Interview : OMD – Orchestral Manoeuvres in the Dark

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?Wir waren Popstars aus Versehen?- Interview mit OMD


Nach 14 Jahren Schaffenspause haben Andy McCluskey und Paul Humphreys von der Kultband "Orchestral Manoeuvres in the Dark" ein neues Album geschaffen. "History of Modern" beinhaltet klassische OMD-Songs, zeigt aber auch Einfl├╝sse von Gospel und Soul (siehe unsere CD Kritik). Sparklingphotos hatte die Ehre, die sympathischen Briten Andy und Paul telefonisch ├╝ber das neue Album, Soul Ikonen und Kraftwerk befragen zu d├╝rfen.

Hi Paul. Kannst Du das Gef├╝hl beschreiben, nach 14 Jahren wieder an einem OMD Album zu arbeiten?

Paul Humphreys (P): Es war schon eine mutige, aber auch eine ganz nat├╝rliche Sache, eine neue Platte zu machen. Wir haben 2005 entschlossen, wieder zusammen zu arbeiten, haupts├Ąchlich um wieder zur├╝ck auf die B├╝hne zu gehen. Wir wussten damals nicht, ob die Leute noch an OMD interessiert sind. Wir haben 2007 ein paar Shows gespielt und die Tickets gingen so schnell weg, dass wir 40 St├╝ck gespielt haben und danach eine weitere Tour. Wir haben uns gedacht: ok, OMD funktioniert wieder und wir sollten ├╝ber eine neue Platte nachdenken. Nicht, weil wir eine neue machen mussten, sondern weil wir es wollten. Wir haben noch eine Menge zu sagen und es war einfach eine ganz nat├╝rliche Sache an einem neuen OMD Album zu arbeiten.


2007 habt ihr auf eurer sehr erfolgreichen Tour das komplette Album "Architecture and Morality" gespielt. Warum gerade dieses Album?

P.: Von allen unserer Alben war dieses das beliebteste und es gab einige St├╝cke darauf, die wir noch nie live gespielt haben. Es gibt nur wenige Bands, die ein komplettes Album live spielen und wir dachten uns: warum versuchen wir das nicht einfach? "Architecture and Morality" ergibt eine Einheit und es funktionierte sehr gut. Es hat Spa├č gemacht, das Album zu spielen.


"Sister Mary Says" ist urspr├╝nglich ein alter Song, den ihr f├╝r das Album neu aufgenommen habt. Welche Idee stand dahinter?

 P.: Die Idee zum Song und die Melodie sind aus dem Jahre 1981 und Andy hat erst 1994 den Text dazu geschrieben. Der Song wurde dann aber immer noch nicht benutzt und kam erst beim Produzieren des neuen Albums wieder auf den Tisch bzw. in den Computer und er funktionierte schlie├člich. Andy und ich haben die Philosophie, dass man niemals eine gute Idee wegschmei├čen sollte. Wenn es heute nicht klappt, leg sie ad acta und schau sp├Ąter noch mal hinein. Wenn es eine neue Art gibt, den Song zu pr├Ąsentieren, dann arbeite daran. Eine gute Melodie bleibt eine gute Melodie. Es ist nicht immer leicht, dies in einem vier Minuten St├╝ck zu machen, man muss oft warten, bis man die finale Idee hat, wie ein Song funktioniert. Und so arbeiten wir immer, das Ph├Ąnomen zieht sich teilweise ├╝ber einige Alben.


Hat die Erfahrung, die Du mit "Onetwo" gesammelt hast, Deine Arbeit an "History of Modern" beeinflusst?

P.: Durch alle Dinge, die du machst, lernst du viele Sachen. Und das "Onetwo"-Album war eine sehr sch├Âne Erfahrung. u.a. durch das Arbeiten mit anderen Menschen. Genau wie Andy das auch tut. Die Erfahrungen, die du durch die verschiedenen Projekte machst, nimmst du mit, werden ein Teil von dir und k├Ânnen dich bei deinen n├Ąchsten Schritten beeinflussen.


