THE PRODIGY – Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle (30.11.2023)

THE PRODIGY - Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle (30.11.2023)
The Prodigy © Sandro Griesbach
Geschätzte Lesezeit: 9 Minute(n)

English version below!

Es gibt diese Konzertabende, wo man mit etwas Magengrummeln anfährt. Sei es, weil man vorab schlechte Rezensionen anderer Fans von früheren Shows gelesen hat oder auch weil man das aktuelle Album einer Band nicht mag und eine damit vollgestopfte Setlist befürchtet. Das alles war an diesem kalten Donnerstag in Düsseldorf-Oberbilk anders. Und trotzdem fragte man sich mit gewisser Verunsicherung: Wie wird sich ein Konzert von The Prodigy ohne Keith Flint anfühlen? Steht das untrennbar mit ihm verwobene Firestarter auf der Setlist? Füllt der verbliebene Frontmann Maxim den Raum ausreichend aus? Gut, letztere Frage hätte man sich eigentlich gar nicht stellen brauchen. Schließlich war der MC bereits vor der The Fat Of The Land-Ära in den frühen 90ern der alleinige Shouter bei Konzerten, als Keith Flint lediglich als stummer Showtänzer für die Elektropunker tätig war. Einige alte Aufnahmen aus der Zeit findet man noch auf einschlägigen Videoportalen.

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Doch nun ins Hier und Jetzt. In der leider mit grob geschätzt 4000 Fans gar nicht mal so gut gefüllten Mitsubishi Electric Halle, deren Oberränge an den Seiten abgehangen waren, eröffnete ein DJ. Eskei83, bürgerlich Sebastian König, ist die großen Bühnen gewohnt. Von 2016 bis 2018 war er der offizielle Tour-DJ der Fantastischen Vier, ist achtfacher DJ Battle Gewinner und Red Bull 3Style World Champion. 60 Minuten spielte der Dresdner ein sehr Drum&Bass-lastiges Set, in das immer wieder – man will bei so einer Möglichkeit ja auch die breite Masse abholen – Samples und Exzerpte beliebter Hits aus Pop und Rock eingebettet wurden. Von Smalltown Boy über Last Resort bis hin zu Africa war vieles dabei, was wirklich alle kannten und so teilweise auch mitsangen. Die Publikumsreaktionen waren nicht übereuphorisch, aber gut. Seinen Job, die Tanzbeine und Muskeln vor der Bühne zu lockern, hat Eskei83 jedenfalls erfüllt.

Einige US-Hip-Hop-Klassiker vom Band (Public Enemy, N.W.A. & Co.) in der Umbaupause hielten die Stimmung hoch, bis gegen 21.15 Uhr alles eruptierte. The Prodigy in Person von Liam Howlett, Maxim sowie den Live-Mitgliedern Rob Holliday an der Gitarre und Leo Crabtree am Schlagzeug enterten die Bühne und stiegen wie schon bei der vergangenen Tournee mit einem ihrer größten Hits ein. Gute Wahl. Denn wenn die ersten Töne von Breathe erklingen, gibt es im Publikum kein Halten mehr. “Come and play my game” – der Aufforderung kamen insbesondere die vorderen Reihen sehr gerne nach, stellenweise war es in Grabennähe etwas schwer, sich kontrolliert auf zwei Beinen zu halten.

