MACHINE HEAD – Köln, Palladium (08.05.2026)

Machine Head © Sandro Griesbach
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Lesedauer: 12 Minuten

An einem lauen Frühlingsabend bot sich in Köln-Mülheim ein herrlich eigenwilliges Bild. Während im Carlswerk Victoria Lord of the Lost ihre Fans versammelten, strömten die Besucher für Machine Head ins restlos ausverkaufte Palladium. Metalheads und Gothics prägten das Straßenbild, dazwischen ein buntes Familienfest an der Kletterhalle – Kinderlachen traf auf schwarze Bandshirts und schwere Boots. Genau diese Gegensätze verliehen dem Abend bereits vor Konzertbeginn eine besondere Stimmung. Am Straßenrand wurde am geöffneten Kofferraum noch rasch das lange Haar gebürstet, letzte Strähnen zurechtgelegt, ehe es hinein ging zu „An Evening With Machine Head“.

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Das Publikum war größtenteils männlich vertreten – durchaus gemischt, insgesamt jedoch eher mittleren Alters. Wallende Mähnen dominierten das Bild derart konsequent, dass findige Firmen ihre Haarpflegeprodukte vermutlich direkt vor Ort hätten vermarkten können. Und womöglich dürften auch einige Physiotherapeuten nach diesem Abend gut ausgelastet gewesen sein. Die entscheidende Frage blieb jedoch zunächst offen: Wie würde Köln an diesem Abend reagieren? Mit angezogener Handbremse, vereinzelten Pits und routiniertem Mitnicken – oder doch mit jener entfesselten Hingabe, für die Machine Head seit Jahrzehnten den perfekten Soundtrack liefern?

Auffällig waren zudem die im Vergleich zu früheren Tourstationen gesunkenen Merchpreise. Während in Hamburg noch rund 50 Euro für ein Shirt und 100 Euro für eine Shirtjacke aufgerufen wurden, lagen die Preise in Köln spürbar darunter. Dazu kam eine überraschend angenehm kuratierte Playlist aus den Boxen, die die Wartezeit bis zum Beginn mühelos überbrückte. Anderthalb Stunden zwischen Einlass und Showstart vergingen beinahe beiläufig. Unterstützt wurde das nicht zuletzt durch das Konzept des Abends selbst: Machine Head verzichteten bewusst auf Supportacts – ein Schritt, der sich angesichts der üppigen Konzertlänge letztlich durchaus als kluge Entscheidung erweisen sollte.

Seit über drei Jahrzehnten stehen Machine Head für eine Form von Metal, die nie bloß auf Härte reduziert werden konnte. Zwischen Thrash, Groove Metal und hymnischen Momenten entwickelte die Band um Robb Flynn eine Handschrift, die Aggression ebenso zulässt wie Verletzlichkeit. Noch bevor die Band selbst die Bühne betrat, gehörte der Saal bereits der Musik. Zu „Bohemian Rhapsody“ von Queen stimmten die Metalheads lautstark und erstaunlich innig mit ein. Mit jeder Sekunde verdichtete sich die Spannung spürbar, ehe donnernde „Machine! Fucking! Head!“-Rufe durch die Location hallten.

Und dann: „Imperium“. Bereits die ersten Klänge des Openers lösten gewaltigen Jubel aus. Kein vorsichtiges Herantasten, kein Warm-up – die US-Amerikaner eröffneten den Abend unmittelbar mit monumentaler Wucht. Gewaltige Feuerschübe schossen empor, während Matt Alston auf sein opulentes, erhöht positioniertes Drumset eindrosch. Zeitgleich postierten sich Robb Flynn, Wacław „Vogg“ Kiełtyka und Jared MacEachern Seite an Seite auf ihren Machine-Head-Teppichen, wie bereit zum Angriff. Hinter ihnen erwachte die riesige LED-Wand mit aufwendig gestalteten Visuals zum Leben.

Die Reaktion der Menge ließ keine Sekunde auf sich warten. Noch bevor sich der Song entfaltete, setzte bereits das erste wilde Gerangel ein. Körper prallten aufeinander, Haare flogen durch die Luft, erste Circle Pits formierten sich beinahe instinktiv. Mit erhobenem Mittelfinger begrüßte Robb schmunzelnd seine Crowd: „Put your middle finger in the air!“ Kurz darauf folgte bereits die nächste Kampfansage: „Scream for me, Germany! Are you ready to lose your fucking mind for Machine Head?“ Die Antwort kam unmittelbar. „Circle pit!“ Und Köln lieferte!

