Ein Gespräch mit Ronny „Yantit“ Fimmel – Das EWIGHEIM Interview zu „Welt Untergang“

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Wir haben uns mit Ronny „Yantit“ Fimmel – Vordenker der Gothic Metal Band Ewigheim – zum Telefoninterview verabredet um über das neue „kleine“ Album Welt Untergang zu sprechen.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Katja Spanier (KS): Als ich das letzte Mal, am Sonntag war das, nachgeschaut habe, war Welt Untergang auf dem dritten Verkaufsrang bei Amazon im Bereich Gothic Metal (Anm. Später war das Album sogar auf Platz 2). Herzlichen Glückwunsch!
Ronny „Yantit“ Fimmel (RYF): Dankeschön.

KS: Als ich in der Redaktion im letzten Jahr angefragt habe, wer Irrlichter gern rezensieren möchte, haben sich die Leute regelrecht „drum geprügelt“. Das ist eher ungewöhnlich. Normalerweise erhalte ich nicht eine so prompte Resonanz, wenn ich Rezensionen anfrage. Wir haben viele Fans in der Redaktion und auch draußen scheint Ihr wirklich fanatische Anhänger zu haben. Ihr scheint bei vielen Leuten eine bestimmte Saite anzuschlagen. Wie erklärst Du Dir das?
RYF: Ohhh … also wirklich erklären kann ich’s mir auch nicht. Aufgefallen ist es uns irgendwie auch schon, dass über viele Jahre wirklich die gleichen Leute geblieben sind. Und … äh … es ist halt speziell … Es gefällt sicher nicht jedem. Aber wer einmal dran Gefallen gefunden hat, der bleibt dabei. Also, wenn er sich selbst nicht verändert.

KS: Ihr seid ja jetzt mit Ewigheim seit einem Jahr bei Golden Church, wo Tobias eine zentrale Verantwortung hat und auch sein eigenes Solo-Projekt Oul herausbringt. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?
RYF: Im Prinzip nicht anders als vorher. Also, wir haben bei Massacre früher schon fast alles selbst gemacht und … ähhhm … letzten Endes waren es jetzt vor allem die geschäftlichen Sachen, die Tobias übernommen hat. Aber im Grunde hat sich da gar nichts verändert. Also, die Designs hab ich schon immer gemacht – alles. Und das ist sogar ein bisschen umfangreicher geworden, dadurch dass ich jetzt selbst die Werbeanzeigen basteln kann und dadurch ist das alles noch ein bisschen persönlicher.

KS: Es ist also mehr Arbeit geworden …
RYF: Für ihn (Anm. Tobias) …

KS: Ja, stimmt das habe ich auch gemerkt … (lacht)
RYF: Ja, das ist aber das, was ihm auch grad Spaß macht. Er merkt ja auch, wie die Golden Church wächst und wie der Zuspruch kommt und das ist positiv. Und er macht ja noch tausend Sachen nebenher (Anm. die zahlreichen Bandprojekte und als Schlagzeuglehrer in der Musikschule).

KS: Wie ist das bei Dir? Bist Du selbstständiger Musiker?
RYF: Ja. Der größte Teil kommt ja noch von Eisregen.

Ja genau, das steht für mich selbst.


KS: Ewigheim ist, so hast Du es in einem vorangegangenem Interview schon mal gesagt, so etwas wie ein Tagebuch für Dich. Die Alben scheinen immer auch einen biografischen Bezug zu haben.Gab es einen Auslöser, dass es jetzt Zeit für Welt Untergang war?

RYF: Das ist ja eigentlich die Hauptgeschichte an der ganzen Sache: Ursprünglich ist das ja eine EP. Aber wir haben uns dann darauf geeinigt, dass es „kleines Album“ heißen soll, weil es eine fortlaufende Geschichte ist. Und ursprünglich sollte die EP zur letzten Tour im letzten Frühjahr schon fertig werden, damit ein Abschnitt abgeschlossen ist. Das haben wir zeitlich nicht geschafft. Das waren die 20 Jahre Ewigheim und da kam schon mir Idee, aber wie das konkret werden würde, war mir noch nicht klar. Und im Lauf der Zeit, das erste und das dritte Lied waren zuerst fertig. Und da hatte ich die Idee, aber für das zweite Lied noch keinen Text. Und während dieser Zeit hatte ich im letzten Jahr im Mai dann den Text geschrieben, als ist meine Mutter gestorben ist und der Sound-Mann von Eisregen. Das passierte innerhalb von einer Woche. Plötzlich waren die beiden tot. Das war schon gravierend. Darauf basiert auch das zweite, das kurze Lied. Das Ende-Lied.

