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Lesedauer: 8 MinutenEin verlässlich ausverkauftes Haus – davon träumt doch jeder Veranstalter. Und wie schon im Vorjahr waren die beiden Turbinenhallen im Oberhausener Lipperfeld beim E-Tropolis Festival proppevoll. Schon einige Wochen zuvor waren alle Tickets vergriffen, 13 Bands aus Synthiepop, EBM, Dark Wave und Aggrotech performten über eine Dauer von gut zehn Stunden.
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Los ging es wie es in den vergangenen Jahren um 14 Uhr mit einem Oldschool-EBM-Act auf der Hauptbühne. Nach Sturm Café und Tension Control waren 2026 Zweite Jugend auserkoren worden, das Publikum des E-Tropolis in Gang zu bringen und ein erstes Warmtanzen zu ermöglichen. Eli van Vegas (Gesang) und Marcel Lüke (Schlagzeug) spielen Körpermusik klassischster Natur, der Vergleich zur Deutsch Amerikanischen Freundschaft drängt sich bei Tracks wie „Euroträume“, „Die ganze Nacht“, „Liebe für alle“ oder „Flucht von der Erde“ geradezu zwingend auf. Auch politisch bezog das Duo Stellung: Zu besagtem „Liebe für alle“ zeigte der Frontmann eine Regenbogenfahne – Beschwerden darüber von irgendwelchen Ewiggestrigen konnten in Bühnennähe zum Glück nicht vernommen werden. Für die abschließenden drei Songs begrüßte Eli mit Franzi von der jungen Berliner EBM-Formation Aktion:Fiasko eine motivierte Gästin auf der Bühne, deren eigentliche Band doch ein interessanter Zugang für ein E-Tropolis 2027 wäre. Raus ging es nach dem ewig spaßigen „Hoch die Tassen“ mit lautem, verdienten Applaus!
Deutlich harschere Klänge gab es im direkten Anschluss in der kleineren Turbinenhalle 2 von Synthattack. 2022 eröffnete das Aggrotech-Projekt um Martin Schindler das E-Tropolis auf der Mainstage, nun ging es in etwas intimerem Rahmen und mit der schon nicht mehr ganz so neuen Keyboarderin Julia in die Vollen. Die ist zudem Teil des gemeinsamen Projekts Basscalate, logisch also, dass das unter dem gemeinsamen Banner veröffentlichte „Electro In My Body“ ebenso wenig im Set fehlen durfte wie die Coverversion von Faithless‘ „Insomnia“. Für zusätzliche Hingucker sorgten die Tänzerinnen Celine Ryu und Quayraza, die zu „No God“ mit grellweiß leuchtenden Kreuzen auf die Bühne kamen – und diese umgedreht präsentierten. Na, das gefällt dem Durchschnitts-Goth doch …!
Wer bereits vor gut dreieinhalb Jahren vor Ort war, konnte sich durchaus wie in einer Zeitschleife fühlen. Seinerzeit, im September 2022, folgten Vanguard auf Synthattack. Heuer spielte beide Acts etwas zeitversetzt, die Fans verteilten sich bestens auf die beiden Hallen. Musikalisch haben Harsh-Sound und Synthiepop ja auch nicht allzu viel miteinander zu tun. Die Göteborger können jedenfalls auf ein gelungenes Wochenende zurückblicken. Auf eine ausverkaufte Clubshow in Leipzig folgte der E-Tropolis-Auftritt vor stattlicher Besucherzahl, die sich über melodiöse Ohrwürmer wie „Venom“, „Save Me“ oder „Riot“ freuen durfte. Ob man letzteren mit dieser Art von Musik wirklich kreieren kann, sei mal dahingestellt. Gleiches gilt für Fix8:Sed8 auf Bühne 2, wo es bekanntlich eher um (düstere) Atmosphäre als um Wut geht. Die Show kam quasi einem verspäteten Abschluss der „Lessions in Humility“-Tour gleich, mit jeder Menge Grusel-Equipment und theatralischen Elementen konnten sowohl jahrelange Fans als auch Gelegenheitsbesucher begeistert werden. Wer mehr will: Im Herbst geht Fix8:Sed8 mit Songs der ersten drei Alben auf Retro-Tour.