„Welcome to ,An Evening With Machine Head’, Cologne. I want to see your fists in the motherfucking air!“ Unzählige Hände schnellten empor, begleitet von lautstarken „Hey! Hey!“-Rufen, die rhythmisch durch das Palladium schallten. Passend zu „Ten Ton Hammer“ tauchte die Bühne in tiefrote Farbtöne ein. Der Song selbst wirkte wie eine tonnenschwere Groove-Walze: stumpf, drückend, kompromisslos nach vorne marschierend. Gerade dieses langsame, massive Momentum macht den Track bis heute so wirkungsvoll. Mitten im Geschehen entdeckte Robb einen riesigen aufblasbaren Hammer in der Menge. Sichtlich amüsiert deutete er lachend darauf, während um ihn herum weiter Haare durch die Luft flogen und sich die ersten Reihen immer tiefer in die rohe Wucht des Songs hineinarbeiteten.

„I tell you what. Do you crazy motherfuckers want a fast one?“ Robb grinste kurz, ließ den Jubel anschwellen und schüttelte gespielt unzufrieden den Kopf. „Nein, nein, nein. I said Cologne – are you ready? This is ,Chøke Øn The Ashes Øf Yøur Hate’. Let’s go!“ Und plötzlich zog das Tempo massiv an. Der Track entfaltete jene aggressive Direktheit, die Machine Head in ihrer modernen Phase so stark macht: wütende Riffs, peitschende Geschwindigkeit und ein Refrain, der wie ein kollektiver Befreiungsschlag funktioniert. Flynn pushte die Stimmung weiter nach oben. „I want to take the energy way, way up. When I say jump, I need every motherfucker in here jumping up to that ceiling. Are you ready?“ Druck und Geschwindigkeit schraubten sich immer weiter empor, bis sich die aufgestaute Energie mitten in der Crowd explosionsartig entlud. Körper drängten in sämtliche Richtungen, Menschen prallten gegeneinander, wurden weitergetragen, fingen sich gegenseitig wieder auf. Zeitgleich loderten gewaltige Feueranimationen über die LED-Wand und rahmten die ohnehin aufgeheizte Szenerie ideal ein. Als Robb schließlich das Kommando gab, setzte sich die komplette Halle synchron in Bewegung.

Klatschend wurde „Now We Die“ empfangen. Überhaupt fiel an diesem Abend besonders auf, wie intensiv der Fronter mit seinem Publikum arbeitete. Immer wieder suchte er gezielt einzelne Gesichter in der Menge, zeigte auf Fans, warf ihnen kleine Gesten oder kurze Bemerkungen zu. Keine distanzierte Rockstar-Attitüde, sondern das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein – einer Gemeinschaft, in der man selbst mitten im Chaos niemals untergeht. Gerade „Now We Die“ lebt von genau diesem Kontrast. Der Song verbindet hymnische Melodik mit einer fast trotzigen Entschlossenheit. Selbst in seiner Dunkelheit schwingt etwas Aufbäumendes mit – ein „Jetzt erst recht“, das live eine enorme Wucht entwickelt. Nach einem ausgedehnten Gitarrensolo folgte ein ruhiger Moment, der mich mitten im Tumult vollkommen erwischte. Voller Leidenschaft sang Robb seine Zeilen, beinahe verletzlich wirkend, ehe die nächste Eskalation erneut mit voller Breitseite einschlug. Wow!

„To all the beer drinkers on a Friday night: Prost, motherfuckers! We’re taking you back to ,The Burning Red’. This is ,The Blood, The Sweat, The Tears’.“ Spätestens jetzt wurde deutlich, dass dieser Abend weit mehr war als bloßer Abriss. Zwischen all den Crowdsurfern, die sich seit dem Opener pausenlos über die Menge schieben ließen, entstand ein bemerkenswertes Bild von Gemeinschaft. Vom Teenager bis weit über das typische Konzertalter hinaus schien hier jede Generation vertreten zu sein – grob geschätzt irgendwo zwischen 15 und 65 Jahren. Und genau das verlieh der Atmosphäre etwas Besonderes. Niemand wirkte fehl am Platz. Es ging nicht darum, cool auszusehen sondern die Musik vollends zu genießen und sich fallen zu lassen. Mut zur Hingabe, mitten im Chaos. „The Blood, The Sweat, The Tears“ passte perfekt in diesen Moment. Der Song trägt jene rohe, kämpferische Emotionalität in sich, die Machine Head Ende der Neunziger so stark prägte. Kein glattpolierter Metal-Hit, sondern ein Stück über Durchhaltewillen, Narben und Zusammenhalt. Gerade live entwickelte der Refrain eine beinahe trotzige Wärme.

