Cyberpunk ist unsere Realität: Im Interview mit Karl Learmont aka ZooG (ANGELSPIT)

Cyberpunk ist unsere Realität: Im Interview mit Karl Learmont aka ZooG (ANGELSPIT)
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Multimedia-Künstler Karl Learmont aka ZooG dürfte Szene-Fans mit seinem Musikprojekt Angelspit ein Begriff sein. Gegründet 2004 in Sydney, Australien, erarbeitete sich der im ländlichen Kingaroy, Queensland, aufgewachsene Learmont und Mitgründerin Destroyx aka Amelia Tan rasch den Ruf eines eigenwilligen Electro-Acts, dem Musik mindestens genauso wichtig wie eine Botschaft ist. Wir haben uns mit Karl über sein aktuelles Album Bang Operative (September 2019), Cyberpunk, das Monster Internet und Australien unterhalten.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Du nennst den „Synthwave-Sound der Jahre 1978-1981“ als Einfluss für Dein aktuelles Album Bang Operative. Was ist das Besondere an dieser Zeit? Warum ist Synthwave gerade jetzt so beliebt?
1978 bis 1981 war eine großartige Zeit für synthetische Musik. Es war der Beginn von etwas Neuem. Synthesizer wurden billiger, so dass mehr Musiker mit ihnen experimentieren konnten. Immer mehr Zuhörer entdeckten diesen neuen Klang. Es entstanden Labels, die die Bands unter Vertrag nahmen – diese neue Szene florierte. Es gab keine definierten “Sound” oder Marketing A&R-Leute, die entschieden, was das Genre definierte und begrenzte – es war freies Experimentieren. Es war Punkrock mit Synthesizern. Das ist der Sound, auf den ich mich beziehe, wenn ich “Synthwave” sage – John Foxx, Numan, Jarre, Kraftwerk, Human League, Simple Minds, Vangelis und Devo. Ich habe mich in diese Ära gewagt, weil ich mich immer wieder dazu dränge, etwas Neues auszuprobieren. Ich verfolge nicht die neue Inkarnation von “Synthwave”. Es ist interessant, aber nicht annähernd so frei und aufregend wie die ursprüngliche Synthwave-Bewegung. Das moderne “Synthwave” scheint an einen strengen Genre-Code gebunden zu sein – was dem ursprünglichen Synthwave-Sound völlig entgegengesetzt ist. Je mehr ein Genre eingeschränkt wird, desto kürzer ist seine Lebensdauer.

Du hast das Album in Los Angeles produziert und nennst die “ausufernde Dystopie der Stadt” als weitere Inspiration. War LA von Anfang an als Inspirationsquelle geplant oder hat sich das ergeben, nachdem Du dort hingezogen bist?
Der Umzug nach LA hat die Atmosphäre des Albums inspiriert. Es ist sicherlich eine inspirierende Stadt. LA ist ein merkwürdiger Ort mit einer interessanten Kultur. Kein Wunder, dass es Pate für die Welt des Films Blade Runner stand.

Das Cyberpunk-Genre hat Dich ebenfalls inspiriert. Was sind Deine Lieblings-Cyberpunk-Filme?
Max Headroom (1998, 1987-1988), Blade Runner (Ridley Scott, 1982), Akira (Katsuhiro Ôtomo, 1988), Blade Runner 2049 (Denis Villeneuve, 2017), Sorry to Bother you (Boots Riley, 2018), Tetsuo (Shinya Tsukamoto, 1989), The Matrix (Lana und Lilly Wachowski, 1999), M.A.R.K. 13 – Hardware (Richard Stanley, 1990), TRON (Steven Lisberger, 1982). Schwer, nur einen Lieblingsfilm auszuwählen. Blade Runner 2049 war der Hammer. Akira ist ein Meisterwerk … aber den Nagel auf den Kopf getroffen hat Max Headroom.

