Interview: SCHILLER

Geschätzte Lesezeit: 8 Minute(n)

An einem Mittwoch sitze ich also mit einer Tasse Tee und der Frage an mich selbst, ob meine Fragen denn gut oder interessant genug sind, am KĂŒchentisch und warte darauf, dass mich Christopher von Deylen, besser bekannt als SCHILLER, anruft. Es ist nachmittags, draußen ist es grau und ich bin gespannt darauf, wie der Mann, der schon mit Peter Heppner, Unheilig und sogar Midge Ure zusammengearbeitet hat und auf der ganzen Welt einen Namen hat, denn so ist. Ich nippe noch einmal an meinen Tee, als mein Telefon klingelt und beginne ein GesprĂ€ch ĂŒber das neue Album Future, das Ende Februar erschienen ist, Besitzaufgabe, die Liebe und irgendwie auch Lebensphilosophie.

Hallo, wie geht’s dir ĂŒberhaupt? Du hast ja heute sowas wie einen Pressetag. Wie viele Interviews waren es denn heute schon?
Heute waren es drei. Aber mir macht so etwas sowas Spaß. Mir geht es gut, man könnte fast schon sagen, mir geht’s blendend (lacht).

Das ist gut zu hören und damit beantwortest du mir schon meine nĂ€chste Frage. (lacht) NĂ€mlich die, ob dir das Spaß macht und ob du gerne Interviews gibst.
Mir macht das auf jeden Fall immer Spaß. Gerade heute hatte ich sehr viele nette GesprĂ€che. Ich versuche immer, die manchmal etwas nĂŒchterne Interview-Situation eher in ein GesprĂ€ch umzuwandeln und nicht zu einem Frage-Antwort-Spiel werden zu lassen.

Sowas macht auch mehr Spaß, finde ich. Du bist ja nach ziemlich langer Zeit in Berlin nach Kalifornien umgezogen. Beschreib doch mal Berlin. Was ist Berlin fĂŒr dich? Was macht die Stadt fĂŒr dich eigentlich aus?
Ich hab ja 15 Jahre in Berlin gelebt, doch dann wurde die Stadt zunehmend zu einem Inspirationssimulator. Es fiel mir dann immer schwerer, mich in der Großstadt neu zu erfinden. Ich habe mich sehr in die Natur gezogen gefĂŒhlt, in diesem Fall dann in die WĂŒste Kaliforniens. Vor drei Jahren habe ich meinen kompletten Hausstand aufgelöst: Ich kam von einer langen Tour nach Hause und habe festgestellt, dass ich den ganzen Besitz, der dort steht, ja gar nicht brauche.

Schiller © Philip Glaser / Universal MusicDen braucht man ja in den meisten FĂ€llen nicht…
Ich hab den wĂ€hrend meiner Tour auch gar nicht vermisst, im Gegenteil: Auf irgendeine Weise fing mein Besitz an, mich zu besitzen. Ich hab dann irgendwann ĂŒber Nacht entschieden, alles wegzugeben und die Entscheidung getroffen, mich auf eine neue Reise zu begeben. Ich habe dann noch ein halbes Jahr ĂŒber Air BnB oder bei Freunden in Berlin gelebt. Dann kam der Moment, an dem ich nur noch zwei Koffer hatte und sich der Gedanke festigte, dass ich ja weiter und lĂ€nger weg kann, als ich dachte.

