Interview: PINK TURNS BLUE (MIC JOGWER)

Interview: PINK TURNS BLUE (MIC JOGWER)
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Nach fünf Jahren ist es nun soweit, dass Pink Turns Blue mit The AERDT – Untold Stories ihren Nachfolger zu Storm draußen haben. Auf ein Trio reduziert führen Sie weiter ihren markanten Post Punk-Stil mit Wave Rock-Einflüssen fort und bieten zehn neue Stücke, auf die sich das Warten gelohnt hat. Wir haben das Album zum Anlass genommen, Mic Jogwer einen Schwung Fragen zu stellen, die sich um das Album, die lange Pause, ausgewählte Stücke, aber auch um ihr Publikum, das Genre an sich, eventuelle Live-Shows und mehr drehen. Hier nun die ausführlichen Antworten.

Zwischen dem Vorgänger Storm und dem neuen Album lagen gute fünf Jahre. Wie kam es, dass es eine so lange Pause wurde?
Kreative Teams sind eine fragile Angelegenheit. Zur Re-Union, also PTB Nr. 2, gab es ein Team von willigen und kreativen Mitstreitern. Neue Ideen und viel Energie. Nach Phoenix und Ghost war Storm schon wieder eher zäh. Deshalb hatte ich mich eigentlich von dem Projekt verabschiedet und praktisch solo ein paar neue Songs geschrieben. Hätte diese sogar als Solo-Projekt herausgebracht. Allerdings stießen dann Ruebi, mein alter Mitstreiter aus den Gründungstagen, Ljubljana und London, mit frischer Energie dazu und Paul Richter ein junger, energiegeladener Studiodrummer aus Berlin. Wir haben dann mit sehr viel Liebe einen neuen Sound kreiert, der aus unserer Sicht den Kern von Pink Turns Blue, Melancholie, Tiefe, Nahbarkeit ausmacht, aber dennoch zeitgemäß und frisch ist.

Pink Turns Blue - The AERDT - Untold StoriesFür das neue Album habt Ihr das Konzept der Band auf das Wesentliche reduziert. Warum war es Deiner Meinung nach nötig, dies zu tun?
Das ist am Ende eine Geschmacksfrage. Der Trend in unserem Genre Post-Punk ging jetzt einige Jahre hin zu Maschinen, seichtem Wohlklang, Future-Pop. Da gibt es viele schöne Dinge zu hören – aber inzwischen auch viel seichten Einheitsbrei. Es werden Klischees und bestehende Erfolgskonzepte bedient, ohne Mut zum Risiko. Das ist langweilig. Das Gegenteil von Popkultur. Gleichzeitig entstand bei mir die Sehnsucht nach den ursprünglichen minimalistischen und menschlichen Komponenten. Die sind nahbarer und erzählen mit jedem Ton. Klar, es wackelt, ist weniger perfekt, es hilft keine Maschine. Aber es eröffnet eine Beziehung zwischen der fehlenden Perfektion der Band und dem Hörer. Und Pink Turns Blue hat den Mut, diesen Weg zu gehen. Vielleicht auch die Möglichkeit.

Wie hat sich die Reduzierung auf den Sound ausgewirkt?
Pro Musiker ein Instrument, live aufgenommen, so gefühlvoll und intensiv wie es nur geht. Vom Anfang bis zum Ende. Ohne Reparaturen und Kosmetik. Der eine Effekt ist, es klingt wie eine Band auf der Bühne, man kann sich tatsächlich die einzelnen Musiker bildlich vorstellen. Der andere Effekt ist die Zugänglichkeit. Nicht nur zum Song, sondern auch zu den Musikern. Ist natürlich klar Retro, altmodisch. Aber da Pink Turns Blue schon 1987 ihre erste Post-Punk CD herausgebracht hat, dürfen wir altmodisch sein. Wichtig war uns, dass es trotzdem zeitgemäß klingen soll. Also nicht einfach 80er Jahre Hall und Effekte. Dann klingt es wie eine Joy Division- oder Bauhaus- oder Chameleons- oder Pink Turns Blue 1987-Kopie. Eine platte Genre-Fan-Band. Es sollte modern klingen, so wie die Bands heute klingen, aber trotzdem vom Genre her klar Post-Punk und von der Identität klar Pink Turns Blue sein. Wenn eine Band oder ein Genre stehen bleibt, geht es um Konservierung von Etabliertem. Das widerspricht dem Sinn von Kreativität, von Popkultur und auch von dem, was Musik so spannend macht.

