WGT – WAVE GOTIK TREFFEN 2022 in Leipzig – Die Ausschüttung des Schwarzen Geistes

Wave Gotik Treffen Völkerschlachtdenkmal © Sandro Griesbach
Wave Gotik Treffen Völkerschlachtdenkmal © Sandro Griesbach
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Laut Bibel wurde an Pfingsten der Heilige Geist über die Erde ausgegossen, was eine riesige Sauerei gewesen sein muss. Auch in Leipzig findet seit etwas über 30 Jahren etwas ganz Ähnliches statt. Gehen wir in die sogenannte Exegese, die Auslegung, und vergleichen das fiktive Geschehen damals mit dem tatsächlichen von heute.
Laut Apostelgeschichte, Kapitel 2:
„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort“ (Check: Leipzig!)
„Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren“ (Check: Wer bei Xotox oder Winterkälte dabei war, kann das bezeugen)
„Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Check: Die erwartungsfrohe Stimmung verbreitete sich in den Locations und es wurde fleißig mitgesungen. In Norwegisch bei Lindy-Fay Hella, in Französisch bei Alcest, oder auf Griechisch bei Kalte Nacht)
„Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten und sagten: Sie sind vom süßen Wein betrunken. […] Da trat Petrus auf […], er erhob seine Stimme und begann zu reden: „Diese Männer sind nicht betrunken, es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen“ (Äh… lassen wir mal so stehen, Parallelen zu lebenden Personen sind rein zufällig!)

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Fakt ist: Es war Pfingsten und es strömten alle Finsteren herbei und nahmen die Stadt Leipzig in Besitz wie es seit Äonen Brauch ist. Und unsere Bibel ist und bleibt der Pfingstbote. Das Wunderbare und zugleich die Crux am Wave Gotik Treffen ist es, dass es dermaßen vielfältige Programmpunkte gibt, dass man immer nur einen kleinen Schluck aus dem Füllhorn nehmen kann. Viele nehmen ja angeblich schon einen Tag vorher frei, schließen sich mit dem Timetable in ihrer Kammer ein, zünden Räucherstäbchen an und schwitzen dann Blut und Wasser über der logistischen Planung, während immer wieder Heulen und Wehklagen aus jenen Kemenaten hervordringt, wenn wieder einmal ein Act aus Gründen der schieren Unmöglichkeit über die Klinge springen muss. Überschneidungen sind die Geißel aller Festivalgänger und beim WGT kommen noch die Fahrzeiten zwischen den einzelnen Grufttempeln hinzu (Ich möchte an dieser Stelle ein Requiem für meinen geliebten Kohlrabizirkus anstimmen, der auch dieses Jahr leider nicht für Konzerte zur Verfügung stand). Dass das WGT-Bändchen freie Fahrt in allen öffentlichen Nahverkehrsmitteln in Leipzig bietet, ist eine große Hilfe, wobei dieses Jahr ja ohnehin alle mit 9-Euro-Tickets ausgestattet waren. Unverzichtbare Hilfsmittel für die Planung sind übrigens noch der monkeypress-Planer und die inoffizielle WGT Guide App. So behält man stets die Übersicht und kann sich sein persönliches Programm zusammenstellen.

Trotz der herausfordernden Planung: Das Wave Gotik Treffen ist und bleibt für mich DER Place to be im Gothic-Kalender, unser „Hogwarts“, unser Schlaraffenland für die dunkle Seele und es ist jedes Mal ein Fest für alle Sinne, diesem „Entthing der Verschworenen“ beizuwohnen und gemeinsam zu entscheiden, wer ein Ork ist und wer nicht. „Nur nicht so hastig“ taugt aber weniger als Motto, stattdessen sind akribische Planung plus diverse Zeitpuffer vonnöten, damit man das Maximum aus dem Programm herauszuholen vermag. Ich bitte um Verständnis, dass ich in diesem Text aus den genannten Gründen nur einen diffusen Abglanz vermitteln und das ein oder andere funzelige Schlaglicht auf einzelne Puzzleteile des großen und wunderbaren Ganzen zu werfen vermag.

Vorsicht: Kultur!

Meine Anreise erfolgte am Donnerstag – einen Tag vorher anzureisen sei generell wärmstens empfohlen! An diesem Abend fand bereits die allseits beliebte Elektro Allstars-Party in der Moritzbastei statt. Wer diese famose Location nicht kennt, dem sei gesagt: Unter den alten Mauerresten der einstigen Festungsanlage gibt es ein verzweigtes Netz von Tunneln und Gewölbekellern und hier gibt es einfach die besten Partys. Punkt. Auch dieses Jahr hatte die MB sich wieder hochkarätige Gäste gekrallt, damit das erste WGT seit Pandemiebeginn gleich mit einem ordentlichen Knall starten konnte. Daniel Myer, Erk Aicrag, Isaac Howlett und Krischan Wesenberg waren nur einige der Namen, die hier bereits vor dem offiziellen Beginn Bewegung in die verrosteten und verkrusteten Gothic-Glieder zu bringen suchten.

