JUTES – Paris, Le Trabendo (20.05.2026)

Jutes, © Nadine Kloppert
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Lesedauer: 13 Minuten
Jutes gehört bewusst zu jener seltenen Sorte Künstler, die sich nicht von festen Genregrenzen einengen lassen. Irgendwo zwischen Alternative Rock, Pop-Punk, modernen Metal-Einflüssen und den Wurzeln seiner Hip-Hop-Vergangenheit hat der Kanadier in den vergangenen Jahren einen Sound erschaffen, der längst zu seinem ganz eigenen Markenzeichen geworden ist. Vor allem seine unverkennbare Stimme sorgt dafür, dass nur wenige Sekunden genügen, um einen Jutes-Song sofort herauszuhören. Dabei wirkt sein Aufstieg bis heute erstaunlich ungefiltert und nahbar. Auch Jutes selbst ist gerade erst dabei zu realisieren, dass sich sein großer Traum endlich verwirklicht. Noch fühlt sich sein ansteigender Erfolg durchaus unwirklich für ihn an – vom Außenseiter mit Zweifeln und Narben hin zu einem Künstler, der inzwischen in Los Angeles lebt und an dessen Namen man aktuell nicht vorbeikommt!
🔊 Lass Dir den Beitrag vorlesen (KI-Stimme):
Für mich begann die Faszination mit seinem Refrain von „It Takes Two“, den mir der Instagram-Algorithmus immer wieder zwischen andere Reels spülte, bis sich der Song unwiderruflich festsetzte. Einmal vom Jutes-Studel gepackt, entrinnt man diesem ohnehin nie wieder. Mehr und mehr Songs zogen mich tief in den Bann und als feststand, dass ich meinen Urlaub ausgerechnet in Paris verbringen würde, während Jutes hier auftritt, war schnell klar, dass ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnte, ihn live zu erleben.
Es war die allererste Europa-Tour von Jutes und schon im Vorfeld meldeten immer mehr Venues ausverkauft. So auch Paris. An einem angenehm milden Frühlingsabend zog sich bereits 45 Minuten vor dem Einlass eine lange Schlange aus Fans unter dem dichten Blätterdach der schattenspendenden Bäume vor dem Le Trabendo entlang. Rund hundert Menschen warteten bereits geduldig vor dem Eingang, während sich zwischen Gesprächen und aufgeregter Vorfreude immer stärker das Gefühl verdichtete, dass dieser Abend etwas besonderes werden würde.
Mit dem Einlass öffnete sich auch der kleine Biergarten des Le Trabendo – ein angenehmer Rückzugsort, der die Gelegenheit bot, die Atmosphäre dieses besonderen Ortes aufzusaugen, ehe sich der Clubbereich merklich füllte. Das sagenumwobene Le Trabendo fühlte sich schon vor Konzertbeginn wie der perfekte Ort für dieses Konzert an. Mit seinen rund 700 Besuchern wirkte der legendäre Club gleichzeitig groß genug für euphorische Energie und intim genug, um jede Emotion ungefiltert aufzusaugen. Zwischen dunklen Wänden, warmem Licht und der besonderen Aura, schien die Venue die Geschichten vergangener Jahrzehnte beinahe noch in sich zu tragen. Nicht ohne Grund standen hier bereits Künstler wie Metallica oder die Rolling Stones auf der Bühne. Besonders prägend wirkte dabei die Architektur des Clubs selbst: Rund um die Bühne stieg die Fläche Stufe für Stufe leicht an, wodurch sich von überall ein freier Blick auf das Geschehen ergab. Jeder war quasi Mitten im Geschehen – perfekte Bedingungen!