Ihr ward eine der wichtigsten Bands der elektronischen Musikszene Gro├čbritanniens in den sp├Ąten 70er Jahren. Gab es irgendeine Verbindung zwischen euch und Bands wie "The Human League", "Gary Numan" und anderen?

 P.: Die einzige Verbindung zwischen uns und den anderen Bands war, dass wir alle die selben Sachen geh├Ârt haben. Wir haben viel deutsche Musik wie Kraftwerk, Neu! Und La D├╝sseldorf geh├Ârt und auch David Bowie und Roxy Music. Wir dachten echt, wir w├Ąren die einzigen, die deutsche Musik m├Âgen, bis The Human League auf der Oberfl├Ąche erschien, und uns klar wurde, dass das nicht der Fall war. Wir waren nicht wirklich miteinander verbunden; nur ├╝ber die Musik, die wir alle geh├Ârt haben und unsere Einfl├╝sse waren gleich.


Es gab ja auch noch kein Internet.

P.: Nein, definitiv nicht. ­čśë


Was denkst Du ├╝ber die heutige elektronische Musik? Heute kann jeder, der sich einen PC und Musiksoftware leisten kann, in seinem Wohnzimmer Musik machen. Glaubst Du heutige Musiker sind weniger kreativ, da die Technologie vieles erleichtert?

 P.: In manchen F├Ąllen stimmt das, ja. Ich finde, es gibt fantastische Tools, die man sich auch leisten kann und wir haben Spa├č daran, sie zu benutzen. Ich w├╝nschte, wir h├Ątten damals diese M├Âglichkeiten gehabt. Als wir damals anfingen, haben wir die meisten Instrumente teilweise selber gebaut oder mussten sie leihen oder sogar stehlen. ­čśë Wir kamen halt aus der Arbeiterklasse und hatten nicht viel Geld. Wir wollten Kraftwerk nachempfinden, konnten uns aber deren Equipment nicht leisten. Wir haben einfach unseren Sound mit den wenigen Instrumenten gemacht, die wir besa├čen und haben dadurch unseren eigenen Sound definiert. Heute gibt es dank Computer und der Technologie eine riesige Palette von Sounds, die man benutzen kann. Aber du musst kreativ sein. Als wir anfingen, waren Synthesizer noch recht neu und die Leute hatten Angst vor ihnen oder haben sie nicht verstanden und behaupteten, man muss nur einfach einen Knopf dr├╝cken und der Computer schreibt f├╝r dich den Song. Wir haben nur geantwortet, dass wir uns w├╝nschten, dass das so einfach w├Ąre.


Ich suche auch immer noch den "Hit"-Button auf meinem Computer.

P.: Ja, der ist schwer zu finden. ­čśë


Was ist dein absolutes Lieblingsalbum?

P.: "Radioactivity" ist mein Alltime Favourite. Es war ein sehr wichtiges Album f├╝r mich und auch f├╝r Andy. Das ist eine bahnbrechende Platte, hatte einen gro├čen Einfluss auf uns und brachte uns in die Musikindustrie. Und das Album beeinflusste auch unser Songwriting.


Hi Andy!

Andy Mccluskey (A): Good afternoon!


Wer kam auf die Idee Soul Ikone Aretha Franklin zu sampeln? Hat sie den Song geh├Ârt und wom├Âglich f├╝r gut befunden?

 A: Wir hatten vor ein paar Jahren die verr├╝ckte Idee ein ganzes Album zu machen, auf dem wir alte OMD Songs mit alten Lieblingssongs mischen wollten. Wir haben das Album fertig gestellt, aber das Problem war nur, das jedes Mal die K├╝nstler dem Album zustimmten und die Labels und Verl├Ąge verneinten. Deshalb wurde daraus nichts. Als wir "History of Modern" produzierten, bekamen wir die Freigabe f├╝r "Save me" mit Aretha Franklin. Der Song war eigentlich als Spa├č gemeint und ist nun ein Bonus Track auf der CD. Der Song kommt im Allgemeinen sehr gut an und wir sollten Aretha mal fragen, ob es f├╝r sie okay ist. Wir haben also die Erlaubnis vom Label und Verlag, der K├╝nstler selber hat den Track aber noch nicht geh├Ârt, was sehr ungezogen von uns ist. Aber ich denke, sie wird ihn m├Âgen. Er ist auf jeden Fall besser als das Original. ­čśë 


Ich muss zugeben, ich kenne das Original gar nicht.