Wir müssen hier auch einmal eines ganz deutlich machen: Das WGT ist ein KULTURFESTIVAL. Es unterscheidet sich von allen anderen Festivals dadurch, dass in hohem Maße Wert darauf gelegt wird, möglichst viele Facetten der Schwarzen Szene abzudecken. Und das heißt eben nicht nur Musik. Das Wunderbare an der Gothic-Szene ist ja, dass es sich um eine vollwertige Subkultur handelt. Das bedeutet, dass man viele Aspekte daraus in sein alltägliches Leben übertragen kann, statt einfach nur Musik zu hören und ein Bandshirt zu tragen. Im schwarzen Garten sind mit der Zeit viele verschiedene Pflanzen erblüht und so gibt es neben Gothic-Musik und der entsprechend passenden Kleidung und Dekoration auch Weltanschauung, Philosophie, Literatur, Kunst und Wertekosmos dazu. Das ist meiner Meinung nach der maßgebliche Grund dafür, dass die Schwarze Szene zeitlos ist und viele ihr Leben lang dieser Subkultur verhaftet bleiben, während andere Ausrichtungen oft als jugendliche Phase letztendlich verblassen und verschwinden. Ein Festival, dass für sich in Anspruch nimmt, ein Heimathafen für die Szene darzustellen, kommt also nicht umhin, die vielen Mäuler der gotischen Hydra zu füttern. Das WGT tut dies in bemerkenswerter Art und Weise. Aber was heißt das genau? Zunächst einmal gibt es gut 200 Auftritte von Musikacts zu verbuchen. Musik war seit jeher das Vehikel, auf dem die meisten – oft auch zufällig – in die Szene hineingeholpert sind und ohne Frage stellt Musik ein starkes verbindendes Element dar. Doch der höchste Wert der Schwarzen Szene ist und bleibt der Individualismus! Jeder definiert seine persönliche Szene und seine Wohlfühlelemente ein wenig anders und so findet sich die Vielfalt auch bei den auftretenden Künstlern wieder. Ein Blick ins WGT-Programm zeigt aber noch weitaus mehr: „Klassik“ fällt direkt ins Auge. Sapperlot! Ja, Klassik. Wer darunter nur Geklimper auf dem Klavier versteht, möge sich gern inspirieren lassen, seinen Horizont zu erweitern. Ich persönlich muss zugeben, dass ich unterjährig nicht viel Klassik zu Gehör bekomme, weshalb ich mir beim WGT immer meine jährliche Klassik-Impfung gegen die Verrohung und evolutionäre Rückentwicklung abhole. Mit dem Bändchen hat man freien Zutritt zu den Stätten der Leipziger Hochkultur und kann Aufführungen in Oper und Gewandhaus besuchen – so man denn rechtzeitig ansteht, um sich einen der begehrten Plätze zu sichern. Denn die übrigen Leipziger wollen auch gern wissen, woran die Gestalten von Wagner und Co. auf der Bühne denn nun wieder stundenlang zu laborieren gedenken und so gibt es nur ein begrenztes Ticket-Kontingent für Festivalbesucher. Das Zusammentreffen der „normalen“ Opernbesucher und der Schwarzlinge ist übrigens immer wieder ein sehr erfrischender „Clash of Cultures“ und anfängliche Vorbehalte und Unsicherheit bei den Muggeln werden oft schnell nach den ersten Gesprächsversuchen abgebaut. Man ist neugierig und kommt hier in den Austausch und das ist einfach wunderbar und bereichernd. Zudem vor allem die viktorianischen Gruftis nicht minder elegant gekleidet sind und die gleichen vortrefflichen Manieren aufweisen wie Tante Irmgard aus der Südstadt mit ihrem Opernabonnement.

