PROPHECY FEST 2019 РBalve, Balver Höhle (Freitag, 13.09.2019)

ALCEST © Thomas Papenbreer
Geschätzte Lesezeit: 5 Minute(n)

Die Schatten werden langsam l√§nger. Es sind grad wieder diese „days before the fall“, in denen die Sonne tags√ľber noch kr√§ftig w√§rmt, aber nicht mehr die Haut verbrennt. Sie ist dieser Tage schon fr√ľher verschwunden und macht viel zu schnell einer einer K√§lte Platz, die uns einen Vorgeschmack auf welkes Laub, St√ľrme und lange Dunkelheit gibt. Und obwohl Empyrium am Samstag in der Balver Steinzeith√∂hle diesen Song nicht im Set hatten und obwohl die zweite und dritte Edition des Labelfestivals im Hochsommer stattfanden, fl√ľsterten die atmosph√§rischen Str√∂mungen am Wendepunkt der Jahreszeiten: Prophecy-Zeit.

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Das Jahr Abstinenz hat zun√§chst einmal gut getan, konnte man doch bekannt geben, dass die diesj√§hrige Ausgabe in puncto verkaufter Tickets sehr nah ans erste Fest (2015) herangekommen ist, das sich seinerzeit immerhin ausverkauft hatte. Ob dies nun am ge√§nderten Termin, dem selbst verordneten Jahr Pause, dem Genre-Twist beim Line-Up oder all dem zusammen lag, l√§sst sich im Nachhinein so nicht mehr sagen. Wobei wir auch schon mittendrin w√§ren. Beim vierten Prophecy Fest f√§chern die Veranstalter alles auf, was das Metal-Genre aufbieten kann. Und sie bringen dabei das Kunstst√ľcks zustande, nicht ein einziges Mal den Mainstream der harten Gitarrenspielart zu streifen.

A FOREST OF STARS (GB)

Schon die Er√∂ffnungsband des Festivals ist so ein Beispiel. Es w√§re v√∂llig zu kurz gegriffen A Forest Of Stars einfach als Black Metal Band zu klassifizieren. Um sich der Spielart des Gentlemen‚Äôs Club etwas zu n√§heren, die es sich vorgenommen hatten, nicht nur die erste, sondern auch die am besten gekleidete Band des Tages zu sein (Selbstver√§ndlich waren sie das.), hat man das vielsagend wenig erkl√§rende Wort „progressiv“ zum Davorsetzen erfunden. Wir gehen ins 19. Jahrhundert und zwar ins Jahr 1896, als das Ikonische der viktorianischen √Ąra auf dem H√∂hepunkt, Siedepunkt, Scheideweg steht und die Balance auf dem Drahtseil seiner Widerspr√ľchlichkeiten zu verlieren droht. Nicht allzu oft sieht man die Briten auf irgendwelchen B√ľhnen. F√ľr mich ging also ein lang gehegter Wunsch in Erf√ľllung.

Ich war damit wohl nicht alleine. Im letzten Jahr √ľbertraf sich das Sextett mit seiner Ver√∂ffentlichung Grave Mounds And Grave Mistakes und wurde vom Prophecy Club zur beliebtesten Band gew√§hlt. Daf√ľr gab‚Äôs ein eigens entworfenes Shirt, das von vielen Fans heute spazieren getragen wird. A Forest Of Stars sind vollz√§hlig angetreten und drapieren sich um S√§nger Mister Curse. Der schwankt zwischen v√∂lliger Manie und absoluter Konzentration, gurgelt abwechselnd mit unterschiedlichen Fl√ľssigkeiten, von der eine (ich schlie√üe aus Form und Farbe der Flasche) wohl Sherry gewesen sein d√ľrfte. Er kreischt, jammert und grollt, gefangen in einer Leinwand rasenden Wahnsinns verschwommener Sepia-Farben, die seine Kollegen krachend auf die Bretter pinseln. Ab und zu durchbrechen wundersch√∂ne einfache folkige Melodien die finsteren Strudel. In den 45 Minuten ist grad Platz f√ľr vier dieser monumentalen Brecher. Was f√ľr ein Auftakt!

