Interview : Alan Wilder (RECOIL / DEPECHE MODE)

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    Seit 25 Jahren bereits besteht nun das ursprĂŒnglich als Nebenprodukt gestartete Soloprojekt Recoil des ehemaligen Depeche Mode-Keyboarders und Produzenten. Nach dem Ausstieg aus der Kultband konzentrierte sich Alan Wilder ausschließlich auf sein neues BetĂ€tigungsfeld. Alben wie Hydrology und subHuman enstanden und Recoil entwickelte sich langsam zum hochgeschĂ€tzten musikalischen Projekt, welches durch GastsĂ€nger wie Douglas McCarthy, Toni Halliday oder Moby veredelt wurde. Die Dokumentation A Strange Hour in Budapest erschien in diesem Jahr auf Blu-Ray und zeigte die perfekte audiovisuelle Umsetzung des Recoil Projektes. Sparklingphotos befragte Alan Wilder nach Recoil, der Live-DVD und Depeche Mode.



    Warum hast Du gerade das Budapest Konzert fĂŒr die DVD ausgewĂ€hlt?

    Das Konzertfilm-Projekt kam wie viele Sachen eher durch Zufall zustande. Wir hatten nicht geplant, in Budapest zu filmen, aber als ich an diesem Tag in der Location ankam, traf ich Regisseur Attila Herko vom ungarischen Produktionsteam, der mir seine Idee mitteilte, das Konzert mitzuschneiden. Ich war sehr glĂŒcklich damit, dass sie als eine Art Gegenleistung mitgefilmt haben. Ich habe die Idee einer Live-Dokumentation seit dem Tourbeginn von A strange hour oft mit Mute (Recoils Plattenfirma, Anm. d. Verf.) besprochen, aber ich hatte wohl aufgrund der Finanzierung oder mangels Interesse keine große Resonanz von ihnen bekommen. Was wir am Ende hatten, war eher eine Collage auf vielen Ebenen, ein Film innerhalb eines Filmes, als ein einfacher Konzertfilm. Ein Dokument, dessen Ebenen mit der verschachtelten Musik korrespondieren, kombiniert mit unseren Performance Elementen, Zeitrafferaufnahmen von Budapest und dem lautstarken Publikum.



    Was genau machst Du bei deinen BĂŒhnen-Performances. Spielst Du Keyboards?

    Die Shows, die wir zwischen 2010 und 2011 spielten, waren eher audiovisuelle PrÀsentationen als eine Liveband. Ich empfand es immer schwierig einen Weg zu finden, die Recoil Musik zu performen, damit

    a) sie kosteneffektiv bleibt, d.h. dass man nicht eine Menge Musiker mitnehmen muss
    b) man der Show ein einmaliges GefĂŒhl verleiht und der KomplexitĂ€t der Musik (durch ungewöhnliche Samples, Loops u.a.) gerecht wird und
    c) die Probleme der GastsÀnger und Kollaborateure löst.

    Außerdem mussten wir das Publikum in einer bestimmten Art und Weise mit einbeziehen, da wir in Theatern oder kleinen Arenen gespielt haben. Mir ist klar geworden, dass das Publikum eine gewisse NĂ€he braucht, wenn die Musik durch ein lautes PA-System in einer clubmĂ€ĂŸigen AtmosphĂ€re vor Leuten gespielt wird, die in Partylaune und eventuell alkoholisiert sind. Daher kamen wir auf die Idee eines riesigen Remixes, der auf diese GĂ€ste zugeschneidert wurde. Ich möchte nicht verschweigen, dass im Grunde vieles vorbereitet und nur teilweise live „gespielt“ wurde. Eine PrĂ€sentation halt. HauptsĂ€chlich mit einem Laptop bewaffnet, einem Synthesizer zum Filtern und fĂŒr die Live Effekte haben wir versucht, die Musik lebendig werden zu lassen und sie mit diesen Gedanken im Kopf zusammenzubringen. Ich habe es genauso gemacht wie die Liveversionen von Depeche Mode und teilweise fand ich diese Art von Arbeit kreativer als rauszugehen und auf der BĂŒhne zu spielen.



    Du hast lange nicht mehr vor einem Publikum gespielt, wie hast Du den direkten Kontakt zu den Fans empfunden?