A: Es ist nur ein Album-Track auf der L.P. "I Never Loved A Man (The Way I Love You)" von 1967. Das interessante ist, du nimmst einen Songtext von 1967, Synthesizer aus 1980 und dann klingt es wie 2010.


Ein anderer Song, der auf einem Sample basiert ist "Sometimes". Beim H├Âren musste ich an Moby denken.

A: Das Sample ist aus einem Gospel Song "Sometimes i feel like a motherless child". Ich habe schon immer CDs als Inspiration und insbesondere zum Sampeln gesammelt. In Washington D.C. habe ich drei CDs im Amerikanischen Folk Museum gekauft und dann haben wir diese wundersch├Âne Stimme gesampelt. Und wieder ging das ganze Spiel mit der Freigabe los, denn die Plattenfirma sagte wieder nein. Eine gute Freundin aus Liverpool, Jennifer John, sang dann den Part neu ein. Der Grund, warum die Plattenfirma ablehnte, war, dass wir das Original stark ver├Ąndert haben, denn wir haben die Stimme in der Tonh├Âhe ge├Ąndert, damit sie in unser Arrangement passte. Der Song ist wundersch├Ân melancholisch geworden und Du hast recht, er hat etwas von Moby: also Elektronik mit Gospel. Aber andersherum wird ein Schuh draus, denn Moby klingt ein wenig wie OMD, denn eines seiner Lieblingsalben ist ?Architecture and Morality?, auf dem wir Gospelch├Âre und greogorianische Ges├Ąnge gesampelt haben. Ich denke, er ist durch uns beeinflusst worden. ­čśë


Ihr seid riesige Kraftwerk Fans und habt die Band 1975 nach deren Konzert in Liverpool Backstage getroffen. Kraftwerk haben gesagt, dass ihr versprochen h├Ąttet, all eure Gitarren wegzuschmei├čen, um nur noch Synthesizer zu spielen.

 A: Wolgang Fl├╝r hat das behauptet. Und er hat absoluten Quatsch erz├Ąhlt. Ich ging zu diesem Konzert und das hat mein Leben total ge├Ąndert. Es war der 11. September 1975, Ich war gerade 16 und ich sa├č in Reihe Q36. Ich wei├č das so genau, weil das so wichtig f├╝r mich war. Ich war niemals Backstage bei Kraftwerk, ich war sehr sch├╝chtern und habe sie 1975 nicht getroffen. Wolfgang hat ein echt gutes Ged├Ąchtnis. ­čśë Als wir 1982 nach Deutschland kamen und wir in der Zeche Bochum spielten, trafen wir die Jungs von Kraftwerk zum ersten Mal, denn eigentlich kamen sie, um uns spielen zu sehen. Wahr ist, dass ich mich in Kraftwerk verliebt habe. Paul hatte eine gute Stereoanlage und wir haben uns ihre Platten angeh├Ârt, wir wurden beide gro├če Fans und das hat unser Leben ver├Ąndert. Wir hatten Freunde, die in Rockbands gespielt haben, aber wir wollten so was nicht mehr machen. Jahre sp├Ąter, als ich mit Karl Bartos zusammenarbeitete, sa├č ich mit ihm, Wolfgang und Emil Schulte beim Dinner in Wolfgangs Wohnung und an der Wand hing eine goldene Schallplatte f├╝r den Song "Radioactivity" und Paul sagte ihnen, das dies ein sehr gutes Album und Song ist und wir erz├Ąhlten ihnen, dass "Electricity" eine Punkversion von "Radioactivity" ist. Und sie sagten: "Jajaja, das wissen wir!" ­čśë


Wie haben Kraftwerk euch als Musiker beeinflusst?