Den Auftakt des Abends übernahm die aus Chicago stammende Alternative-Künstlerin Ally Nicholas, die mit ihrer starken Stimme schnell die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog. In nur rund 30 Minuten gelang es ihr mühelos, das Le Trabendo in eine verträumte Mischung aus Melancholie, Wärme und aufbrechender Energie zu tauchen. Besonders ihr Closer „All Summer Long“ blieb hängen. Zunächst schwebte der Track auf sanften 90er-Vibes, getragen von atmosphärischen Gitarren und beinahe zerbrechlich wirkenden Streicherflächen, ehe der Track aus dem Nichts laut aufbrach — mit druckvollen Drums und aufflammenden Gitarrenwänden. Doch genauso schnell zog sich die Intensität wieder zurück und ließ den Song zart ausklingen, als wäre der kraftvolle Ausbruch nie geschehen. Großartig!
Nun trennte uns nur noch eine Umbaupause vor Jutes‘ erstem Auftritt in Paris. Auf der Bassdrum des opulenten Drumsets prangte bereits das nostalgische Cover von „Dilworth“, das Jutes Mutter als kleines kesses Mädchen auf einer Schaukel zeigt – ein ebenso persönliches wie symbolträchtiges Motiv für ein Album, das sich mit Vergangenheit, Herkunft und emotionalen Narben auseinandersetzt. Schon dieser visuelle Moment verlieh der ohnehin kleinen Bühne eine erstaunlich intime Wirkung, noch bevor der erste Song erklang. Dicht an dicht standen die Fans mittlerweile beieinander und die Aufregung war spürbar. Das Stimmengewirr nahm eine höhere Tonlage ein und kichernde Laute mehrten sich.
Pünktlich um 20:30 Uhr erloschen die Lichter. Jubel setzte ein, während sich seichter Nebel über der Bühne verteilte. Zu den sphärischen Pianoklängen von „Left On Dilworth“ nahmen neben Joathan an den Drums, Julien und Cairn ganz still und leise ihre Plätze an den Saiten ein. Jutes war noch nicht zu sehen – aber zu hören! Bereits hinter der Bühne setzte sein Gesang ein: „When the black sheep leaves the nest, there’s no coming back. I found the cure to happiness and now my bags are packed.“ Und dann trat er hervor – im schneeweißen Hemd mit einer weiten schwarzen Anzughose und orangefarbenen Turnschuhen. Seine Augen leuchteten. Sehnsuchtsvoll streckte er der Menge seine Hand entgegen, ehe er seine Arme in die Höhe riss. Effektvoll setzen die Gitarren ein. „Come on!“ rief uns der Kanadier entgegen. Im absolut perfekten Schein der Lichter begann Jutes zu glänzen. Seine Stimme klang tatsächlich so intensiv, wie auf dem Album! Gänsehaut breitete sich aus und der Zauber nahm seinen Lauf. Bewusst ging der Sänger die Breite der Bühne entlang und wirkte mit jeder Faser seiner Körpers und jedem festen Blick in sein Publikum absolut präsent. Liebevoll winkte er einzelnen Fans zu und man sah ihm deutlich an, wie wertvoll es für ihn war, hier auftreten zu können.
Mit „One of Us“ folgte schließlich die Vollbreitseite. Kaum hatte Jutes dem Publikum ein herzliches „I’d like to welcome you!“ zugerufen und mit ausladender Geste „Put your hands in the sky like this!“ gefordert, schnellten im gesamten Le Trabendo die Arme nach oben. Binnen Sekunden vibte der gesamte Club mit seiner Energie. Gerade live entfaltete „One of Us“ jene explosive Alternative-Energie, die Jutes so besonders macht. Mit brachialem Druck wurde der Track zum emotionalen Befreiungsschlag. Die rauen Gitarrenwände trafen auf hymnische Melodien, während das Publikum den Refrain mitsang, als würde der Song seit Jahren zum Soundtrack ihres Lebens gehören. Jutes erntete bereits jetzt riesigen Jubel. Er wusste kaum, wie ihm geschah, fand aber schnell seine Worte zurück.