    Mit Recoil habe ich es genossen, nĂ€her am Publikum zu sein und ihre Reaktionen zu sehen. Mit Depeche Mode fĂŒhlte ich mich oft sehr entfernt und sehr abgegrenzt innerhalb einer riesigen Produktion, die oft ein SelbstlĂ€ufer war. Ich habe die Shows trotzdem genossen, wie könnte man das auch nicht, mit all der Kraft dieser riesigen Events vor so vielen Menschen zu spielen. Ohne herablassend zu wirken erzielen die „Rock ÂŽn Roll“-benachteiligten Orte oft lautere Reaktionen. Wenn Du das beispielsweise mit, sagen wir mal, einem Latino Temperament kombinierst, bekommst du unglaubliche Reaktionen. Ich glaube, das beste Publikum habe ich in Santiago 1994 wĂ€hrend der Devotional Tour erlebt. Auch die Mexikaner sind immer unglaublich. Russische Zuschauer und Leute aus den ehemaligen LĂ€ndern des Eisernen Vorhangs sind immer extrem enthusiastisch. Das geschichtliche Erbe dieser LĂ€nder beeinflusst auch immer noch deren MentalitĂ€t. Auf der Recoil Tour hatte ich das beste Publikum in Mexico City, Moskau, Budapest, Bukarest, Prag, Lodz, Barcelona, Berlin und Paris.


    Daniel Myer und sein Projekt Architect hat dich bei einigen Shows als Support begleitet. Wie kamt ihr beide zusammen?

    Nachdem die Live Events geplant waren, habe ich viele meiner Lieblings Recoil StĂŒcke ĂŒberarbeitet. Ich hörte mich nach interessanten Leuten um, die etwas dazu beisteuern könnten und ziemlich am Anfang der Tour wurden mir Daniel und seine vielen Projekte vorgestellt. Ich habe viele Stunden in verschiedenen Hotel-TrainingsrĂ€umen mit Kopfhörern bewaffnet hypnotisiert von seiner Arbeit verbracht. Besonders beeindruckte mich sein Architect Album Consume Adapt Create. Ich habe ihn anschließend gefragt, ob er bei einigen unserer geplanten Events mitmachen möchte und wir waren sofort auf gleicher WellenlĂ€nge. Niemand war enttĂ€uscht als Daniel in Polen und Schweden mit dabei war. Sein Vorgehen schien perfekt zu dem zu passen, was Paul Kendall und ich in der Live Arena machten und die Zusammenarbeit ging wĂ€hrend der Recoil Nord Amerika Tour 2010 und dann in Europa in 2011 weiter.


    Wer hat die visuelle Umsetzung der Show entworfen?

    Da es ja keine Band gab, war es essentiell fĂŒr die ganze PrĂ€sentation, das Medium Film zu benutzen um den visuellen Aspekt zu transportieren. Und nach dem Aufkommen billiger, tragbarer HD Kameras sowie bezahlbarer Schnittsoftware wurden Filme plötzlich ein realisierbares Unterfangen. Am Ende hatten wir einen 75minĂŒtigen BĂŒhnenfilm, nachdem ich vier verschiedene Regisseure fĂŒr dieses Vorhaben engagiert hatte, die ĂŒber einen zentralen Server (da alle in verschiedenen Teilen der Welt lebten) zusammenarbeiteten und die Arbeitsschritte besprachen. Das war sehr schnell und kreativ, was ich sehr genoss.


    Produzierst Du alle Songs in deinem Home Studio „The Thin Red Line“?

    Ja, genau. Fast meine ganze Arbeit wird hier gemacht, oder sogar heutzutage unterwegs auf dem Laptop.



    Dein Remix von In Chains von Depeche Mode auf der CD Remixes 2: 81 -11 ist fantastisch. Warum hast Du diesen Song ausgewÀhlt?

    Ich fragte Mute, ob sie mir eine Auswahl an Audiospuren neuerer DM Songs zur VerfĂŒgung stellen könnten, um zu entscheiden, an welchen Tracks ich arbeiten könnte, damit ich mir die einzelnen Komponenten anhören konnte, um mir fundierte EindrĂŒcke durch Rohteile und speziell auch durch die Vocals zu verschaffen. Es hat mich an die guten und schlechten Momente erinnert, als wir damals im Studio zusammengearbeitet haben, was fĂŒr ein Kampf es war, mit DM diese Platten zu machen! Ich konnte aber auch Martins kreatives Songwriting heraushören, obwohl ich dachte, dass In Chains sein ganzes Potential innerhalb ihrer eigenen Produktion nicht ganz entfalten konnte. Deshalb habe ich diesen Track ausgewĂ€hlt, da fĂŒr meine Ohren das Spektrum noch erweitert werden konnte. Das Problem war, dass mir zu wenig Zeit gewĂ€hrt wurde, um die neue Version fertigzustellen. Ich wurde erst auf dem letzten DrĂŒcker angesprochen, als ich auf dem Weg zu einem Kurzurlaub in SĂŒdfrankreich war, bevor ich zur USA Tour von Recoil aufbrach. Also packte ich schnell ein paar kleine Lautsprecher und eine externe Festplatte ein, um meine Ferien damit zu verbringen, in einem Raum an dem Mix zu arbeiten, wĂ€hrend die Sonne draußen schien. Ich merkte plötzlich, dass sich nicht wirklich etwas seit den Tagen an der Arbeit an Songs Of Faith & Devotion in Madrid geĂ€ndert hatte. Ich war trotzdem mit dem Voranschreiten der Arbeit und dem Ergebnis zufrieden. Ich habe ganz bewusst einige von DMs eigenen Sounds (von anderen Tracks) in der neuen Version verarbeitet, das war einfach nur so eine Idee.


