COLD HEARTED FESTIVAL – Bochum, Matrix (14.11.2025)

Traitrs, © Michael Gamon
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Lesedauer: 6 Minuten

Zweites Jahr, zweites Cold Hearted Festival in der Bochumer Matrix. Und es sollte vieles besser laufen als im Vorjahr, wo insbesondere die Akustik bei mehreren der auftretenden Bands das Prädikat „schwer genießbar“ verdient hatte. Sechs Acts aus Postpunk, Dark Wave und Gothrock waren mit dabei und sorgten zum vergleichsweise fairen Preis für knapp 50 Euro für gut sechs Stunden Unterhaltung.

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Bevor wir auf die Auftritte eingehen, zunächst zum Organisatorischen: Es hatte sich einiges im Vergleich zu 2024 geändert – und dies ausdrücklich zum Positiven. Das Mischpult war etwas weiter nach hinten an den rechten Rand des Innenraums versetzt worden, somit blieb vor der Bühne mehr Platz zum Tanzen. Das Merchandise wurde diesmal zweigeteilt, drei Bands präsentierten Shirts & Co. am Ende der berühmt-berüchtigten „Röhre“, die anderen drei am gewohnten Platz um die Ecke, wo es auch zur Tanzfläche ging, auf der ein DJ parallel zum Bühnenprogramm artgerechte Sounds auflegte. In der Röhre wurde man mit leckeren Pizzastücken und weiteren kleinen Snacks versorgt, zudem gehört die Geruchsbelästigung, die im Vorjahr auf dem Gang zur Toilette wirklich ekelhaft beißender Natur war, der Vergangenheit an.

Los ging es um zehn nach sieben mit Ductape. Eigentlich könnten Çağla und Furkan Güleray sich mittlerweile eine Wohnung in Deutschland mieten, so oft, wie sie seit nun fast schon zwei Jahren in der Bundesrepublik auftreten. Allein in diesem Jahr spielte das türkische Duo zahlreiche Festivals (u.a. das Amphi in Köln und das Mini Cave in Münster), tourte mit She Past Away und IAMX, spielte darüber hinaus einige Headliner-Clubshows. Beim Cold Hearted blieben Çağla und Furkan nur 30 Minuten, aus denen die beiden aber das Maximum herausholten. Groovig und hypnotisch sind Ductape-Konzerte sowieso immer, im Fokus der Setlist stand einmal mehr das noch aktuelle Album „Echo Drama“ mit treibenden Dark-Wave-Hits wie „The Unknown“, „Closer“ und vor allem dem abschließenden „Red Scar“ mit seinem hymnischen Refrain. Mit „Fine“ schaffte es aber auch ein neuer, erst vor wenigen Wochen veröffentlichter Song ins Set. Auf große Worte verzichtete Çağla, sicherlich auch dem Zeitdruck geschuldet, bedankte sich aber höflich und breit lächelnd für die überaus euphorischen Reaktionen zur frühen Stunde. Später ließ sich die Sängerin am Merch-Tisch noch entlocken, das der Nachfolger zu „Echo Drama“ voraussichtlich im Frühling 2026 erscheinen wird. Wir halten euch diesbezüglich auf dem Laufenden.

Zu A Projection sei an dieser Stelle ein kurzer persönlicher Einschub gestattet: 2015 sah ich die Schweden erstmals live, im Essener Lokal „Banditen wie wir“. Eine lupenreine Postpunk-Band im klassischen Rock-Line-up, klanglich sehr nah an Joy Division liegend. Davon ist zehn Jahre später fast nichts mehr übrig. Der damalige Bassist Rikard Tengvall ist mittlerweile der Sänger, einen Schlagzeuger gibt es nicht mehr und der Sound ist mittlerweile sehr Synthpop-lastig. Passend dazu der Titel des noch immer aktuellen Albums „In A Different Light“, mit dem die Stiländerung eingeführt wurde. Dominiert wurde das ebenfalls nur 30 Minuten kurze Set von Songs eben dieser LP wie „Regenerate“, „No Control“ oder „Darwin’s Eden“. Hier funktionierte das Setup mit zwei Keyboards gut, Tengvall liefert am Mikro Genre-typischen Leiergesang, Leidenschaft und Pathos. Bei den mittendrin gespielten „Scattered“ und „Transition“ vom zweiten Album „Framework“ (2017) wirkt es allerdings schon etwas seltsam, wenn das klassische „Rock-Schlagzeug“ komplett aus der Dose kommt. Auf die großen Hits des Debüts „Exit“, das erst vor wenigen Wochen zum 10. Geburtstag einige frische Remixe von u.a. Agent Side Grinder und Aux Animaux spendiert bekam – man denke nur an den Titelsong oder das grandiose „Another Face“ – wurde leider verzichtet. Ganz klar: A Projection sind eine Band im Wandel – die Tendenz deutet klar in Richtung Elektronik. Dem Publikum gefiel es jedenfalls.