„What the fuck? I love you Paris. It’s nice to meet you guys. I had an off day yesterday, and I gotta say Paris is maybe the coolest place I’ve ever been in my whole life. Genuinely had the best time. So thank you guys for buying tickets and bringing us all the way. We sold this out. I’ve never been to Europe before. My crowds are usually kind of split down the middle. The half of the crowd is here for therapeutic reasons and wants to work through some trauma, maybe have a cry. The other half is bunch of degenerates. You are way too horny to be in public right now. And I think it’s time we figure out who’s who.“ Mit einem vielsagenden Grinsen blickte der Fronter straight in die Runde und erfreute sich an den amüsiert-irritierten Gesichtsausdrücken seiner Fans.

Als schließlich „SMUT“ einsetzte, riss er singend die Arme empor und feuerte der Menge nur ein knappes „Come in, sing it!“ entgegen — mehr brauchte es nicht. Sofort explodierte die Stimmung im Le Trabendo erneut. Dabei schien jeder einzelne Vibe des Songs unmittelbar durch seinen Körper zu fließen. Zu den harten Gitarren drehte sich Jutes beinahe schwerelos um die eigene Achse, während er sich völlig in der Dynamik des Tracks verlor. Gleichzeitig wurden selbst die schnellen Rap-Parts mühelos vom Publikum mitgetragen, wodurch „SMUT“ live noch intensiver zwischen explosiver Energie, verruchter Sinnlichkeit und völliger Hingabe pendelte. Ein beachtlicher Scream verlieh dem Song zusätzlich eine ungeahnte Wucht, ehe Jutes im nächsten Moment wieder strahlend über die Bühne wirbelte. Seine ansteckende Lebensfreude übertrug sich ungebremst auf seine Fans. Glücksgefühle für alle!

„Kill Or Be Killed“ erfasste einen gar körperlich. Jutes Stimme durchfuhr einen durch und durch, während sich über der treibenden Instrumentierung eine hinreißende Gitarrenmelodie legte. Der Track bewegte sich zwischen innerem Druck, Überlebensinstinkt und dem Gefühl, sich in einer kalten Welt behaupten zu müssen – absolut emotional und befreiend zugleich. Auf kollektives headbangen trafen bereits in der nächsten Zeile Augenblicke, in denen man innerlich die Arme ausbreiten und die halbe Welt – oder zumindest die mitfeiernden Fans – umarmen wollte. Gerade dieser Kontrast verlieh dem Stück fast eine kathartische Wirkung.

Meiner Meinung nach zählt „Disassociate“ aktuell zu den stärksten Songs des Kanadiers. Zwischen dunkler Sinnlichkeit, emotionaler Schwere und völliger Hingabe entfaltete der Track live eine beinahe hypnotische Wirkung. Samt geshlossener Augen legte Jutes spürbar all sein Gefühl in die sinnlichen Zeilen. Der pulsierende Drum-&-Bass-Part verlieh „Disassociate“ dabei etwas Rauschhaftes — als würde man einen Moment vollständig der Realität entgleiten. Mit einem grinsenden „I guess you know this line“ deutete Jutes schließlich den berüchtigten Rap-Part an. Genau in diesem Moment wurde die Bühne in tiefrotes Licht getaucht — und das Le Trabendo explodierte förmlich. Als er zu „Spread your legs for me, watch me eat my way to your heart“ ansetzte, schrien die Fans die Zeilen entfesselt mit. Trotz der provokanten Direktheit wirkte der Moment dabei nie plump, sondern vielmehr wie ein weiterer Ausdruck jener ungefilterten Intensität, die Jutes’ Songs so mitreißend macht. Er selbst wurde im Anschluss mit ohrenbetäubendem Jubel belohnt.

„Limerence“ lebt von dieser Mischung aus emotionaler Obsession, Sehnsucht und innerem Kontrollverlust. Schon der Titel beschreibt einen Zustand, in dem man sich beinahe krankhaft nach einer anderen Person verzehrt – irgendwo zwischen Liebe, Abhängigkeit und Selbstzerstörung. Genau dieses Gefühl transportierte der Song auch live mit voller Wucht. Während die Fans ihm die Zeilen beinahe verzweifelt entgegenschrien, deutete Jutes an einer Stelle kurz einen Schnitt entlang seines Halses an — eine kleine Geste, die die dunkle Emotionalität des Songs plötzlich greifbar machte. Gleichzeitig wirkte „Limerence“ jedoch nie vollkommen hoffnungslos. Vielmehr lag über dem gesamten Song diese eigentümlich schöne Melancholie, die viele seiner Tracks durchzieht: verletzlich, intensiv und gleichzeitig voller Energie.

