AMPHI FESTIVAL 2018 – Samstag (28.07.2018)

Fotos: AMPHI FESTIVAL 2018 – Bands (28.07.2018 ab 16:00 Uhr)
OMD, © Peter Bernsmann
Geschätzte Lesezeit: 5 Minute(n)

Kuriose und nicht immer schöne Umstände begleiteten das insgesamt 14. Amphi Festival in Köln. Durch die Trockenheit der vergangenen Wochen musste die MSRheinEnergie einmal mehr ans andere Rheinufer verlegt werden, was die Anreise zur Orbit Stage wie im Vorjahr erschwerte und deutlich verlängerte. Die seit Wochen anhaltende Schwüle und Hitze bei mehr als 30 Grad sorgte bei den etwa 12.500 Besuchern für viele Schweißperlen auf der Stirn. Und zu allem Überfluss musste Tom Shear, seines Zeichens Mastermind von Assemblage 23, zwei Tage vor Festivalbeginn absagen – für ihn sprangen Suicide Commando einen Tag nach ihrem Gig auf dem ausverkauften “Call the ship to port”-Event mit einem ihrer “Vintage Sets” ein.

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Doch der Reihe nach: Die ersten Acts auf der Main Stage am Tanzbrunnen konnten unterschiedlicher nicht sein. Auf den melodiösen Dark Electro der Leipziger Formation Intent:Outtake folgten die Horrorpunker von The Creepshow und die Aggrotecher und Amphi-Dauerbrenner X:RX. Letztgenannte bezeichnen sich selbst als die Hausband des Amphis und rufen scherzhaft “Wie gefällt es euch bei uns zu Hause?” in die Menge. Tanzbare Beats und simple, aber effektive Mitschreiparolen gehen dem Publikum zur frühen Stunde ziemlich gut rein. Der Platz vor der Hauptbühne ist prall gefüllt und es herrscht Partystimmung. Es wird getanzt und geklatscht, wie bei vielen Acts an diesem Festivalwochenende.

Setlist INTENT:OUTTAKE
01. Intro
02. Evolution
03. Glaube und Vernunft
04. Masks
05. Der letzte Tanz
06. Der Mammon
07. Eclipse
08. From Wolves And Rats
09. Neustart

Setlist THE CREEPSHOW
01. Death At My Door
02. Demon Lover
03. Run For Your Life
04. Buried Alive
05. Sell Your Soul
06. Zombies
07. Grave Diggers
08. Devils Son
09. Sticks And Stones
10. See You In Hell
11. Shake
12. Creatures
13. They All Fall Down
14. Rue Morgue

Future Lied To Us, die neue Electro-Supergroup um Krischan Wesenberg (Rotersand), Vasi Vallis (u. a. Frozen Plasma) und Tom Lesczenski [:SITD:] eröffnete derweil das Festival im (schon sehr gut gefüllten) Theater und konnte schon einmal einem größeren Publikum vorstellig werden, bevor es im Herbst mit And One auf große World Vibration-Tournee geht. Lesczenski überließ allerdings seinen Mitstreitern das Rampenlicht – er selber musste nach den Auftritten von Kiew und Centhron ja noch mit [:SITD:] auf die Bühne. Mit wummernden Live-E-Bass und provokanten, verächtlich geschrieenen Texten gehört Centhron sicher zu den härtesten Bands des Tages. Bei Pornoqueen grinsen Männer ihre Frauen an, verblüffend viele Mädels feiern die generell latent misogynen Texte der Band. Lieben oder Hassen.

Setlist KIEW
01. Nummer 3
02. Exit
03. Getting Angry
04. Therapiegespräch
05. Zimmer 72
06. dcdisk
07. All I Need
08. Feierabend
09. Staub
10. Stille/Stimme
Setlist SITD
01. Rot
02. Genesis
03. Kreuzgang
04. Lebensborn
05. Cicatrix
06. Laughingstock
07. Atemlos
08. Richtfest
09. Snuff Machinery
Immer wieder ärgerliche Einlassstopps

Bei vielen Zuschauern entstand diesbezüglich allerdings Frust. Nicht aufgrund der Qualität des Auftritte, stattdessen kam es rund um die Performances von Centhron und [:SITD:] zu ersten Einlassstopps. Auch vor der darauffolgenden Performance von Funker Vogt, die mit Feel The Pain eine neue, Anfang September erscheinende Single vorstellten, nahm an der Andrang nicht ab. Drinnen stieg die Party mit dicken Beats und drückenden Vocals – draußen standen die Leute in der Schlange und bekamen auch ein paar Regentropfen ab. Das vorab angekündigte heftige Gewitter sollte allerdings ausbleiben.