Für eine Band mit einem solchen Kultfaktor traten Welle:Erdball ungewöhnlich früh auf. Schon um 15.50 Uhr wurde der Sender von Moderator Jens Domgörgen vorgestellt, mit dem Gag „Der Fahrer des VW Käfers mit dem Kennzeichen WE – LL ..“ – na, Ihr wisst schon, wie der Spruch weiterging. 😉 Fans in NRW nahmen erstmals Kenntnis von einer Neubesetzung. Nein, damit ist nicht die Position an den Tasten gemeint. Die übernimmt nun schon seit einigen Jahren zumeist André von der befreundeten Band Versus. Lady Lila, seit 2013 als Moderatorin dabei, gab nach zwölf Jahren kürzlich ihren Ausstieg bekannt. Ihre Nachfolge Michelle konnte sich beim „Türspion“ erstmals prominent beweisen und lieferte solide ab, wenngleich langjährige Fans noch eine gewisse Schüchternheit bemerken konnten – irgendwie aber auch nachvollziehbar. Abgesehen davon gab es neben einigen Songs jüngeren Datums wie „Das Experiment“ oder „Drogenexzess im Musikexpress“ Altbewährtes wie „23“, „Starfighter F-104G“ oder den „VW Käfer“ in gewohnter Manier. Die vorderen Reihen durften sich zu „Mumien im Autokino“ über Popcorn aus den Händen von M.A. Peel freuen – und natürlich auch ein Fan über die 50 Euro, die in einem der Ballons versteckt waren, mit denen die vorderen Reihen bei „Schweben, fliegen, fallen“ ihren Spaß hatten. Eine ganz runde Sache, war das. Hundertprozentig!
Hämmernde Beats schallten im Anschluss von der zweiten Bühne. Ultra Sunn stehen für typisch belgischen Sound mit Einflüssen alter EBM- und New-Beat-Koryphäen wie A Split Second, à;GRUMH oder natürlich Front 242 und haben sich in den vergangenen vier, fünf Jahren zu einem Act gemausert, der selbst in den USA kostendeckend touren kann. Im Gegensatz zur Clubshow im nahen Venlo nicht mal 48 Stunden vorher, bei dem ein Kurzschluss für eine 15-minütige Unterbrechung sorgte, lief hier alles glatt – vom etwas zu leise abgemischten Gesang des Frontmanns Sam Huge mal abgesehen. Die bewährten Hits wie „Broken Monsters“ „Can You Believe It“ oder „Night Is Mine“ sorgten für Begeisterung, sichtbar auch bei einigen jüngeren Fans in den vorderen Reihen, die die alternde Szene ja so dringend nötig hat. Der mit Abstand größte Club-Hit „Keep Your Eyes Peeled“ durfte natürlich nicht fehlen.
Freunde der härteren Gangart ärgerten sich dann vielleicht über die Überschneidung von Funker Vogt, die mit gewohnt brachialen Beats und militaristischem Bühnenbild Fan-Service par excellence ablieferten und den Centhron-Ersatz Noisuf-X, die in strahlend weißen Hemden ihre deftigen Rhythm&Noise-Sounds in der kleinen Turbinenhalle abfackelten. Uns zog es aber zu diesem Zeitpunkt in Richtung Gastro – irgendwann muss der vom vielen Tanzen leere Energiespeicher ja auch mal aufgefüllt werden. Und da bot das Festivals doch reichlich Auswahl zu vergleichsweise fairen Preisen. Eine Currywurst für vier Euro, ein wohlschmeckender, frisch zubereiteter Cheeseburger für sieben Euro oder vielleicht gar Waffeln oder eine Portion Kartoffelsalat für zwei Euro – das geht im Jahr 2026 mehr als in Ordnung. Nur die lange Wartezeit am Imbiss-Stand im Foyer sowie die frechen Getränkepreise (Fünf Euro für ein 0,4-Liter-Mineralwasser???) grämten ein wenig. Der Fairness halber sei gesagt: Nach 15 Uhr gibt es die Möglichkeit, die Turbinenhalle zu verlassen, um sich notfalls auch am nahegelegenen Hauptbahnhof oder im Einkaufszentrum Centro zu verköstigen. Der Wiedereinlass mit grünem Papierbändchen gestaltete sich bei unserem Test jedenfalls völlig unproblematisch – Lob an die Crew!