„Paris, are we having fun? I’m having so much fun. You guys are amazing. Oh my God, there’s a magic in the room tonight. I can feel it. Thank you for bringing that energy. Funny story to that song we just played. We used to play it before it was out. And I was, like, oh man, they hate this song. We should probably maybe take it out of the set. Maybe, you can put it out at all. And then I put it out, and I was, like, oh shit, now, it’s one of the biggest songs in my whole career. So we were, like, hmm, maybe we should play more unreleased music, when we tour. So, is it okay if I play a couple of unreleased songs for you? Okay, so here’s what’s gonna happen. I’m gonna play two unreleased songs in a row. First, one is called ,Mannequin‘. Second, one is called ,Goodnight (Interlude)‘. And an interlude can only mean one thing: an album! I have finished an album. It is coming. And ,Mannequin‘ and ,Goodnight‘ are actually going to come out as soon as this tour is over. So, I just needed you guys to hear it first, and then the rest of the world can happen.“

Besonders „Mannequin“ packte dabei vom ersten Moment an mit einer außergewöhnlichen Emotionalität. Gebannt richteten sich die Blicke auf die Bühne, die Fans hingen quasi an den Lippen von Jutes, während sich eine spürbare Spannung über den Raum legte. In einem besonders intensiven Part brach gar mitten im Song spontaner Zwischenjubel aus — fast so, als müssten die Zuschauer die aufgestauten Emotionen unmittelbar hinauslassen. Tief unter die Haut ging schließlich das Interlude von „Goodnight“. Der Club wurde augenblicklich still, während sich die melancholische Atmosphäre des Stücks langsam ausbreitete. Gerade diese ruhigeren Augenblicke zeigten eindrucksvoll, wie stark Jutes nicht nur über Energie und Härte funktioniert, sondern ebenso über Verletzlichkeit und emotionale Nähe. Und auch der smarte Sänger selbst wirkte durchaus etwas ergriffen.

Ebenfalls gefühlvoll schloss sich anschließend „I Can Fix You“ an. Gemeinsam mit dem Fronter schwang die Crowd dabei die Arme von links nach rechts. Die Stimmung wirkte an diesem Abend wahrlich bezaubernd. Sichtlich fasziniert blickte Jutes immer wieder in die Menge, als wolle er diese Momente innerlich verankern. Immer wieder wurde spürbar, wie sehr er jede einzelne Sekunde dieses Abends nicht einfach performte, sondern tatsächlich fühlte und lebte.

„Alright, if you know the words to this next one, please help me sing it.“ Spätestens mit „Obsessed“ gab es im Le Trabendo endgültig kein Halten mehr. Der Song entfaltete live jene verführerische, fast schon süchtig machende Wirkung, die ihn ohnehin zu einem der eingängigsten Tracks von Jutes macht. Getragen von tanzbarer Dynamik, lässigem Hüftschwung und seiner charismatischen Bühnenpräsenz bewegte sich Jutes vollkommen losgelöst über die Bühne — und die Crowd tat es ihm nur allzu gerne gleich. Überall sah man selige Gesichter, lockere Bewegungen und Menschen, die sich völlig in diesem Moment verloren. Gleichzeitig setzte sich „Obsessed“ mit seiner beharrlichen Melodie sofort tief im Gehörgang fest. Einer dieser Songs, die einen noch Tage später unvermittelt wieder einholen, bis man irgendwann lachend feststellen muss: Jutes hat hier definitiv etwas gesät – entrinnen ausgeschlossen!