Auf der Mainstage feierten Unzucht unterdessen den Release ihres fünften Albums Akephalos, welches am Vortag auf den Markt kam. Zwei neue Songs, namentlich die Singles Nela und Nur die halbe Wahrheit, schafften es in die Setlist, den Rest der 50 Minuten füllten die Hannoveraner mit bewährten Klassikern wie Nur die Ewigkeit oder Engel der Vernichtung. Von weitem betrachtet mag die Menge etwas bewegungsarm erscheinen, aber die Fans haben Spaß und gehen auf Sänger Daniel Schulz ein. “Geile Scheiße, Amphi”, ruft der und scherzt bei der Zeile “Kälte kann so erbarmungslos sein” des Tracks Lava mit einem “Hitze aber auch”. Vielleicht noch ein wenig energetischer knallten Aesthetic Perfection dem Publikum im Anschluss ihren “Industrial Pop” um die Ohren. Die Zuschauermenge zeigt, dass Amphi-Dauergast Daniel Graves durchaus einen späteren Slot verdient hätte. Der sympathische Künstler verzichtet heute auf Gesichtsbemalung und überlasst das seinen Gastmusikern von Combichrist. Neben Keyboarder Elliot Berlin sitzt Joe Letz an den Drums. Graves’ eigenwilliger, ohnehin heiserer Gesang wirkt bei einigen Songs leicht angeschlagen, der Stimmung vor und auf der Bühne schlägt das jedoch nicht auf die Stimme. Band und Publikum haben Bock. Schon zu Beginn gibt es Hits wie The Great Depression, die Setlist insgesamt lässt kaum Wünsche offen und beweist, dass auch ein N’Sync-Cover (!) beim Amphi funktionert. Das freut auch einen grinsenden Daniel Graves. “Bye Bye Bye” heißt es für Aesthetic Perfection auf dem Amphi sicher noch lange nicht.

Setlist UNZUCHT
01. Widerstand
02. Lava
03. Engel der Vernichtung
04. Nela
05. Unzucht
06. Nur die halbe Wahrheit
07. Kleine geile Nonne
08. Ein Wort fliegt wie ein Stein
09. Nur die Ewigkeit
10. Deine Zeit läuft ab
Setlist AESTHETIC PERFECTION
01. A Nice Place To Visit
02. The Great Depression
03. Inhuman
04. Rhythm & Control
05. Antibody
06. Ebb And Flow
07. Bye Bye Bye
08. Never Enough
09. Love Like This
10. LAX
11. The Dark Half
12. Spit It Out
Klassisches Goth-Programm auf der Orbit Stage

Deutlich ruhiger und düsterer gestaltete sich das Line-up auf der MSRheinEnergie. Die Orbit Stage stand am Samstag ganz im Zeichen von klassischem Dark Wave und Post-Punk. La Scaltra, ein aus Essen stammendes Quartett, hatte die Ehre der Eröffnung. Tatsächlich wirkte die Bühnenpräsenz von Frontfrau Aeleth Kaven und Tastenfrau Dae Widow ob der zahlreichen Zuschauer ein wenig verschüchtert – an Ausdruck und Performance können die Newcomer sicherlich noch arbeiten. Was aber euphorische Reaktionen hervorrief, war die Musik als Ganzes.

Noch ein wenig lauter wurde es bei A Projection – auf den klassischen Post-Punk der Schweden wäre Ian Curtis sicher stolz. Nicht nur die Musik erinnert stark an die Altmeister Joy Division, auch Sänger Rikard Tengvall scheint sich in Sachen Performance einiges von der viel zu früh verstorbenen Szene-Legende abgeschaut zu haben. Die gediegeneren, opulenten Klänge der Whispers In The Shadow wurden im Anschluss von Soviet Soviet konterkariert. Die italienischen Post-Punker und Amphi-Debütanten legen den Fokus generell eher auf die zweite Silbe des Genres und entfachten im Innendeck mächtig Lärm. Absolut mitreißend, leider nicht so gut besucht wie manch ein anderer Gig an diesem Tag.

Setlist A PROJECTION
01. Exit
02. Dark City
03. Transition
04. I’m Not Here
05. Neuer Song
06. For Another Day
07. The Laughing Garden
08. Scattered
09. No Light
10. Hands
11. Young Days

Das Gegenteil dann erwartungsgemäß an der Mainstage, denn Mono Inc. sind ja bestens bekannt für ihre zahlreichen Hits. Voices Of Doom, Symphony Of Pain, Arabia und viele weitere Klassiker sorgten für Top-Stimmung. Kleiner Wermutstropfen: Das neue Album Welcome To Hell geriet dadurch ganz schön in den Hintergrund.

Setlist MONO INC.
01. Voices Of Doom
02. Welcome To Hell
03. Get Some Sleep
04. Heile, heile Segen
05. Symphony Of Pain
06. Gothic Queen
07. Arabia
08. The Banks Of Eden
09. After The War
10. Children Of The Dark

Ganz und gar nicht neu die Songs, die die eingesprungenen Suicide Commando im Theater spielten, handelte es sich doch um spezielle Vintage-Show mit Stücken aus der Frühphase der Band, die mit dem Bind, Torture & Kill-Hellectro der späteren Jahre wenig zu tun haben. Wer früh genug dran war und auf belgischen Retro-EBM und/oder Coldwave steht, wurde glücklich. Viele Interessierte scheiterten aber leider auch hier am Einlassstopp.