Grave Mounds and Grave Mistakes

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SUN OF THE SLEEPLESS (D)

Da sind die Kollegen von Sun Of The Sleepless deutlich geradliniger unterwegs. 2017 erschien das Deb√ľtalbum To The Elements, nachdem es das Projekt bereits zw√∂lf Jahre lang gegeben hatte und es nach einigen zaghaften kleineren Ver√∂ffentlichungen in den tiefen Schubladen von Markus Stock aka Ulf Theodor Schwadorf auf den Kuss der Muse wartete. Im Anschluss wurde ausgiebig getourt, nachdem man alles auf dem Fest 2017 einmal vorgestellt hatte. Er√∂ffnet wird wieder mit Prospero‚Äôs Speech von Loreena McKennit. Das Schmankerl vom Band bleibt das atmosph√§rische Highlight des Sets, denn Sun Of The Sleepless haben sich offenbar entschlossen bei den Songs noch mehr auf H√§rte und rasende Geschwindigkeit zu setzen. In The Realm Of The Bark wirkt so noch k√§lter und ruppiger. Allerdings verliert The Owl so auch viel von seiner naturmystischen Beklemmung und Where In My Childhood Lived A Witch einiges an Horror. Ansonsten hat man am Set wenig ver√§ndert.

FARSOT/COLDWORLD (D)

Zu einer echten Weltpremiere kam es hingegen direkt im Anschluss, denn die Ambient/Black Metal Formation Coldworld hat es trotz 14-j√§hrigem Bestehen bisher noch nie auf eine B√ľhne geschafft. Vermutlich hatten die Leipziger auf so eine Gelegenheit wie heute gewartet. Erw√§hnenswert ist vielleicht auch noch, dass Coldworld neben Strid die einzige Nicht-Prophecy Band auf dem diesj√§hrigen Fest sind. Vor ungef√§hr einem Jahr brachten diese zusammen mit Farsot die Split-EP Toteninsel heraus, die heute auch vorrangig Thema des Sets sein soll. Farsot ihrerseits sind schon l√§nger im Prophecy-Roster, haben auch schon l√§nger Live-Erfahrung (und was f√ľr welche!) und haben vor zweieinhalb Jahren mit Fail lure ein komplexes ausgereiftes Black Metal Kompositionsmonster hingewuchtet. Von dem wird auch erst mal er√∂ffnet: The Antagonist schneidet sich eine eisige Schneise durch die sowieso schon untertemperierten H√∂hlengew√∂lbe. Die n√§chsten 45 Minuten halten uns beide Bands auf dieser Distanz aus harschen, harten, rauhreifbedeckten Schwarzmetal: bis in die Haarspitzen ernsthaft authentisch, innovativ klassisch.

KATLA (ISL)

Gu?mundur √ďli P√°lmason und Einar Thorberg Gu?mundsson formen die Post Rock/Metal Band Katla. Auf die beiden Isl√§nder, die ihr Projekt nach einem der aktivsten Vulkane unter einem Gletscher auf der Feuerinsel benannt haben, hatte ich mich ganz besonders gefreut. Steht ihre Musik ja nicht nur f√ľr eben jene gegens√§tzlichen Naturph√§nomene, verbindet sie dar√ľber hinaus auch auffahrende Gef√ľhle und dunkle Mystik mit eing√§ngigen, mitrei√üenden Rock-Hymnen, die wie selbstverst√§ndlich so ohne weiteres auch im Radio laufen k√∂nnten (und in einer weniger beschr√§nkten Welt sicher auch w√ľrden). Das Set wird von der Debut-EP Fer√įalok (2016) und dem Debut-Album M√≥?ur√°stin (2017) bestimmt, sp√§testens beim zweiten Song N√°tthagi ist der Funke bei den meisten √ľbergesprungen. Denn beiden Ver√∂ffentlichungen haftet unfreiwillig noch der Odem fr√ľherer ungemein erfolgreicher Projekte an, von denen es sich zu emanzipieren galt, allein aufgrund der Tatsache, das einst jene Verbindungen bestanden. Andererseits erhielt Katla als g√§nzlich neues Projekt eben dadurch auch extern ein wenig Schubkraft. Kurz: Man erkennt den Mann hinter den Drums. Den L√∂wenanteil an Respekt erh√§lt Thorberg f√ľr seine kompositorischen Leistungen und den grandiosen Stimmumfang. Zweifellos ein Highlight.

DISILLUSION (D)

Und es rei√üt nicht ab. Vor 13 Jahren verschwand diese Perle des Progressive Death Undergrounds von der Bildfl√§che. Die Leipziger um Andy Schmidt lieferten gerade vor einer Woche mit The Liberation vielleicht DIE Metal-Ver√∂ffentlichung des Jahres und ein Comeback allererster G√ľte. Damit und mit¬† den grandiosen Vorg√§ngerwerken Back To Times Of Splendor (2004) und Gloria (2006) im Hinterkopf hatte ich Disillusion schon mit vielen Vorschusslorbeeren ausgestattet. Ich selbst habe die Band noch nicht live erleben d√ľrfen und war nicht darauf gefasst, was mich erwarten w√ľrde. Inklusive Bass stehen vier vom Scheitel bis zur Sohle¬† aufeinander eingespielte Saiten auf der B√ľhne. Und die legen nun die einzelnen Themen des vielschichtigen Sounds Schicht um Schicht frei.