Und wie kommt man dann gerade auf die Idee mit Amerika? Der Schwarzwald hĂ€tte es ja fĂŒr den Anfang vielleicht auch getan…
Ich habe mich in den letzten Jahren immer wieder in den USA aufgehalten und dort Musik gemacht. Die Offenheit und Neugier der Menschen ist einfach bezaubernd. Ich habe das wirklich ĂŒber die Jahre zu schĂ€tzen gelernt, weswegen dann klar war: „Let’s go West.“ (lacht)

Was nimmt man denn mit, wenn man praktisch ans andere Ende der Welt zieht?
Mein kleines Studio, das habe ich ja ĂŒberall dabei, damit ich in jedem Lebensmoment Musik machen kann. Ein paar KleidungsstĂŒcke. Irgendwann habe ich mal entschieden, dass schwarz die Farbe ist, die zu allem passt, vor allen Dingen zu sich selbst. (lacht) Deswegen musste ich nicht so wahnsinnig viele Klamotten mitnehmen. Ansonsten war es das auch schon. Alles andere fehlt mir immer noch nicht. Wie lange das noch so geht, weiß ich natĂŒrlich nicht. Das war auch keine Entscheidung, von der ich wusste oder gehofft habe, dass sie fĂŒr die Ewigkeit ist. Es kann sein, dass wir uns in einem Jahr wieder sprechen und ich dir sage, dass ich jetzt mit einem Wohnmobil durch den Himalaya fahre. (lacht)

Ja, so ist das eben…
Ich kann dir sagen, dass es viel leichter ist, einen völlig anderen und neuen Lebensweg zu gehen, als man sich das immer vorstellt. Mut zum Neuanfang.

Da stellt sich mir die Frage: SchrĂ€nken materielle Dinge die Freiheit nur ein? Und was bedeutet Freiheit fĂŒr dich?
Ich finde, dass wir uns – und das soll jetzt keinesfalls moralinsauer klingen – oft von Dingen abhĂ€ngig machen, die man so vermutlich gar nicht braucht. Ich habe natĂŒrlich das GlĂŒck gehabt, wĂ€hrend sehr ausgedehnter Schiller Live-Touren Tag und Nacht in einem Bus gewohnt zu haben. Das war mein Zuhause. Da ist so wenig Platz, da kann man ohnehin nicht so viel mitnehmen. Ich habe das also schon ein wenig ĂŒben können und bereits auf Tour festgestellt, dass das sehr angenehm sein kann. Diese Einsicht bringt eine große Freiheit mit sich. Die Dinge, von denen man glaubt oder eingeredet bekommt, dass man sie benötigt, um glĂŒcklich zu sein, braucht man in Wirklichkeit gar nicht. Das ist zumindest meine individuelle Erfahrung.

Das glaube ich auch. Da wird viel suggeriert. Im Pressetext zum Album Future wird ja diese Szene beschrieben, wo du um vier Uhr morgens aufgestanden bist und telefonierst. Wie sieht denn dein Tag wirklich aus? Sitzt du jeden Morgen um vier Uhr telefonierend am Rand der WĂŒste? (lacht)
Ich stehe tatsĂ€chlich sehr gerne, sehr frĂŒh auf. Ich mag diese frĂŒhen Morgenstunden zwischen 5 Uhr und 9 Uhr. Das sind eigentlich die Stunden, bei denen ich am nĂ€chsten bei mir selbst sein kann. Es gibt da wenig Ablenkung. Die Welt ist noch so ganz ruhig und der Tag erwacht langsam. Ich liebe das.

Das klingt ja fast schon romantisch…
Ich bin ein großer Fan des Hellwerdens und eigentlich bin ich auch eher ein Sonnenaufgangs- als ein Sonnenuntergangsbetrachter, weil ein Sonnenaufgang immer etwas von einem Neuanfang hat. Das berĂŒhrt mich. Und tatsĂ€chlich ist es so, dass ich sehr frĂŒh aufstehe, mir dann morgens mindestens einen Espresso mache, mich ins Studio beziehungsweise an meine digitale Werkbank setze und dann am produktivsten bin. Um die Uhrzeit gibt es wenig Ablenkung und wenig Zerstreuung, ich kann mich in den frĂŒhen Morgenstunden sehr gut fokussieren.

Schiller © Philip Glaser / Universal MusicDa bist du das krasse Gegenteil von mir. Mich braucht frĂŒh morgens niemand ansprechen.
Ehrlich?