Nach und nach wurde die Stimmung sogar noch emotionaler. Robb nahm sich einen Moment Zeit, blickte warmherzig in die Menge und sprach mit bemerkenswerter Aufrichtigkeit: „I’m gonna take a minute to thank every single person in this room for spending this Friday night with Machine Head. You are amazing, Cologne. As many times in this place, when we feel lost, there’s gonna be times when you feel alone. And I need you to look around because there are thousands and thousands of people who felt exactly the same way that can lift you all out of here. ,Is There Anybody Out There?’“ Kaum erklangen die ersten Töne, verwandelte sich das Palladium in einen gewaltigen Metal-Chor. Nebelsäulen schossen empor, während auf den Leinwänden die Lyrics vor einer wehenden Deutschlandfahne erschienen. Inhaltlich kreist der Song um Isolation, innere Leere und die verzweifelte Suche nach Verbindung – um dieses Gefühl, mit den eigenen Gedanken allein festzustecken. Gerade deshalb schlugen die zentralen Zeilen live so massiv ein. Tausende Stimmen brüllten sie gemeinsam in die Halle, nicht resigniert, sondern fast wie eine gegenseitige Versicherung: Du bist eben nicht allein.

Mit „Clenching The Fists Of Dissent“ schlug die Stimmung endgültig in blanke Eskalation um. Bereits die Visuals verliehen dem Song eine beinahe apokalyptische Wucht: Rot glühende Screens zeigten zahllose Schädel am Boden, darüber schritt ein königliches Skelett majestätisch voran. In seiner Hand hielt es einen Rahmen mit der spiegelverkehrten Aufschrift „The mirror which flatters not“ – eine direkte Referenz auf das ikonische Cover von „The Blackening“. Das Artwork steht sinnbildlich für eine unbequeme Wahrheit: einen Spiegel, der nicht schmeichelt, sondern die hässlichen Seiten von Macht, Krieg, Gier und Menschlichkeit offenlegt. Genau diese Grundstimmung durchzieht auch „Clenching The Fists Of Dissent“. Der Song selbst wirkt wie ein musikalischer Aufstand. Inhaltlich kreist er um politische Manipulation, gesellschaftliche Spaltung und das Gefühl, von Machtstrukturen zermalmt zu werden. Dabei geht es nicht um stillen Protest, sondern um Widerstand – um den Moment, in dem sich aufgestaute Wut Bahn bricht. Gerade live entfaltete der Track eine ungeheure Intensität. Bockschnell raste die Band durch die komplexen Parts, während die Nummer gleichzeitig eine düstere Schwere behielt. Der Song wirkte böse. Richtig böse. Und unfassbar fett.

Mitten im Chaos kletterte ein Fan ein Stück an einer der Säulen empor, nur um sich von dort aus in die Menge fallen zu lassen – kein ungefährliches Unterfangen. Überhaupt hatten die Securities an diesem Abend einen schweißtreibenden Job. Wobei das Wort „schweißtreibend“ ohnehin kaum noch ausreichte, um die Zustände im Palladium zu beschreiben. Nach und nach verschwanden einzelne Shirts und verschwitzte Oberkörper prallten vergnügt gegeneinander. Bemerkenswert blieb dabei vor allem eines: Niemand schien auch nur ansatzweise an eine Verschnaufpause zu denken. Im Fotograben wurde unermüdlich Wasser an die ersten Reihen verteilt, um Dehydrierungen vorzubeugen. Trotz aller Härte lag zugleich etwas Fürsorgliches über diesem wilden Durcheinander. Man achtete aufeinander. Musste sich jemand bücken, um einen Schuh wieder zuzubinden, bildete sich sofort ein schützender Kreis um die Person, ehe das Chaos weiterrollte. Genau darin zeigte sich erneut diese besondere Form von Gemeinschaft, die an diesem Abend überall greifbar war.