„I’m obsessed with you! And I’m also obsessed with these guys. Go and meet my band. Go ahead and scream for Julian on guitar. Give it up for Jonathan on the drums. And the newest member of the band. He has actually some family here tonight, so make sure you scream for Cairn. That’s enough yapping for me.“ Basslastig setzte „Eulogy“ ein und riss das Le Trabendo sofort erneut mit sich. Ausgelassen sprang Jutes über die Bühne, peitschte die Energie immer weiter nach oben und brachte schließlich den gesamten Club in Bewegung. Überall wippten Köpfe, bewegten sich Körper im Takt und selbst die hinteren Reihen ließen sich vollkommen von der Dynamik des Songs erfassen. Und doch verlor Jutes bei all der Euphorie nie die Nähe zu seinen Fans. Immer wieder suchte er intensiven Blickkontakt zur Menge, hielt inne oder sang Zeilen direkt in die ersten Reihen hinein. Tatsächlich entstand dadurch beinahe das Gefühl, jeder einzelne Besucher würde an diesem Abend von Jutes wahrgenommen und förmlich in seine Welt hineingezogen werden. Gerade diese seltene Mischung aus Rockstar-Energie und ehrlicher Nahbarkeit machte es absolut unmöglich, sich seinem Sog zu entziehen.

Mitten im immer weiter eskalierenden Abend zog Jutes schließlich sein Hemd aus, woraufhin eine Vielzahl seiner Schwarz-Weiß-Tattoos zum Vorschein kam, während er lediglich im weißen Achselshirt weiter performte. Die Temperaturen im Le Trabendo waren mittlerweile spürbar angestiegen und genau diese aufgeheizte Atmosphäre schien sich unmittelbar auf „Parasite“ zu übertragen. Trotz seiner harten Momente nahm der Song live stellenweise beinahe laszive Züge an. Als Jutes die Zeile „Don’t be shy, take a bite, eat me alive“, wirbelte er völlig losgelöst über die Bühne, während sich immer wieder ungezügelte Schreie unter das Geschehen mischten und die Stimmung endgültig zu kochte.

Und dann folgte plötzlich jener Song, mit dem für mich einst alles begann. Mittlerweile rann Jutes sichtbar das Wasser vom Kinn herab, während er sich „It Takes Two“ ungezügelt hingab. Die markanten, stakkatoartigen Gitarrenakzente verliehen dem Track zusätzlich eine fast fiebrige Dynamik, ehe der große Refrain den gesamten Club mitriss. Das Le Trabendo schien vollständig mit dem Song zu verschmelzen — einer dieser seltenen Augenblicke, von denen man sich wünscht, sie mögen bitte niemals enden.
Mit „Icarus“ folgte schließlich die aktuelle Single, die entzückte „Woohoo“-Rufe aus dem Publikum hervorrief. Inhaltlich greift „Icarus“ dabei die bekannte Sage des Himmelsstürmers auf, der der Sonne zu nahe kommt und abstürzt. Doch Jutes verwandelt diese Geschichte in eine moderne, düstere Version zwischen Selbstzerstörung, Größenwahn, Einsamkeit und dem verzweifelten Wunsch, endlich gesehen zu werden. Zeilen über Drogen, Exzesse und das Gefühl, sich selbst irgendwo zwischen Ruhm und innerer Leere zu verlieren, verliehen dem Song eine bemerkenswerte emotionale Tiefe. Live entfaltete „Icarus“ gleichzeitig eine euphorische Wirkung. Während Jutes die Arme ausbreitete und sich vollkommen dem hinreißenden Refrain hingab, entstand einer jener Momente, in denen sich Melancholie und Befreiung plötzlich kaum noch voneinander trennen ließen.
Für das bedächtige „Vertigo“ schnappte sich der Kanadier einen Mikroständer, um den Fokus gänzlich auf seinen Gesang zu richten. A Capella wirkte das Stück noch eindringlicher. Doch natürlich setzte seine Liveband noch druckvoll ein. Völlig beseelt sang die Crowd so intensiv mit, dass Jutes diese allein weitersingen ließ – und das klappte außerordentlich gut. Er zeigte sich sichtlich beeindruckt: „You guys sounded great on that one. I love you so much Paris.“ Doch die Fans hatten sich in Rage gesungen. Urplötzlich stimmten sie „Seven Nation Army“ von den White Stripes an und Jonathan setzte an Drums passend dazu ein. Jutes lachte glücklich und sog den Moment in sich auf, ehe er mit seinen Händen ein Herz für seine Fans formte.
Kurz darauf fand er eindringliche Worte: Offen und sichtlich bewegt sprach Jutes darüber, wie er vor einigen Jahren kurz davorstand, seine  Karriere als Künstler endgültig aufzugeben. Fast 15 Jahre lang habe er immer wieder versucht, sich etwas aufzubauen, nur um kurz darauf erneut hart zu scheitern. Irgendwann habe er den Glauben an sich selbst und seine Träume verloren. Eigentlich habe er bereits beschlossen gehabt, nur noch Songs für andere Künstler zu schreiben — doch vorher wollte er noch ein letztes Album veröffentlichen. Ein Album, in das er „seine ganze Seele“ legen wollte, unabhängig davon, ob es erfolgreich werden würde oder nicht. Dieses Album wurde schließlich „Sleepyhead“ — und veränderte sein Leben. Spürbar emotional blickte Jutes dabei immer wieder durch das Le Trabendo, beinahe so, als könne er selbst noch nicht ganz glauben, dass dies alles real war.