Bereits an dritter Stelle und damit seltsam früh waren die nächsten Schweden an der Reihe. Kein Zweifel: Then Comes Silence sind mit das Beste, was Gothrock im aktuellen Jahrtausend zu bieten hat, ein Top-Album folgt auf das nächste, ein Ohrwurm auf den anderen. Mit „The Rest Will Follow“ und ordentlich Tempo ging es los, auch wenn Hugo zunächst mit technischen Problemen an seiner Gitarre kämpfen musste. Darauf folgten Hits aller fünf Platten seit „Nyctophilian“ (2015). Die drei Stockholmer entfachten dabei ordentlich Lärm und Tanzlust, der Bass brummelte vor der Bühne schon ein wenig zu mächtig, gute Ohrenstöpsel leisteten Abhilfe.

Möge das Rad entscheiden

Seit einiger Zeit haben TCS ein Glücksrad auf der Bühne, das ab und an gedreht wird, um den jeweils nächsten Song zu bestimmen und die Konzerte nicht zu gleichförmig ablaufen zu lassen. „Heute drehen wir aus Zeitgründen aber nur einmal“ , kündigte Svensson an. Stehen blieb das schwarz-weiß-rote lackierte Rad bei „The Dead Cry For No One“, was vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Abgesehen davon konzentrierten sich die drei Musiker auf ihren größten Hits wie „Ride Or Die“, „Warm Like Blood“ oder „Strange Kicks“. Viel zu schnell kam nach 40 Minuten mit dem ewig umwerfenden „Strangers“ das Ende –  ganz klar: Diese Band hätte einen längeren Slot verdient gehabt.

Ein deutlich seltenerer Gast auf deutschen Bühnen als Then Comes Silence ist Xavier Paradis alias Automelodi. Auch klanglich unterscheiden sich beide Acts deutlich, auf den schnörkellosen Gothrock-Sound folgte nun 100 Prozent Elektronik. Mit allerlei Tasten-Gerätschaften, Schaltpulten und E-Percussion auf der Bühne ausgestattet, präsentierte der Franko-Kanadier seine Mischung aus Cold Wave und Electroclash mit französischen Vocals. Bedeutender Teil des Sets waren einige Songs der erst zwei Tage vor dem Festival erschienenen „Cavallo EP“. Keine Frage: Die gut produzierten Beats gehen ins Tanzbein, doch irgendwie fehlten hier die Ohrwurm-Melodien, die einprägsamen Refrains und Momente. Funktionale Clubmusik ist das zweifelsohne. Aber die ist seit jeher in DJ-Sets besser aufgehoben als im Livekonzert-Setting. Was anscheinend auch ein beträchtlicher Teil der Besucherinnen und Besucher so sah, im Vergleich zu Then Comes Silence war die Röhre hier doch recht spärlich besetzt.

