Lesedauer: 5 Minuten
Lesedauer: 5 MinutenMit „Swarm.ING_“ veröffentlichen Glasswaves nach „fvck.me.up“ und „doomed:2:DIE“ den dritten Vorboten ihres kommenden Debütalbums „(while)True“, das am 23. Oktober 2026 via SharpTone Records erscheint. Doch was das Trio aus Rochester, New York, mit seinem ersten Langspieler erschafft, reicht weit über eine Sammlung neuer Songs hinaus. Noah Rich (Gesang), Owen Miller (Gitarre) und Brendan Curtis (Bass) haben eine eigene fiktive Welt entworfen, in der sich Sci-Fi-Horror mit sehr realen menschlichen Ängsten, Abhängigkeiten und Abgründen verbindet.
🔊 Lass Dir den Beitrag vorlesen (KI-Stimme):
Im Mittelpunkt von „(while)True“ steht das fiktive Medizintechnikunternehmen Liminal-Neuro. Unter dem Vorwand, Trauma, Sucht und Obsession besser verstehen und behandeln zu können, führt es psychologische Experimente an verschiedenen Probanden durch. Dabei kommt eine experimentelle Substanz namens „Neuro Veil“ zum Einsatz, während das Unternehmen mit der Manipulation von Träumen experimentiert. Doch die Versuche verlaufen nicht wie geplant. Statt der erhofften Kontrolle erscheint eine geheimnisvolle weibliche Entität: The Veil. Sie nimmt die intimsten Wünsche ihrer Opfer auf, manipuliert sie und bringt schließlich deren dunkelste Seiten zum Vorschein.
Was nach der Handlung einer düsteren Sci-Fi-Horror-Serie klingt, bildet den erzählerischen Rahmen für das gesamte Debüt. Dabei dient die fiktive Geschichte als Projektionsfläche für die Frage, welche unsichtbaren Kräfte unsere Wahrnehmung und unser Denken beeinflussen. „Swarm.ING_“ führt nun mitten hinein in diesen Kosmos – allerdings zunächst nicht über das große Ganze, sondern über einen sehr persönlichen Kontrollverlust.

Elektronische Sounds ziehen sich durch den Track, während Gitarren und Noah Richs Stimme erstaunlich gefasst bleiben. Dabei ist längst etwas ins Wanken geraten. Albträume, Blackouts und der eigene Schatten, der das Ich verschlingt, bestimmen die ersten Zeilen. Doch statt unmittelbar zu eskalieren, hält der Song die Bedrohung unter der Oberfläche.
Erst bei der Zeile „I fear I’m changing“ verändert sich die Dynamik spürbar. Noahs Stimme tritt deutlicher hervor, bevor aus der Erkenntnis eine beinahe verzweifelte Bitte wird: „Keep part of me alive“. Das „alive“ schreit er heraus, als müsse genau dieser verbliebene Teil seiner selbst gegen etwas ankämpfen, das längst begonnen hat, sich in ihm auszubreiten.
Im Refrain wirken die Vocals stärker verfremdet und schaffen eine eigentümliche Distanz. „Keep me conscious / Hold me close“ wird zum wiederkehrenden Versuch, Bewusstsein und Halt nicht vollständig zu verlieren. Danach zieht sich „Swarm.ING_“ zunächst wieder zurück. Die zweite Strophe greift die kontrolliertere Stimmung des Beginns auf, ehe „And I won’t let go“ für einen kurzen sphärischen Moment den Raum öffnet.
Dann bekommt das Unbehagen eine Gestalt.
„Keep the host alive for the parasite“ erklingt fast geflüstert. Der Mensch wird zum Wirt für einen Parasiten, der ihn von innen verändert. Er sitzt wie eine zweite Wirbelsäule im Körper, vervielfacht sich im hintersten Winkel des Bewusstseins und beginnt umzuschreiben, was zuvor noch als das eigene Ich empfunden wurde. Verzerrungen greifen zunehmend in den Sound ein. Als Noah die Worte „The swarm is eating me alive“ singt, klingt seine Stimme verzweifelt und weit entfernt.
Gerade deshalb wirkt der Moment danach so intensiv. Bei „If it’s too late, let it die“ rückt die Stimme plötzlich wieder klar in den Fokus. Statt einer weiteren Eskalation entsteht Ruhe – beinahe schön und gleichzeitig beklemmend. Wenn nichts mehr zu retten ist, bleibt nur noch die Möglichkeit, loszulassen.
Doch der Parasit ist nicht unbedingt das Fremde, für das man ihn zunächst hält. Sänger Noah Rich erklärt:
„This song is about the feeling of something taking over your mind and feeding off of you, only to realize you are the thing that’s been consuming you. When this one started it felt like we tapped into a new, almost nu-metal direction for us, while still keeping that core Glasswaves sound.“
Genau darin liegt der eigentliche Schrecken von „Swarm.ING_“. Das lyrische Ich kämpft gegen etwas, das sich wie ein Eindringling anfühlt, muss jedoch erkennen, dass die zerstörerische Kraft aus ihm selbst hervorgeht. Der Schwarm wird damit zum Bild für Gedanken und innere Muster, die sich vermehren, festsetzen und irgendwann so mächtig werden, dass die Grenze zwischen dem eigenen Selbst und dem vermeintlich Fremden verschwimmt.
Erst mit einem Klick auf das Vorschaubild wird das Video von YouTube eingebunden. Klicke nur, wenn du der Datenschutzerklärung zustimmst.