KS: Wir haben ja diese Handreichung zum Album dazu erhalten. Darin wird beschrieben, dass die drei zentralen Songs parallel zu drei Lebensphasen liegen. Kannst Du das noch mal deutlicher machen?
RYF: Ja genau, das steht für mich selbst. Das erste Lied: Kindheit, und das zweite Lied: Wie dann das Umfeld wegbricht und stirbt, und das dritte Lied: Was dann übrig bleibt. Dass man sich seinen eigenen Welt Untergang gräbt, darin sitzt und sich den Rest anguckt.

KS: Ich hatte das ein wenig so interpretiert, dass der Song Untergang ein bisschen fatalistisch, aber auch ein wenig zuversichtlich ist. Dass man sich in letzter Konsequenz allein aus dem allen rauszieht. Man ist ein Produkt aus dem, was einem in seinem Leben widerfahren ist: Man kann daran jetzt nichts mehr ändern und man kann auch nicht mehr ändern, was das alles aus einem gemacht hat. Aber es muss trotzdem weitergehen. Hab ich das richtig verstanden?
RYF: Nö, aber ne sehr schöne Interpretation (lacht). Also, eigentlich ist es genau andersrum: Dass man auf sich selbst zurückfällt und nur noch auf das zurückguckt … auf das, was man … also es bleibt ja etwas übrig. Das hab ich ja auch in dem Text geschrieben, dass es ja immer noch ein paar gute Geister gibt. Der Brieffreund in dem Pressetext ist der David von Untoten, der deswegen auch die Coverversion (Anm. Leiche Zur See) gemacht hat. Es ist nicht alles scheiße, aber im Endeffekt fällt man auf sich zurück und muss mit dem leben, was übrig bleibt. Aber ich finde es schön, wenn die Leute auch selbst etwas rein interpretieren. Das war auch schon immer so. Das war ein großer Teil von Ewigheim. Schon immer. Das passt zu Deiner erste Frage mit den treuen Leuten: Wo findet man sich wieder? Worin geht man auf?

„Genau das, was ich mit dem Text ausdrücken wollte, konnte man auf diesen Fotos sehen.“


KS: Ich hab mich zuerst mit Ende und dem Lyric-Video beschäftigt (Anm. Wir hatten bei monkeypress.de die Video-Premiere gemacht.) und war sehr angefasst von den Fotos, die Ihr verwendet habt. Ich kenne solche Bilder. Ich glaube, wir kommen in etwa aus der gleichen Generation. Wir sind in etwa im gleichen Alter. Und ich hab die Erfahrung gemacht, dass jeder eine Verbindung zu den Fotos aus seiner Generation hat. Die Bilder aus meiner Kindheit sehen ganz ähnlich aus: Aus dem Kindergarten, mit der Verwandtschaft, alles schwarzweiß. Fotomaterial war damals endlich und schwerer zu bekommen. Es gibt wenige Schnappschüsse, wenige Bilder insgesamt. 

RYF: Hast Du das Cover gesehen? Vom Album?

KS: Ja. Da ist auch ein Foto aus dem Video dabei. Das Kind mit den Schwänen.
RYF: Ja, die Fotos: Das bin alles ich. Und wie Du schon sagtest, es gab eben nur diese Handvoll Bilder.

KS: Stimmt. Ich hab auch nur sehr wenige Bilder aus meiner Kindheit.
RYF: Das Abgefahrene war, ich hatte 25 Jahre keinen Kontakt zu meiner Schwester. Und als meine Mutter gestorben ist, mussten wir wieder Kontakt haben und da haben wir noch ein paar Bilder getauscht. Ich hatte noch ein paar von ihr und sie hatte ein paar von mir. Und die Fotos, die da im Layout gelandet sind, waren genau die fünf, die ich von ihr bekommen habe. Das war total schräg. Die kannte ich selber nicht. Das erste, mit dem Kreisel, kenne ich. Den Rest nicht. Und das Komische war – da ist ja auch dieses Gruppenbild dabei: Das sind alles die Leute, die jetzt schon tot sind. Drei davon. Genau das, was ich mit dem Text ausdrücken wollte, konnte man auf diesen Fotos sehen. Was noch merkwürdig war. Die Fotos damals hatten alle ein super kleines Format: Also grad mal so sieben mal fünf Zentimeter. Und bei der Bildbearbeitung, als ich die dann vergrößert habe, wirkte alles noch unheimlicher, weil man diese Bilder nie so groß gesehen hat. Wir hatten das Cover-Layout damals schon fertig und dann erst habe ich die Fotos bekommen. Und da hatte ich Tobias gefragt … Wir haben dann mit der Gestaltung noch einmal ganz von vorn angefangen.

KS: Dadurch bekommt das Ganze noch eine ganz persönliche Note. Man gibt aber auch sehr viel von sich preis. Ich war von dem Video sofort angefasst. Das hat mich richtig gepackt. Wahrscheinlich, weil ich diese Bilder in der Form auch kenne. Unwillkürlich kommen eigene Erinnerungen hoch.
RYF: Ja, so ging es mir auch. Auch bei dem Video. Da hatte ich schon einen Kloß im Hals.