Dies sollte sich auch nicht bei Dark ändern. Das Dark-Wave-Projekt aus Hamburg, seit gut fünf Jahren immer wieder auf einschlägigen Festivals wie dem Amphi oder WGT zu sehen, teilte die Meinungen wie keine andere Band an diesem Abend. Woran das lag? Versuchen wir uns mal an einer Erklärung: Die Bühnen-Performance inklusiver zweier Tänzerinnen, die Songtexte, die Visuals sind dermaßen stereotyp Goth, dass die Reaktionen irgendwo zwischen „Die sind so authentisch“ und (es folgt ein Originalzitat von der Getränketheke nach dem Gig) „Boah, wollen die uns verarschen? Das ist doch ’ne Parodie auf ne Gothic-Band, oder?“ lagen. Sänger Dark (der Klarname bleibt ein Mysterium) singt mit dunkler, tiefer Stimme, die Songs tragen Titel wie „In The Dark You Die“, „In The Shadows“ oder „Lovers In The Dark“, die Tänzerinnen und die bei einigen Stücken zu hörende Co-Sängerin Nicole Willerton könnten wie auch die gezeigten Damen in den Hintergrund-Videos auf der Leinwand für Szene-Kleidung modeln, wenn sie dies womöglich nicht bereits schon getan haben. Dass der Frontmann kurz vor dem abschließenden „Nyctophilia“ zu einer in Pathos getränkten Rede ansetzte, in der er davon sprach, dass „wir alle, mit unseren dunklen Herzen, diesen besonderen Abend für immer in uns tragen und nie vergessen werden“ , wirkte angesichts der lichten Reihen vor der Bühne doch ein wenig drüber. Das weckte Erinnerungen an eine Band, die dem geneigten Batcave-Liebhaber im Regelfall so gar nicht taugt. Die sechs vollen Reihen direkt vor der Bühne hatten allerdings ihren Spaß, tanzten ausgelassen und verabschiedeten Dark mit kräftigem Applaus.

Ein würdiger Headliner

Klar wurde im direkten Vergleich jedoch einige Minuten später: Viele kamen wegen Traitrs in die Matrix. Der zweite kanadische Act des Abends lockte dann doch weitaus mehr Publikum als Automelodi und Dark. Kein Wunder, gehören Sean-Patrick Nolan und Shawn Tucker doch zu den umtriebigsten und erfolgreichsten Postpunk-Bands der vergangenen zehn Jahre. Ausgiebig tourt das Duo seit der Gründung 2015 um die Welt, zählt unter anderem Ronan Harris zu seinen Fans, der Traitrs im Frühjahr 2023 mit auf seine VNV-Nation-Hallentournee nahm. Es muss konstatiert werden: Gerade in puncto Bühnenpräsenz war das schon ein ganz anderes Level als jenes, das die beiden Acts zuvor zeigten. Tucker wirbelte mit voller Power über die Bühne, feuerte und schrie das Publikum immer wieder an. Melancholische Melodien, treibende Rhythmen, kantige Gitarrenriffs und Tuckers Stimme, die durchaus an den großen Robert Smith erinnert, ergaben ein mitreißendes Ganzes. Die gut 70 Minuten Spielzeit vergingen wie im Flug, bekannte Stücke vom wohl populärsten Traitrs-Werk „Butcher’s Coin“ (2018) mischten sich mit frischem Material wie der Ende September veröffentlichten Single „Burn In Heaven“. Mit „Youth Cults“ und dem aus Szene-Diskos wie auch dem Film „The Crow“ von 2024 bekannten „Thin Flesh“ endete der lange Abend um kurz vor 1 Uhr mit lautem, verdienten Jubel für einen der sicher prägendsten Acts der jungen Goth- und Dark-Wave-Generation. Und da weitere neue Musik in den Startlöchern steht, könnte 2026 ein ganz großes Jahr für Traitrs werden.

Fazit: Die Running Order warf zwar Fragen auf (warum nicht Then Comes Silence direkt vor Traitrs?), aber beim zweiten Cold Hearted Festival lief vieles deutlich besser als 2024 an Ort und Stelle. Nicht nur beim Drumherum, sondern auch in Sachen Klangqualität, wenngleich perfekte Konzertakustik in der Matrix-Röhre kaum zu bewerkstelligen ist und Connaisseure sicher immer noch hier und da Luft nach oben heraushörten. Zur Wahrheit gehört leider auch, dass spürbar weniger Karten verkauft wurden als im Vorjahr. Dies im krassen Gegensatz zum Schwesternfestival tags darauf in Dresden, das auf Monate im Voraus ausverkauft war. Ob das Cold Hearted in Bochum eine Zukunft hat, bleibt abzuwarten. Hoffen wir das Beste.

Weblink COLD HEARTED FESTIVAL

Facebook: www.facebook.com/ColdHeartedFestival


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