Interview: SIEBEN (MATT HOWDEN)

Fotos: NCN (Nocturnal Culture Night) 2022– Waldbühne und Kulturbühne (04.09.2022)
Sieben, © Thomas Bunge / NCN Festival 2022
Geschätzte Lesezeit: 13 Minute(n)

Am dritten Tag des diesjährigen NCN Festivals stand Matt Howden alias Sieben als Headliner auf der Kulturbühne auf dem Programm. Da er bereits am Vorabend in Deutzen angekommen und auf dem Festival zugegen war, hatten wir die erfreuliche Gelegenheit, am Nachmittag vor der Show ein Interview mit ihm zu führen. Dabei ging es um das Festival, das neue Album Ten Hymns for Modern Times, den Grund dafür, dass er sich heutzutage als politischer Musiker sieht, das Verhältnis zu seinen Fans, Gespräche mit seiner Violine Kev und vieles mehr.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Nach zwei seltsamen Jahren bist du zurück beim NCN. Wie ist es, wieder hier zu sein?
Das ist großartig. Es ist ein schönes Festival. Ich mag den familiären Charakter des Festivals. Ich war eigentlich mal für 2020 gebucht, dann für 2021, aber das hat nicht geklappt. Jetzt ist es schön, hier zu sein.

Du hast gerade ein neues Album veröffentlicht und ich denke, du wirst es heute präsentieren.
Das war eine Menge Arbeit, das Album zu machen. Es ist das erste Album, das ich komplett vor Leuten aufgenommen habe. Ich habe die Stücke geschrieben und im Livestream präsentiert. Die Leute konnten so sehen, wie es sich entwickelt hat, das war toll.

In der Albuminfo habe ich über Kev, deine Violine, gelesen. Wie kam es zu der Idee, in dieser Art und Weise mit Kev zu arbeiten?
Das hat sich mit der Zeit so entwickelt. Kev ist ein guter Kontrast für mich. Kev kann die schlimmen Sachen aussprechen, die die Leute sagen. So kommt es nicht predigend rüber.

Dort steht auch, Kev sei „ein bisschen mehr Punk und hat ein bisschen mehr Haltung als Matt“. Wie ist das zu verstehen?
Matt ist zu freundlich, Kev hat überhaupt keine Manieren.

Wie kam es dazu, dass du wirklich mit Kev sprichst?
Das kam mit dem Album 2020 Vision. Ich wollte nicht zu ernst oder zu predigend klingen, da war Kev eine gute Alternative. Das ist ein gutes auflockerndes Element.

Du hast gerade 2020 Vision erwähnt, das vorherige Album. Wie würdest du Unterschiede zwischen dem neuen Album und dem oder auch den letzten Alben beschreiben?
Ich denke, mit 2020 Vision bin ich ein bisschen mehr in die elektronische Richtung gegangen, das neue Album ist definitiv elektronischer. Ich habe einen neuen Looper mit zusätzlichen Loops und so, das geht jetzt mehr in die Richtung des Sounds, den ich haben möchte. Und vielleicht oder auch nicht: Der Neofolk-Künstler, der ich war, ist mit Crumbs ein bisschen punkiger georden – diesen Weg möchte ich gerne weitergehen.

Das neue Album heißt Ten Hymns for Modern Times. Warum hast du dich für diesen Albumtitel entschieden? Oder anders gefragt: Was macht diese modernen Zeiten für dich aus?
Es sind Hymnen, zu denen jeder eine Verbindung herstellen kann, weil er die behandelten Dinge bereit jetzt tut. Das sind Hymnen darüber, was die Leute nicht tun sollten, in einer Art und Weise von „mach doch was du willst“. Sie sind auch ironisch. Wie bspw. die You Fuck Off Hymn, eine Hymne für YouTube-Kommentare – über die Art, wie Leute kommentieren, wenn sie anonym sind. Oder auch die Phone Charge Hymn: Die Leute kümmern sich mehr um ihren Akkuzustand als über die Moral ihres Landes. Es gibt auch die Obscene Wealth Hymn, da das Fernsehen Reichtum glorifiziert. Jemand kann zwei Prozent der Welt besitzen, das ist mehr als die Fläche eines Landes wie Deutschland, was eine Person besitzen kann. Das ist verrückt.
Ich war nie politisch. Nun, ich war immer politisch, aber ich war nie in meiner Musik politisch. Meine Musik war eine Flucht. Aber die Welt ist jetzt zu gefährlich…

Interview: SIEBEN (MATT HOWDEN)
Sieben, © Thomas Bunge / NCN Festival 2022

Würdest du sagen, du bist zu einem politischen Musiker geworden?
Ich konnte mir nicht anders helfen, als darüber zu sprechen.

