Interview : BLAME

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BLAME ist das Electronic-Industrial-Projekt von Boris Posavec. Im April 2008 veröffentlichte Blame sein Debütalbum "Water" [Rezension] beim aufstrebenden Klangdynamik Records Label und herausgekommen  war ein sehr abwechslungsreiches Werk, das sich von der sonst vielfach dem Publikum vorgesetzten 08/15-Electrokost angenehm absetzte. Wir hatten die Möglichkeit mit Boris ein Interview zu führen, bei dem er sehr ausführlich auf unsere Fragen einging, einen Blick zurück in die Vergangenheit warf, aber auch auf Blame’s Zukunft einging. Aber lest selbst …


Hallo Boris, wie geht es Dir?

Hallo Frank, zuerst vielen Dank für das Interesse an BLAME.
Ich bin gerade aus dem Urlaub zurückgekommen, und ich fühle mich, als wurde mein Kopf defragmentiert. ­čÖé



Wie kam der Bandname zustande? Wem oder was gibst Du die "Schuld"?

Es ist hier nicht die Rede von einer konkreten ‚Schuld‘. Für mich ist das Wort eine allgemeine Bezeichnung für die vergangenen, nicht vergessenen, nicht zu reparierenden Taten, für die Wege, die man kein zweites Mal beschreiten kann. "Blame" ist der Klang der Vergangenheit, mit der man leben muss.



Die Entstehungsgeschichte von "Water" ist ziemlich bewegt. Bitte erzähle uns, wie es zum Release des Albums beim Label "Klangdynamik" kam.

Die ersten Songs entstanden schon 2003. Sie klangen zuerst ziemlich stark nach Endymion, meiner vorherigen Band. Im Laufe der Zeit habe ich viele Revisionen der Tracks geschrieben, so dass Blame allmälich einen komplett neuen Sound entwickelte. Später, als das Spacehulk: Evolution Lied auf der Septic IV als Opener Track erschien, dachte ich, daß BLAME vielleicht bei Dependent ein Zuhause finden könnte. Das war ein ziemlich hoch gestecktes Ziel, und um ehrlich zu sein auch bisschen voreilig. Wir waren uns damals (2004) noch nicht sicher, in welcher Richtung sich unsere Musik fortentwickeln wird. Eine rein clubtaugliche Band wollte ich persönlich nie sein. Kontakte zu anderen Publishern hatten wir keine, und eine Selbstveröffentlichung kostet zu viel Zeit und Energie. Das Album wurde in der Zwischenzeit fertig, und damit es nicht für immer in der Schublade verschwindet, entschieden wir uns, es in einer limitierten Auflage unter dem Belgrader Schwarz/Elektromusik Label ColdTrinity zu veröffentlichen (2007). Ein Jahr später, wurde es komplett remastered und mit einer kleinen Änderung in der Playliste (durch einen zusätzlichen Track) unter dem Banner von Klangdynamik Records in Deutschland veröffentlicht.



Wie kam es zum Kontakt zu "Klangdynamik"? Bist du an das Label herangetreten?

Obwohl heute viele Künstler das Do It Yourself Marketing bevorzugen, habe ich mich schon vor langer Zeit entschieden, ein Label zu finden, das mich um die komplette Publishing-Logistik erleichtert. Klangdynamik Records ist mir schon früher mit dem sehr guten "Klangdynamische Bewegung" (Sampler CD) aufgefallen, und ich hatte das Glück, Martin Sane / Fix8:Sed8 kennenzulernen, der das ursprüngliche "Water" aus eigener Überzeugung von dem Album schleunigst an Thorsten / KDR weiterleitete. Danach haben wir alles sehr schnell vereinbart, und der Releasetermin wurde für den Anfang 2008 festgelegt.



Dein Bandprojekt "Endymion" hast du 2003 zu Grabe getragen. Was ist der Unterschied zwischen "Endymion" und "BLAME"?

Auf den ersten Blick war Endymion vom Sound her melancholischer und die Musik wesentlich weniger komplex, mit einem eher typischen Songaufbau. Ich glaube, der Hauptunterschied liegt darin, dass die Endymion Tracks durch ihre Leichtigkeit zugänglicher waren. Am Anfang gab es selbstverständlich auffällige Gemeinsamkeiten, aber diese wurden mit der Zeit immer kleiner. Zusätzlich besaß BLAME vom Anfang an eine Hi-tech Komponente im Sound, die Endymion komplett vermisste.