Warum ist Cyberpunk heute noch relevant?
Cyberpunk ist jetzt unsere Realität. Unsere Avatare haben mehr soziale Kontakte als wir selbst. Mein digitales Ich interagiert mit mehr Menschen als mein physisches Ich. In der ersten Welle des Cyberpunks, in den 80er Jahren haben wir Filme wie War Games (1983), The Terminator (James Cameron, 1984) und dann Akira (1988) geschaut. Mitte der 90er Jahre hat sich das “Cyber” neu definiert und wir haben The Matrix (1999) bekommen. Es war diese Zukunftsvision, in der uns die Computer gefangen nehmen. Die KI [Künstliche Intelligenz] wollte uns nicht mehr vernichten, denn sie war jetzt schlau und wusste, wie sie uns einsperren und versklaven kann. Und jetzt sind wir bei Kommunikation und Wirtschaft vollständig vom Internet abhängig. Heimtückische KIs und Computerviren stören Flugverkehr, Finanzwelt, nationale Verteidigung und sogar Wahlen. Die allmächtigen Algorithmen entscheiden, welche Nachrichten wir zu sehen bekommen und welche Person dir deine Dating-App als passendes Match vorschlägt. Und all das ist kein Film. Meine Nichte ist 13 Jahre alt. Sie hat letztens The Matrix gesehen und meinte nur “Yeah, na und?” Das hat mich umgehauen. Für ihre Generation ist die Vermischung von physischer und digitaler Welt völlig selbstverständlich und zum Alltag geworden. Es ist schon ein wenig merkwürdig, dass jetzt ausgerechnet ich damit werbe, einfach mal die Stecker zu ziehen und unplugged zu leben. Weil dystopische Konzerne die Macht übernehmen. Zensur findet statt. Edward Snowden ist ein Held. Der Computer, mit dem ich Musik mache, ist nicht mit dem Internet verbunden. Der hat keine WLAN-Karte und es hängt auch kein Ethernet-Kabel dran. Alle meine Synths sind analog oder stammen aus einer Zeit, in der es noch keine USB-Anschlüsse gab. Ich meide Netflix und schaue überhaupt selten Filme. Meiner Meinung sind die nur dazu da, um uns Menschen vom Denken und Träumen abzuhalten. Die Tentakel des elektronischen Cthulhu beeinflussen alles und jeden und die beste Verweigerung ist den Stecker zu ziehen.

Du bist auf der Crowdfunding-Plattform Patreon aktiv. Als unabhängiger Künstler dürfte das Internet der beste Zugang zu Deinem Publikum sein. Ist das Internet jetzt Fluch oder Segen?’
Eine gute Frage. Das Internet ist eine Droge – es hängt also von der Dosierung ab. Unsere Gesellschaft sucht noch immer das Gleichgewicht. Untersuchungen weisen darauf hin, dass das Internet süchtig macht ist und da stimme ich zu. Wie gesagt, mein Hauptcomputer, mit dem ich Musik mache, hat keine Internetverbindung. Wenn ich an dieser Maschine arbeite, bin ich super produktiv und das liegt vor allem daran, dass mich das Internet nicht ablenken kann. Weil ich ein trübseliges Wesen bin, das verzweifelt nach Ablenkung sucht. Viele meiner Künstlerkollegen schlagen sich mit Internetgedöns herum und investieren viel zu viel Energie in Social Media. Ich muss konzentriert und diszipliniert bleiben, weil ich meine Zeit ohne Probleme tagelang mit Videos über Synthesizer und Außerirdische auf YouTube verschwenden könnte.

Auf YouTube stellst Du ja auch regelmäßig Synthesizer Tutorials ein. Wie und wo hast Du Dich selbst mit der Technik vertraut gemacht?
Mit 13 Jahren habe ich mit dem Klavierunterricht begonnen. Ich war schrecklich und das bin ich immer noch. Spielen interessiert mich nicht. Aber mit Klängen herumzuspielen interessiert mich! Ich interessiere mich eher für Knöpfe und Regler als für Tasten. Sound mit den Reglern zu erzeugen ist genauso musikalisch wie das Spiel mit den Tasten. Mit 14 hatte ich genug Geld gespart, um mir meinen ersten Synthesizer zu kaufen. Und dann ging es nur noch bergab [scherzhaft]. Ich habe Musik an der Universität studiert und war immer im Synth-Studio. Dort habe ich so viel gelernt. Schließlich habe ich dort als Dozent für MIDI [Musical Instrument Digital Interface], Synthesizer und Musiktechnologie gearbeitet. Stundenlang war ich in der der Bibliothek und habe Synth-Alben gehört, las Synth-Magazine, studierte Handbücher und lernte die Grundlagen der Elektronik. Ich hatte das Glück, Zugang zu einer großartigen Ausbildung zu haben. Australien rockt in dieser Hinsicht! Viele Menschen, die mein Interesse für Synthesizer und Musikmachen teilen, haben nicht die Möglichkeit, aufs College zu gehen. Also teile ich mein Wissen mit ihnen. Meine kleinen Tutorials nenne ich Blipverts, inspiriert vom Titel der ersten Episode von Max Headroom. Ich hoffe, dass ich Menschen damit zum Musikmachen inspirieren und motivieren kann. Damit sie richtig abgehen können.

