THREE DAYS GRACE – Köln, Carlswerk Victoria (21.09.2022)

Fotos: THREE DAYS GRACE
Three Days Grace, © Markus Hillgärtner
Geschätzte Lesezeit: 8 Minute(n)

Die vier Kanadier von THREE DAYS GRACE waren nach dreijähriger Abstinenz endlich wieder auf den großen Bühnen vier deutscher Städte zu sehen. Mit monatlich 8 Mio. treuen Hörern auf Spotify zählen sie zu einer der meistgehörten Bands der Rockszene. Ihre Explosions Tour machte auch im Kölner Carlswerk Victoria Halt. Ursprünglich sollte das Konzert im Palladium stattfinden. Die Verlegung führte zu einer restlos ausverkauften Veranstaltungsstätte. 1.600 Fans standen also nun vor der Halle und warten auf den ersehnten Einlass. Vereinzelte Anhänger der Band passierten den Eingang eher – hatten sie doch eins der unterschiedlichen VIP Pakete erstanden. Dank einer  blendenden Organisation gelangte man schnurstracks in die Halle. Diese wirkte bedeutend größer, das Fassungsvermögen hätte ich eher auf 2.500 Leute geschätzt. Flink waren die ersten Reihen gefüllt. Das Publikum war deutlich jünger, als erwartet. Ringsherum vernahm man allerlei Sprachen, Spanisch war dabei auffällig oft vertreten. Was geschieht stets vor einem Konzert? Man wartet und steht sich dabei die Beine in den Bauch, meist zu öder Musik. Zweiteres war hier überraschend anders, beglückte man uns doch mit Muse, den Foo Fighters und ähnlichen Hochkarätern.

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Im Vorprogramm erwartete uns 10 YEARS – eine US-amerikanische Rockband, die zwar bereits seit dem Jahr 2000 besteht, nun aber erstmalig in Deutschland auftrat. Unbekannt sind die Jungs aus Tennessee keineswegs, zählen sie doch bald 500.000 Follower bei Facebook. Bei uns sind sie bisher allerdings eher vereinzelten Leuten bekannt, dies zeigte sich auch an diesem Abend. 15 Minuten vor dem angekündigten Beginn verdunkelte sich nun die prall gefüllte Halle und die Musiker gesellten sich nach und nach auf die Bühne. Sänger Jesse Hasek trug zunächst eine schwarze Pechmaske. In dieser hielt er es aber kaum eine Minute lang aus. Egal, der Wille zählte. Mit dem Titel Russian Roulette startete die Band in den Abend. Jesse’s Stimme klang angenehm und präzise. „We are 10 Years, thank you for having us.” Schnell stimmten sich Band und Besucher aufeinander ein. Neben mir stand ein waschechter Fan der Band und ich war durchaus beeindruckt, dass er einem etwas voraushatte. Die ersten Klänge der Amis sprachen einen jedenfalls direkt an. Mit Catacombs setzte sich dieser Eindruck fort. „We have to thank Three Days Grace for bringing us, a dream came true.” Diese Dankbarkeit war förmlich spürbar, sie wirkte ehrlich und nicht einfach dahingesagt.

Und somit gingen auch bereits beim dritten Song Fix Me zahlreiche Hände hoch und einen Augenblick später stand man bereits klatschend vor der Bühne. Obgeich einem 10 Years völlig fremd waren, fand man zügig einen Zugang zueinander. Die Zeilen „I’m fine in the fire, I feed on the friction. I’m right where I should be. Don’t try and fix me” gingen schnell ins Ohr und wirken noch bis heute nach. „Are you having fun out there?“ Oh ja, den hatten wir. Beim Song Now Is The Time zogen die Gitarrenriffs in ihrer Härte an. Das rockte! Novacaine ging weiter in die Beine. Jesse machte im Anschluss etwas Werbung für den Merchandise Stand. „Please come over and say ‚hello‘, we’d love to meet you.” Der nächste Titel erwischte mich eiskalt. Im Vorfeld habe ich zwar bereits gelesen, dass 10 Years einen Song von Nirvana covern, dennoch habe ich eine Weile gebraucht, um dies zu realisieren, als sie Heart Shaped Box performten. Zunächst war ihre Interpretation leise und zurückhaltend. Man hörte nur die Gitarre und dazu den sanften Gesang von Jesse. Als der Song allmählich Fahrt aufnahm und der Groschen endlich fiel, löste dies eine Mischung aus Faszination und Begeisterung aus. Eine bessere Version, als das Original hatte ich bis Dato nirgends gehört. Die Stimme von Jesse war zudem nur hauchdünn von Kurt Cobains Goldkehlchen entfernt. Glücklicherweise haben die Jungs den Track seinerseits für ihr 2017 erschienenes Album (How To Live) As Ghosts im Studio aufgenommen. Somit kann man sich diesen Hörgenuss zu Hause erneut gönnen.