Extrem wuchtig, wie man es bei The Prodigy live gewohnt ist, war der Sound. Gerade die Live-Drums knallten brutal aufs Trommelfell, hinten raus übertrieb es die Toncrew gerade bei Poison und Smack My Bitch Up mit dem Bass, der dann doch etwas zu stark dröhnte. Doch bevor es soweit war, standen erstmal andere Brecher aus nunmehr 32 Jahren auf der Setlist. Diese leider – auch das kennen treue Fans schon – oft nur in verkürzten Versionen. Gerade als die Synthie-Melodie von Climbatize, einem der eher unbekannteren Stücke vom ikonischen Bestseller The Fat Of The Land, den Raum erfüllte, dachten vermutlich einige Die-Hard-Fans: “Oh, wow, dass sie das mal spielen …“. Tatsächlich diente die Synthfläche aber nur als etwas einminütiger Übergang zu einem anderen Stück, das deutlich beschnitten wurde. Wobei man als Anhänger des Debütalbums Experience schon froh sein konnte, dass Everybody In The Place aktuell wenigstens zwei Minuten eingeräumt werden – über viele Jahre verzichteten Howlett & Co. live komplett auf Songs ihrer ersten LP. Auch Teile von so manch Remix spielen die Engländer mittlerweile live. Die zweite Hälfte von Voodoo People grüßt die australischen Kollegen von Pendulum, deren Karriere durch die Neubearbeitung Mitte der 2000er-Jahre einen gewaltigen Boost erhielt. Die erschien seinerzeit auch auf der Best of Their Law: Singles 1990-2005 und dürfte den meisten Fans somit bekannt gewesen sein.

Es folgte zur Omen Reprise ein optisches Highlight. Ihre gewohnt hektische, farbenfrohe Strobo-Laser-Lichtshow ergänzten The Prodigy durch eine mehrere Meter große Figur, die im hinteren Teil des Innenraums bei der Technik platziert war und bereits beim Betreten der Halle auffiel. Sie schoss zu den sphärischen Tönen weitere Laser aus ihren Augen – ein wahrlich tolles Bild. Schon kurz darauf richteten sich die Blicke aber wieder nach vorne. Denn es war Zeit für Firestarter. Und nein, Maxim übernimmt Flints Gesangsparts nicht. Irgendwie würde sich das wohl auch falsch anfühlen. The Prodigy halten das Stück nun komplett instrumental, wechseln nach etwas mehr als einer Minute in den bereits von früheren Touren bekannten Andy C. Remix, der das Ausgangsmaterial deutlich beschleunigt. Zeitgleich malten grüne Laser den Kopf von Keith Flint als Silhouette auf die Leinwände – eine schöne Form des Gedenkens, die auch dauerhaft im Live-Kontext funktionieren dürfte. Laute “Keith, Keith, Keith“-Rufe ertönten daraufhin aus dem Pit vor der Bühne.

Das live mittlerweile als Dauerbrenner etablierte Roadblox wischte im Anschluss alle Sentimentalitäten weg, es folgte das bei der 2018er-Deutschland-Tour schmerzlich vermisste Their Law mit seinem epischen Gitarrenriff und dem vielleicht besten Drop der Bandgeschichte. Weiterhin blieb der Bereich vor der Bühne nichts für Zartbesaitete, was Frontmann Maxim entsprechend honorierte. Mit dem Publikum auf den Rängen zeigte er sich hingegen eher weniger zufrieden – mehrfach forderte er insbesondere den Block rechts von ihm auf “to get the fuck up“. Tatsächlich ließen sich dort nicht wenige dauerhaft auf ihren Sitzplätzen nieder. Was, mal ehrlich, bei einem The-Prodigy-Konzert, nun wirklich sinnfrei ist.

An anderer Stelle hielt sich der Shouter allerdings zurück. Mittlerweile ist es ein Politikum geworden, über das im Laufe der Tour mehrere Musikmagazine berichteten. Die Zeile “Smack My Bitch Up” will Maxim anscheinend nicht mehr ins Mikro brüllen. Hielt er sich bei den Konzerten in den Tagen zuvor allein an die Zeile “Change My Pitch Up“, blieb er in Düsseldorf komplett stumm. 1997 kreierten The Prodigy mit Song und Video einen Skandal, ein Vierteljahrhundert will man sich nun offenbar zumindest von der als misogyn zu interpretierenden Zeile distanzieren. Das Instrumental knallte allerdings wie eh und je – nur wie bereits erwähnt mit ein wenig zu viel Bass.

