Interview : Adrian Hates (DIARY OF DREAMS)

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Diary Of Dreams sind in der Darkwave- und Elektro-Szene schon etwas besonderes. Wie bei kaum einer anderen Band des Genres steht hinter den Veröffentlichungen zumeist ein komplett durchdachtes Konzept und man merkt den Stücken an, dass sie gefühlt werden wollen und nicht einfach nur konsumiert. Am 13.03.2009 wird nun das neunte Diary Of Dreams Albums "if" erhältlich sein und dieses wird sich von der Herangehensweise her wieder deutlich von seinen Vorgängern unterscheiden. Gesprächsstoff und Grund genug, uns mit Frontman Adrian Hates über das Diary Of Dreams Universum zu unterhalten und herausgekommen sind einige äußerst interessante Ansichten und Überzeugungen.

Hallo Adrian,
was erwartet uns beim neuen Diary of Dreams Album ?if??

Inhaltlich ist zu sagen, dass ich neue Wege gehen wollte. Ich sage immer gerne, dass ich Wiederholungen von Abläufen langweilig finde und strikt vermeide und wir haben ja nun bei ?Necrolog 43? und ?Nigredo? mit den zusammenhängenden Veröffentlichungen sehr stark konzeptionelle Alben gemacht und ich wollte dieses Mal nicht an ein Konzept gebunden sein und jedes Stück als kleine Einzelgeschichte stehen lassen. Dies ist ein eher privates Album geworden mit persönlicheren Inhalten, die zwar immer präsent sind, doch diesmal dominant und diese habe ich natürlich dann entsprechend verschleiert und verziert, so dass man sie nicht auf Anhieb erkennt und jeder sozusagen seinen eigenen Erfahrungs- und Persönlichkeitshorizont mit einbringen kann, jedes Stück für sich selbst entdecken kann. Für mich habe ich relativ präzise Sachen verarbeitet. Musikalisch denke ich, ist die Reise ein Stück weiter gegangen und die Handschrift ist klar und die habe ich auch nicht vor zu ändern. Damit meine ich den groben Stil und ich glaube, es ist noch vielschichtiger und das ist mein Anreiz. Ich habe sehr stark an mir und an uns gearbeitet, denn ich denke, nach so vielen Jahren Musik machen, auf der Bühne stehen und im Studio produzieren ist es immer ein ganz wichtiger Ansporn zu sagen, dass man noch besser werden will, man jedes Mal auf ein Album zurückblicken möchte und sehen kann, dass man sich verbessert hat. Das ist für mich etwas ganz Wichtiges.


Bist du den Themenalben mittlerweile überdrüssig?

Überdrüssig auf gar keinen Fall, weil das Themen waren, die mir wahnsinnig nahe gingen und immer noch gehen und das ist ja auch und gerade bei dem Nigredo-Menschfeind Thema waren das plötzlich Sachen, die quasi mein gesamtes Gedankengut des Lebens verkörpern. Denn ich lebe das ja sehr, was ich da sage, überspitzte das total und verpacke das in Mythologie. Das ist ja dennoch mein Gedankengut. Überdrüssig bin ich es auf gar keinen Fall, letztes Jahr war ein sehr schönes und sehr aufregendes Jahr. Wir sind sehr viel gereist und haben sehr viel erlebt, und da habe ich sehr viele Eindrücke im Kopf gehabt, die ich einfach gerne verarbeiten wollte. Da bietet sich für einen Musiker und einen Künstler natürlich seine Kunst an und ich habe das Album sich wieder selbst entstehen lassen, ohne großartig einzugreifen. Ich lasse immer den Prozess laufen und bei ?Nigredo? war mir ganz klar, dass das was größeres, etwas engeres wird, etwas konzeptionelleres. Es hat sich in seinem inneren engeren Rahmen eine unglaublich große Spielwiese dargestellt, aber dieses Mal wollte ich nicht eine große Aussage machen, sondern ich wollte kleine Einzelaussagen haben


Was bei euch immer auffallend ist, dass ihr großen Wert auf das Artwork legt. Es soll vom neuen Album eine Limited Edition geben. Können wir uns wieder über was ganz tolles freuen?