Kam das einfach so oder war das eine bewusste Entscheidung?
Das begann mit Crumbs. Ich war im Studio, um zu schreiben und das Studio ist eigentlich meine schöne eigene kleine Welt. Aber bei Crumbs bin ich wütend die Treppe raufgegangen, auf den Brexit, auf Trump, auf Populismus und darauf, wie die Welt den Bach runtergeht… Ich wollte da aber nicht so nach dem Motto „ohh, das ist verrückt“ dran gehen. Die Musik sollte ein bisschen subtiler sein. So nach dem Motto „wir sind alle am Arsch und genießen es!“ So würde Kev es ausdrücken.

Du hast gerade den Brexit erwähnt. Ich habe mich gefragt: Ist es komplizierter geworden, Konzerte im Ausland spielen zu können?
Konzerte gehen gut, bei Konzerten gibt es keinen Unterschied. Aber beim Merchandise oder Herstellung ist es jetzt sehr schwierig, wenn nicht unmöglich. Die Leute in Deutschland müssen jetzt Steuern auf meine CDs bezahlen, obwohl sie gar nicht für den Brexit gestimmt haben. Die Firmen machen nun mehr Geld und die Leute ziehen den Kürzeren. Eigentlich müssten die Briten den Kürzeren ziehen, weil sie die Idioten waren, die den Club verlassen haben und nicht meine Fans. Zum Glück ist bei den Konzerten alles so geblieben. Ich bin ein Typ mit einer Violine, ich laufe unter dem Radar.

Als Konsequenz: Hast du hier Merchandise dabei? Oder war das unmöglich?
Nein, es mitzubringen, ist okay. Aber es zu verschicken oder herzustellen… Das Box-Set, das ich produziert habe, hing acht Wochen wegen neuer Zollbestimmungen fest. Das dauert alles ewig.

Ich habe es auch schon andersrum gehört, dass deutsche Bands es schwer haben, nach England zu kommen, weil sie Papiere ausfüllen müssen und dann lange warten.
Das ist furchtbar. Ich hab das auch schon von Weltmusik-Künstlern gehört. Da wir von Idioten regiert werden, die die Einwanderung begrenzen möchten. Als Band aus Afrika kommen dann vielleicht drei Musiker rein und einer nicht. Das macht es hier unmöglich für Promoter. Nach den ganzen Restriktionen durch Covid kommen jetzt immer mehr Restriktionen durch den Brexit. Die Welt wird immer schwieriger heutzutage. Man sieht es auch hier beim Festival: Einige Bands konnten nicht kommen, weil die Flüge bestreikt werden. Das war ziemlich nervenaufreibend, hierher zu kommen.

Hattest du Probleme bei der Anreise?
Ja, mein Flug von Frankfurt nach Leipzig wurde gestrichen. Ich konnte dann mit dem Zug fahren.

Kommen wir wieder etwas näher zum Album… Du hast die Phone Charge Hymn bereits erwähnt. Wie kam die Idee hierzu?
Ich habe über Dinge nachgedacht, die den Menschen wirklich wichtig sind und sie kümmern sich mehr um ihr Telefon als um die Politik ihrer Regierung oder ihren Lebensstandard. Das sollte als Album modern klingen und auch einen Bezug zur Zwei-Faktor-Authentifizierung herstellen.

Als ich die Phone Charge Hymn gehört hab, musste ich an das denken, was auch gerne als Erste-Welt-Probleme bezeichnet wird. Würdest du sagen, das Album behandelt auch Erste-Welt-Probleme?
Wenn ich beim Arbeiten eine Zwei-Faktor-Authentifizierung nutze, habe ich keinen Handyempfang. Ich soll meine E-Mail-Adresse eingeben und dann heißt es, der Code kommt aufs Telefon. Ich muss also die Treppe hochrennen, um den Code zu kriegen und dann wieder runterrennen. Das ist ein Erste-Welt-Problem. Aber die Welt wird auch immer isolierter. Die Leute kaufen nicht mehr bei Personen ein, sondern regeln das mit einer Maschine.