„Einfach wunderlich sein, sich nicht in Frage zu stellen.“


KS: Ganz Für Sich ist die erste Etappe auf Welt Untergang. Ich muss sagen, der Song hat mich verstört und schlimme Assoziationen hervorgerufen. Da waren Traurigkeit, Einsamkeit und auch Hilflosigkeit. Man muss nicht unbedingt viel Empathie mitbringen, um zu ahnen, dass hier sehr schlimme Erinnerungen beschrieben werden.

RYF: Also, ich war immer ein sehr eigenartiges … oder vielleicht würde man heute sagen introvertiertes Kind. Immer eher … ganz für mich. Meine ersten Kindheitserinnerungen waren, als ich die Haare lang trug, dass ich die immer im Mund hatte. Das kommt dieses „Kind aß Haare“ her. Im Prinzip geht es darum, damals noch mehr als heute, so empfinde ich das – die Kinder heute entwickeln sich ja viel freier und haben ganz andere Möglichkeiten. Man konnte nicht sein, wie man wollte. Das kam immer von allen Seiten, noch schlimmer war es in der Schule. Darunter habe ich sehr gelitten: Einfach nicht der Mensch sein zu dürfen, der man ist. Darum geht es in dem Text, von meiner Seite aus. Darum geht es dann auch im Refrain: Einfach wunderlich sein, sich nicht in Frage zu stellen.

KS: Ich hab noch eine Frage zu Untergang. Am Ende höre ich, vielleicht hab ich mich auch verhört, einen Bezug zu Bethlehem?
RYF: Ich bin Riesenfan! (lacht)

KS: Schatten aus der Alexander Welt?
RYF: Das bezieht sich darauf.

KS: Du hast eine große Verbindung zu dieser Band. Es passiert sehr oft, dass Leute sagen, dass Musik in der Lage ist, einen über schwere Zeiten hinweg zu helfen. Oder innere Dämonen zu erkennen, zu verstehen oder zu überwinden. Glaubst Du, dass Musik so was kann oder vielleicht sogar Eure Musik anderen Leuten in schweren Zeiten helfen kann? Bekommt Ihr da Rückmeldungen?
RYF: Schon. Regelmäßig. Das ist auch ein Grund, warum wir jetzt auch viel live spielen, weil man da direkt die Reaktion von den Leuten kriegt. Das ist oft schon sehr rührend. Da hat jeder sein Album oder sein Lied, bei dem das oder jenes passiert ist. Und das höre ich mir gern an. Das war auch das grundlegende Ding bei dem ganzen Album (Welt Untergang). Ich hatte mir vorgenommen, alles auftauchen zu lassen, was mir über die Zeit wichtig war. Und da war auch Bethlehem ganz weit vorn. Früher war das noch Type O (Negative). Er (Anm. Pete Steele) ist ja ein Stück weit auch weg. Er ist ja auch Erinnerung.

KS: Da nimmst Du schon so bisschen meine nächste Frage vornweg. Gibt es noch weitere Künstler (egal welcher Bereich), die Du magst oder die Dich beeinflussen?
RYF: Na ich hoffe nicht, dass es nur musikalisch ist (Anm. in der Arbeit beeinflussen). Das sind halt welche, die mich schon immer begleiten: zuerst waren es Carnivore, dann kamen Type O, dann Bethlehem – die waren immer ein ganz großes Thema. Da waren immer nur diese drei wichtigen Bands. Die haben mich beeinflusst, bestimmt irgendwie auch musikalisch. Das waren die drei, die eben immer da waren in, meinem Leben. Oh, und dann noch Laibach.

KS: Komme ich noch zu meiner letzten Frage: Ich hab gar nicht genauer recherchiert, aber wie sehen denn Eure Live-Pläne mit Ewigheim in diesem Jahr aus. Passiert da etwas oder seid Ihr zu sehr in andere Projekte gebunden?
RYF: In diesem Jahr wird Eisregen 25 und da ist das ganze Jahr bis in den Herbst verplant. Das war eigentlich schon die ganze Zeit klar. Bei Tobias und Markus ist es ganz ähnlich. Markus hat jetzt ne neue Sun Of The Sleepless Platte gemacht. Der tritt sehr viel auf. Das war schon schon sehr lang verplant. Und bei Tobias ist es die nächste Oul Platte. Wir hatten für Ewigheim gesagt, bei jedem regulären Album eine Tour. Das ist ok so.

KS: Lieber Ronny, ich danke Dir für das nette Gespräch und die vielen eindrücklichen Einblicke!

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Weblinks EWIGHEIM:

Facebook: https://www.facebook.com/ewigheim
Label: https://www.facebook.com/GoldenChurch666

Bildmaterial: Pressefreigabe durch Golden Church

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