Und Robb Flynn hatte an diesem Abend offenbar alles im Blick. „We’ve got some loud motherfuckers here in Cologne. God damn! Motherfuckers climbing the poles and shit. Fuck yes, man. And wherever you are with that ,Ten Ton Hammer’ – I love you, man. You’re crushing it. We don’t care what song we play next.“ Kurzerhand überließ die Band daraufhin der Menge die Entscheidung zwischen „Blood For Blood“ und „Aesthetic Of Hate“. Bereits die ersten Reaktionen machten deutlich, wohin die Reise gehen würde, ehe letztlich der etwas lautere Jubel für „Aesthetic Of Hate“ den Ausschlag gab. Der Song trägt bis heute eine besondere Schärfe in sich. Entstanden als Reaktion auf den öffentlichen Hass und die Anfeindungen nach dem Mord an Dimebag Darrell, bündelt der Track rohe Wut, Trotz und kompromisslose Gegenwehr in einer Weise, die selbst innerhalb des ohnehin aggressiven Machine-Head-Kosmos heraussticht. Live wirkte „Aesthetic Of Hate“ wie ein kollektiver Befreiungsschlag. Die Riffs fraßen sich gnadenlos durch die Halle, während Wacław und Robb Rücken an Rücken spielten und sichtbar jeden einzelnen Moment dieses Abends aufsogen. Beide strahlten förmlich – als würde genau dieses Chaos vor ihnen die Band selbst antreiben.

Doch Machine Head wären nicht Machine Head, würden sie die Intensität danach einfach abbrechen lassen. „I hope you feel like dancing tonight, everybody. I want to see some moves in that circle pit right now.“ Mit erstaunlich galanten Tanzbewegungen deutete Robb selbst an, wohin die Reise nun gehen sollte. Und „Old“ ließ ohnehin kaum eine andere Wahl. Der Groove des Songs entwickelte sofort eine beinahe unwiderstehliche Dynamik. Zwischen all den harten Riffs schwang etwas Bewegliches, Mitreißendes mit, das die Crowd weiter durch die Halle trieb. Die Hitze der Feuerschübe ließ die ohnehin längst geröteten Gesichter zusätzlich glühen, während sich der Circle Pit erneut öffnete und die Menge ausgelassen weiterwirbelte.

Nach all der aufgestauten Wucht schlug der Abend plötzlich eine völlig andere Richtung ein. Robb erzählte ausführlich davon, wie während der Pandemie gemeinsam mit Jared MacEachern das Format „Acoustic Happy Hour“ entstand. Regelmäßig gingen die beiden auf YouTube live, tranken Bier, spielten Coversongs – und begannen irgendwann damit, selbst Machine-Head-Stücke akustisch neu zu interpretieren. Daraus entwickelte sich schließlich die Idee, erstmals in über dreißig Jahren Bandgeschichte einen festen Acoustic-Part in die Liveshow einzubauen. Besonders wichtig schien Flynn dabei jedoch die Bedeutung von „Darkness Within“ zu sein. Offen sprach er über Depressionen, dunkle Phasen und darüber, welche rettende Kraft Musik besitzen kann. Nicht seine eigene Musik, wie er ausdrücklich betonte, sondern die Songs anderer Bands hätten ihn einst aus schweren Momenten herausgezogen. Genau davon erzählt auch „Darkness Within“: von innerer Zerrissenheit, Hoffnungslosigkeit – und zugleich von jener kleinen Flamme, die Musik selbst in den dunkelsten Zeiten entzünden kann.

Noch bewegender wurde es, als Robb erklärte, er habe sich beim Schreiben eines bestimmten Songparts immer vorgestellt, wie eines Tages eine komplette Halle diese Zeilen gemeinsam mit ihm singen würde. Dann richtete er den Blick direkt ins Publikum: Milliardäre würden uns nicht retten. Politiker ebenfalls nicht. „It’s gonna be you and me who save us. It’s you and me, Cologne.“ Schließlich bat er die Menge darum, die Handylichter einzuschalten und sie in die Höhe zu halten, falls noch ein wenig Licht in ihnen brenne. Und dann stand er dort mit seiner Akustikgitarre neben Jared im Scheinwerferlicht. Im gesamten Palladium mischten sich unzählige Handylichter unter die Stimmen der Fans. Nach all den Pits, Crowdsurfern und Feuerstürmen entstand ein Moment beinahe zerbrechlicher Ruhe. Tausende Menschen sangen gemeinsam die Zeilen des Songs, während Robb sichtbar berührt in die Menge blickte. „That’s exactly what I imagined, Cologne!“ Ein besonderer Augenblick. Einer jener seltenen Konzertmomente, die sich für kurze Zeit größer anfühlen als die Musik selbst.