Zudem ist es eine wahre Freude Andy Schmidt, beim Check noch ganz Sound-Akademiker mit Brille, zwischen verinnerlichter Verz√ľckung, virtuoser Konzentration und wahren Ausbr√ľchen freudiger Metal-Attit√ľde zu beobachten. Es ist mutig bzw. zeugt von einer gewissen √úberzeugung von den eigenen Live-Skills, das Set gleich mit einer komplexen Hymne wie Wintertide zu er√∂ffnen. Aber der Sound sitzt und schon ist hier jeder v√∂llig gefangen im t√∂dlichen Disillusion Prog-Wunderland. Wir werden mitgenommen Back To Times Of Splendor, bekommen ne G√§nsehaut von A Shimmer Of The Darkest Sea und sind ergriffen bei The Mountain. Wer soll da heute noch kommen?

ALCEST (F)

Nun ‚Ķ es f√§llt einem ja fast schwer zu sagen, weil es eigentlich schon vorherzusehen war, wer die eigentlichen Headliner des Abends (des ganzen Festes?) sein w√ľrden. F√ľr die Franzosen gab es in den letzten Jahren schlicht nur einen Weg und der zeigte steil nach oben. Im Fr√ľhjahr diesen Jahres war es dann soweit: Alcest waren ihrem Heimatlabel entwachsen und wechselten zum Major Nuclear Blast. Neues Material h√∂rt sich vielversprechend an. Man g√∂nnt den Beiden das erfolgsorientierte Fortkommen. Aber obwohl Neige an diesem Abend und auch am n√§chsten Tag wie ganz selbstverst√§ndlich Teil der ganzen Szenerie ist, nicht m√ľde wird stundenlang mit Fans und Freunden zu plaudern, mischt sich doch sowas wie Abschied in diesen Auftritt. M√∂glicherweise habe ich ihn auch deswegen als besonders herausragend und besonders bewegend in Erinnerung.

Es gibt kaum Musik, die so sehr aufw√ľhlt, wie die Musik der Franzosen. Die unvermittelten Ausbr√ľche treffen so tief, wie die fragilen Melodien verzaubern. Auf der B√ľhne bekommen die Songs noch einmal eine v√∂llig neue Dimension. Verzweifelte Abgr√ľnde und flirrende Sph√§ren werden greifbar, wenn man die Musiker beobachtet, wie sie abwechselnd Teil dieser verschiedenen Welten werden. In dieser unpr√§tenti√∂sen Glaubw√ľrdigkeit, dieser zerbrechlichen Emotionalit√§t liegt die St√§rke der Live-Performances von Alcest. Und selbstverst√§ndlich in ihrer musikalischen Qualit√§t. Neiges Gesang wird heute nicht, wie es leider schon sehr oft der Fall war, hinter der Lautst√§rke von Drums und Gitarre verborgen. Auch m√ľssen sich die beiden bei den Kodama St√ľcken nicht mehr gegenseitig einz√§hlen. Alles wirkt sehr rund und erwachsen.

Es gibt eine Zusammenstellung vom Besten der letzten vier Alben. Die neue Single Protection spielen die Franzosen heute nicht. Daf√ľr aber Ecailles de Lune Part I, Oiseaux de Proie, L√† O√Ļ Naissent Les Couleurs Nouvelles, Autre Temps, Perc√©es De Lumi√®re, einige¬†mehr und am Schluss nat√ľrlich D√©livrance, bei dem man selbst in der dunklen kalten H√∂hle mitten in der Nacht w√§rmende Sonnenstrahlen auf der Haut sp√ľren kann.

Mit diesen Eindr√ľcken, es waren eine Menge, lassen wir ersch√∂pft, aber doch sehr gl√ľcklich den ersten Tag dieses au√üergew√∂hnlichen Festivals ausklingen.

Geschrieben von
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3 Kommentare

  • Hat es einen besonderen Grund, dass sich beide Tage so lesen, als w√§re die jeweils letzte spielende Band nicht existent?
    Freitag kamen nach Alcest noch Strid (mit einem sehr beeindruckendem Auftritt) und am Samstag Mortiis (den ich allerdings selbst nicht gesehen habe).

    • Hallo Andreas, nein das hat keinen bestimmten Grund und ist auch nicht so beabsichtigt gewesen. Wir haben die letzten Auftritte nicht mehr gesehen und deswegen nicht berichtet. Selbstverst√§ndlich ist das kein Grund, diese „hinten runter fallen lassen zu lassen“. Ich werde sehen, wie ich die Berichte anpasse, dass die Auftritte beider Bands zumindest ihre Erw√§hnung finden. Gr√ľ√üe Katja

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