Auch wenn Wagners Parsifal und Amfortas‘ 4,5 Stunden langes Wehklagen nach seiner Speer-Verwundung in mir damals akute Sehnsüchte nach aktiver Sterbehilfe ausgelöst hatten, so ist es für mich trotzdem eine liebgewonnene Tradition geworden, beim WGT auch Klassikaufführungen zu besuchen. Diesmal hatte ich allerdings kein Glück. Auch wenn ich mich knapp eine Stunde vor Beginn in die Schlange der Wartenden einreihte, so war das Kontingent von 100 Karten für WGT-Gäste bereits aufgebraucht. Ich kam also nicht in den Genuss, mir die inoffizielle dänische „Staatsoper“ Maskarade von Carl Nielsen anzusehen. Aber am Montag gelang es mir dann mit rechtzeitiger Anreise zum Gewandhaus immerhin, eine Karte für die Aufführung Welt-Ende – Gericht – Neue Welt von Joachim Raff, interpretiert von Gewandhausorchester und Gewandhauschor zu ergattern. Die Vertonung eines Gutteils der Johannes-Offenbarung inklusive zweier Solisten war absolut grandios, großes Kompliment an die begnadeten Musiker an dieser Stelle. Auch für Bibel-Muffel sind ja die Apokalypse, also das Weltende und die damit einhergehenden… „Verwerfungen“ durchaus nicht uninteressant. Ja, Ragnarök rockt rigoroser, keine Frage. Aber hey, wenn die sieben Schalen des Zorns über die Erde entleert werden und das gehörnte Tier emporsteigt und so mancher Mathelehrer in den feurigen Pfuhl geworden wird, das ist doch gar nicht so übel, Freunde. Ein weiterer Höhepunkt im Klassik-Programm ist jedes Jahr die konzertante Aufführung diverser Filmmusiken in der Krypta unter dem Völkerschlachtdenkmal. Dieses Jahr galt es Thor, Avengers, Game of Thrones und Der Hobbit musikalisch zu erkunden. Das Ballett Rituale, ebenfalls in der Oper aufgeführt, verband außerdem japanische und europäische Kultur miteinander. Und Rituale haben sich wie gesagt auch beim regelmäßigen WGT-Gänger entwickelt. Kommen wir zu einem weiteren: Der alljährlichen Aufführung eines meist komödiantischen Stückes des TheaterPACKs auf der Freilichtbühne im Innenhof des Täubchenthals. Frank Schletter und seine großartige Truppe sind jedes Jahr ein Highlight auf dem WGT. Dieses Jahr gab es Nikolai Gogols Der Revisor zu bestaunen und zu belachen: In einer russischen Kleinstadt geht das Gerücht um, ein hoher Beamter aus St. Petersburg sei inkognito in der Stadt und die örtlichen Honorationen fürchten sich aufgrund ihrer kleinen illegalen Machenschaften vor einer Aufdeckung und negativer Berichterstattung. Sie hofieren daraufhin irrtümlich einen unbekannten jungen Reisenden im örtlichen Gasthof in der Annahme, dabei würde es sich um den heimlichen Kontrolleur der Obrigkeit handeln. Ein herrlicher Spaß. Schletters Kerntruppe für die WGT-Aufführungen besteht dabei nur aus wenigen Mitgliedern, die stets mehrere Rollen übernehmen und immer wieder blitzschnell die Kostüme und Masken wechseln und ab und zu mal die Vierte Wand durchbrechen. Das TheaterPACK sei allen Theaterliebhabern wärmstens empfohlen, sie spielen in Leipzig und Umgebung natürlich nicht nur an Pfingsten. Weniger erbaulich war die Filmvorführung am Sonntag in den Passage-Kinos. Nachdem in den Vorjahren Perlen wie Dark Shadows, Crimson Peak oder A Cure for Wellness präsentiert worden waren, entschied man sich dieses Jahr für Peter Brunners Luzifer, eine reichlich krude Erzählung über in den österreichischen Bergen lebende religiöse Fanatiker, die mit den wirtschaftlichen Erschließungsplänen der örtlichen Politik aneinandergeraten. Völlig überzeichnet dargestellt in meinen Augen und stellenweise sehr unappetitlich. Aber gut, Cineastik gehört auch zu den Kulturelementen der Szene und Filme sind genau wie Musik Geschmackssache. Weitaus erbaulicher war da das alljährliche Viktorianische Picknick im Clara-Zetkin-Park. Hier kommen die viktorianisch gekleideten Goths nebst den Steampunkern und anderen eleganten Gestalten traditionell zusammen, um gemeinsam eine Mahlzeit einzunehmen und sich gegenseitig mit tollen Kostümideen zu inspirieren. Auch die Leipziger haben längst spitzgekriegt, dass man hier Wunderschönes zu sehen bekommt und so ist das Picknick auch zu einer beliebten Fotoshooting-Gelegenheit geworden. Monkeypress teilte bereits einige Bilder von diesem Stelldichein:

Heidnisches Treiben und “Welcome to my Ted Talk”

Musik soll in diesem Bericht natürlich nicht zu kurz kommen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um allen WGT-AbstinentInnen den vielleicht magischsten Ort des Festivals zu beschreiben: Das Heidnische Dorf. Aufgrund der blasphemischen Einleitung dieses Textes hat ohnehin kein religiöser Mensch bis hierhin gelesen, aber falls doch noch jemand Schnappatmung bekommen sollte, sei’s kurz destilliert: Es handelt sich dabei um eine Art Mittelalterlager im historischen Torhaus Dölitz plus Freiflächen. Neben den für Mittelaltermärkte üblichen Handels- und Gastroständen befindet sich hier auch eine Bühne für die Folkbands und Artverwandtes. Wir besuchten mittags einige Lesungen des parallel stattfindenden „WTF?“-Events und hatten dann den ersten WGT-Programmpunkt vor ebenjener Bühne im Heidnischen Dorf. Fiddler’s Green feierten hier den ersten ausgelassenen „Tanztee“ des Tages mit allerlei frivoler Herumhüpferei, Moshpit und Ausschweifungen aller Art. Das „HeiDo“, wie es auch liebevoll abgekürzt wird, bildet einen erfrischen Gegensatz zu den ernst-melancholischen Veranstaltungen des WGTs und auch sonst recht stille Gruftis können hier zwischendurch mal kurz „die Sau rauslassen“. Somit trägt der Ort ebenfalls der wunderbaren Vielschichtigkeit der Szene Rechnung. Aus logistischer Sicht ist die direkte Nachbarschaft der Hauptbühne in der agra-Messehalle zum Heidnischen Dorf äußerst praktisch, ermöglicht sie doch schnelle Ortswechsel ohne viel Reibungsverlust. So konnten wir nach der Heiterkeit in ernstere Gefilde wechseln und uns Solar Fake anhören. Die Berliner haben sich längst am Synthie-Pop-Himmel etabliert und leuchten wie ein Pulsar mal heller und mal etwas dezenter. Sven Friedrich zog uns mit seiner gefühlvollen Stimme in seinen Bann und André Fellers berühmte passionierte „Ausraster“ an den Keys sowie am Bass standen natürlich auch wieder auf dem Programm. Die Jungs machen einfach Spaß und bald werden sie mit Project Pitchfork auf der Festung Königsstein zu sehen sein und dann folgt sogar eine USA-Tour. Hits wie More than this, Under Control und Not What I Wanted versetzten die schon gut gefüllte Halle in tänzerische Extase. Auch das Editors-Cover Papilion kam wie immer gut an. Der Sound in der agra-Halle steht oftmals in der Kritik. Es hängt aber auch deutlich davon ab, wo man sich positioniert. Etwa in der Mitte des Sets, bei Invisible stellte ich plötzlich fest, dass der Becher in meiner Hand vibrierte. Die Soundintensität hatte noch einmal zugelegt. Großartig! Dass ich überhaupt bei Solar Fake anwesend war, war allerdings auch dem ungünstigen Umstand geschuldet, dass der agra-Headliner des Tages, IAMX, um zwei Stunden nach vorne verlegt worden war. Somit fiel der Besuch bei Aesthetic Perfection im Westbad zwangsläufig weg. Das sind die Kapriolen, die es beim WGT leider immer wieder zu verkraften gilt, wenn es kurzzeitige Ausfälle bei den Bands gibt. Warfield hatten leider abgesagt, was zu besagter Vorverlegung führte.