Wenn man den Sound des neuen Albums betrachtet: Was ist auf dem Album neu und anders gegenüber dem Vorgänger Storm?
Storm war das Ende einer kreativen Gemeinschaft, Untold Stories ist der Anfang eines neuen, frischen Kapitels. Storm war von Müdigkeit überlagert, ausgebrannt. Untold Stories hat den Anspruch mitzuhelfen, dem Genre Post-Punk neues Leben einzuhauchen. Ob das gelungen ist, müssen andere entscheiden. Aber es gibt den Willen, den Anspruch, den Einsatz. Das tut mir als Künstler schon mal gut. Aufbruch, neue Ufer, frischer Sound, mehr Energie, Risiko.

Schauen wir mal auf den Album-Titel: The AERDT – Untold Stories. Welche Idee steckt dahinter? Was für unerzählte Geschichten sind es, um die es hier geht?
Pink Turns Blue waren 1991 schon einmal an dem Punkt, wo zwei Leute 99% der Arbeit gemacht haben. Damals zu AERDT in Ljubljana. Die meiste Zeit hatten Janez und ich im Studio verbracht. Und uns war alles egal. Hauptsache es klingt neu, frisch, anders. Interessanterweise hatte ich damals die Roland 909 Drum-Machine und Sequencer für mich entdeckt. Da konnte ich dann alles programmieren und musste lediglich meine Geschichten und Gefühle einsingen. Abschied vom etablierten Pink Turns Blue Sound, neues Kapitel. Ich war auch gerade nach London gezogen. Auch hier neues Kapitel. Wenn alles auf einem weißen Blatt Papier neu definiert wird, wenn das Erreichte über Bord geworfen wird, wird das Leben wieder frisch und neu erlebt. Der Titel ist eine Referenz zu der Zeit des Neu-Entwurfs damals. Und die Intensität der Songs und Geschichten. Die Songs von Untold Stories sind teilweise noch intensiver und dramatischer, noch ehrlicher und weniger verklärt als damals. Gleichzeitig war es mir wichtig, echte Musiker mit hohem Anspruch an die Musik und Intensität zu finden, um wie damals bei If Two Worlds Kiss 100% Menschen einzufangen. Fühlt sich einfach intensiver an.

Ich habe mal ein paar Stücke aus dem Album ausgewählt, über die ich gerne sprechen würde… Eines ist The Clown. Was symbolisiert der Clown für Euch?
Das bin ich. Mit 18 habe ich ein Selbstportrait gemalt. Da bin ich als Clown. Der Clown hat etwas Liebenswertes, da er sich um die Stimmung der Menschen kümmert, vor allem der Kinder. Gleichzeitig hat er das Image, selbst eher ernst und vielleicht sogar weise zu sein, also über dem Programm zu stehen.

Mic JogwerEbenfalls interessant ist Tomorrow Never Comes. Was für ein Morgen, das niemals kommen wird, ist es, um das es hier geht?
Leider eine sehr traurige Geschichte. Es geht um einen nahen Menschen, der inzwischen an einem Hirntumor gestorben ist. Jemand, dessen geistige Verwirrung über zwei Jahre täglich zunahm. Und ein Lied über uns alle. Auf eine besseres Morgen zu hoffen, den Tag nicht zu leben und zu lieben, die wesentlichen Dinge zu verschieben, seinen Traum nicht heute zu leben. Oder gar täglich davon zu reden, am nächsten Tag Schluss zu machen, nur um sich selbst zu bemitleiden. Morgen wird alles besser, alles anders. Ein Lied über unsere Lächerlichkeit, Selbstmitleid, Selbstüberhöhung.