Ja, ich bin frĂŒh morgens ganz furchtbar. DafĂŒr kann ich bis nachts um vier wach sein – da bin ich dann am produktivsten.
Das kann ich nicht, da gehen dann abends spÀtestens um 22 Uhr bei mir die Lichter aus.

Ja, verstÀndlicherweise. Sag mal, was ist denn bisher das Schönste am Umzug nach Kalifornien und wie hat sich der Umzug auf die Produktion des neuen Albums ausgewirkt?
Das Aufregendste fĂŒr mich war, Teil der Natur zu sein und die Kraft der Natur zu spĂŒren. Ich habe mich am Rande der Mojave-WĂŒste aufgehalten, um die unberĂŒhrte Natur so hautnah zu erleben, das war echt toll. Was auf der anderen Seite aber genauso toll war, war die positive Energie meiner musikalischen GĂ€ste. Die meisten leben zur Zeit in Kalifornien. In Los Angeles wartet ja keiner auf niemanden, da kann man sich sehr schnell sehr einsam fĂŒhlen. Alle, mit denen ich gearbeitet habe, waren hingegen sehr offen. Das ergab dann einen gemeinsamen Nenner. Ich habe dort unerwartet intensive Freundschaften erlebt.

Wo wir gerade bei musikalischen GÀsten sind: Wie hast du denn deine GastsÀngerin Kéta getroffen. Los, erzÀhl! Wo hast du sie her? (lacht)

Mein Musikverlag hat auch ein BĂŒro in Los Angeles, was ich gar nicht wusste. KĂ©ta wurde mir ans Herz gelegt als eine junge und sehr besondere SĂ€ngerin. Ich habe mich dann mit ihr getroffen, da war sie gerade 17 Jahre alt. FĂŒr mich war das sehr spannend, jemanden zu treffen, der auf der einen Seite noch sehr jung ist, aber gleichzeitig eine gefestigte Sicht der Dinge hat. Gerade bei essentiellen Dingen wie dem „Leben“ und der „Welt an sich“. Gleichzeitig befindet man sich, wenn man noch so jung ist ja auch in einer Phase des Ausprobierens und Aufbruchs. Man versucht, sich selbst und das eigene kĂŒnstlerische Wesen zu ergrĂŒnden, was ja manchmal gar nicht so einfach ist.

Ja, das kann ich mir gut vorstellen, dass so eine Begegnung sehr spannend ist.
Sieh mal, ein Veteran, der schon sehr lange Musik macht, der weiß ja wirklich genau, wer er ist und was er möchte, was er kann und was er nicht kann. Aber mit jemandem zusammen zu arbeiten, der sich selbst noch gar nicht konkret gefunden hat, das hat meine eigene Neugier sehr beflĂŒgelt.

Ich zitiere jetzt mal aus dem Album: „More love. That’s it. That’s the meaning of life!“ Was bedeutet denn Liebe fĂŒr dich und wie wĂŒrdest du sie definieren?
Ich glaube Liebe – sowohl im zwischenmenschlichen als auch im universellen Zusammenhang – ist die einzige Wahrheit. Und das klingt jetzt bestimmt unsagbar kitschig, aber das ist nun einmal so. Das Thema wurde so oft verfilmt und so oft beschrieben, dass man sich schon fast albern vorkommt, es auszusprechen. Andererseits hat das natĂŒrlich auch seinen Grund, warum das Thema so eine unglaubliche Relevanz hat.

Ja, da hast du Recht…
Man kann sich natĂŒrlich nicht zwingen, jemanden, mit dem man nicht sonderlich gut klar kommt, zu lieben. Das geht natĂŒrlich nicht. Aber wenn man Liebe als einen offenen Umgang betrachtet und auch als eine Art NĂ€chstenliebe – das klingt jetzt auch wieder kitschig – dann ist das, so glaube ich, etwas, womit man im Leben deutlich weiter kommt als mit dem Gegenteil.