Helden der 80er werden frenetisch bejubelt

Darum mussten sich OMD zum Glück keine Sorgen machen. Und die Zeitreise in die 80er kam beim Publikum an der Mainstage bestens an. Der Überhit Enola Gay brachte nicht nur die ersten Reihen direkt zu Beginn zum Hüpfen, die Stimmung blieb über eine gute Stunde durchgehend überragend. Auch die zahlreichen Reaktionen auf der Facebook-Präsenz des Festivals zeigten, dass den Veranstaltern mit der Verpflichtung von Andy McCluskey und Co. ein richtiger Schnapper gelungen ist. Wiederholung erwünscht.

Setlist OMD
01. Enola Gay
02. Messages
03. History Of Modern Part 1
04. Forever Live And Die
05. If You Leave
06. Souvenir
07. Joan Of Arc (Maid Of Orleans)
08. Talking Loud And Clear
09. The Punishment Of Luxury
10. Dreaming
11. Pandora’s Box
12. Sailing On The Seven Seas
13. Electricity

In dieselbe Kerbe schlug der Theater-Headliner. Bei Midge Ure beschwerten sich im Nachhinein zwar viele über schlechte Akustik, andere genossen bei spektakulärer Lichtshow die zahlreichen Klassiker aus der goldenen Ära des Synthie-Pop. Klar, dass Songs wie Vienna, Dancing With Tears In My Eyes oder Fade To Grey von den früheren Midge Ure-Bands Ultravox und Visage nicht im Programm fehlen durften.

Setlist MIDGE URE
01. Call Of The Wild
02. Love‘s Great Adventure
03. If I Was
04. Death In The After
05. All Stood Still
06. Fade To Grey
07. Pass Strangers
08. Breathe
09. Vienna
10. The Voice
11. Hymn
12. Dancing With Tears In My Eyes

Deutlich häufiger auf einschlägigen Festivals vertreten, doch tatsächlich vorher acht Jahre lang nicht auf dem Amphi waren ASP. Grund genug für Alexander Spreng und Mitstreiter, den Tanzbrunnen richtig kochen zu lassen – ausreichend Hits sind ja vorhanden und wurden wie gewohnt lautstark mitgesungen. Die Frankfurter heizten dem ohnehin schwitzenden Publikum mit Kokon und Pyroshow von Beginn an ein. Dichter Nebel vor einem Schmetterlings-Backdrop sorgt für Atmosphäre, die Band hat die Menge sofort im Griff. Wenn Frontmann Spreng, der noch immer den Wahnsinn in der Stimme trägt, das Publikum animiert, machen alle mit. Dennoch wünscht man insgesamt sich etwas mehr Action.

Am Ende unserer Samstags-Revue werfen wir noch einen lohnenswerten Blick aufs Schiff: Fans ruhiger Töne konnten sich über eine ergreifende Performance von Lebanon Hanover freuen, wer eher auf klassischen, tanzbaren Dark Wave steht, wurde zum Abschluss des Tages so richtig glücklich. Proppevoll war es beim Auftritt von She Past Away, Doruk Oztürkcan und Volkan Caner enttäuschten nicht. Ganz im Gegenteil: Zusätzlich zu allen wichtigen Hits der beiden Alben Berlidi Gece und Narin Yalniznik spielte das Duo aus Bursa sogar gleich drei neue, noch unbetitelte Stücke, die viel Lust auf eine dritte LP machen und sich stilistisch in ähnlichen Sphären wie die bisherigen Songs bewegen. Was am Tanzbrunnen aufgrund von Lärmschutzrichtlinien nicht möglich ist, wurde auf der MSRheinEnergie kurzerhand möglich gemacht: Statt um 21:55 Uhr war erst um 22:05 Uhr Schluss mit lustig. Die begeisterten Fans wollten das zunehmend populäre türkische Duo einfach nicht gehen lassen – Oztürkcan und Caner bedankten sich auf ihre Weise und entließen die Zuhörer mit der atmosphärischen Ballade Hayaller als festivaluntypische Zugabe in die Nacht. 

Setlist SHE PAST AWAY
01. Belirdi Gece
02. Sanri
03. Monoton
04. Katarsis
05. Neuer Song
06. Soluk
07. Ruh
08. Asimilasyon
09. Neuer Song
10. Kasvetli Kutlama
11. Ritüel
12. Neuer Song
13. Insanlar
14. Bozbulanik
15. Hayaller (Z)

Nun ging es wahlweise zur Aftershow-Party oder ins Bett. Wir entschieden uns für Letzteres, denn schließlich sollte ja noch ein anstrengender Tag voller musikalischer Schätze auf uns warten.

Redaktionelle Mitarbeit: Christian Daumann
Bilder: Peter Bernsmann
Bilder Midge Ure: Dietmar Grabs

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