Nach etwa 65 Minuten gönnten The Prodigy ihrem Publikum eine dringend benötigte Ruhepause. Klar war aber: Hier fehlen noch einige Brecher. Zum Beispiel Take Me To The Hospital, das den Zugabenblock eröffnete. Auch Invaders Must Die ist längst nicht mehr aus den Live-Sets wegzudenken. Die episch-fetten Diesel Power-Beats blowten dann noch our minds drastically, fantastically, bevor es in den Endspurt ging. We Live Forever, der vielleicht beste Song des noch immer aktuellen Albums No Tourists, erhielt durch Flints Freitod eine ganz eigene, traurige Bedeutung, dürfte aber gerade aus diesem Grund nun zur festen Konstante werden. Ein Stück, dass die “späteren”, rockigeren The Prodigy perfekt mit den hektischen Rave-Sounds der frühen Platten kombiniert – quasi die Quintessenz der Bandgeschichte, komprimiert auf 3 Minuten 30 und nach fast anderthalb Stunden die letzte Möglichkeit, so richtig ins Schwitzen zu kommen.

So lässt sich ein klares Fazit ziehen: Auch ohne Keith Flint bleiben The Prodigy ein Garant für maximal schweißtreibende, mitreißende Livekonzerte. Der Sound klingt brutal wie eh und je, Maxim performt wie gewohnt voller Energie und die Setlists beinhalten alle Hits, die man sich als Fan, aber auch Gelegenheitshörer wünscht. Erstere hätten sich sicher noch ein, zwei Raritäten wie das 2018 an Ort und Stelle gespielte Fire erbeten, gingen aber trotzdem sicher zufrieden (und völlig verschwitzt?) nach Hause. Nur eine abschließende Kritik an die vier Herren muss erlaubt sein: Spielt doch Out Of Space am Ende bitte wieder aus, anstelle die Fans jedes Mal mit dem ikonischen Intro anzufüttern, nur um dann nach 60 Sekunden die Bühne zu verlassen.

Setlist THE PRODIGY – Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle (30.11.2023)

01. Breathe
02. Omen
03. Voodoo People / Voodoo People (Pendulum Remix)
04. Light Up The Sky
05. Climbatize Link
06. Everybody In The Place
07. Omen (Reprise)
08. Firestarter (Instrumental /Andy C. Remix)
09. Roadblox
10. Their Law
11. No Good
12. Get Your Fight On
13. Poison
14. Need Some 1
15. Smack My Bitch Up
16. Take Me To The Hospital (Z)
17. Invaders Must Die (Z)
18. Diesel Power Beats
19. We Live Forever
20. Out Of Space Outro

Review in english:

There are those concert nights where you approach with a bit of unease. Whether it’s because you’ve read negative reviews from other fans about previous shows or because you don’t like the current album of a band and fear a setlist filled with it. All of this was different on this cold Thursday in Düsseldorf-Oberbilk. And yet, one couldn’t help but wonder with a certain sense of uncertainty: How will a concert by The Prodigy feel without Keith Flint? Is the inseparably linked song Firestarter on the setlist? Does the remaining frontman Maxim fill the space adequately? Well, the latter question shouldn’t have been asked at all. After all, the MC had already been the sole shouter at concerts before The Fat Of The Land era in the early ’90s, when Keith Flint was only a silent show dancer for the electro-punkers. Some old recordings from that time can still be found on relevant video portals.

But now, back to the present. In the unfortunately not-so-well-filled Mitsubishi Electric Halle, with an estimated 4000 fans, whose upper ranks were draped down at the sides, a DJ opened the show. Eskei83, born Sebastian König, is accustomed to big stages. From 2016 to 2018, he was the official tour DJ for Die Fantastischen Vier, an eight-time DJ Battle winner, and Red Bull 3Style World Champion. The Dresden native played a very Drum&Bass-heavy set for 60 minutes, incorporating samples and excerpts of popular hits from pop and rock – wanting to appeal to a broad audience. From Smalltown Boy to Last Resort to Africa, there was a mix that everyone really knew, and some even sang along. The audience reactions were not overly euphoric but good. Eskei83 certainly fulfilled his job of loosening up the muscles in front of the stage.