Ich habe mir den Text der Denier Hymn durchgelesen. Da war die Textzeile „vaccines will track us all“. Was hat es damit auf sich?
Das ist so verrückt. Da draußen gibt es eine Menge Verschwörungstheorien. Vielleicht ist in manchen ein Funke Wahrheit, die sind teilweise schon immer populär. Aber heutige Verschwörungstheorien sind so widerlegbar. Du kannst dir den Impfstoff anschauen und du siehst, dass da kein Chip drin ist. Und die Ironie dabei ist: Du trägst ein Telefon mit einem Chip bei dir. Du nimmst es überall mit hin und sagst: „Oh, die Impfung trackt uns.“ Aber du hast ein verdammtes Telefon. Du sagst zu Hause zu oft „Pudel“ und es kommt Werbung für „Pudel“… Ich bin kein Virologe, aber ich bin bereit, richtigen Virologen zu glauben. Wir leben in einem Zeitalter moderner Hexerei, in dem ein Ex-Präsident sagen kann, dass bei einer Wahl betrogen wurde. Es ist auch ein sehr gefährliches Feuer, wenn russische Propagandisten sagen können, es handele sich um eine Spezialoperation und nicht um einen Krieg und die Ukrainer würden auf ihre eigenen Leute schießen. Wir sind so eine Zombie-Kultur geworden, in der die Menschen nicht mehr die Artikel lesen. Sie lesen die Überschrift und behaupten „oh ja, das habe ich in den Nachrichten gelesen“. Die Leute leugnen so viele grundlegende Fakten.

Du hast auch schon die You Fuck Off Hymn erwähnt. Gibt es da einen bestimmten Adressaten?
Da geht es um die Art und Weise, wie Menschen online miteinander umgehen. Jemand posted ein Bild mit Blumen und einem Kind und irgendjemand kommt an und schreibt „Du Schwuchtel“ oder sowas in der Art. Das würde man von Angesicht zu Angesicht nie tun. Aber online wird das ignoriert, weil es anonym geschieht. Und das geht schnell. Niemand will zuhören, jeder will losbrüllen.

Wenn du das Album wieder als Ganzes siehst: Hast du irgendwelche Erwartungen damit? Sei es bei den Verkaufszahlen oder bei den Menschen, die du erreichen willst.
Ich möchte immer meinen Sound vorantreiben und weiterentwickeln. Aber das Album habe ich sehr genossen. Das hat mehr Spaß gemacht als die vorherigen Alben. Ich mag die spaßigen Elemente, weil die Welt dunkel und gefährlich genug ist. Ich möchte sagen, dass es zwar Dunkelheit und Gefahren gibt, aber dass auch Licht dort ist. Das kommt vielleicht auch ein bisschen vom Lockdown und der Pandemie. Ich hatte gerade die 2020 Vision fertiggestellt und damit ein Album, das sagt, wir werden aufgrund unseres Lebenswandels alle sterben und dann hatte ich jede Woche den Livestream. Ich möchte nicht den Untergang predigen oder so, die Leute sollten was Schönes erleben können. Kev hat sich ebenfalls daraus entwickelt.

Du hast 55 Online-Shows gespielt. Hast du damit neue Leute erreicht? Krisen haben ja auch manchmal positive Effekte… Obgleich natürlich niemand eine Krise benötigt.
Das Positivste daran war die Community, die daraus gewachsen ist. Ich hatte den Vorteil, dass ich spielen konnte, während Bands es nicht konnten, weil sie sich nicht treffen durften. Die Leute fanden es schön, was natürlich toll war. Und es wurden immer mehr. Das war sehr herzlich. Ich bin der einzige Moderator der „Lockdown Sieben“-Gruppe mit 890 Mitgliedern. Ich habe nicht ein einziges Mal einen Beitrag löschen oder jemanden ermahnen müssen, weil alle sehr respektvoll miteinander umgehen. Das war echt schön! Viele Freundschaften, einige neue Leute, aber auch viele, wo der Kontakt wieder zustande kam. Das Leben ist schnell. Manche Leute haben 2010 ein Album gekauft, dann hat man sich aus den Augen verloren und jetzt ist der Kontakt wieder da. Ich habe in der Zeit 112 meiner bisherigen Sieben-Stücke neu gelernt. Für mich war das eine Art Bootcamp.