IAMX ist eine persönliche WGT-Entdeckung von mir. Als ich 2013 nachts gegen halb 3 an der agra vorbeilief, trafen mich einige umherfliegende Klänge und bohrten sich in meine bereits gut beanspruchten Gehörgänge. Derartig harpuniert, stolperte ich wie in Trance in die Halle und wurde Zeuge einer absolut fantastischen Licht- und Soundshow von Chris Corner und seiner Truppe. Ich bewegte mich wie im Drogenrausch zu psychedelischen Klängen, unterstützt von bunten Farbwirbeln auf den Leinwänden und es war ein geradezu transzendentes Erlebnis. Seither bin ich Fan und daher war es natürlich keine Frage, dass ich mich wieder in der agra einfand, auch wenn es im Vorfeld „Warnungen“ gegeben hatte, dass IAMX dieser Tage eher gewöhnungsbedürftige Soundexperimente darzubieten gedachten. Ich ließ mich nicht beirren und ergatterte einen Platz in der ersten Reihe weit rechts. Das Set war dann tatsächlich ganz anders, als man es normalerweise erwartet hätte. Chris stand allein auf der Bühne, ohne Janine und Co., trug einen Kapuzenpullover mit Kopfhörern darüber und sang zunächst wenig. Stattdessen wanderte er zwischen zwei aufgebauten Synth-/Laptop-Pults hin und her und betätigte sich gewissermaßen als DJ, webte fakirhaft Nagel-Soundteppiche und stieß uns das Schiffchen dabei tief ins Mittelohr. Zwischendurch ließ er vom Podest hinab sein leeres Weinglas auf die Bühne fallen, wo es zerbrach. Dies löste hektisches Gestikulieren und „mild panic“ bei den Bühnentechniken aus, aber in den immer mal wieder aufwallenden Nebel hinein traute sich wohl niemand, das Malheur zu beseitigen. Ab jetzt wurde es zum Glücksspiel, ob Chris bei einem seiner Ausflüge an den Bühnenrand den Scherben nahe kam oder nicht. Zum Glück ging alles gut und er rutschte nicht aus. Trotzdem – mit der Bezeichnung „beautiful people“, mit der er zwischendurch das Publikum bezeichnete und dem moderaten Vandalismus vorher, kamen deutliche Marilyn Manson-Vibes auf. Der trommelfellzerfetzende Bass seines experimentellen Sets bekam unterdessen nicht jedem Zuhörer. Manche drückten ihre Ohrstöpsel tiefer rein oder hielten sich indes noch die Ohren zu, aber die meisten waren sehr laute, durchdringende Electro-Sets gewohnt und feierten nun umso härter. Mit President und Nightlife fanden sich zwei Stücke im Set, die ich auch schon bei meiner Initialzündung 2013 hören durfte. So schloss sich ein Kreis und so zerbröselte der schwarz verbrannte Keks nun mal. Hier mal eine kleine Botschaft an alle „Fans“, die sich über den Stilwechsel der Machinate-Tour beschwert haben: Künstler sind nicht eure persönlichen Dienstleister! Kunst ist wild, frei und manchmal einfach geronnenes Chaos und Künstler dürfen sich in jedwede Richtung entwickeln, auch wenn euch das manchmal dann nicht gefällt. Und ja, das dürft ihr scheiße finden und ihr dürft das bedauern und euch in frühere Schaffensphasen zurücksehnen, als die Musik und euer Geschmack noch übereinstimmten. Ihr dürft wehmütig die früheren Alben hören und eine Kerze für eure gestorbenen Träume entzünden. Alles legitim! Aber bitte hört auf, euch aufzuführen, als hättet ihr ein Recht auf eine bestimmte Art von Musik und das auch noch öffentlich einzufordern! Der Künstler macht nicht für EUCH Musk, sondern in erster Linie für sich selbst und er hofft natürlich, dass seine Kunst auch anderen gefällt und sich verkauft, damit er im Idealfall davon leben kann, was er liebt. In der Szene schreit man Zeder und Mordio, wenn ein alternativer Künstler scheinbar massentauglicher wird, um Airplay zu ergattern oder die Verkaufszahlen zu steigern. Das ist dann „untrve“, nicht wahr? Aber warum sollte er sich denn dann nach DIR richten und sich für DICH verbiegen? Ist das weniger untrve? Tut bitte den Künstlern den Gefallen und folgt ihnen, solange es für euch passt und wenn es nach dem letzten Stilwechsel nicht mehr für euch funktioniert, dann schließt dieses Kapitel ab, sucht euch neue Bands und respektiert, dass Menschen sich verändern und neue Wege ausprobieren möchten. Das gilt übrigens nicht nur für Musik, sondern für jegliche Art von Kunst. Wenn euch das Ende einer Serie nicht gefällt, dann unterschreibt bitte keine Petition, damit nur für euch ein alternatives Ende gedreht wird. Diese Art von Hybris und Verachtung des Kunstschaffenden finde ich wirklich absolut unangemessen. Danke, dass ihr zu meinem Ted Talk gekommen seid, ich gebe zurück ins Studio nach Leipzig:

Gruftis im Visier der StaSi / Welle:Erdball, VNV Nation und Alcest in Bestform

Der Samstag gehörte für mich den Museen. Denn auch diese sind mit WGT-Bändchen frei nutzbar. Besonders empfehlenswert sind das Ägyptische Museum der Uni Leipzig, die Grassi-Museen und die sehr interessante Ausstellung Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Hier werden immer zum WGT passend zum Thema spezielle Original-Akten der Staatssicherheit präsentiert, die sich mit Alternativen der damaligen Zeit beschäftigen, also vornehmlich Punks und Gruftis . Die StaSi versuchte damals, Undercover-Agenten in diese höchst verdächtigen Subkulturen einzuschleusen oder aber bestehende Mitglieder für sich zu rekrutieren, um zu evaluieren, ob von diesen Gruppierungen eine Gefahr für die Regierung ausging und ob hier etwa heimlich der Aufstand geprobt wurde. In den Analysen kann man dann lesen, welche Schnürsenkelfarbe in der Szene angeblich was bedeutet und ob wirklich alle alternativen „Subjekte“ eine Ratte auf der Schulter mit sich herumzutragen pflegen. Liebevoll erwähnt werden muss in dieser Ausstellungs-Rubrik auch die Galerie BeuteltierART, in der nicht nur ausgewählte Lesungen (z.B. mit Christian von Aster) stattfanden, sondern auch dazu passendes Bildmaterial von Holger Much zu bewundern war. Die dortige Ausstellung Kunst trifft Wave Gotik 2022 zeigte zudem Werke von Jeannine Völkl/Jea Pics und Susan Illingworth. Musikalisch warteten mit Welle:Erdball und VNV Nation gleich zwei Schwergewichte in der agra-Halle und auch im Felsenkeller drohte der nächste Einlassstopp bei L’âme Immortelle. Welle:Erdball feiern nächstes Jahr schon unglaubliche 30 Jahre Bühnenpräsenz (wenn man die Vorgängerformation Honigmond nicht mitrechnet). Wo auch immer sie spielen, ich versuche immer dabei zu sein, da diese Band zu denjenigen gehört, deren Bühnenshow zwar gewissermaßen konstant ist, aber trotzdem nie langweilig wird. Zu Beginn der Show standen die Bandmitglieder zunächst als täuschend echte Schaufensterpuppen auf der Bühne, bis sie durch die Originale ersetzt wurden. „Ich hab schon gedacht, dass viele Leute kommen, aber da muss ich erst einmal schlucken“, zeigte sich Honey schwer beeindruckt von der anwesenden Menge. Das Set war ein einziges Hit-Feuerwerk von Wir wollen keine Menschen sein, über Schweben. Fliegen, Fallen, Arbeit adelt und VW Käfer bis hin zu Starfighter F-104G. Es ist schon bemerkenswert, wie die ganze agra-Halle zu Minimal-Musik abgeht. Welle:Erdball sind einfach unsterblicher Kult und wir können uns auf das Jubiläum nächstes Jahr mehr als freuen. Ein kleines Jubiläum gab es ja so oder so schon jetzt, denn Welle:Erdball traten zum zehnten Mal beim WGT auf.