    Du hast oft GastsÀnger in Deinen Songs. Wie wÀhlst Du aus, mit wem Du gerne zusammenarbeitest und wie viel Einfluss hatten sie in der Vergangenheit auf die Tracks?

    Ich erlaube normalerweise der Musik eine passende Stimme zu diktieren oder vorzuschlagen. Es funktioniert nicht immer auf diese Weise, aber grundsĂ€tzlich fange ich mit atmosphĂ€rischen KlĂ€ngen, Loops und einer losen Struktur fĂŒr ein MusikstĂŒck an und zu diesem Zeitpunkt kann ich mir die Art der Melodie und der Stimme vorstellen, die dazu passen könnten. Dann frage ich jemanden an, der mir gerade in den Sinn kommt. Manchmal kommen SĂ€nger zu mir oder mir werden welche empfohlen und manchmal, wie im Fall von Joe Richardson z.B. gibt mir der Performer seinen Song, um ein Recoil Arrangement darum zu entwerfen. Das ist bei einigen Songs fĂŒr das subHuman Album z.B. bei Backslider und 5000 Years passiert.


    Hast Du einen kĂŒnstlerischen Einfluss auf die Songtexte oder auf das Grundthema oder obliegt das ganz dem Texter?

    Ein bisschen von beidem, obwohl ich dem Texter generell seine Freiheiten basierend auf einigen Richtlinien gewĂ€hre, wenn ich spezielle Ideen habe. Wenn der Anfang gemacht ist, diskutieren wir weiter, erstellen eine Idee, arbeiten daran usw. Es kann sein, dass wir dann an dem Punkt kommen, an dem wir beide musikalisch und textlich zufrieden sind und dann ĂŒbernehme ich die finale Gesangsstruktur und das Arrangement wenn wir alles aufgenommen haben.


    Wie ist deine kĂŒnstlerische Herangehensweise? Benutzt Du Samples und baust eine Melodie um eine Idee oder komponierst Du klassischerweise am Klavier?

    Ich habe mich schon immer dagegen gewehrt, Songs auf konventionelle Art zu Schreiben. Texte fliegen mir nicht einfach zu, so ist mein Schaffensprozess immer ein wenig anders. Seit der Erfindung der ersten Sampler bin ich fasziniert vom Loopen von Performances und dem Versuch daraus – wenn ich GlĂŒck habe – ein neues StĂŒck Musik zu schaffen. Ich denke, die Technik hat mir mit bestimmten Werkzeugen geholfen, das Potential dieser Experimente zu steigern. Da ich ein Perfektionist bin, tendiere ich immer dazu, viel Zeit zu brauchen, um jeden Weg auszuprobieren, bis ich ans Ziel gekommen bin. Und es gibt heutzutage so viele Möglichkeiten. Normalerweise habe ich eine vage Idee fĂŒr einen Anfang und dann höre ich mich nach möglichen Sounds um, die ich loopen kann. Hoffnungsvollerweise inspiriert mich das, Weiteres hinzuzufĂŒgen und eine AtmosphĂ€re entwickelt sich. Das ist wirklich „Trial and Error“ und ich warte auf glĂŒckliche ZufĂ€lle, die mir eine Richtung vorgeben. Wenn das passiert, kann ich ganz effektiv ein Bild zusammensetzen, obwohl dieser Prozess einige unerwartete Haken schlĂ€gt. TatsĂ€chlich erwarte ich diese Momente, wenn dieser sogenannte „Soundunfall“ alles verĂ€ndert, was ich bisher geschaffen habe, da dieses neue Element viel besser passt oder eine komplett andere, interessante Richtung eröffnet. Ich brauche heutzutage keine große AusrĂŒstung. Logic Audio, Ableton Live, viele Plug-ins. Ich benutze ein MacBook Pro, damit ich (zumindest manchmal) beweglich unterwegs Musik machen kann. Im Studio benutze ich ein paar alte SchĂ€tzchen: Roland Space Echo, Manley Amps & Compressor, VCS 3, Mini-Moog & Oberheim Synthesizers, das warÂŽs.


