AUTUMN MOON FESTIVAL, Hameln (Samstag 19.10.2019)

ALCEST © Katja Spanier
Geschätzte Lesezeit: 8 Minute(n)

Der zweite Tag auf dem Autumn Moon Festival: Es ist deutlich besseres Wetter. Das merkt man, denn es sind deutlich mehr Festival-Besucher zwischen den Veranstaltungsst√§tten auf dem Mystic Moon Market und der pitoresken Weserpromenade unterwegs, die sich mit den regul√§ren Besuchern des St√§dtchen vermischen. Die Stimmung ist heiter gel√∂st und flirrt vor Erwartung. √úberall brutzeln Fleischspie√üe. Ein orientalisch geschm√ľckter Stand bietet Naschwerk aus aller Herren L√§nder an. Es gibt heimelige offene Feuerpfannen und die Metst√§nde haben auch schon ge√∂ffnet.

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Rattenfängerhalle

DARK SIDE EONS (PL)
Wer beim Autumn Moon den sonnt√§glichen Band Contest f√ľr sich entscheiden kann, erh√§lt einen Slot auf der B√ľhne der Rattenf√§ngerhalle im folgenden Jahr. Warum ich das ausgerechnet an dieser Stelle schreibe? Ja, w√§rt Ihr im letzten Jahr am Sonntag bis zum Schluss da geblieben, w√ľsstet Ihr warum. Etwas wackelig sieht es auf der Hauptb√ľhne zu so fr√ľhen Stunde zwar schon noch aus, aber der Dark-Wave/Industrial-Elektro, den Dark Side Eons mit schneidenden Gitarren garnieren, ist solide. Well done von dem sympathischen Duo, die mit Ressonanz im M√§rz auch ein neues Album vorgelegt haben. Ein guter Auftakt in den zweiten Festivaltag.

NACHTMAHR (AUT)
Wir bleiben elektronisch, wenn auch eine Spur zackiger und das Publikum nimmt Haltung an, als Supreme Commander Thomas Rainer mit seiner Garde auf die B√ľhne marschiert. Ausdruckslose Mienen, straff gebundene Z√∂pfe und auf die Haut gen√§hte Fantasie-Uniformen irgendwo zwischen Schulm√§dchen und Leni Riefenstahl bei den Damen. Flecktarn und schneidiger Fassonschnitt bei den Herren. Die beiden links und rechts flankierten Trommeln sind lediglich Staffage (oder √§u√üerst schlecht abgemischt). Es wird marschiert, Gehorsam gelobt und hektisch gestikuliert. Der Hintergrund ist so vordergr√ľndig, dass mir das Spiel mit dem Zweischneidigem nicht einmal kalkuliert erscheint und noch nicht einmal als Spiel. Trotzdem scheint sich das Konzept selbst nach zw√∂lf Jahren nicht totzulaufen. Das Publikum ist hingerissen und die Begeisterung auch nach 60 Minuten ungebrochen.

DAS ICH (D)
Die Pioniere der Neuen Deutschen Todeskunst – wem ich die noch vorstellen muss, ist definitiv auf der falschen Veranstaltung – sind nicht nur Legenden der Szene, feierten in diesem Jahr 30. Geburtstag, sondern zeichneten sich auch, man muss es einfach so sagen, f√ľr die beste Live-Performance an diesem Festival-Wochenende verantwortlich. Die Energie ist ungebrochen, ebenso wie die Faszination, die uns immer noch verst√∂rt und mitrei√üt. Die derbe finstere Todes-Poesie im harschen elektronischen Gewand z√ľndet vor dem perfekt choreografierten Ballett auf dem schmalen Drahtseil zwischen Teufelsanbetung und Irrsinn. Es scheint kein Tag vergangen. Das Ich arbeiten nach eigenen Angaben aktuell an einem neuen Studio-Album. Wir freuen uns wie bl√∂de!

GOETHES ERBEN (D)
Und weil wir grad bei Legenden sind: Die reichen sich grad sprichw√∂rtlich das Mikro weiter. Mehr noch als bei ihren Kollegen von Das Ich ist bei Goethes Erben die DNA der Neuen Deutschen Todeskunst in ihrem Schaffen sp√ľrbar. Ich hatte Oswald Henke in diesem Jahr bereits im Rahmen eines seiner Kammerkonzerte im Schauspielhaus auf dem WGT in Leipzig gesehen. Ganz anders gestaltet sich der Auftritt der Erben in der Rattenf√§ngerhalle an diesem Abend, die die Band erscheint im klassischen Line-Up und Oswald tr√§gt Lederjacke statt formellen Anzug. Es gibt das poetische Musiktheater in seiner rockigen Version, etwas weniger √ľberzeichnet, mit dem Drive der E-Gitarren, der etwas Einigung innerhalb zwischen den Leuten im Publikum schafft, etwas von der verst√∂renden Affektiertheit des Vortrags nimm und die Gewalt der Bildsprache schleift.