VNV Nation brauchen die ganz große Bühne und die haben sie beim WGT natürlich auch bekommen. Auch bei ihnen kann man ohne weiteres von WGT-Veteranen sprechen, schließlich feierten sie als Headliner des Samstags ihren achten WGT-Auftritt. Die agra-Halle war selbstredend voll und so ein erbaulicher Anblick lässt Ronan Harris immer zu Höchstformen auflaufen. Das aktuelle Album Noire ist jetzt schon vier Jahre alt, aber wie bei Hunden müssen wir uns vermutlich eine andere Zählweise angewöhnen, denn zählen die verlorenen Corona-Jahre mit? Man muss dazu aber auch bedenken, dass Künstler während der Pandemie keineswegs aufgehört haben, Musik zu schreiben, sondern sich eher sogar verstärkt auf den Schaffensprozess konzentrieren konnten. Ob die vielen Sorgen und unsicheren Zukunftsaussichten nun gar förderlich oder eher hemmend auf die Kreativität gewirkt haben, darüber lässt sich sicherlich streiten. Von der aktuellen Scheibe wurden jedenfalls die Stücke A Million, All our Sins, Armour, Immersed und When ist the future präsentiert. Aber auch die großen Hits der vergangenen Dekaden kamen natürlich nicht zu kurz. VNV Nation – das bedeutet immer Emotion und glückliche Gesichter, eine wogende Menge und ein stimmgewaltiger inoffizieller Background-Chor. Und trotzdem soll es ja Leute geben, die partout auf dem Einsatz von Gitarren bestehen. Und wer dann noch eher zur Melancholie neigt, der war im Westbad bei Alcest gut aufgehoben. Ich kannte die Blackgazer vom Autumn Moon-Festival, wo sie zu ähnlicher Stunde nachts den Abschluss in der großen Halle machen durften. Meiner Meinung nach zählt die Truppe zum Besten, was Frankreichs Szene je hervorgebracht hat. Der mal blastbeatlastige, mal langsam doomige Sound hat seine ganz eigene Anziehung und es lohnt sich, sich einmal mit den französischen Texten auseinanderzusetzen. Sänger Neige schreibt sehr abstrakt und bisweilen spirituell bzw. esoterisch und grenzt sich so auch vom Black Metal ab. Als letzter Act des Abends hat man den Vorteil, ein recht langes Set zum Besten geben zu dürfen und das ist bei Alcests teils beträchtlichen Songlängen auch notwendig. Die meditative Erfahrung im Westbad bildete den idealen Tagesabschluss, man konnte sich in Trance tanzen und gemächlich headbangen. Die halbe Stunde Verspätung zu Beginn kam für die Zuspätkommer gerade recht. Schließlich musste unter anderem das Hintergrundbanner in verschiedenen Farben perfekt ausgeleuchtet werden.

Der gute Zweck / Future lied to us lassen das Westbad überschwappen

Wo anderen Festivals die Puste ausgeht, dreht das Wave Gotik Treffen in der Mitte so richtig auf. Mittags konnte man zum Beispiel den ehrwürdigen Südfriedhof besuchen und die Trauerhallen oder das Krematorium besichtigen bzw., einfach nur zwischen den teils uralten Gräber umherschlendern und die feierliche Ästhetik auf sich wirken lassen. Im VEID (Bundesverband für verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V.) gab es derweil eine Versteigerung eines Werkes des Künstlers Schwarwel in Zusammenarbeit mit dem „Drunter & Drüber-Magazin“ zu besuchen. Darüber hinaus fand auch noch eine weitere Versteigerung eines gehäkelten Spinnentieres der Künstlerin Spinnerte Fledermaus statt. Der VEID unter Schirmherrschaft von Luci van Org (die auch selbst mit ihrem neuen Soloprojekt Lucina Soteira performte) stellt zum WGT immer ein sehr umfangreiches Programm auf die Beine. Neben Christian von Aster gab es auch weitere Lesungen z.B. von Oswald Henke und Lydia Benecke und einen Auftritt des „Hardchors“ Stimmgewalt. Am Ende konnte der VEID sich über Spenden in Höhe von 6.443,22 Euro freuen, die der Unterstützung von Hinterbliebenen nach Todesfällen von Angehörigen zu Gute kommen. Das nächste musikalische Highlight fand im Felsenkeller in Leipzig-Plagwitz statt. Auch wenn die Linie 14 aufgrund von Bauarbeiten nicht zur Verfügung stand, so war man trotzdem recht schnell vor Ort und konnte sich in die bereits aus den Vorjahren bekannte Gluthitze des Felsenkellers begeben. Harakiri for the Sky aus Österreich waren angetreten, uns in ihren musikalisch ausgearbeiteten Strudel aus Verzweiflung und dunklen Gedanken zu reißen. Man kann sie durchaus in ähnlichen Sphären verorten wie Alcest, nur mit etwas mehr offensiver Energie. Nach diesem Metal-Genuss verlangte die elektronische Seite in mir ebenfalls nach Futter, weshalb zwar nicht räumlich, aber doch musikalisch eine weite Reise zurückgelegt werden musste, um im Westbad Future lied to us sehen zu können. Angetreten als Supergroup aus Krischan Wesenberg (Rotersand), Vasi Vallis (Frozen Plasma und gefühlt ein Dutzend andere Bands) und Tom Lesczenski [:SITD:], gab es jüngst einen Wechsel am Mikrofon: Tom war aus persönlichen Gründen von seinem Posten zurückgetreten. Für eine junge Band ist das eine nicht unheikle Sache, aber zum Glück hatte die Truppe praktisch von Beginn an eine treue Fanbase, die sich hauptsächlich aus den Fans der beteiligten Künstler zusammensetzte. Die gesangliche Neuorientierung gelang vortrefflich, denn man konnte mit Damasius Venys einen Sänger gewinnen, der nicht nur Erfahrung (Mental Exile, Mondträume) mitbrachte, sondern zudem noch ungemein charismatisch ist. Neulich erst hatte die Neubesetzung ihre Premiere auf dem Plage Noire-Festival gefeiert, für mich war es also das zweite Mal, für viele WGT-Besucher hingegen das erste. Das Trio spielte natürlich die beliebten Songs Falling und I, Hope, die Damasius reichlich Gelegenheit gaben, über die Bühne zu fegen und sich von seinen (mehreren!) Schokoladenseiten zu zeigen. Auch die neue Single Fly Away kam natürlich aufs Tablet. Es fiel Damasius und seinen Mitstreitern überhaupt nicht schwer, die Menge zum Klatschen und Tanzen zu animieren. Ob es wie auf dem Plage Noire einen Einlassstopp zu verzeichnen gab, ist nicht überliefert, aber voll war das Westbad definitiv und mit einem gut einstündigen Set bekam man auch endlich mal eine ordentliche Dosis FLTU verordnet. Nach diesen beiden Festivals gibt es keine Ausreden mehr. Future lied to us muss man kennen. Wir haben noch Großes von den Jungs zu erwarten, keine Frage.