„Put your hands way up to the sky for ,Øutsider’!“ Der Song entwickelte sofort jene eingängige Dynamik, die sich mühelos in den Köpfen festsetzt. Zwischen schweren Riffs und hymnischer Melodik schwang ein rebellischer Unterton mit – das Gefühl, bewusst außerhalb gesellschaftlicher Erwartungen zu stehen und genau darin Stärke zu finden. „Are you going to hell with Machine Head tonight?“ rief Robb grinsend in die Menge. „I wanna see everyone down – put also those crowdsurfers down.“ Erstaunlicherweise funktionierte es sogar. Selbst die Crowdsurfer wurden von den Händen der Menge kontrolliert nach unten befördert, während sich die Crowd duckte. Faszinierend war dabei vor allem, mit welcher Selbstverständlichkeit die Fans die Surfer wieder in die Höhe stemmten. Doch ob man an diesem Abend tatsächlich „zur Hölle“ fuhr, erschien zunehmend fraglich. Dafür lag zu viel Wärme in der Luft. Immer wieder fielen sich Freunde beseelt in die Arme, sangen gemeinsam jede Zeile mit oder grinsten sich völlig verschwitzt an. Gerade darin lag eine der schönsten Besonderheiten dieses Konzerts: Trotz aller Härte wirkte die Atmosphäre jederzeit geprägt von einem erstaunlich offenen Gemeinschaftsgefühl.

Als schließlich „Locust“ einsetzte, brandete sofort gewaltiger Jubel auf. Die Visuals gehörten dabei zweifellos zu den eindrucksvollsten des gesamten Abends. Die Bühne tauchte in intensive Grüntöne, während auf den Leinwänden zwei goldene, beinahe göttlich wirkende Kreaturen einander gegenüberstanden. Aus ihren geöffneten Mündern wirbelten schwarze Flitterpartikel durch die Szenerie und verliehen dem Ganzen eine fast apokalyptische Schönheit. Inhaltlich kreist „Locust“ um Verlust, Zerstörung und das Gefühl, von etwas Unaufhaltsamem verschlungen zu werden – wie von einer Heuschreckenplage, die alles kahlfrisst und nichts zurücklässt. Gerade deshalb wirkt der Song trotz seiner Größe nie triumphierend, sondern eher melancholisch und erhaben zugleich. Und dann diese Gitarrenmelodie. Hymnisch, sehnsüchtig und von einer Intensität, die einen beinahe überwältigte. Ein Moment zum Niederknien.

„I wanna hear you now!“ Sofort hallte ein lautstarkes „Oh-oh-oh-oh“ durch das Palladium, ehe „Bønescraper“ seine volle Wirkung entfaltete. Überraschenderweise breitete sich dabei fast so etwas wie eine gar bezaubernde Stimmung aus. Der Song vereinte diese perfekte Mischung aus Stärke und Eingängigkeit, die Machine Head aktuell so mühelos beherrschen. Zwischen massiven Riffs und hymnischer Melodie entstand ein Sog, dem sich kaum jemand entziehen konnte. Doch lange blieb es nicht bei dieser beinahe getragenen Euphorie. Robb forderte eine mächtige Wall of Death – und Köln zögerte keine Sekunde. Bis zum FOH wich die Menge auseinander, blickte sich mit aufgeregt an, ehe die Fronten mit voller Wucht ineinander krachten. Körper wirbelten durcheinander, Menschen wurden spielerisch mitgerissen, wieder aufgefangen und weitergetragen. Zeitgleich schoss Goldregen am Bühnenrand hinauf und verlieh dem kompletten Geschehen eine fast feierliche Intensität. Für einen Augenblick wirkte diese völlige Eskalation beinahe majestätisch – ein absoluter Herzens-Moment.

Tonnenschwere Riffs kündigten schließlich „Bulldozer“ an und lösten unmittelbar das nächste Chaos vor der Bühne aus. Der Song walzte mit brachialer Direktheit durch das Palladium – roh, drückend und wie gemacht dafür, sämtliche letzte Energiereserven freizusetzen. „Do we have some oldschool motherfuckers here tonight?“ Die ersten Riffs ihres Megahits „From This Day“ setzten ein katapultierten uns schlagartig zurück ins Jahr 1999. Gerade dieser Song besitzt bis heute eine besondere Kraft. Zwischen Groove Metal, Nu-Metal-Einflüssen und hymnischer Eingängigkeit erzählt der Track von Schmerz, Selbstzweifeln und dem Willen, sich dennoch wieder aufzurichten. Zeilen wie „Time to see, believe this in me / This pain that I feel deep inside“ wurden voller Leidenschaft mitgesungen, während die Endorphine endgültig kickten.