In welcher Hinsicht haben sich die die Tracks auf "Water" im Gegensatz zu der alten Version geändert?

Die Tracks auf dem neuen "Water" haben durch das Remastering einen frischeren Klang bekommen. Ein Bonustrack, der auf der Coldtrinity Version an letzter Stelle war, wurde gestrichen, und durch ein neues, bis dato unveröffentlichtes Lied, welches aber aus dem gleichen Zyklus stammte, ersetzt. Durch den neuen Song und den remasterten Sound fühlt sich das Album für mich wesentlich runder/kompletter an.



Du erwähnst, daß hinter "Water" ein tieferer Sinn steckt, nämlich das Ende eines historischen Zyklus. Wird dieser Kreislauf im übertragenden Sinne durch die "Loops" deiner musikalischen Attitüde transportiert?

Ich mag sehr gerne Loops in der Musik. Ich mag, wenn die Musik wie ein komplexes Mantra klingt: hypnotisierend, ab- und aufsteigend. Ich mag auch, wenn sie eine mehrschichtige Struktur und Dynamik in sich birgt, mit vielen Nebenmotiven, Stops & Goes, unerwarteten U-Turns, und das auch, wenn es die restliche Songstruktur auf den Kopf stellt. Deine Anmerkung über den potentiellen Zusammenhang zwischen den Loops auf Water und dem Zyklus der Entstehung ist sehr naheliegend. Doch die Loops haben einen viel stärkeren Einfluss auf den Songablauf. Sie verschaffen dem Lied den Atem. Sie bestimmen durch ihren Rhythmus die Spannung, während die Atmosphäre an sich von den cineastischen Effekten erzeugt wird. Ihr Zusammenspiel kann den Hörer beunruhigen, anregen, oder in eine verträumte Stimmung bringen. Je nachdem welcher Grundgedanke hinter dem Lied steckt.



Bist Du der Meinung, dass wir uns in der heutigen Zeit zu blind auf die Technik stützen und uns zu sehr auf sie verlassen, anstatt anderen Werten treu zu bleiben? Ist der moderne Mensch den falschen Pfad entlanggegangen?

Ich würde nicht unbedingt das Wort "falsch" benutzen. Ich glaube, die Evolution an sich kennt keine Fehler. Es handelt sich immer wieder um eine "natural selection", auch wenn das Endprodukt danach erlischt. So ist es mit dem modernen Menschen. Er wird täglich einer Überflut von Impulsen ausgesetzt, und reagiert auf manche stärker und auf mache schwächer. Diejenigen, die besser angekommen sind, werden optimiert und neu verarbeitet. Die Schwächeren erlöschen. Ob wir als Menschheit an unserer Wahl irgendwann scheitern werden, oder nicht, ist letztendlich egal. Heute verlassen wir uns auf die Technik, früher waren es jähzornige Götter. Wir schaffen es doch immer wieder weiter zu kommen, und vielleicht startet der Zyklus dann eines Tages von neu, und wir landen wieder mit unseren vergessenen Göttern auf der Erde.
Aber obwohl wir heute sehr stark von der Technik profitieren, stellt sich mir die Frage. Fühlen wir uns trotz dem Fortschritt und den besseren Lebensbedingungen nicht immer einsamer? Und wieso sind wir an diesen Punkt gekommen? Kann es sein, daß uns die Kälte der Technik von einander entfremdet hat? Das wäre dann der hohe Preis unserer unaufhaltsamen Fortentwicklung.



Wie beurteilst Du im Moment die "schwarze Szene". Viele beklagen ja eine Art künstlerische Stagnation der Ideen vieler Bands, die immer nur ihr Erfolgsrezept wiederholen. Wie siehst Du das?

Ich glaube die Stagnation offenbart sich in den Clubs heute. Durch die immer gleichen, oft platten und unangenehm harten Stücke, die, zum größten Teil, alles was an dieser Szene gut war, aus den Clubs vertrieben haben. Das passt gut zu meiner vorherigen Antwort über die Evolution – harte, simple Clubtauglichkeit hat sich im Laufe der Zeit durchgesetzt, und dadurch die Entstehung von immer mehr solchen Bands stimuliert.
Aber hinter den Kulissen, weit weg von den Clubs, scheint die schwarze Szene nicht mehr so puristisch zu sein. Immer mehr Künstler experimentieren mit fremden Elementen, die früher nicht typisch für die Szene waren. Das sorgt für eine neue Vielfalt klanglicher Stimmungen. Die Grenze, an der die "schwarze Szene" endet und die "nicht schwarze" (bunte?) anfängt, wurden verwischt. Man findet immer öfter das, was man braucht, in anderen Genres, außerhalb des nokturalen Gebietes.