HEILUNG (DK, D)
Dass ich pers√∂nlich mit dem musikalischen Schaffen des deutsch-d√§nischen Pagan-Folk-Projektes Heilung so meine Problemchen habe, d√ľrfte aufmerksamen Lesern dieser Seite bereits aufgefallen sein. Stets habe ich dabei jedoch auf die Live-Qualit√§ten der Band hingewiesen. Stets geschah dies jedoch lediglich aufgrund der Vorschusslorbeeren Dritter. Entsprechend gespannt war ich vor dem Auftritt, Moment ich korrigiere, vor dem selbst ernannten „Ritual“ der heidnischen Propheten. In zahlreichen Interviews wird ja von der Band selbst einger√§umt, dass ein „Ritual“, wie es von Heilung intendiert ist, im Rahmen des straffen Zeitrahmens eines Festivals nicht umsetzbar ist. Nun, und das er√∂ffnet die Passage einer Reihe von Fragen und meiner Probleme mit dieser Gruppierung und ihrem Anspruch an (spirituelle) Authentizit√§t. Warum tut man es dann? Warum nimmt man beispielsweise in Kauf, dass nicht wenige Leute im Publikum Spr√ľche rei√üen und ob des Schauspiels vor Lachen nicht mehr an sich halten k√∂nnen? Eignet sich eine Mehrzweckhalle f√ľr die „Vereinigung mit den Ahnen und der Natur“ (was immer das sein soll). Wie bringt man klappernde Knochen auf der B√ľhne mit dem Klappern der Eisw√ľrfel im Wodka Redbull vor der B√ľhne zusammen? Schafft man Einkehr, wenn da welche aus voller Kehle unentwegt „Odin“ br√ľllen? Keine Ahnung. Ich muss das nicht beantworten. Ich dachte nur: Wow , das ist also Amplified History: Ein Mummenschanz, bei dem die Nacktheit des Kaisers augenf√§llig wird. Spirituelle Erfahrungen habe ich dann zum Gl√ľck noch sp√§ter sammeln d√ľrfen und das sogar zweimal.

PROJECT PITCHFORK (D)
90 Minuten Set-Zeit: Das bedeutet dann wohl Projekt Pitchfork sind die Headliner des Samstags auf der Hauptb√ľhne. Es ist mittlerweile 22:30 Uhr, hintere Teil der B√ľhne ist mit zwei riesigen Lichtpaneelen¬† ausgestattet und die Rattenf√§ngerhalle bis zum Anschlag gef√ľllt. Die Band betritt die B√ľhne f√ľr einen „Nach-mir-die-Sintflut-Auftritt“. Neben den drei regul√§ren Mitgliedern reisen Pitchfork live mit drei (!) Schlagzeugern und einem Gitarristen. Heute sind es nur (?) zwei Miet-Schlagzeuger, ziemlich gro√üe, teuer aussehende Instrumente. Da spielt die Optik wohl die entscheidende Rolle. Denn wir werden sehen, dass die Drums, dank des von ihnen draufgespielten dicken Rhythmusteppichs,¬† lediglich dazu beitragen, die einzelnen Songs ihres Wiedererkennungswertes zu berauben. Hilft aber ungemein beim Mitklatschen, was ausgiebig bis zur Mitte der Halle getan wird. Gef√ľhlt wird alles gespielt, was jemals auf der Diskographie Applaus bekommen hat. Timekiller, Rain, Existence (das dann aber im, nennen wir es den „Ewigen-Zugaben-Block“) etc. pp. Zwischendurch wird dann auch noch ein Geburtstagsliederwunsch aus dem Publikum erf√ľllt. Der stand gar nicht auf der Setlist und der wird auch gleich einmal bepatzt. Das kann angesichts einer meterlangen Diskographie, wie sie in 30 Jahren zusammenkommt, ja schon mal passieren. Einiges kann passieren, wenn man 30 Jahre erfolgreich dabei ist. Man kann sogar das Gef√ľhl f√ľr die Zeit verlieren. Und so wurde ein f√ľr mein Geschmack innerhalb eines Festivals platziertes √ľberlanges, privilegiertes Set noch weiter gedehnt, weil sich die Herren entschlossen, es deutlich zu √ľberziehen. Sehr unkollegial gegen√ľber der Band, die zu sehr sp√§ter Stunde vor Festival-G√§sten, die bereits zwei anstrengende Tage hinter sich hatten, auftreten sollten.