„So, thank you for being a party dream’s coming true. You’re a part of that. It’s my first time here, we’re making history. I just want you guys to all know how grateful I am from the bottom of my heart. Thank you. I will never forget this. And if you feel like you’ve been trying to make progress in your life in any area, it doesn’t have to be music. And you feel like you keep falling on your face. I’m 35 years old, and it’s just now starting to happen for me, so it can happen, I promise. And if you love what you do, then just do it. And you never know what can happen. My wife recently dropped an album. And it’s really, really good. There’s a song on there called ,Ghost‘. And if you’ve heard it, you know how beautiful that song is. The is songs about, if I die before she does, she wants me to let her know that I’m still always going to be around by sending a chill down her spine or flickering the lights. And it really touched me. I know I can never make a song so beautiful, but I wanted to make a song in response to that song, and it’s called ,White Butterflies‘.“ Lauter Herzblut steckte in diesem Stück das spürte man einfach. Jutes strahlte so intensiv von innen heraus und während er für seine Demi Lovato seine Lyrics sang, fasste er sich gefühlvoll an sein Herz.

„You get another song and I want you to sing it.“ „Red Velvet“ verwandelte das Le Trabendo in einen euphorischen Taumel voller Leichtigkeit. Der Song brachte eine fast sehnsuchtsvolle Wärme in den Abend, wirkte trotz aller Emotionalität jedoch nie schwer, sondern vielmehr wie ein gemeinsames Loslassen. „We’ve got one more song for you and I need all this energy in this one — we’re all losing our minds!“ Mit diesen Worten leitete Jutes schließlich „Facelift“ ein — einen Song, der vor allem von seiner explosiven Dynamik, dem permanenten Vorwärtsdrang und dem fiebrigen Genre-Mix lebt. Mittlerweile war Jutes’ weißes Achselshirt komplett durchnässt, unter dem Stoff blitzten seine Tattoos deutlich hervor, während auch die Crowd längst von der Hitze und Intensität dieses Abends gezeichnet war. Vor und auf der Bühne wurde ausgelassen gefeiert. Menschen sprangen durch den Raum, Haare wirbelten durch die Luft und die Endorphine flirrten förmlich durch die Venue. Dieser Abend wirkte wie ein kollektives Ventil voller Euphorie, Nähe und gemeinsamer Hingabe zur Musik. „Paris, I fucking love you!“