Frisch gestärkt ging es in die Haupthalle, denn rar geworden sind mittlerweile Live-Auftritte von Faderhead. Wenn Sami Mark Yahya im Westen auftritt, ist es aber gefühlt immer in Oberhausen. 2022 sorgte der Hamburger mit seinen Mitmusikern für den wohl mitreißendsten Auftritt des gesamten Festivals, 2025 spielte er eine ausverkaufte Show im nebenan liegenden Kulttempel. Nun also wieder das E-Tropolis, bevor am 17. Oktober wieder der Kulttempel dran ist – was Sami auch mehrfach bewarb. Beim dritten von vier Oberhausen-Gigs innerhalb von gut vier Jahren verwandelte Faderhead die Turbinenhalle 1 erneut in ein Tollhaus. Nachdem die Lautstärke des zu Beginn kaum hörbaren Gesangs nach oben korrigiert wurde, feuerten Faderhead und seine drei Mitmusiker an Tasten, Knöpfen und Reglern einen Brecher nach dem nächsten ab. „Generation Black“, „The Other Side Of Doom“, der Song, der übrigens „ein Vielfaches mehr Streams hat als ‚TZDV‘“ (Zitat Sami) namens „Know Your Darkness“ oder „Fistful of Fuck You“ – alle drin, alle ein Stimmungsgarant. Es blieb aber auch Raum für Gefühle und Politisches: „Ich hoffe, Ihr fühlt Euch gerade nicht so. Wenn doch, dann ändern wir das noch“ – so moderierte Sami „Too Dead For Life“ an. Und zu „Die For This“, einer Kooperation mit Neuroticfish, flimmerte das entsprechende Musikvideo über die Leinwand – mit allerlei Gestalten und Taten aus aller Welt, an denen man sich keinesfalls ein Vorbild nehmen sollte. „Das ist kein Song darüber, was andere falsch machen. Überlegt mal, was Ihr selbst ändern sollt!“ , betonte Sami.
Etwas unglücklich war die Running Order an dieser Stelle konzipiert, denn die Performance besagter Neuroticfish startete schon während des Faderhead-Sets. Entsprechend konnte „Die For This“ leider nicht zusammen dargeboten werden. Was der Partystimmung in Halle 2 bei den Gelsenkirchener Future-Poppern aber keinen Abbruch tat. Sänger Sascha, stilsicherer im Trenchcoat, war stimmlich in Bestform, die Fans überaus textsicher. Nach dem ruhigen „Imposter Syndrome“ konnte die Futurepop-Party so richtig losgehen. Ob mit „The Bomb“, „Fluchtreflex“ oder natürlich „Velocity“ (Zitat Sascha: „Wir werden nie aufhören, diesen Song zu spielen“) – es wurde reichlich getanzt, die Hände in die Luft gereckt und mitgesungen. Kurios: Wie Sascha erzählte, lief auf der Bühne eine Uhr mit der noch verfügbaren Spielzeit runter – und Neuroticfish wurden auf die Sekunde fertig. Was eine Punktlandung! Fans dürfen sich, wie der Sänger versprach, zudem auf eine neue Veröffentlichung freuen. Einen sehr alten Song hätten sie aufgefrischt, den Namen wollte er aber noch nicht verraten. Man darf also gespannt sein!
Der anschließende Auftritt auf der Hauptbühne weckte erneut Erinnerungen an das E-Tropolis 2022. Seinerzeit folterte Andy LaPlegua die Trommelfelle aller Anwesenden, die keine Ohrenstöpsel trugen, mit seinem Combichrist-Oldschool-Electro-Set bei wirklich überzogen brutaler Lautstärke. Unvergessen der Anblick von Solar Fakes Sven Friedrich auf der VIP-Tribüne, der sich die Ohren zuhielt. Ganz so schlimm sollte es diesmal nicht werden. Dass das jetzt hier 80 Minuten lang nichts für Weicheier ist, war aber allen Beteiligten klar, Gehörschutz erneut ein Pflichtutensil. Moderator Jens verriet bei seiner Ansage, dass der Norweger ihm vorab versprach: „Ich zerlege heute die Bühne!“ Und von Beginn an wurde das Gastpedal durchgedrückt. Passend zum Songtitel begannen Andy und Kompagnon Elliott an den Tasten mit dem Stück „At The End Of It All“ – muahaha, was für ein Knaller-Gag. Oder?
Gut, jetzt mal im Ernst: Das Duo mischte bei etwas zu viel Bass Kult-Clubhits wie „Electrohead“, „Blut Royale“ oder „Get Your Body Beat“ mit einigen Raritäten. „Fuckmachine“, „Feed Your Anger“ oder „I Want Your Blood“ erklingen dann sonst doch sehr selten. Zu „Fuck That Shit“ gingen alle Mittelfinger hoch, zu quasi jedem Song wurde heftig gemosht – ganz klar: Den größten und brutalsten Pit des Tages gab es hier. Auffällig gegenüber früheren Oldschool-Sets waren die Sequenzerbässe, Melodien und Noise-Sprengsel, die Elliott immer wieder zu den klassischen Instrumentals hinzufügte – das fühlte sich richtig „live“ im besten Sinne an. Nur das Outro nach dem abschließenden „Like To Thank My Buddies“, das ein Mash-up des „This Shit Will Fuck You Up“-Beats mit den Vocals des unsagbar trashigen „My Humps“ von den Black Eyed Peas mischt, löste doch eher Stirnrunzeln aus. „Never forget that you’re fuckin‘ special, take care of yourself and others“ – den Ratschlag gab LaPlegua dem begeisterten Publikum noch mit. Tipp: Am 9., 10. und 11. April spielt er drei exklusive Clubshows in Hannover, Köln und Bochum mit Songs von Combichrist, Icon of Coil sowie Panzer AG.