Wenn uns Filme vom Denken und Träumen abhalten: Inwiefern ist Deine Musik anders? Wie hilft sie Zuhörern, wieder zu denken und zu träumen?
Angelspit ist stark von Funk, Punk und Rock’n’Roll beeinflusst. Die Musik entwickelt sich weiter und bleibt nicht statisch. Sie wächst. Ich habe viel Zeit in die Synthesizer-Programmierung und die Klanglandschaften investiert. Fast jeder Sound wird von Grund auf neu aufgebaut oder gesampelt. Ich möchte etwas machen, das Bilder hervorruft, die Fantasie und das Denken anregt. Angelspit fürchtet sich nicht davor, Konventionen zu sprengen. Ich liebe David Bowie, weil er keine Angst vorm Experimentieren hatte. Er hat alles gemacht. Rock, Funk, Indie, Glam, sogar Cyberpunk. sein Album Outside ist so was von Cyberpunk. Mit dem Experimentieren kommt das Risiko zu scheitern und das ist er auch von Zeit zu Zeit. Sein Mut und sein Einfallsreichtum haben mich inspiriert. Ich glaube, dass unser Genre mehr Experimente braucht. Wir müssen den Status Quo herausfordern, der sich eingebürgert hat. Hör dir den Soundtrack von Akira an. Traditionelle japanische Instrumente und Gesang gemischt mit elektronischem Sound. Perfekt.

Wie geht es weiter mit Angelspit?
Ich arbeite derzeit an drei neuen Alben. Das erste wird verdammt heavy und erscheint dieses Jahr. Das nächste kommt 2021, eine Reise in den wütenden, scheppernden Industrial-Punk-Sound. Der totale Abriss, Mayhem! Beim dritten Album bin ich mir wegen der Veröffentlichung noch nicht sicher. Es soll aber auf jeden Fall innerhalb von zwei Jahren erscheinen und ist was völlig Anderes. Dafür arbeite ich mit mehreren meiner Supporter zusammen. Ich remixe auch, produziere ein paar EPs und helfe Bands, ihre Alben zu veröffentlichen.

Zum Abschluss ein Spaß. Dein Heimatort Kingaroy spielt gegen die Wahlheimat Los Angeles. Wer gewinnt und warum?
Ha! Das ist großartig! Ich bin in der kleinen Redneck-Stadt Kingaroy in Australien geboren und aufgewachsen. Dort gab es einen AM-Radiosender, der 70er Jahre Rock und Country spielte. Der Musikladen verkaufte Sounds der 50er, 60er und 70er Jahre. Man konnte dort Sachen bestellen, aber das dauerte immer ewig. Ich habe mir da das Album Bad Moon Guy von Severed Heads [eine 1979 in Sydney gegründete Band, die Industrial und Synthpop spielt] bestellt, aber die wollten es fast nicht ordern, weil sie besorgt waren, das sei satanisch. Kein Scheiß. Die meisten Leute in Kingaroy waren Rassisten und homophob. Es war die Zeit vor dem Internet. Musik gab es nur im Radio, über zwei Fernsehsender – kein Kabel – und im besagten Musikgeschäft. Die meisten Schüler an meiner kleinen High School saßen im selben Boot. Das war echt ein Abenteuer. LA ist auch ein Abenteuer. Aber wenigstens habe ich meine Frau, meine Katzen und meine Synthesizer… und das Internet. LA gewinnt!

Vielen Dank, Karl. Wir wünschen Dir alles Gute und sind gespannt auf Deine Drei nächsten Alben.

Weblinks ANGELSPIT:

Website: www.angelspit.net
Patreon: www.patreon.com/angelspit
Facebook: www.facebook.com/angelspitmusic
Instagram: www.instagram.com/angelspit

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