A: Als wir Jung waren, geh├Ârten wir einer Generation an, in der Musik sehr, sehr wichtig war. Durch Musik konnte man seine eigene Identit├Ąt gestalten. Ich war auf der Suche nach etwas Neuem, anderem und ich h├Ârte "Autobahn" im Radio. Und da war es um mich geschehen, ich war wie umgewandelt. Ich sah mir Kraftwerk 1975 an und das war die Zeit der langen Haare und Gitarren Soli und diese Typen kamen im Anzug, Krawatte und kurzen Haaren und spielten auf Instrumenten, die wie elektronische Tee-Tabletts aussahen. Ich sagte mir: das ist die Zukunft! Das ist es, was ich machen m├Âchte, n├Ąmlich etwas ganz anderes. Und das war der Beginn der Reise.


Was war das verr├╝ckteste, was Du je im Show Business erlebt hast?

A: Das Show Business an sich ist sehr verr├╝ckt. Paul und ich begannen, in dem wir wirklich seltsame Ger├Ąusche im Hinterzimmer seiner Mutter machten, w├Ąhrend sie auf der Arbeit war. Wir hatten nur eine Bassgitarre und nichts anderes. Paul hat Sachen gebaut, die Ger├Ąusche machten, weil er sich sehr f├╝r Elektronik interessierte und wir haben uns Echomaschinen und Verzerrer geliehen, machten experimentelle Musik und hatten dann unsere ersten Keyboards. Unsere besten Freunde sagten, dass wir schei├če klingen und wir wussten, dass der Sound verr├╝ckt klang. Wir waren sehr ├╝berrascht, dass die Sachen, die wir zwischen 16 und 18 Jahren komponierten, zu unserem ersten Album wurden und wir anfingen Platten zu verkaufen. Die ganze lange Reise, im Alter von 16 Jahren anzufangen und dann Millionen von Platten zu verkaufen, ist das verr├╝ckte an der Sache. Wir waren buchst├Ąblich Popstars aus Versehen, wir wollten das nie sein.


Es ist wie ein Traum.

A: Stimmt. Wir waren bei "Top of the Pops" zwischen Elton John, Cliff Richard und Status Quo und wir spielten "Maid of Orleans", welches eine sehr seltsam klingende Platte war. Und Paul und ich haben uns nur angesehen mit einem Blick, der sagte: "Wie zur H├Âlle konnte das nur passieren"? ­čśë


Wird es ein neues OMD Album geben oder was sind eure Pl├Ąne?

A: Ich denke ja. Wir sind sehr zufrieden mit "History of Modern". Das wichtigste ist, dass wir keine neue Scheibe machen, bevor wir nichts Gutes in einem Song zu sagen haben. Wir mussten das Album nicht machen, wir brauchten das Geld nicht, die Plattenfirma hat uns nicht dazu gezwungen. Wir haben das gemacht, weil OMD etwas zu sagen hatte und wir noch so viele unfertige Ideen haben. Wir w├╝rden gerne eine neue Platte machen, aber nur, wenn wir der Meinung sind, dass sie gut ist.


Ich habe eine Kritik ├╝ber das Album geschrieben und ich finde, es klingt frisch, hat viele Ideen und kommt nicht wie ein Werk von alten M├Ąnnern r├╝ber.

 A. Und das ist sehr wichtig. Ehrlich gesagt, wir haben Freunde in unserem Alter, die auch in Bands spielen und die neue Platten gemacht haben und das h├Ątten sie lieber gelassen. Sie hatten nichts Neues zu erz├Ąhlen, nichts interessantes. Die Songs klangen langweilig und auch die Band klang gelangweilt. Wir waren schon etwas nerv├Âs, als wir am Album arbeiteten. Ich bin sicher, dass viele dachten: "Die Welt braucht kein neues OMD Album und ich wette, es ist furchtbar". Ich glaube, viele Leute werden ├╝berrascht sein, dass es so voller Energie und interessanter Ideen steckt. Es freut mich, dass du das Album magst!


Ihr seid auf Tour. Wann spielt ihr in Deutschland?

A: Im November spielen wir in Deutschland, u.a. im K├Âlner E-Werk. Wir freuen uns sehr darauf. Wir lieben es, live zu spielen.


Vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch!

Das Interview f├╝hrte Frank Stienen im September 2010 mit Andy McCluskey und Paul Humphreys (OMD)

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