Das dürfte dort so heiß und eng werden, wie in Halle 2 zum krönenden Abschluss. Wobei: Wer Combichrist bis zum Ende verfolgte, bekam von Kite nicht mehr viel mit, da das schwedische Duo den Auftritt 15 Minuten vor dem offiziellen Zeitplan beendete. Größer hätte der Gegensatz im Vergleich zum auf und vor der Hauptbühne kaum sein können. Nicklas Stenemo und Christian Hutchinson Berg setzen auf Atmosphäre, auf große Melodien und auf eine Lichtshow, die nicht sie selber, sondern die Songs in den Mittelpunkt rückt, inklusive ordentlich Nebel. Was Fotografen verzweifeln lässt. Aber für diese treten die Schweden ja auch nicht auf. Mit großen Gerätschaften und wenig Leuchtmitteln nahmen Kite das Publikum mit auf eine leider etwas zu basslastige Reise. Ohrenstöpsel waren auch hier bei den kleinen feinen Hymnen wie „True Colours“, „I Can’t Stand“, „Hand Out The Drugs“ oder „Jonny Boy“ durchaus ein sinnvolles Utensil.
„2022 reloaded, die Fünfte“, hieß es zum Abschluss bei Project Pitchfork. Damals wie jetzt hatten Peter Spilles & Co. den Headliner-Slot inne. Bevor der Auftritt startete, konnte man sich am bestsortiertesten Merch-Stand des Festivals mit allerlei Zeug eindecken. Tassen, Gläser, Bierdeckel, Ohrstecker, Silberanhänger – alles dabei, neben den obligatorischen Shirts, Tonträgern oder Aufnähern. Der Sound bei der Performance? Fett! Dafür sorgten gleich drei Schlagzeuger – in dieser Szene wohl einmalig – plus Gitarrenriffs und Tasten. Die Setlist mischte die unverzichtbaren Clubhits wie „Souls“, „Rain“ oder „Timekiller“ mit Fanlieblingen und ausgesuchten Raritäten – eine quasi perfekte Festival-Auswahl, die beinharte Anhänger und Gelegenheitshörer gleichermaßen zufrieden stellte. Vergleicht man das Programm mit dem des vergangenen Festivalauftritts beim Chemnitzer Dark Storm an Weihnachten, erkennt man: Acht Songs rotierten rein, von „Drone State“ über „Titânes“ bis hin zum abschließenden Doppel aus „God Wrote“ und „Rescue“. Ebenfalls aufregend: Hier werden die Stücke nicht einfach nachgespielt, sondern wirklich interpretiert – einiges konnte man dank der schnittigen E-Gitarren-Riffs fast schon im Industrial Rock verorten, nicht nur Stücke wie „Existence v4.1“, die bereits im Original in eben jene Richtung gehen.
Immer wieder fragte Peter Spilles zwischendurch „Könnt Ihr noch?“ Uneingeschränkt mit „Ja“ konnte man dies nicht beantworten. Ungeachtet der Qualität des Auftritts wurde es im hinteren Bereich der Halle doch zunehmend leer – ein typisches E-Tropolis-Phänomen, wenn sich der Tag dem Ende neigt, in Halle 2 das DJ-Programm startet und der Headliner vielleicht nicht Jedermann und -frau abholt. Vorne wurde aber weiter kräftig getanzt, geklatscht und mitgesungen, bis eben jenes „Rescue“ um kurz vor Geisterstunde das Festival beschloss. „Es war wirklich schön mit Euch“ , so verabschiedete Spilles die tobenden Schwarzkittel vor der Bühne in die Nacht. Fazit: Gerne wieder!
Bis zum kommenden E-Tropolis müssen die mehr als 3500 Anhänger des düsteren Electro übrigens „nur“ 51 Wochen warten. 2027 geht es eine Woche früher an Ort und Stelle zur Sache. Karten für den 20. März 2027 sind bereits jetzt für 78,50 € erhältlich – noch gibt es zudem die ermäßigten 5+1-Gruppentickets, die erfahrungsgemäß zügig vergriffen sind. Erste Bandankündigungen sollen bald folgen, wir halten Euch hier selbstverständlich auf dem Laufenden! Unsere komplette Fotogalerie findet Ihr übrigens hier:
Weblinks E-TROPOLIS
Homepage: www.etropolis-festival.de
Facebook: www.facebook.com/etropolisfestival
Instagram: www.instagram.com/etropolisfest
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