Gefolgt wird das Stück von NYC Breakdown. Was für ein „Breakdown“ ist es, den Ihr hier thematisiert?
Hier geht es um die Welt am seidenen Faden. In New York City kann man es sehr schön erleben. Man hat das Gefühl, dass mehr Energie, mehr Power nicht gehen kann. Es pulsiert, es vibriert. Zeitgeist, Kultur, Nabel der Welt, Wallstreet. Und gleichzeitig hört man andauernd die Sirenen der Krankenwagen. Ohne Unterbrechung werden „gefallene“ Menschen durch die Stadt gekarrt. Das kann man natürlich übertragen. Auf die Selbstherrlichkeit des Fortschrittglaubens und der Politik bei paralleler Dauerüberforderung durch Katastrophenalarm. Krisen, Terror, Tote. Ein Film, der immer schneller dreht. Keine Evolution, nur noch Hektik, die Panik verbergen soll.

Ihr beendet das Album mit Devil. Wofür steht der Teufel in dem Stück?
Selbstgefälligkeit.

Wenn wir das Album wieder als Ganzes betrachten: Welche Ziele habt Ihr? Wen und/oder was möchtet Ihr mit dem Album erreichen?
Wir wollen den Geist und Anspruch von Post-Punk, nämlich ein menschliches und authentisches Lebensgefühl in dieser verrückten Welt, die niemals enden wollende Sehnsucht nach sinnvollem und echtem einen Platz in der heutigen Popkultur geben. Natürlich nur mit unseren bescheidenen musikalischen Mitteln. Aber Anspruch und Realität dürfen ja ruhig auseinanderklaffen.

Neben dem neuen Album sind auch Eure früheren Werke remastered worden und neu erschienen. Warum war Euch das wichtig?
Interessanterweise ist der überwiegende Teil unserer Fans zwischen 18 und 24 Jahren alt. Viele von ihnen mögen unsere Klassiker, die lange nur auf YouTube in übler Klangqualität verfügbar waren. Andere riefen bis zu 200 Euro für unsere Klassiker auf. Auch wir haben Freude an vielen unserer alten Lieder. Deshalb haben wir die guten alten Stücke wieder aufgelegt. Die gibt es allerdings nur bei uns direkt. So verhindern wir, dass irgendwelche Zwischenhändler die Hand aufhalten.

Wenn man den Bezug zum Gesamtwerk herstellt: Welchen Stellenwert nimmt das neue Album für Euch darin ein?
Wie immer ist das letzte Werk das wichtigste. Das sind die Geschichten, denen man am nächsten ist. Es gibt einzelne ältere Lieder, die immer wieder eine Gänsehaut erzeugen, da sie eine besondere Kraft und Zeitlosigkeit besitzen. Oder vielleicht einfach gut sind. Die hören und spielen wir natürlich gerne. Aber als Album, als Gesamtwerk, hat nur das letzte wirklich Bedeutung. Was auch gut ist – obwohl neue Alben es bei eingeschworenen Fans meist schwer haben (früher war alles besser, dabei ist es nur so, dass wir eine Sympathie für Bekanntes haben…) – ein neues Album und neue Songs erreichen neue Hörer. Bei Dirt hatten wir auf Facebook 264.000 Videoviews in 4 Wochen, das hatten wir bei unseren Klassikern in zehn Jahren.