ALCEST (F)
Kommen wir nun also zum aus meiner Sicht musikalisch st√§rksten Act das gesamten Festivals, der jedoch, und man kann das an dieser Stelle kaum entschuldigen leider auf den undankbarsten Slot platziert wurde. In Erwartung des sechsten Studioalbum Spiritual Instinct, das in der Woche darauf erscheinen sollte und den gro√üartigen Auftritt vom Prophecy Fest vom Monat vorher noch im Ged√§chtnis, hatte ich mich ganz besonders auf die vier M√§nner aus Frankreich gefreut. Die kommen sehr sp√§t und entschuldigen sich sogar f√ľr ihren sp√§ten Start, obwohl sie aber so rein gar nichts daf√ľr k√∂nnen. Es ist bereits deutlich nach 1:00 Uhr und ich gebe zu: Bei jeder anderen Band w√§re ich wahrscheinlich jetzt schon nicht mehr hier gewesen. Dann h√§tte ich wahrscheinlich eine der ersten Live-Performances von Protection verpasst, mit der das Set heute er√∂ffnet wird. Das w√§re schon sehr bitter gewesen. Man kann es auf den Punkt bringen: Die, die jetzt noch da sind, sind tats√§chlich explizit wegen Alcest da. Und die sind selbstverst√§ndlich hingerissen, denn viel anderes bleibt einem auch nicht √ľbrig. Viele andere werden durch die ungelenke Planung um die Chance gebracht, eine der innovativsten und interessanten Bands im Spannungsfeld des Post-Black Metals bzw. des gesamten Metal-Genres kennen zu lernen. Und das ist sehr bedauerlich. Bei¬†Perc√©es De Lumi√®re beginnt ein M√§dchen, das ihren Kopf mit den eingedrehten¬†¬†H√∂rnern eines Satyrs geschm√ľckt hat und direkt neben mir steht steht, zu weinen.¬†L√† O√Ļ Naissent Les Couleurs Nouvelles¬†und D√©livrance lassen die triste Mehrzweckm√§√üigkeit der Mehrzweckhalle und schmerzende F√ľ√üe f√ľr einige Zeit hinter uns.

Sumpfblume

CELLAR DARLING (CH)
Unser Tag beginnt recht fr√ľh auf der Kunst-Stage und ich werde mich abgesehen von jetzt nur noch einmal √ľber die Running Order auf diesem Festival beschweren (sehr viel sp√§ter an diesem Tag). Cellar Darling m√ľssen einfach geh√∂rt werden, aber auf diesem Slot werden sie es einfach nicht. Denn wirklich viele Menschen sind noch nicht da. Mich hatten die Schweizer mit ihrem zweiten Album The Spell, das im Mai erschienen ist, wirklich verzaubert. Das ist nicht einfach nur femal-fronted Metal mit Folk-Einschlag. Was Cellar Darling mit dem Zweitling nach nur dreij√§hrigem Bestehen vorgelegt haben, ist auf eine Art vielschichtiger, dass es sich abhebt. Das Trio erz√§hlt M√§rchen √ľber Tod, Verg√§nglichkeit, Liebe und Helden auf die erwachsene Art und Weise, die uns an unsere Kindheit erinnert. Alles ist auf Zuh√∂ren ausgerichtet. Entsprechend zur√ľckgenommen ist die B√ľhnenshow. Keiner will hier wirklich im Mittelpunkt stehen, man √ľberschl√§gt sich f√∂rmlich damit, sich gegenseitig den Vortritt zu lassen. Ein Instrument, wie die Drehleier ist eben ein Instrument und kein B√ľhnenrequisit. Anna Murphy spielt sie, wie sie die Fl√∂te spielt und wie sie singt, auf √§u√üerste konzentriert und voller Hingabe. So entfalten die Songs von Cellar Darling ihr Leben.¬† Und das trotz der str√§flich kurzen Stage-Time.

GIRLS UNDER GLASS (D)
Die hatten auch nicht mehr Zeit bekommen als die Schweizer progressive Folk-Metaller. Die Dark Wave Institution, die seit 2016 in neuen Besetzungen und seit 2018 auch wieder mit neuem Material unterwegs ist, zieht sehr viel Publikum. Es kommt recht fr√ľh an diesem Nachmittag zum ersten Mal zum Einlass-Stopp in der Sumpfblume. Neben ein paar Klassikern gibt es mit Dream Yourself Away eine Song-Premiere auf der Setlist und mit Body Electric ein Cover mit Nostalgie-Faktor (The Sisters Of Mercy). Eine solide Show mit einer Prise avantgardistischer 80er Jahre Exaltiertheit, die angenehm aus der Zeit gefallen zu sein scheint: Nicht nur etwas f√ľr Leute, die noch wissen, wie, wo und vor allem mit wem die Szene damals startete. W√§re eigentlich mal wieder Zeit f√ľr einen neuen Langdreher, oder?