Beim Song Knives gesellte sich der sympathische Sänger nach vorn zum Publikum und ließ sich ein Shake Hands nicht nehmen. „Enjoy this evening. Three Days Grace are coming next. We hope to come back and play for you again, and again, and again.” Noch war es aber nicht an der Zeit, Goodbye zu sagen. Wir hörten noch einen verzweifelten Titel, in dem persönliche Probleme thematisiert wurden. Jesse bat darum, in solchen Situation auf sich aufzupassen und niemals den Glauben an einen Ausweg zu verlieren. „The next song is brand new. It’s called The Optimist. Are you ready to move?” Die aktuelle Single erschien tatsächlich erst eine Woche zuvor. Melodisch wie sie war, kam diese blendend an. Nun war es tatsächlich Zeit für die finalen Worte: „Good evening, we love you.“ Nach 45 Minuten Spielzeit endete das absolut sehenswerte Set von 10 Years. An dieser Stelle möchte ich eine wärmste Empfehlung abgeben, hier mal ein Öhrchen zu riskieren.

Setlist 10 Years – Köln, Carlswerk Victoria (21.09.2022)

  1. Russian Roulette
  2. Catacombs
  3. Fix Me
  4. Now Is The Time
  5. Novacaine
  6. Wasteland
  7. Heart Shaped Box (Nirvana Cover)
  8. Knives
  9. Dead In The Water
  10. Shoot It Out
  11. The Optimist

Mittlerweile war es knalleng vor der Bühne. Während der Umbaupause zeigte sich bereits, wozu die Anwesenden an diesem Abend stimmlich in der Lage waren. Als eine Reihe von Rammstein Songs liefen, sangen die vorderen Reihen sogleich lauthals mit. Jubel brach dann aus, als das riesige Banner von Three Days Grace hochgezogen wurde. Im hinteren Bereich der Bühne ist eine zweite, erhöhte Ebene errichtet worden. Hierauf prangten mittig platziert die Drums von Neil Sanderson. Schon setzte auch das Intro ein. Wir hörten einen wohlbekannten Song aus dem Jahr 1993: Cypress Hill mit Insane In The Brain. Neil war es dann auch, der als erster seinen Platz einnahm. Zuvor machte er sich noch mit hochgerissenen Armen groß und rief „Come on!“. Die restlichen Musiker enterten ebenfalls die Bühne. Final flitzte Sänger Matt Walst hinzu, präsentierte sich kurz auf einem der Podeste am Bühnenrand und positionierte sich sodann an seinem Retro Mikrofon. Das powergeladene Set startete mit So Called Life vom aktuellen Album Explosions. In dem Song geht es um eine unstillbare Wut, gepaart mit der blanken Verzweiflung, ausgelöst durch einen verlorengegangen Blick für die Sinnhaftigkeit des Lebens. Matt glänzte sofort mit seiner eindrucksvollen Stimme. Er zeigte er sich jedoch auch rotzig und frech. Spuckte er doch auf die Bühne, reckte einen Mittelfinger in die Höhe und blickte immer wieder irr ins Publikum. Dazu sangen, nein brüllten die (weiblichen) Fans ohrenbetäubend laut mit. Zur Begrüßung gab es ein „Fuck you all“. Es folgte „Animal I Have Become.“ Bassist Brad Walst streckte seine Zunge heraus, während er auf einem Podest posierte. Matt schlug sich mit seiner Hand gegen den Kopf und sang “I can’t escape myself. So many times I’ve lied, but there’s still rage inside. Somebody get me through this nightmare, I can’t control myself.” Er animierte das Publikum dazu, immer wieder den Bandnamen zu rufen, während Gitarrist Barry Stock die Spendierhosen anhatte und mehrere Ladungen Plektren in die Menge warf.