Schiller © Philip Glaser / Universal MusicDas stimmt natĂŒrlich… Das Album klingt fĂŒr mich ĂŒbrigens so wie ein kompletter Tagesablauf. Aufstehen, mit der Kaffeetasse durch die Wohnung laufen, durch die Stadt gehen, Alltagsdinge erledigen… Und dann abends ins Bett fallen. Welches Album hat denn so ein GefĂŒhl bei dir hervorgerufen?
Was? So einen Soundtrack zu einem kompletten Tag?

Ja.
Da muss ich ĂŒberlegen.

Überleg.
Serenity von Bvdub. Wunderschön.

Um auf den Albumtitel Future zurĂŒck zu kommen: Was wĂŒnscht du dir fĂŒr die Zukunft? Und siehst du der Zukunft positiv oder negativ entgegen?
Positiv. Ganz klar positiv. Alles andere ist Zeitverschwendung. Auf der einen Seite ist die Zukunft ja kein Dauerlutscher. Wir sind ja das einzige Lebewesen auf diesem Planeten, was in der Lage  ist, seine Zukunft selbst zu gestalten. GrĂŒnde, die gegen irgendetwas sprechen oder UmstĂ€nde, die etwas erschweren, gibt es stets genug, aber das ist ja kein Grund, es nicht trotzdem zu versuchen.

Das ist absoluter Tiefenoptimismus.
Ich spreche ja jetzt nicht von einem „Wir Ă€ndern die Welt“-Ansatz, sondern davon, dass man manchmal auch sein eigenes kleines Morgen optimieren kann und sich abseits von dieser Hypergegenwart, in der wir uns bewegen, selbst verwirklichen kann.

Was ist denn eine Hypergegenwart?
Wir können alles in Echtzeit kommentieren und streamen und haben immer noch das GefĂŒhl, irgendwas zu verpassen. Ich hoffe, dass das Album ein Soundtrack oder vielleicht ein Trigger fĂŒr dieses GefĂŒhl von „Ich mache jetzt die TĂŒr zu, setze mich hin und bin ganz bei mir selbst“ sein kann.

Gute Schlussworte. Da schließt sich dann der Kreis wieder zum Anfang. Ich danke dir fĂŒr deine Zeit und das tolle GesprĂ€ch. Vielleicht philosophieren wir das nĂ€chste Mal gemeinsam in einer HĂ€ngematte ĂŒber die Welt und das Leben…

Tourdaten SCHILLER:

27.09.2016 Dresden, Messe
28.09.2016 Rostock, Stadthalle
29.09.2016 Hamburg, Barclaycard Arena
30.09.2016 Hannover, Swiss Life Hall
01.10.2016 Köln, Lanxess Arena
02.10.2016 Bielefeld, Seidenstickerhalle
03.10.2016 Erfurt, Messe
05.10.2016 Oberhausen, König-Pilsener-Arena
06.10.2016 Frankfurt/Main, Festhalle
07.10.2016 Mannheim, SAP Arena
08.10.2016 Stuttgart, Porsche Arena
09.10.2016 Freiburg, Rothaus Arena
12.10.2016 MĂŒnchen, Olympiahalle
13.10.2016 Leipzig, Arena
14.10.2016 Berlin, Mercedes-Benz Arena

Weblinks SCHILLER:

Homepage: www.schillermusic.com
Facebook: www.facebook.com/schillermusic

Future (Deluxe Edition)

Preis: EUR 11,99

3.4 von 5 Sternen (226 Kundenbewertungen)

65 neu & gebraucht ab EUR 3,90

Bilder: Philip Glaser / Universal Music

Geschrieben von
Mehr von Josie Leopold

LEBANON HANOVER – Köln, GebĂ€ude 9 (07.10.2017)

Betrachten wir die widrigen UmstÀnde unter denen wir uns auf das Konzert...
Weiterlesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.