IRFAN (BUL)
F√ľr den bestimmt leisesten Auftritt sorgen auf dem f√ľnften Autumn Moon in diesem Jahr die bulgarische Band Irfan. Flie√üende, spirituelle, √§therische Kl√§nge irgendwo zwischen Orient und Okzident getragen vom mystischen Zauber einer Stimme, die Zerbrechlichkeit, Tiefe und Kraft in sich vereint, zeichnen die bulgarischen Dead Can Dance aus. Sie sind nicht nur an diesem Nachmittag ein willkommener Kontrapunkt, ein Anker f√ľr die Introspektion. Irfan sind innere Einkehr und eine Erweiterung des Geistes, generell und √ľberall. Aber zun√§chst haben die K√ľnstler das Problem, dass sie sehr sp√§t mit dem Sound-Check dran sind und bis zum Beginn ihrer Show nicht ausreichend ihre Instrumente und Stimmen einspielen k√∂nnen. Einige Songs auf der Setlist sind bereits rot durchgestrichen. Dann m√ľssen sie zu allem √úberfluss direkt auf der B√ľhne bleiben, um nahtlos zu beginnen. Also Anspannung pur, m√∂chte man meinen. Aber mit Start des Konzerts ist davon nichts mehr zu sp√ľren. Die T√∂ne aus den (allesamt akustischen) landestypischen Instrumenten sitzen. Die K√ľnstler performen v√∂llig losgel√∂st, absolut verinnerlicht, zum Teil mit geschlossenen Augen. Wie ein Ausatmen f√§llt die Anspannung vom Publikum ab. Ein ruhiges vertr√§umtes Wiegen wogt sanft durch die lockeren Reihen. Allzu bekannt scheint die Band dem Festival-Publikum noch nicht zu sein. Zwischendurch brandet begeisterter Applaus auf. Dankesch√∂n!

Moonstage

Die Rattenf√§ngerhalle im Kleinen und als Zelt, so in etwa muss man sich die Moonstage vorstellen, die erst seit einem Jahr Bestandteil der Veranstaltungsst√§tten des Autumn Moon ist. Die Moonstage ist auch Arena f√ľr den morgen stattfindenden Band-Contest, bei dem sich die Teilnehmenden um einen Slot in der Rattenf√§ngerhalle bewerben k√∂nnen. Die Gewinner vom letzten Jahr Dark Side Eons hatten wir uns ja bereits heute Mittag angeschaut. Obwohl die Moonstage direkt neben der Rattenf√§ngerhalle aufgebaut wurde, f√ľhrte uns unser Weg an den ersten beiden Tagen eher gar nicht dorthin. Bei einem derartig straffen Programm m√ľssen Entscheidungen getroffen und Abstriche gemacht werden. Am Rande haben wir jedoch mitbekommen, wie die Stage mehr als einmal wegen √úberf√ľllung geschlossen werden musste. Und so war es auch bei dieser Band, die wir uns dann doch nicht entgehen lassen durften.

RROYCE (D)
Denn Rroyce haben in den letzten sechs Jahren seit ihrem Bestehen definitiv abgeliefert. Nachdem die Synth-Elektropop Band zahlreiche Bandcontests f√ľr sich entscheiden konnte und auch ihr Deb√ľt Dreams & Doubts & Fears sowie dessen Nachfolger Karoshi bei s√§mtlichen Szene-Club DJs hei√ü lief, sind sie nun mit ihrer neuen Scheibe Patience unterwegs. Dabei stellen Rroyce unter Beweis: die 80er ziehen immer noch, die Begeisterung alles im Spannungsfeld von tanzbarem Elektro gepaart mit n√ľchtern-melancholischem Gesang ist ungebrochen. Davon k√∂nnen wir uns auch heute wieder √ľberzeugen, denn das Zelt ist bis auf den letzten Mann besetzt. Wir haben Gl√ľck noch reingekommen zu sein. Die Leute feiern, die Jungs rei√üen mit und dann passiert etwas Seltsames: Der Boden vibriert! Nicht etwa von den Beats, nein vom Stampfen der F√ľ√üe im Publikum. So elektrisiert haben wir gefeiert in Hameln!

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