Das dazugehörige Musikvideo trägt diesen inneren Kampf in die fiktive Welt von „(while)True“. Schon die ersten Bilder schaffen dabei eine Verbindung zwischen Natur und menschlichem Bewusstsein. Kahle Äste und feine Verästelungen tauchen auf. Auf einem Röhrenmonitor verdichten sich ähnliche Strukturen zur Silhouette eines menschlichen Gehirns und erinnern zugleich an neuronale Verbindungen.

Noah selbst übernimmt die Rolle eines Probanden von Liminal-Neuro. Auf einem Stuhl sitzend, mit einer Elektrode an der Schläfe und an medizinische Vorrichtungen angeschlossen, wird er von mehreren Mitarbeitern beobachtet. Eine Frau bedient die Technik, andere verfolgen seine Reaktionen. Während des Refrains spricht eine Mitarbeiterin über ein Mikrofon zu ihm. Parallel dazu performt die Band in nahezu vollständiger Dunkelheit zwischen den kargen Bäumen.
Dort tritt schließlich The Veil in Erscheinung.
Ein aufwendiger goldener Kopfschmuck mit unzähligen herabhängenden Ketten verhüllt Teile ihres Gesichts und lässt sie ebenso faszinierend wie unheimlich wirken.
Daraufhin bricht im Versuchsraum das Chaos aus. Exakt während jener Passage, in der Noah vom Parasiten und seinem menschlichen Wirt singt, stürmen mehrere Menschen los, zerren an ihm und aneinander. Seine Augen werden weiß, sein Körper zuckt heftig auf dem Stuhl, während von der anfänglichen Kontrolle über das Experiment kaum noch etwas übrig ist. Zwischendurch sitzen andere Menschen an seiner Stelle – offenbar weitere Probanden, die denselben Vorgängen ausgesetzt wurden.
Plötzlich setzt sich The Veil in Bewegung und erscheint im Innern der Versuchsanlage. Der Arzt, der das Experiment zuvor noch aus sicherer Distanz beobachtet hat, gerät bei ihrem Anblick in Panik und versucht zu fliehen.
Doch dann steht die Entität direkt vor ihm. Sie greift ihn nicht an, sondern reicht ihm die Hand.
Genau darin liegt eine besondere Unruhe: Laut der Geschichte von „(while)True“ macht es sich der leitende Arzt von Liminal-Neuro trotz aller gescheiterten Versuche zur Aufgabe, The Veil zu finden. Nun steht das Objekt seiner Suche direkt vor ihm.
Dann bricht die Szene ab. Eine merkwürdig freundliche Stimme erklingt über beinahe harmloses Gedudel, als würde irgendwo ein automatisiertes Programm weiterlaufen, obwohl längst alles vollkommen aus den Fugen geraten ist.
Hinter dieser Horror-Erzählung verbirgt sich allerdings noch eine weitere Ebene. The Veil steht nicht nur für die Gefahren innerhalb der fiktiven Experimente. Gitarrist Owen Miller verbindet die Figur mit einer sehr realen Form menschlicher Gleichgültigkeit:
„People will see things happening and choose not to do anything, because it’s easier than taking action. Developments like A.I. data centers deplete natural resources, but nobody seems to care. ‘The Veil’ represents this sort of selfishness.“
Auch Liminal-Neuro selbst folgt diesem Prinzip. Das Unternehmen verspricht seinen Probanden, Ängste und Sorgen zu beseitigen und ihnen dabei zu helfen, zu der Person zu werden, die sie sein möchten. Tatsächlich werden die Menschen jedoch benutzt, um The Veil aufzuspüren. Das vermeintliche Heilungsversprechen wird zum Werkzeug für ein anderes Ziel – und aus dem Wunsch nach Fortschritt entsteht eine Geschichte über Egoismus, Manipulation und die Bereitschaft, Konsequenzen auszublenden, solange der eigene Nutzen groß genug erscheint.
Für Glasswaves ist „(while)True“ gleichzeitig das bisher größte Kapitel einer noch jungen Bandgeschichte. Das Trio gründete sich 2023 und baute sich über Singles, eine EP und zahlreiche Shows zunehmend eine eigene Hörerschaft auf. 2026 entstand das Debüt gemeinsam mit Produzent Justin Spaulding in Atlanta und New York sowie über Discord. Als Einflüsse nennt die Band ein breites Spektrum, das von The Neighbourhood und Tame Impala über The Plot In You und Sace6 bis zu Bring Me The Horizon reicht.
Mit „Swarm.ING_“ beginnen die einzelnen Teile dieser Welt nun ineinanderzugreifen. Der Parasit im eigenen Kopf, die Versuche von Liminal-Neuro und das Auftauchen von The Veil erzählen auf den ersten Blick unterschiedliche Geschichten. Dahinter steht jedoch immer wieder dieselbe Frage: Was geschieht, wenn etwas, das wir kontrollieren wollen, längst begonnen hat, uns zu verändern?
Vielleicht erfahren wir ab dem 23. Oktober, wie tief dieser Kaninchenbau tatsächlich reicht.
Tracklist GLASSWAVES – (While) True:
- FALSE_glow:
- Saving[face]
- fvck.me.up
- Swarm.ING_
- (D:)rive
- doomed:2:DIE
- <>
- SCARed
- hi xoxo
- PR3SSURE
- circling_the_drain
- ://WishIDidn’t
Weblinks GLASSWAVES:
Webseite: www.glasswavesband.com/
Facebook: @glasswavesmusic
Instagram: @glasswavesmusic
Entdecke mehr von Monkeypress.de
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