Woher kommt deine Motivation Musik zu machen? Gibt es Menschen oder Situationen, die Dir den Antrieb geben, Dinge musikalisch zu verarbeiten?

Es hängt fast immer mit einem visuellen Stimulus zusammen. Ein Buch, eine Illustration, Landschaft, oder ganz gewöhnliche, alltägliche Gegenstände, Personen oder Gegende, die unter bestimmten Bedingungen, sei es Beleuchtung, meine eigene Laune, oder Geräusche, in eine Assoziation zusammenwachsen. Für mich ist die Musik eine Notwendigkeit. Wie Gedanken, die einfach laut gesagt werden müssen, weil sonst die innerliche Spannung immer weiter steigt, und zu einer Unzufriedenheit führt. Ich lasse sie dann lieber vorher raus.



Beim Song "Unless (violent)" des Albums singst du ein Duett mit einer Sängerin. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Jelena, die Sängerin, und ich haben in der Vergangenheit sehr oft Musik zusammen gemacht, und noch öfter darüber diskutiert. Sie war das andere Hauptmitglied, sowohl in Endymion als auch im frühen BLAME. Ich fand einfach, dass eine Unless Version mit ihrer Stimme sehr gut in den Water-Rahmen passen würde.



Die Songs auf dem Album muten von der Atmosphäre her wie ein Soundtrack an. Hättest Du Interesse einen Soundtrack zu einem Film zu komponieren? Welches Genre würde dich am meisten reizen?

Und ob! Welches Genre? Ich glaube Post Cyberpunk oder antiutopische Sci-fi. Aber wenn Du mich schon fragst, würde ich noch lieber Musik für Computer Spiele machen. Ich fand Game Soundtracks immer anregend.



Auf welche Art und Weise entstehen deine Songs? Arbeitest Du zuerst an den Lyrics oder ist die Musik zuerst da? Wovon handeln deine Songtexte?

Ich brauche immer einen "Hook", etwas um meine Aufmerksamkeit zu wecken. Diese wandelt sich dann langsam in eine Spannung, die mich zwingt Töne zusammenzusetzen. Beim Songwriting habe ich keine feste Reihenfolge. Manchmal schreibe ich Texte in Prosa, und zerstückel sie dann wieder, um sie durch ein paar Fragmente im Lied darzustellen. Manchmal fange ich mit den cineastischen Elementen an, so eine Art von Speed Painting, aber in musikalischem Sinne. Hauptsache das Bild und dessen Spannung und Stimmung schaffen es rüberzukommen. Alles andere sind nur Mittel der Übertragung.



Gibt es einen Künstler, den Du verehrst und mit dem Du gerne mal zusammenarbeiten würdest?

Ich bin mit der Musik von Jean Michel Jarre, Vangelis und Yello aufgewachsen. Von den modernen ’schwarzen‘ Elektrobands würde ich Gridlock und Covenant als Favoriten nennen. Und ich freue mich schon auf eine engere Zusammenarbeit mit Fix8:Sed8.


Wie sind deine weiteren Pläne für 2008?

Mein zweites Album zu Ende schreiben. "Water" wurde zwar 2008 veröffentlicht, aber das jüngste Lied auf dem Album wurde 2003 geschrieben. Seitdem arbeite ich immer weiter an neuen Tracks, und ich würde das Kapitel sehr gerne in den nächsten Monaten abschließen.



Werden wir BLAME bald live erleben? Hast du diesbezüglich eine Vorstellung, wie die Liveshow aussehen könnte?

Ich habe schon oft gesagt, daß es durchaus möglich wäre BLAME live zu sehen. Und ich sage es hier wieder. Aber, ich habe keine Vorstellung, wann es soweit sein könnte. Ich vermisse Auftritte, die sind zwar immer super stressig aber auch sehr interessant. Ich habe auch schon ein paar Vorstellungen, wie der Live Act aussehen soll.



Die letzten Worte sollen Dir gehören!…

Danke! Ich hoffe ich werde den zweiten Teil von BLAME bald vorstellen können, und ich hoffe die Leute werden die großen Unterschieden gegenüber dem Vorgänger begrüßen.



Boris, vielen Dank für das Gespräch!

Interview per E-Mail : Frank Stienen & Boris Posavec (BLAME)

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