Unter ohrenbetäubendem Jubel verließen Jutes und seine Musiker schließlich zunächst die Bühne. Doch kaum waren die Lichter heruntergefahren, begann der gesamte Club lautstark auf den Boden zu trampeln, zu pfeifen und nach einer Zugabe zu verlangen — erfolgreich. Als Jutes schließlich zurückkehrte, legte er seine Hand an die Stirn und hielt Ausschau in die Menge, als wolle er sich vergewissern, dass ihn wirklich alle noch einmal sehen wollten. Mit „Sleepyhead“ erklang schließlich jener Song, der Jutes mit inzwischen rund 53 Millionen Streams endgültig weit über die Alternative-Szene hinaus bekannt machte. Live spielten Zahlen allerdings keine Rolle. Hier zählte allein das ganz große Gefühl. Eine fast greifbare Sehnsucht legte sich über den Raum. Nach all der Ekstase wirkte das emotionale Stück wie ein kollektives Ausatmen – verletzlich, ehrlich und unsagbar nah. Während hunderte Fans Zeile für Zeile mitsangen, schienen alle nochmal näher zusammenzurücken.

Inhaltlich kreist „Sleepyhead“ um Einsamkeit, Verlustängste und das Gefühl, sich selbst irgendwo zwischen inneren Dämonen und dem Wunsch nach Nähe zu verlieren. Gerade diese Mischung aus Dunkelheit und zärtlicher Sehnsucht verlieh „Sleepyhead“ an diesem Abend eine fast schmerzhaft schöne Intensität. Besonders Zeilen wie „I’d die in my sleep to live in your arms“ trafen mitten ins emotionale Zentrum. Jutes sang sie nicht einfach — er lebte sie mit jeder Faser seines Körpers. Schweiß rann ihm weiterhin über Gesicht und Hals, während seine Stimme gleichzeitig eine Zerbrechlichkeit transportierte, die den zuvor noch euphorisch tobenden Club nach 80 Minuten beseelt zurückließ. „Thank you so fucking much, Paris.“ Mit Luftküssen verabschiedete sich Jutes schließlich von der Menge, ehe er noch einmal an den Bühnenrand trat, um zahlreiche Hände der ersten Reihen dankbar abzuklatschen.

Auch nach dem Konzert wirkte die besondere Atmosphäre dieses Abends noch nach. Wenige Zeit später postete Jutes auf Instagram ein Selfie im Hoodie und schrieb dazu: „Paris that was for sure one of my favourite shows ever. Thank you for that energy.“ Ein Satz, der rückblickend perfekt zusammenfasst, was an diesem Abend im Le Trabendo spürbar gewesen war: die magische Verbindung zwischen Künstler und Publikum, die weit über ein gewöhnliches Konzert hinausging. Der legendäre Club hat in den vergangenen Jahrzehnten unzählige besondere Live-Momente erlebt. Und an diesem Abend hat Jutes ein kleines Fragment seiner eigenen Geschichte dort verewigt. Während seine Reise gerade immer größere Dimensionen annimmt, fühlte es sich hier so an, als wäre man Zeuge jener Momente geworden, in denen aus einem heißen Geheimtipp endgültig etwas wirklich Großes entsteht. Und wem würde man dies mehr gönnen, als dieser Seele von Mensch: Jutes!
„I’m so obsessed“ – da war er wieder. Dieser verdammt schöne Ohrwurm. Und Paris ist nun offiziell dem Jutes-Rausch verfallen …
Setlist JUTES – Paris, Le Trabendo (20.05.2026):
  1. Left On Dilworth
  2. One Of Us
  3. Blink Twice
  4. SMUT
  5. Kill Or Be Killed
  6. Disassociate
  7. Limerence
  8. Mannequin
  9. Goodnight (Interlude)
  10. I Can Fix You
  11. Obsessed
  12. Eulogy
  13. Parasite
  14. It Takes Two
  15. Icarus
  16. Vertigo
  17. White Butterflies
  18. Red Velvet
  19. Facelift
  20. Sleepyhead (Z)
Weblinks JUTES:

Webseite: jutesmusic.com/
Facebook: @JutesMusic
Instagram: @jutesmusic


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