Lindy-Fay Hella und Patty Gurdy – Auf rauen Pfaden zu den Sternen

Was tun, wenn die Füße schmerzen, es aber bei so einem tollen Programm keineswegs in Frage kommt, rostend zu rasten? Die Lösung heißt: Schauspielhaus. Das große Gebäude in der Westvorstadt ist normalerweise eine reguläre Theater-Spielstätte. Beim WGT indes dient es als Darbietungsort für eher ungewöhnliche Musikacts, die man auch im Sitzen genießen kann. An Sonntag machte die Band Tvinna den Anfang. Im Line-up sollte jeder Faun-Fan aufmerken, schließlich finden sich hier mit Laura Fella und Fiona Rüggeberg gleich zwei (Ex-)Mitglieder. Erst kurz vor der Pandemie gegründet, fanden sich bisher keine Auftrittsmöglichkeiten für die junge Folk-Formation. Den Anfang in eher fröhlich-lustiger Atmosphäre bildete der Auftritt im Heidnischen Dorf am Vortag, im Schauspielhaus wurde jetzt nochmal eine andere Atmosphäre geschaffen. Den Staffelstab auf den Brettern, die in diesem Fall die Welt bedeuteten, übernahm sodann Bianca Stücker mit Bruxas Solis zusammen. Stücker ist als Autorin, aber auch als vielfältige Instrumentalistin bekannt und so konnte man sie hier z.B. im Einsatz an Nyckelharpa und Hackbrett erleben. Danach gab es recht erfahrene WGT-Auftreter aus Frankreich: Collection D’Arnell-Andréa warteten mit feinstem Neoklassik und Dark Wave auf, aufgewertet durch klassische Instrumente wie Cello und Viola. Die französische Formation unterstrich noch einmal, was das Besondere an den Schauspielhaus-Konzerten ist und war: Die besondere, kulturelle Atmosphäre, die einen würdigen Rahmen verdient hat. Diesen Rahmen benötigte auch mein Highlight des Abends: Lindy-Fay Hella & Dei Farne. Die Norwegerin ist als Sängerin von Wardruna, die einem breiteren Publikum durch die Mitwirkung am Soundtrack von „Vikings“ bekannt wurde, tätig. Die Themen von Wardruna (nordische Mythologie und Spiritualität) spielen auch bei Hellas Soloprojekt eine Rolle. Die Gesänge der Vokalistin treffen mitten ins Herz und erschüttern bis ins Mark. Bisweilen geradezu schamanisch inspiriert, dann wieder verträumt und sinnlich, unterstützt von den Klängen ihrer Band, mit norwegischen und auch englischen Texten, kommt man dem nordischen Erbe ein Stück näher. Danach am Merchstand wurden die CDs der Band geradezu aus den Händen gerissen und auch die Nachfrage nach Autogrammen war sehr groß. Man muss dem Wave Gotik Treffen gratulieren, auch immer wieder solch außergewöhnliche Künstler abseits der ausgetretenen Pfade einzuladen.