Interview: SIEBEN (MATT HOWDEN)
Sieben, © Thomas Bunge / NCN Festival 2022

Ich habe gesehen, dass du sie überarbeitet und daraus eine 10-CD-Box gemacht hast. War das auch eine Idee, die in der Pandemie entstanden ist?
Absolut! Die Idee kam aus der Gruppe. Meine Idee war, dass ich den Leuten online etwas beibringe und ein Konzert spiele. Das war so Ende April/Anfang Mai 2020, nach einem Monat Pandemie und die Leute sagten: „Oh, spiel nächste Woche!“ Dann hieß es wieder, ich solle nächste Woche spielen. Nach fünf Wochen kam die Idee, ich könnte doch mal zehn Stücke aufnehmen und das dann digital veröffentlichen, sie würden es dann auch alle kaufen. Ich wollte gar nicht, dass das gekauft wird, ich wollte nur, dass die Leute es haben. Sie konnten dafür zahlen, wenn sie wollten, sie konnten es aber auch einfach runterladen. Das ist kein Geschäftsmodell, aber ich kann von der Musik so oder so nicht leben. Daher kümmert mich das nicht. Ich unterrichte als zweite Tätigkeit. Aber als ich es kostenlos online gestellt haben, haben mehr Leute Geld dafür ausgegeben als normal. Und mehr Leute haben es kostenlos runtergeladen als normal. Nach zwei drei CDs dachte ich, dass die digitale Veröffentlichung auch blöd ist, daher wurde dann auch eine CD-Box daraus.

Wie würdest du sagen, hast du die Stücke umgearbeitet? Sind es nur neue Aufnahmen oder hast du die Stücke auch irgendwie verändert?
Sie haben sich absolut verändert. Sie haben sich verändert, weil ich fünfzehn Jahre älter als manche der Stücke bin. Sie haben sich auch verändert, weil ich Kev habe, eine Kevlar-Violine mit fünf Saiten, das klingt anders. Ich habe auch einen anderen Looper. Und dann hat auch die Pandemie die Stücke verändert, da ich nie so viele Konzerte gespielt habe. Wenn ich 50 Konzerte in einem Jahr spiele, kommt niemand mehr als zweimal. Da kann ich dreißig Stücke spielen und drei unterschiedliche Sets spielen. In der Pandemie hab ich nach drei Wochen gedacht, das würde ja langweilig, daher habe ich mich ihnen neu angenommen. Ich habe das alles absolut live aufgenommen, meistens beim ersten, zweiten oder dritten Take. Ich habe nicht versucht, sie perfekt zu machen. Die Leute wussten, dass ich sie zu Hause live aufnehme. Dazu gab es als Bonus eine CD mit fünf Stunden Bonusmaterial – die besten fünf Stunden der Live-Konzerte. Bei manchen Konzerten wurden die Stücke deutlich länger, da sie anders waren. Ich habe online zwei Stunden gespielt, weil ich darum gebeten wurde. Schön war auch: Die Leute konnten chatten. Nach dem Konzert waren dann da so zweitausend Kommentare. Bei einem Gig wäre das ziemlich laut gewesen. Wenn ich so an das erste Konzert zurückdenke, war ich sehr nervös. Ich musste mich mit der Kamera erstmal arrangieren. Ich dachte zunächst: „Da ist ja gar keiner. Wo ist der Applaus am Ende?“ An den virtuellen Applaus musste ich mich erst gewöhnen.
Das war zunächst wie bei einem schlechten Konzert, wenn man am falschen Ort gebucht wurde. Wenn man beispielsweise in einem Pub spielt, wo die Leute freitagabends auf einen Drink hingehen. Dann kommt da so ein verrückter Typ mit seiner Violine. Das ist nicht schön, zu spielen, aber da bin ich Profi. Auch wenn sie mich hassen, will ich ihnen noch ein gutes Konzert geben. Das macht mir keinen Spaß, aber es ist mein Job, das zu machen, auch wenn es mich wütend macht, wenn es keinen interessiert. Aber ich gehe dann zum Promoter und sage „sorry, ich hab’s versucht“ und der ist dankbar. Manche Musiker zerbrechen an sowas.
Online fühlte es sich auch erst einmal so an, da es dort auch keine Reaktion gibt. Man sieht niemanden. Aber es gibt virtuelle Reaktionen und das hat mir mehr Vertrauen in das ganze Ding gegeben. Jede Woche haben da 150 Leute eingeschaltet. Jetzt mache ich immer noch ein Online-Konzert im Monat. Ich habe ein Patreon-Profil gestartet. Meist mache ich die Livestreams privat, aber lade auch andere Leute dazu ein, um sie auf mein Patreon aufmerksam zu machen. Ich möchte meine Musik nicht hinter einer Paywall verstecken, aber es ist unmöglich, davon zu leben inzwischen. Daher mache ich für meine Patreons Videos von Kev und mir, schreibe Titelmelodien für die Leute und es ist eine schöne Angelegenheit für die, die mich in der Pandemie unterstützt haben. Die haben jetzt ihre eigene Titelmelodie. Auf YouTube kann man sich auch vier der Videos anschauen. Die sind sehr unbeschwert. Kev und ich sprechen diskutieren dort, wie man so eine Titelmelodie schreibt.