Für nostalgische Momente sorgte der nächste Titel: „How are you doing? We came all the way to see you motherfuckers tonight. Where are the oldschool fans? This is back from 2003. This song is called Home.” Barry warf sogleich die nächste Fuhre Plektren ins Publikum, Matt legte nach und schmiss sein Handtuch hinterher. „It’s been way too long, since we’ve been here. Two years of covid bullshit. Now we’re here to party tonight. I heard Germans love beer. Where is your beer? I wanna see you jumping for this next one.” Das ließ sich die feiernde Menge nicht zweimal sagen. Während nach wie vor aus Leibeskräften mitgesungen wurde, hüpfte die Menge munter mit. Zu „The Mountain“ marschierte matt eifrig auf der Stelle. Ein Techniker musste sich derweil um die Becken von Neil’s Schlagzeug kümmern, als sich hier bereits die Flügelmuttern lösten. So heftig, wie er auf seine Drums einschlug, verwunderte dieser Einsatz kaum. Schon bekam er auch Besuch von Matt, der zu ihm emporkletterte. „We`re gonne play a new one for you. It`s the second time we play this song.” Gemeint war The Weapon. Hierzu wurde wild geheadbangt. Das Energiefeld bahnte sich seinen Weg von der Bühne bis in die letzten Reihen. Einen herausragenden Job machte übrigens der Lichttechniker. Das Spiel der Farben war grandios abgestimmt und alle vier Musiker waren in jedem einzelnen Augenblick perfekt ausgeleuchtet. Chapeau! Matt blickte nun zurück „Ten years ago, I joined this band. Ten fucking years ago, the band released the first song with me.” Hierbei handelte es um Painkiller. An dieser Stelle hat sich der liebe Matt jedoch um zwei Jahre vertan, wurde der Track doch erst im Jahr 2014 released. Der Stimmung tat dies keinen Abbruch,- im Gegenteil. Matt spürte die Dynamik im Publikum und rief im absolut passenden Moment „Open the middle up!“ Gesagt, getan, die Fans bildeten einen großen Kreis und sprangen dann aufeinander zu, um munter miteinander zu rangeln.

Nun durften alle mal durchatmen. Die Bühne wurde mit Sitzhockern bestückt. Alle Musiker platzierten sich nebeneinander am vorderen Bühnenrand.  Neil wurde mit einem Keyboard ausgestattet und Barry erhielt eine Akustikgitarre. „We wanna hear you all sing. We all know that you can sing.” Im besinnlichen Gewand hörten wir The High Road. Selbstredend stimmten alle mit ein „Will you help me find the right way up, or let me take the wrong way down? Will you straighten me out, or make me take the long way around?” Matt war sichtlich zufrieden. The World So Cold traf einen mitten ins Herz. Der Song kam in der Akustikversion so intensiv daher, jetzt hatten sie mich, und zwar mit voller Wucht. Endlich ist der Funke übergesprungen. Nun konnte wieder amtlich gerockt werden. „This is the part of the show, where we pick out someone to sing with us. Who wants to sing? Put your hands up. Who is gonna get up here?” Etliche Arme schnellten in die Luft. Zwei Mädels wurden von den Securities über die Absperrung gehoben. Beide hatten auch Vip Package Pässe. Sie wurden jeweils mit einem Mikrofon ausgestattet und erklommen die Bühne. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde sangen sie den Song Just Like You mit. Dann geschah etwas äußerst Seltsames. Aus dem Backstagebereich kamen zwei weitere Mädels hinzu. Sie vermittelten jedoch den Eindruck, dass sie nicht auf die Bühne gehörten. Eine von ihnen hatte zwar ein Mikro, aber Matt war sichtlich irritiert, als er die beiden erblickte. Während die ersten zwei jungen Damen auch textsicher waren, kannten diese beiden kein Wort der Lyrics. Stattdessen rief eine von ihnen “Woohoo”-Laute ins Mikro, während die andere junge Dame ihr Handy zückte und diese seltsame Show filmte. Matt distanzierte sich auch merklich von ihnen. Er sprang von der Bühne und gesellte sich lieber zum Publikum. Handelte es sich hierbei etwa um Flitzerinnen? Dieses Rätsel blieb leider ungelöst.