Die Grundideen kommen eigentlich immer von Gaun-A und mir, wir entwickelt den Stil der Platte. Denn den möchten wir ganz klar passend zur Musik haben. Umgesetzt haben wir das Ganze fotografisch mit Annie Bertram, mit Angelique als zusätzliche Person präsent und dann im Anschluss mit Ingo Römling von Monozelle, der für uns ein treuer Weggefährte in Sachen graphischer Realisation ist. Wir sind da auch bewusst einen anderen Weg gegangen. Ein Superlativ kann man nicht mehr toppen. Das war meine Einstellung zum ?Necrolog 43? und ?Menschfeind?-Cover und deshalb habe ich einfach jetzt gesagt, dass eine derartige Darstellung zu einem persönlichen Album wie ?if? nicht gepasst hätte. Deshalb wollte ich gerne etwas optisch ruhigeres, etwas weicheres, was wir auch dementsprechend umgesetzt haben.


Dich verbindet eine Freundschaft mit Torben Wendt von Diorama. Ihr habt vor einigen Jahren auf dem Zillo Festival gespielt, wo ihr beide den Leadsänger gemacht habt. Ihr habt so synchron gesungen, dass es fast wie eine Stimme klang, das habe ich so noch nicht gesehen und gehört.

Wir wissen selber nicht genau, wo das herkommt, wir ticken da ganz gleich. Wir haben wahnsinnig viel gemeinsam und sind sehr enge Freunde und haben die Weihnachtskonzerte auch zusammen gemacht. Torben ist ein konstantes Mitglied der Diary of Dreams-Familie, obwohl er nicht immer spürbar präsent ist. Wir zelebrieren in den Booklets auch nicht mehr wie früher, wer was gemacht hat und warum. Es wird einfach nur geschrieben, dass die Musik von Diary of Dreams kommt und Punkt. Mehr muss man einfach nicht wissen, weil das einfach keine Rolle spielt, wer wo welchen Anteil hatte und deswegen sind so Sachen, wo Torben mal aktiv ist, nicht explizit erwähnt, weil er einfach dabei ist. Bei den letzten fünf Konzerten hat man ihn auch wieder auf der Bühne gesehen und wir haben dort auch wieder bei zwei Stücken den Leadvocal-Gesang zusammen gemacht.


Eure Musik ist ja etwas anspruchsvoller, also kein simple Popmusik, in deinen Texten hast Du auch einiges zu sagen. Was denkst du über reine Clubmusik? Hättest Du mal Lust, einen Clubtrack zu machen?

Nein. Denn das würde mich langweilen. Man kann Clubmusik machen, die zum Tanzen kompatibel ist, aber die braucht immer eine tiefere Ebene. Ich glaube einfach daran, dass man Musik machen kann, die so vielschichtig ist, dass man sie gerne zu hause hört und gerne auf der Bühne spielt und im Club hört. Und wenn ich das als meine Aufgabe ansehen darf, dass man den Club auch weiterhin mit erzieht, dann ist das okay. Es gibt auch andere Rhythmen als 4/4 Techno-Rhythmen. Ich möchte dann auch einer von den unterstützenden Künstlern sein, die helfen, dass sich andere Rhythmen auch ab und zu im Club durchsetzen.


Woher nimmst du deine Ideen für neue Songs? Nach so vielen Alben verfällt man doch sehr schnell in Routine. Nimmst Du auch Strömungen anderer Bands in deine Musik auf?

Nein. Es ist einfach so, dass es Leute gibt, die ihren Routineablauf genießen und sie immer wieder als Kochrezept benutzen. Es gibt aber auch Leute wie wir und Torben von Diorama, der sehr viel Kraft und Motivation darin setzt, sich eben nicht so stark zu wiederholen und sich möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Natürlich gibt es Sachen, woran man seinen Stil erkennt, das ist ganz typisch und das ist auch gar nicht verwerflich. Aber man möchte nicht auf jedem Album zwei Stücke haben, auf dem man das Kochrezept durchboxt. Und das ist auch etwas, woran man arbeiten kann. Es ist auch eine Herausforderung zu sagen, ich möchte das Kompositorische betont in eine andere Richtung haben und ich möchte an meinem Gesang arbeiten, was ich dieses Mal sehr stark gemacht habe. Ich habe sehr hart mit mir geurteilt. Ich habe bei einem Stück mehrere Tage an den Gesang gearbeitet, weil ich einfach das Bedürfnis hatte, da wieder ein bisschen über mich herauszuwachsen. Das finde ich einen ganz wichtigen Ansatz und an Inspirationen und Ideen mangelt es ganz und gar nicht.