Das hört sich nach einer neuen und spannenden Geschichte an.
Ich habe gelesen, dass du inzwischen rund 1.800 „richtige“ Konzerte gespielt hast. Ist das immer noch aufregend für dich?
Absolut! Nach 55 Shows, die ich online gespielt habe und der Albumveröffentlichung. Zu Hause ist es nicht so anstrengend. Aber es ist super, vor Leuten zu spielen. Ich habe eine Pandemie-Show am Freitag gespielt: nicht müde. Ich habe eine lokale Show von 45 Minuten gespielt: Ich war erschöpft. Und ich gebe auch zu Hause alles. Aber dort habe ich den perfekten Sound, es ist immer der vom letzten Konzert, ich habe meine Indexkarten, die Setlist, meine Notizen, meine Synths, den Aschenbecher, die Zigaretten… Das ist anders. Aber ja, nach wie vor kann man eine „live live Show“ nicht ersetzen.

Nachdem du so viele Shows gespielt hast: Sind da immer noch welche bei, die unvergesslich waren?
Ja, sehr viele.

In positiver oder negativer Hinsicht?
Die waren so ziemlich alle positiv. Ein Auftritt, bei dem der Sound schlecht ist, nachdem man den ganzen Weg dort hingereist ist, ist schrecklich, aber das ist selten. Meist kriegt man einen guten Sound hin.
Manchmal ist es der Ort, der es besonders macht. Das Völkerschlachtdenkmal ist so ein Ort, das war eine riesige Ehre, dort zu spielen. Oder wie in Portugal, wo ich auf einem Schloss in einer Kirche aus dem 15. Jahrhundert gespielt habe. Das war einfach nur atemberaubend.
Manchmal sind es auch die Leute. Ich habe da einen tollen Support mit Sieben online. Als ich gestern nicht zum Festival kommen konnte, weil die Fahrer durch den Lufthansa-Streik alle sehr beschäftigt waren, haben mich Fans abgeholt. Das war sehr großartig. Ich habe das immer gehasst, wenn – gerade wie in der Gothic- und Neofolk-Szene – Künstler zu so für Normalsterbliche unerreichbare Personen gemacht werden. Das bin nicht ich. Ich bin eine Person. Ich mag Fußball, ich mag normale Dinge und möchte nicht verehrt werden. Ich möchte, dass den Fans etwas an meiner Musik liegt. Zu vielen habe ich jetzt eine sehr gute Verbindung durch die Pandemie. Auch untereinander sind bei den Fans Freundschaften entstanden zwischen alten und neuen Fans von Sieben. Die treffen sich, die verreisen zusammen…
Zu Weihnachten will ich auch ein kleines Konzert in meinem Haus machen, für die Patreons. Eine „silent disco“ mit Kopfhörern. Und im Sommer möchte ich für die Leute, die mich unterstützen, im Garten spielen. Das ist perfekt für mich. Ich möchte keine abstrakte Erscheinung sein, über die gesagt wird „oh, wir haben Sieben gesehen, das war so mystisch“.
Das macht mir nichts aus, wenn manche eine Persona haben. Aber ich möchte ich sein. Vielleicht kam das bei der ernsten Musik in der Vergangenheit nicht so gut raus, was ich für einen Humor habe. Wenn man über alte Götter singt, kann man nicht stoppen und Witze über Nonnen erzählen, das passt nicht.

Interview: SIEBEN (MATT HOWDEN)
Sieben, © Thomas Bunge / NCN Festival 2022

Und du hattest viele Features bei Neofolk-Bands.
Wie in jedem Genre, ist es so, dass es Regeln gibt, wenn es älter wird. Ich habe den Kev-Film No chips for the weak gemacht. Das sind 25 Minuten, in denen Kev mir erzählt, wie falsch ich Neofolk angehe. Das ist in vielen Genres so. Ich höre das auch bei meinen Schülern. „Techno muss so und so sein, HipHop muss so und so sein…“ Wer hat diese Regeln geschrieben? Wer hat das gesagt? Ich habe mit der Musik angefangen, weil es keine Regeln gab. Ich möchte nicht, dass mir jemand sagt, welche Regeln ich einzuhalten habe.