Am letzten Tag stand neben dem eher verstörenden Kinofilm und dem erbaulichen klassischen Jüngsten Gericht im Gewandhaus auch wieder eine musikalische Premiere auf dem Programm. Kurz vor Sonnenuntergang lockte der angekündigte erste Auftritt von Patty Gurdy’s Circle die Menschen ins Heidnische Dorf. Patty Gurdy, die bekannte Drehleierspielerin, wollte nach vielen Gastauftritten bei anderen Künstlern nun auch mit ihrer eigenen Live-Band durchstarten. Doch der frisch geschaffene „Circle“ überlebte die Pandemie nicht ganz unbeschadet. Nach dem Ausstieg von Ingo Hampf bestand die Truppe nur noch aus Bodenski und Simon Michael (Subway to Sally), aber glücklicherweise stieß der Live-Bassist und -Cellist Thommy noch dazu und schloss den Kreis wieder. Nach einer öffentlichen Generalprobe in Potsdam wurde also nun im abendlichen Leipzig und in wundervoller Atmosphäre das erste richtige Konzert bestritten. Und das Set begann direkt mit Over the hills and far away, das man entweder in der Version von Gary Moore, oder aber in der sehr erfolgreichen von Nightwish bereits kennen dürfte. Mitsingen war ohnehin überhaupt kein Problem, diese Anforderung zog sich durch das gesamte Set von Patty Gurdy’s Circle und dazu trugen auch zahlreiche Coverversionen oder altbekannte Volksweisen bei, darunter Sweet Dreams, Bad Habits, Beat it oder Moonlight Shadow. Zwischendurch musste die sichtlich gut gelaunte Patty immer mal wieder ihre Instrumente stimmen, was sie mit humorvollen Plaudereien gekonnt überbrückte. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass das Publikum im HeiDo solch einen Weg mitgeht, schließlich wird hier traditionell recht viel (Beeren-)wein konsumiert und der Tag war bereits weit fortgeschritten. Aber Patty Gurdy hatte die Menge mühelos im Griff. „Drehleiern sind empfindlich gegen Feuchtigkeit“, verriet sie. „Die Verstimmung liegt vermutlich daran, dass ihr so heiß seid“. Natürlich durfte auch die neue Single Universe Night & Day im Set nicht fehlen, für die ein aufwändiges Video produziert wird (SciFi-Folk gefällig? Das auf Island gedrehte Video wird bald auf Youtube erscheinen, erste Einblicke gibt es bereits auf dem entsprechenden Kanal von Patty Gurdy). Zum überwiegend instrumentalen Stück Leaves & Lemons erzählte Patty die Anekdote, sie habe dem von ihr verehrten Drehleierspieler Cliff Stapleton einen Salat mit Zitronendressing zubereitet und danach gefragt, ob sie das sehr griffige „Leaves & Lemons“ als Name für einen Tune nehmen könne. Mit Gurdy’s Green fand sich auch der erste Song im Set, den Patty je auf ihrem youtube-Kanal veröffentlicht hatte, wie sie erzählte: „Ich habe den Song damals in Frankreich im Urlaub geschrieben“ und die Intention sei gewesen, einen Reggae-Song für die Drehleier zu schaffen. Da sie aber immer nur für den guten „Folk“-Track gelobt worden sei, würde man hier auf dem WGT nun eine deutlich Reggae-lastige Version präsentieren, was auch vortrefflich gelang. Das Publikum war sichtlich angetan von Patty und ihrer Truppe und es wurde ausgelassen gefeiert und jede Aufforderung zum Mitklatschen- , -singen oder tanzen wurde nur zu gern befolgt. Weshalb auch klar war, dass das Debutkonzert keineswegs ohne Zugabe enden durfte. Nach einem ausgiebigen Stimmen der Instrumente (Bodenski erschien nun mit einer zweiten Drehleier wieder auf der Bühne) wurde gemeinsam mit dem ehrenamtlichen Chor vor der Bühne der irische Klassiker Molly Malone performt, bis Patty Gurdy uns in die Nacht entließ.

Finale fest in Aggrotech-Hand: Grendel und Combichrist machen den Sack zu

In der agra-Halle hatte währenddessen bereits der Gig der niederländischen Aggro-Techer von Grendel begonnen, weshalb die hybrid interessierten Zuschauer sich hastig auf den Weg quer über den Campingplatz machten. Die Meinungen über die Soundqualität gingen stark auseinander, wie im Nachgang bekannt wurde. Weiter hinten war der Soundteppich durchaus ausgeglichen, weshalb die später kommenden Zuschauer angemessen feiern konnten. Weiter vorne wurde ein zu lautes Schlagwerk bemängelt. Man bemerkte aber durchaus eine gewisse Torschlusspanik bei den Anwesenden, schließlich war das WGT 2022 bereits angezählt und man wollte noch einmal alles geben. “It’s my bandmate’s first time in Leipzig. I’ve told him so much about you. About how loud you are. Don’t disappoint him” , schallte es von der Bühne. Da musste die Band sich aber keine Sorgen machen. Nach Grendel setzte daher auch so gut wie keine Wanderungsbewegung ein, schließlich hatten sich die bombastischen „Sternzerstörer“ Combichrist für das große Finale angekündigt. Die Truppe um Tausendsassa Andy LaPlegua aus Norwegen machte seit ca. 2015 durch einen scheinbaren Stilwechsel von sich reden. War man vormals ziemlich eindeutig dem Aggrotech zuzurechnen und bestach durch knochenzerreißenden Elektrosound, so wurde sich nun intensiver mit Gitarrensound und Metaleinflüssen beschäftigt, was dazu führte, dass man auch Einladungen auf Metalfestivals wie dem Summer Breeze und dem Wacken Open Air erhielt. Das WGT-Set enthielt jedenfalls beides bunt gemischt. Los ging es mit den metalligen, recht frischen Not My Enemy und Guns at last dawn, danach kamen aber auch die Aggrotech-Fans voll auf ihre Kosten bei Get your body beat oder Blut Royale. Wer ein komplettes Oldschool-Set hören möchte, kann das auf dem E-Tropolis-Festival im Herbst tun. Bereits beim Plage Noire-Festival hatte Andy der Menge zugerufen „I will never take this as guaranteed again“ , und damit seine persönliche Lehre aus der Pandemie verkündet. Auch dem WGT-Publikum wurde diese Botschaft entgegengerufen. Die Sanduhr rann aber unerbittlich dahin und man tanzte und schrie sich frenetisch durch das Set. Andy war noch nicht ganz zufrieden: “I want you to dance a little bit harder!, forderte er uns auf. Auch der Drumsound wurde zwischendurch mit dem Bearbeiten von zwei Ölfässern noch intensiviert. Als ob es nicht so schon der totale Abriss gewesen wäre! Aber nach Maggots at the party und der Hymne What the fuck is wrong with you endete das Programm und alles, was blieb von diesem Pfingstfest war, sich für eine der Abschlusspartys ins Dark Flower, die Moritzbastei oder ins angrenzende Agra Café zu begeben. WGT is back, Freunde! Das Gefühl ist wieder da und die Vier-Tages-Party auch. Der Termin für nächstes Jahr ist der 26. bis 29. Mai 2023. Erscheint wieder zahlreich und feiert die Szene – hier in unserem persönlichen Mekka!

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