Obwohl eure Musik elektronisch basiert ist, klingt sie sehr organisch und sehr menschlich. Kannst du mir erklären, was den typischen Sound von Diary of Dreams ausmacht?

Ich glaube wirklich, das ist eine Handschrift. Ich habe sehr oft Sachen benutzt, die sich so anhörten, dass man sie gar nicht bei Diary of Dreams benutzen kann. Aber wenn man es dann eingefügt und das Puzzle zusammengesetzt hat, dann fügt sich das alles sehr schön ein. Organisch ist übrigens ein Wort, was ich in dem Kontext sehr gerne höre; ich nenne es auch gerne erdig. Das ist der hauptsächliche Anreiz von elektronischer Musik, dass man sie nicht klingen lässt wie Plastik, dass man gar nicht so richtig identifizieren kann, welchen Ursprung es hat.


Deine Musik klingt nicht so programmiert und der ?Human Touch? steht sehr im Vordergrund. Und man hört euch immer heraus. Wenn ich einen Song von euch höre, merke ich sofort: das seid ihr und niemand anderes. Und das macht eine Band aus, dass man nicht die x-te Wiederholung einer Future Pop-Band ist. Immer mit derselben Stimme und denselben Sounds.

Ich glaube das neue Album ist noch organischer.


Du bist ja auch Chef von Accession Records. Was rätst Du Bands, die sich bei dir um einen Plattenvertrag bewerben? Oder ganz allgemein Bands, die gerade anfangen Musik zu machen?

Sucht euch einen Job und macht was anderes. ­čÖé


Also gar nicht erst versuchen davon leben zu können?

Heutzutage passt der Spruch wirklich: schneide dir die Haare und such dir einen Job. Es ist wirklich für viele ratsam. Dennoch glaube ich, dass es Talente gibt, die von ihrem Kopf und ihrem Grundsystem her niemals im Büro versauern sollten. Die so viel zu sagen und mitzuteilen haben, dass sie eine Bereicherung für die Menschheit sind, dass man diese Menschen nicht in einem Büro einsperren darf. Das sind nämlich die Leute, die den geringsten Antrieb haben. Das habe ich oft genug festgestellt. Denn wenn man wirklich etwas Besonderes ist, dann muss man alles daransetzen, dies unter Beweis zu stellen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Aber als mittelmäßig talentierter Musiker hat man heute schlechte Karten.


Wenn man sich die ganzen Casting-Shows anschaut und die Leute die dort hingehen, die nicht wirklich objektiv über sich nachdenken, und teilweise gar nicht merken, dass sie kein Talent haben…

Das sieht bei Demos nicht anders aus. Denn in einer Zeit wo man Demos zu hause produzieren kann, meint auch jeder ein Demo machen zu müssen.


Kommen wir zur letzten Frage. Was plant ihr dieses Jahr? Spielt ihr wieder einige Festivals?

Touren Touren Touren. Es sind so 60-70 Konzerte, die wir machen, auch sehr viele im Ausland. Es hat sich bei uns ja immer tendenziell so entwickelt, das wir mehr Ausland als Deutschland machen und das ist auch in Ordnung, denn man muss daran denken, dass man über 30 Länder abdeckt. Das ist ein unglaubliches Privileg und eine große Ehre, das machen zu können. Und wenn ich mich wieder mental und körperlich darauf vorbereiten kann, dass wir in Russland spielen dürfen, dann kann ich sagen: das ist eine Riesenfreude!


Vielen Dank für das interessante Interview und weiterhin viel Erfolg!

Telefoninterview im Februar 2009: Frank Stienen & Adrian Hates

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