Heute ist es ein Festival-Auftritt. Du spielst parallel zu Cassandra Complex. Denkst du, das ist ein guter Act, um zur selben Zeit zu spielen oder denkst du, da sind viele unentschlossen?
Ich weiß es nicht. Was denkst du?

Ich kenne zumindest einige, die sich unsicher sind, ob sie zu dir wollen oder zu Cassandra Complex gehen. Die haben dich auf der Tour mit Goethes Erben kennengelernt.
Das war eine großartige Tour. Das war wirklich sehr schön. Es war sehr professionell, das mag ich. Die haben an ihre Crew gedacht, geguckt, dass es den Leute gut geht und sie haben an ihre Musik gedacht, was sehr wichtig ist.

War es für dich auch gut, um mehr Leute für deine Musik zu gewinnen?
Ja, definitiv. Da sind viele dazu gekommen. Ich hatte da kein Ziel. Ich bin ein Typ, ein Eigengewerbe ohne Label, Manager, Promoter und Tourmanager. Und da bin ich zufrieden mit. Dafür ist es auch eine kleinere Welt, in der es schwerer ist, sichtbar zu werden. Aber das ist okay.

Hier sind wir beim Festival und nicht jeder kennt dich und deine Musik. Es sind noch etwa drei Stunden bis zu deiner Show. Wenn du jetzt wen treffen würdest, der dich noch nicht kennt: Wie würdest du ihn überzeugen, auch wirklich zu deiner Show zu kommen?
Da wäre ich nicht in der Lage zu, da bin ich ganz schlecht drin. Ich möchte nicht so ankommen mit „hey, ich bin super, du musst mich unbedingt sehen, sowas hast du noch nie zuvor in deinem Leben gesehen, das ist total anders als alles, was du bisher gesehen hast“. Kev würde das sagen. Aber ich sage eher „ah, ich spiele ein bisschen Violine und loope das, das ist irgendwie funky, hypnotisch und melodisch“. Aber ich mag es, die Gesichter von Leuten zu sehen, die mich zuvor nie gesehen haben. Das ist anfangs „ah, ein Typ mit einer Violine“ und nach zwei Stücken wird es zu „fuck, was ist das?“ In der Vergangenheit haben nicht immer alle das mit dem Looper verstanden und manche denken dann, ich würde mit Klängen aus der Konserve arbeiten. Aber das bin ja alles ich, deswegen arbeite ich hart auf der Bühne. Das ist der Grund, warum ich manchmal auch sowas wie „hallo“ loope, damit man es bemerkt. Aber eigentlich kümmert mich das auch nicht so sehr. Ich bin kein Looping Artist, ich bin ein Künstler, der loopt. Das ist kein „hey, guck mal hier!“ Ich nutze das, da es für mich ein super Tool ist, um als einzelne Personen den Klang einer ganzen Band zu erzeugen.

Das waren fast alle meine Fragen. Am Ende würde ich nur noch gerne wissen… Wir haben über das Album gesprochen, über das Live-Spielen… Gibt es schon weitere Pläne für die nahe und ferne Zukunft, die du bereits nennen kannst?
Ja! Mein Patreon. Ich suche gerade eine Gruppe von Leuten, die mich dort in dem unterstützt, was ich tu. Wenn ich die Unterstützung finde, kann ich mir z.B. sowas leisten wie 25 kabellose Kopfhörer für die „silent disco“ und fast überall ein kleines Konzert spielen. Mein Repertoire ist ziemlich groß im Vergleich zu den meisten Künstlern. Daher muss ich mich ein wenig bremsen, da ich es mir im Moment nicht leisten kann, ein neues Album zu produzieren. Aber ich kann eins machen. Da ist Patreon erneut super. Da kann ich Titelmelodien für die Mitglieder machen und „Kev talks“ machen, kleine Talkrunden mit Kev.
Ich mache spezielle Stücke für die Patreons, ich mache weiterhin einen Livestream pro Monat und werde weiterhin die Gelegenheit wahrnehmen, Konzerte zu spielen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Und ich möchte weiterhin meine Stimme, meinen Sound und mein Spiel weiterentwickeln.

Weblinks SIEBEN:

Homepage: www.matthowden.com
Facebook: www.facebook.com/TheMightySieben
Twitter: www.twitter.com/mightysieben
Patreon: www.patreon.com/MattHowden
YouTube: www.youtube.com/channel/UC-wcs8kgZRyr17Ih9VP5Dnw

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