Mit „Davidian“ folgte der nächste absolute Brecher. Robb wirbelte ein Shirt über seinem Kopf umher, stachelte die Menge immer weiter an und brüllte ihr entgegen: „Lose your fucking minds tonight!“ Der Circle Pit drehte sich unerbittlich weiter und riss zunehmend mehr Menschen mit sich. Gewaltige Drums hämmerten durch die Halle, Schlachtrufe brandeten auf, Fäuste reckten sich in die Luft, während sich vor der Bühne ein einziges brodelndes Knäuel aus Bewegung und Euphorie bildete.

Nach diesem Abriss verließen Machine Head zunächst die Bühne – doch das Palladium dachte gar nicht daran, die Band bereits ziehen zu lassen. Lautstarke „Machine! Fucking! Head!“-Rufe hallten minutenlang durch die Halle und lockten schließlich Robb und Matt zurück auf die Bühne. Völlig unerwartet stimmten die beiden plötzlich „Sweet Dreams (Are Made Of This)“ an und sorgten damit erneut für begeisterte Reaktionen. „Holy shit, my friends. Dankeschön.“ Sichtlich beeindruckt blickte der Fronter in die Menge. „How are we doing, friends? You guys have made us feel so goddamn good tonight. This is our last night in Germany. You have set the bar so goddamn high, you know? Even crowdsurfers, when there’s no music playing.“ Lachend schüttelte er den Kopf, ehe er den finalen Höhepunkt ankündigte: „We’re gonna take you back to an album called ,The Blackening’. If you got a little bit of energy left in you, I need you to give us everything that you got. This song is called ,Halo’.“

„Halo“ entwickelte noch einmal jene monumentale Größe, die „The Blackening“ einst zu einem Meilenstein machte. Der Song lebt von seinem Wechselspiel aus Aggression und epischer Melodik, aus innerem Kampf und beinahe spiritueller Erhabenheit. Gerade live entfaltet sich daraus eine überwältigende Dynamik. Trotz fast zweieinhalb Stunden voller Eskalation schien die Menge noch immer unermüdlich weiterzutoben. Unzählige Crowdsurfer bahnten sich ein letztes Mal ihren Weg in die sicheren Arme der Securities. Überall flogen Haare durch die Luft, Becher segelten umher, Fans schrien jede Zeile mit voller Hingabe in die Halle. Dann setzte das finale Solo ein. Rötlich ausgeleuchtete Kirchenfenster erschienen auf den Screens und verliehen dem Schlussbild etwas Feierliches, ehe Goldregen ein letztes Mal aufstieg. Robb konnte seine Begeisterung kaum noch zurückhalten. „Fuck yes! Oh my fucking God! You were incredible. We love you!“

Natürlich durfte auch ein gemeinsames Abschiedsfoto nicht fehlen. „Lift the ladies up on the shoulders and lift your motherfucking metal horns in the sky!“ Zum Abschied formte Robb schließlich ein Herz mit den Händen, ehe dieser gewaltige Konzertabend nach satten zwei Stunden und vierzig Minuten sein Ende fand.

Was für ein „Evening With Machine Head“. Das musste sich tatsächlich erstmal setzen.

Und selbst draußen lebte dieser Abend noch weiter. Noch bevor manche Besucher überhaupt ins Auto stiegen, wurden auf offener Straße verschwitzte Shirts gegen frisch erworbene Machine-Head-Merchandise getauscht. Ein kleines, herrlich passendes Schlussbild – und zugleich der wohl eindeutigste Beweis für einen vollkommen triumphalen Siegeszug von Machine Head durch Köln.

Setlist MACHINE HEAD – Köln, Palladium (08.05.2026):
  1. Imperium
  2. Ten Ton Hammer
  3. Chøke Øn The Ashes Øf Yøur Hate
  4. Now We Die
  5. The Blood, The Sweat, The Tears
  6. Is There Anybody Out There?
  7. The Rage To Overcome
  8. Unhalløwed
  9. Take My Scars
  10. Clenching The Fists Of Dissent
  11. Aesthetic Of Hate
  12. Game Over
  13. Old
  14. Darkness Within (Acoustic)
  15. Catharsis
  16. Øutsider
  17. Locust
  18. Bønescaper
  19. Bulldozer
  20. From This Day
  21. Davidian
  22. Sweet Dreams (Are Made Of This) Snippet (Z)
  23. Halo (Z)
Weblinks MACHINE HEAD:

Webseite: www.machinehead1.com
Facebook: @MachineHead
Instagram: @machine_head


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