LAIBACH – Bochum, Christuskirche (23.03.2019)

Fotos: LAIBACH
Laibach, ©Marcus Nathofer
Geschätzte Lesezeit: 3 Minute(n)

Noch wollen Laibach sich nicht so recht von ihrem Nordkorea-Abenteuer trennen, so scheint es. Am 19. August 2015 spielten die Slowenen als vermutlich erste westliche Band ein Konzert in Pjöngjang – mit ureigenen Interpretationen von koreanischen Volksliedern und Stücken des von Diktator Kim Jong-un geliebten Musicals The Sound Of Music. Bis diese Versionen als Studiosongs auf CD gespresst und veröffentlicht wurden, dauerte es aber noch einmal rund drei Jahre und Laibach werden einfach nicht müde, die Stücke aus der Feder der Herren Richard Rodgers und Oscar Hammerstein live zu spielen. Im Gegensatz zu manch Tour der Vorjahre, wo eine Handvoll The Sound Of Music-Lieder in die Setlist integriert wurde, besteht auf der aktuellen Konzertreise die gesamte erste Hälfte der Show aus der LP.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

In der bis in die letzte Reihe gefüllten Bochumer Christuskirche kamen die Songs deutlich druckvoller rüber als auf dem Tonträger. Was den rundum positiven Gesamteindruck verstärkte, war die optimale Nutzung der riesigen Kirchenwände als Projektionsfläche für die aufwendig animierten Videos. Comic-Porträts von Nordkoreanern mit und ohne Uniform, (scheinbar) glücklich auf Wiesen spielende Kinder sowie Cream-colored ponies, crisp apple strudels and schnitzel with noodles bei My Favorite Things.

Wer leider entgegen allen Ankündigungen nur auf der Leinwand erschien, war Sänger Boris Benko, der Laibach bei den Studioaufnahmen wie auch einigen früheren Gigs als dritte Stimme unterstützte. Den Live-Gesang teilten sich in Bochum Milan Fras mit seinem ewig kultigen Brummel-Bariton und Marina Martensson, die die in der Babypause weilende Mina Spiler mit glockenklarem Sopran bestmöglich vertrat. Nach 45 Minuten und zehn Stücken ging es dann zunächst in eine 15-minütige Pause. Genug Zeit für einen Klogang, ein Bierchen oder einen Besuch am gut gefüllten Merch-Stand, in der es neben zahlreichen Shirts, Pins, Zigaretten-Boxen und der kultigen „Schwitz aus!“-Seife auch endlich den Doku-Film Liberation Day mit dem kompletten Nordkorea-Konzert auf Blu-Ray zu kaufen gab.

Auf ganz neu folgt ganz alt

Die Abwesenheit ihrer eigentlichen Sängerin nutzten Laibach, um im zweiten Teil der Show, der traditionell Liedern aus der gesamten Bandhistorie vorbehalten ist, Songs zu spielen, die es teils letztmals wohl im alten Jahrtausend live zu hören gab. Sechs eigentlich als nahezu unspielbar geltende Stücke der Frühwerke Laibach, Rekapitulacija 1980-84 und Nova Akropola gab es in Versionen zu hören, die sich mal mehr, mal weniger eng an ihre Studiofassungen hielten. Krachiger Industrial erfüllte das weite Rund.

Die dazu passenden Düster-Clips sorgten für eine fast schon beklemmende Atmosphäre – größer hätte der Kontrast zu den quietschbunt-poppigen Klängen und Videos der ersten Konzerthälfte kaum sein können. Trotz der Sperrigkeit von z.B. Vier Personen (zu dem Milan Fras passenderweise die Bühne verließ, damit auch wirklich nur vier Personen, nämlich die zwei Keyboarder, der Gitarrist und der Drummer, zu sehen waren) oder Krvava Gruda – Plodna Zemlja wurden die Stücke mit ähnlich lautem Beifall bedacht wie die The Sound Of Music-Lieder. Offenbar hatte das Künstlerkollektiv hier den ein oder anderen Alt-Fan, dem Werke wie das Synth-Pop-lastige Spectre zu poppig waren, hier richtig glücklich gemacht.

Und um dann auch dem letzten klarzumachen, wie weit die stilistische Bandbreite Laibachs reicht, wurden in der Zugabe noch einmal völlig andere Klänge angeschlagen. Das Rolling-Stones-Cover Sympathy For The Devil hörte man ebenfalls länger nicht mehr live – und natürlich ließen es sich Laibach nicht nehmen, den Titeltrack zum soeben in die Kinos gekommenen Film-Sequel Iron Sky: The Coming Race zu spielen.

Den Vogel schoss allerdings das abschließende Surfing Through The Galaxy ab. Marina Martensson schnallte sich hierfür eine Akustikgitarre um, Milan Fras setzte sich einen Cowboy-Hut auf, Country-Sound erfüllte den Saal und spätestens bei Einsetzen der Videoprojektion konnten viele Gäste ihr Lachen nicht mehr zurückhalten. Die zeigte den Frontmann als 8-Bit-Videospielfigur (!) auf einer pink-roten Rakete (!!), die durch den Weltraum fliegend Satelliten und Plastiktüten ausweichend (!!!) Herzen einsammeln muss. Nach drei Minuten und 20 Sekunden leuchtete auf der Leinwand ein „Game Completed“ auf – leider auch das Signal dafür, dass das Konzert zu Ende war.

Zwei Fragen müssen nach diesem rundum gelungenen Gig, der in der vollbestuhlten Christuskirche für völlig verdiente Standing Ovations sorgte, erlaubt sein: Gibt es einen anderen Musik-Act, der so gekonnt hochpolitische Provokation mit romantisch-verspielt-kitschiger Ästhetik verbindet? Und gibt es einen Musik-Act, der so gekonnt zwischen hämmerndem Martial Industrial und liebreizend-poppigen Melodien wandelt? Diskussion eröffnet.

Setlist LAIBACH @ Bochum, Christuskirche (23.03.2019)

01. The Sound Of Music
02. Climb Ev’ry Mountain
03. Do-Re-Mi
04. Edelweiss
05. My Favorite Things
06. The Lonely Goatherd
07. Sixteen Going On Seventeen
08. So Long, Farewell
09. Maria/Korea
10. Arirang
11. Mi kujemo bodocnost
12. Smrt za smrt
13. Nova Akropola
14. Vier Personen
15. Krvava Gruda – Plodna Zemlja
16. Ti, Ki Izzivas
17. Sympathy For The Devil (Z)
18. The Coming Race (Z)
19. Surfing Through The Galaxy (Z)

Weblinks LAIBACH

Homepage: www.laibach.org
Facebook: www.facebook.com/laibach

More from Patrick Friedland

DIE KLUTE – Planet Fear

“Auf halber Strecke geht der Supergroup die Luft aus” Was für ein...
Read More