Ihr spielt in diesem Jahr live auf dem Wave Gotik Treffen. Wie wichtig ist das Festival für Euch?
Angenehm ist, dass das WGT ziemlich viele internationale Gäste anzieht. Die Fans kommen also zu Dir, Du musst nicht hinfliegen. Auch gut ist, dass es alle Genres beherbergt und nicht nur „die gute alte Zeit“ konserviert. Da gibt es dann auch mal IAMX und nicht immer nur die gleichen Kopien der Kopien.

Wie steht es um weitere Shows? Plant Ihr, auch einige Club-Shows zu spielen?
Das steht noch in den Sternen. Zurzeit haben wir viele Einladungen nach Übersee, da es in Amerika einen Post-Punk Boom zu geben scheint. Also einfache Gitarrenbands scheinen dort on-vogue zu sein? 90% unserer Fans leben in Amerika. In Deutschland sind wir Exoten.

Was würdet Ihr sagen, erwartet den Zuschauer, wenn er zu Euren Shows kommt?
Eine Band. Ich denke, dass Pink Turns Blue auf ihrem Level eine Originalität und Intensität hat, die man nicht an jeder Ecke bekommt. Zumindest tun wir alles dafür, das zu bieten.

Pink Turns BlueBei einigen „alteingessenen“ Acts wie den Sisters of Mercy und den Fields Of The Nephilim habe ich jüngst festgestellt, dass das Publikum bei den Shows überwiegend aus denen besteht, die schon lange dabei sind, aber kaum neue Hörer dazu kommen. Davon abgeleitet: Ist es für Euch ein Anspruch, auch neue Hörer zu gewinnen mit dem neuen Album und den Shows?
Wie gesagt, unsere Fans sind überwiegend 18–24 Jahre alt. Mit allen Vor- und Nachteilen. Für diese sind wir „Originale“, die man sich anguckt, weil man die Musik mag. Wenn sie jemanden „süß“ finden wollen, gehen sie woanders hin.

Nun ist in der Album-Info die Rede davon, dass Ihr musikalisch und vom Sound in das gegenwärtige Post Punk Revival passen würdet. Empfindet Ihr das auch so?
Zumindest freue ich mich darüber, dass Bands wie The XX, Interpol und Savages groß rauskommen. Und auch darüber, dass kleine Juwelen wie She Past Away, Soviet Soviet und Lebanon Hanover mir super gefallen und außerdem auch noch gut ankommen. Wir haben uns einige Jahre lang ganz schön alleine mit unserem Sound gefühlt. Es gibt immer mehr junge Bands, die coole Musik mit Gitarren und immer häufiger mit vollständiger Band machen und so ziemlich einfach als Band auftreten, ohne erstmal eine „Ich-bin-der-Teufel-ich-komm-dich-holen-Show“ auszuarbeiten und langweilige Nachäff-Mucke abzuspulen. Oder Euro-Trash/Future-Pop mit Schminke, oder Mittelalter-mit-Ritterüstung. Irgendwie freue ich darauf, eine einfache Wave-Band mit schwarzen Jeans zu sehen, die einfach gute Mucke macht. Idealerweise mit etwas Neuem im Sound. Dass She Past Away Türkisch singen, finde ich einfach originell und ansprechend. Und ihren unprätentiösen Auftritt extrem sympathisch. Mehr davon!!!

Zum Abschluss noch die Frage nach einem Ausblick: Wir haben nun über das Album und eventuelle Konzerte gesprochen… Gibt es schon weitere Pläne für die nahe und ferne Zukunft, die Ihr nennen könnt?
Nö, eines nach dem anderen. Generell freuen wir uns jetzt erst einmal darauf, immer mehr Gleichgesinnte auf Festivals zu treffen und dem Genre einen frischen Atem einzuhauchen.

Weblinks PINK TURNS BLUE:

Homepage: www.pinkturnsblue.com
Facebook: www.facebook.com/Pink.Turns.Blue.Official
Twitter: www.twitter.com/PINK_TURNS_BLUE

Bilder: Pressefreigabe

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