    Wenn Depeche Mode Dich um eine Zusammenarbeit bitten wĂŒrde, wĂŒrdest Du mitmachen?

    Es kĂ€me darauf an, was meine Aufgabe wĂ€re. Ich bin immer offen fĂŒr gemeinschaftliche Ideen.


    Was denkst Du ĂŒber Video Plattformen wie Youtube? Meinst Du, sie sind ein Ersatz fĂŒr das Musikfernsehen?

    Vom Konzept her dĂŒrfen Youtube oder Vimeo von mir aus kreativen Filmemacher erlauben, ihre FĂ€higkeiten unter Beweis zu stellen. Auch gegen lustige Comedy Clips habe ich nichts einzuwenden. Das Problem ist, dass jemand den unzĂ€hligen Schwachsinn filtern sollte. Und Musik- Uploads von jedem Album Release scheint mir unausweichlich zu sein, unterlegt von einem dĂ€mlichen Standbild oder zuhause gefilmtes Material. Es verschafft dem Uploader eine Art MachtgefĂŒhl, Gott weiß warum. Es ist einfach nur peinlich und beeinflusst die CD VerkĂ€ufe der KĂŒnstler. Manche Leute denken gar nicht darĂŒber nach was sie tun, oder? Dieses „Ich möchte kostenlose Musik“-Syndrom ist eine moderne Krankheit. Es tötet die KreativitĂ€t und fĂŒhrt sogar soweit, dass immer weniger begabte Musiker mehr Lust haben, ihre Musik zu produzieren. Das ist sehr traurig. Man kann wirklich nichts anderes tun, als das zu akzeptieren und daran zu denken, das einige wenige Fans in korrekter Weise in ein Projekt investieren. Im Grunde möchte nicht wirklich jemand diese Tracks in einem oft sehr schlecht gerippten Format. Ich weiß nicht, ob das nun gut oder schlecht ist.


    Was magst Du an der Mischung aus Elektronik und Blues, in Songs wie Prey oder Jezebel?

    Ich habe immer die Mannigfaltigkeit verschiedenster Musikrichtungen aus unterschiedlichen Zeiten geschÀtzt, aber mein Geschmack wechselt stÀndig. Die organische Natur einer Live- Performance mit all seiner angeborenen Menschlichkeit, kombiniert mit modernen Methoden und Werkzeugen um sie zu verÀndern und zu verbinden, so wie sie in Wirklichkeit nie gespielt werden könnten, macht Recoil zu etwas Besonderem. Blues- und Gospelmusik verkörpern menschliche Emotionen, die von einem dunklen Ort kommen. Ich denke diese Musik passt gut zu europÀischer Elektronik, gibt ihr eine WÀrme. Recoil klingt nicht wie eine Band, obwohl diese menschlichen Elemente integriert sind und das mag ich sehr. Im Falle von Electro Blues for Bukka White z.B. musste die Musik aufgrund ihrer Akkorde automatisch in die Blues Richtung gehen, aber auf elektronischer Basis. Und deswegen fing ich an, mich durch einige Bluesplatten zu graben um etwas zu finden, was zum Song passte.


    25 Jahre Recoil. Gibt es etwas, was Du rĂŒckblickend anders gemacht hĂ€ttest?

    Es wĂŒrde jetzt undankbar klingen, wenn ich mich darĂŒber beschweren wĂŒrde, was ich nicht erreicht habe. Die Menge an Liebe und UnterstĂŒtzung, die mir zuteil wurde, sicherte mir diese komfortable Position, in der ich mich jetzt befinde. Eben diese Position macht es mir möglich, in dem Job zu arbeiten, den ich liebe, mir die Zeit einzuteilen, damit ich mich auch um mein Familienleben kĂŒmmern kann. Nicht viele Menschen genießen diesen Luxus. Besonders mit Recoil habe ich bisher die volle kreative Freiheit genossen. Nein, ich denke, ich hĂ€tte nichts anders gemacht.


    Das Interview mit Alan Wilder fĂŒhrte Frank Stienen im September 2012.

    Dank an Antoinette van Gammeren (S.a.G. Music Management), Summer Ramirez-Sousa und Roger Op Den Camp.

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