Im Anschluss gab einen weiteren Song vom aktuellen Album zu hören. Als ich mir den Titel zum ersten Mal zu Gemüte führte, war völlig klar, Neurotic gehört zwingend ins Live-Set. Seit dem Akustikpart wirkte Matt nebenbei bemerkt wie ausgewechselt. Sein anfängliches Verhalten mag thematisch zu den ersten Songs gepasst haben. Dennoch erschien dieses auch wie eine Art Schutzschild. Mittlerweile erweckte er den Eindruck, angekommen zu sein. Er wirkte endlich natürlich, lachte immer wieder herzlich. Seine Ansagen veränderten sich ebenso und wurden gar rührselig. „The next song is for the people we’ve lost. We still want to phone them.” Er zückte ein Feuerzeug und entzündete eine kleine Flamme. Wir wussten was wir zutun hatten, die Handytaschenlampen kamen zum Einsatz, schließlich hat heutzutage kaum noch jemand ein Feuerzeug bei sich. Lifetime machte einen zwar traurig, aber in der Menge fühlte man sich nicht allein. Gemeinsam sangen alle „You were the one that I wasn’t supposed to lose, I thought I’d have you for my lifetime.” Matt erklärte uns dann die Lyrics ihres folgenden Hits I Hate Everything About You. In dem Song geht es um eine Beziehung in der man weder mit- noch einander leben kann. Und diese Zerrissenheit nahm man sehr deutlich wahr. „I want to see you crowdsurfing.“ Ein einzelner junger Mann folgte auf Matt’s Wunsch hin. Hiermit endete der offizielle Teil- zumindest vorerst. Die mächtigen Three Days Grace Rufe ließen die Jungs natürlich nochmal zurückkehren. „The song is about never giving up. There are seven billion people on this earth. But sometimes you wake up and feel alone. It’s never too late to turn it around.” Passend zum Song Never Too Late entstand im Publikum nochmal ein beachtliches Lichtermeer. Zusammen mit den wunderschönen Melodien und getragen von Matt’s einmaliger Stimme entfachten diese Minuten wohlige Momente. „Do you want more?“ Na klar! Zu Riot konnten wir uns alle ein letztes Mal ausgelassen austoben. Matt kletterte nochmal zu Neil hinauf, um passend zum allerletzten Schlag auf die Drums effektvoll zurück auf die Bühne zu springen. Das wars. Three Days Grace verabschiedeten sich noch ausgiebig vom Publikum, warfen Drumsticks, sowie die allerletzten Plektren und verbeugten sich artig.

Auf dem Weg nach Hause begleitete mich noch ein Potpurri an Ohrwürmen. Und zeitgleich reifte der Wunsch heran, Three Days Grace eines Tages ganz sicher wiedersehen zu wollen, wenn sie wieder in Deutschland touren. Hoffentlich dauert ihre Rückkehr keine drei Jahre.

Setlist THREE DAYS GRACE – Köln, Carlswerk Victoria (21.09.2022)

  1. So Called Life
  2. Animal I Have Become
  3. Home
  4. Pain
  5. Break
  6. The Mountain
  7. I Am The Weapon
  8. Painkiller
  9. The High Road (acoustic)
  10. World So Cold (acoustic)
  11. Just Like You
  12. Neurotic
  13. The Good Life
  14. Lifetime
  15. I Hate Everything About You
  16. Never Too Late (Z)
  17. Riot (Z)
Weblinks Three Days Grace:

Homepage: threedaysgrace.com
Facebook: www.facebook.com/threedaysgrace
Instagram: www.instagram.com/threedaysgrace

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