
05. Peace & Quiet
06. Holy Ghost
07. Turn the Bells
08. The Power & The Glory
09. Bad Love
10. Come Down

Autor: Michael Gamon

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