During the intermission, some classic US hip-hop tracks played from the speakers (Public Enemy, N.W.A. & Co.), keeping the energy high until around 9:15 PM when everything erupted. The Prodigy, represented by Liam Howlett, Maxim, and the live members Rob Holliday on guitar and Leo Crabtree on drums, took the stage, kicking off as they did in the previous tour with one of their greatest hits. A good choice. Because when the first notes of Breathe resounded, there was no holding back in the audience. “Come and play my game” – the invitation was gladly accepted, especially by the front rows. At times, it was a bit challenging to stay controlled on two legs near the stage.

The sound at The Prodigy’s live performance was extremely powerful, as fans are accustomed to. Especially the live drums hit the eardrums brutally, and towards the end, the sound crew exaggerated the bass, particularly during Poison and Smack My Bitch Up, causing it to resonate a bit too strongly. But before it reached that point, other bangers from their now 32-year career were on the setlist. Unfortunately, as loyal fans already know, these are often only played in shortened versions. Just as the synth melody of Climbatize, one of the lesser-known tracks from the iconic bestseller The Fat Of The Land filled the room, some die-hard fans probably thought, “Oh, wow, they’re playing that…“. However, the synth passage served only as a one-minute transition to another track that was noticeably shortened. Fans of the debut album Experience could at least be glad that Everybody In The Place was given about two minutes – for many years, Howlett & Co. completely omitted songs from their first LP in live performances. The English band now also includes parts of various remixes in their live shows. The second half of Voodoo People pays homage to the Australian colleagues from Pendulum, whose career received a massive boost with the remix in the mid-2000s. It was included in the Best of Their Law: The Singles 1990-2005 and should have been familiar to most fans at the time.

Following the Omen Reprise there was a visual highlight. The Prodigy, complementing their usual hectic, colorful strobe-laser light show, introduced a several-meter-high figure placed at the rear of the venue by the tech area, noticeable from the moment you entered the hall. This figure shot additional lasers from its eyes to the atmospheric tones – a truly stunning sight. Shortly afterward, however, attention returned to the front. It was time for Firestarter. And no, Maxim doesn’t take over Flint’s vocal parts. Somehow, that would probably feel wrong. The Prodigy now perform the song entirely instrumental, transitioning after just over a minute into the well-known Andy C. Remix from previous tours, which significantly speeds up the original material. Simultaneously, green lasers painted Keith Flint’s head as a silhouette on the screens – a beautiful form of tribute that should work permanently in a live context. Loud chants of “Keith, Keith, Keith” then echoed from the pit in front of the stage.

The live staple Roadblox now firmly established, wiped away all sentimentality, followed by Their Law, painfully missed during the 2018 Germany tour, with its epic guitar riff and perhaps the band’s best drop in history. The area in front of the stage remained intense, something frontman Maxim duly acknowledged. However, he expressed less satisfaction with the audience in the seating areas – repeatedly urging, especially the block to his right, to “get the fuck up“. Indeed, quite a few remained permanently seated there, which, honestly, is truly senseless at a The Prodigy concert.

Elsewhere, the frontman held back. It has become a political issue, reported by several music magazines during the tour. Maxim apparently no longer wants to shout the line “Smack My Bitch Up” into the microphone. While in previous concerts, he stuck to the line “Change My Pitch Up“, in Düsseldorf he remained completely silent. In 1997, The Prodigy created a scandal with the song and video, and a quarter of a century later, they seem to distance themselves, at least from the line interpreted as misogynistic. However, the instrumental still hit as hard as ever – just, as mentioned before, with a bit too much bass.

After about 65 minutes, The Prodigy gave their audience a much-needed break. It was clear, though, that some heavy hitters were still missing. For example, Take Me To The Hospital opened the encore block. Invaders Must Die has also become an indispensable part of their live sets. The epic and fat beats of Diesel Power blew our minds drastically, fantastically before heading into the final stretch. We Live Forever, perhaps the best song from the still-current album No Tourists, took on a unique, sad meaning due to Flint’s suicide but is likely to become a permanent fixture for that very reason. A piece that perfectly combines the “later”, more rock-oriented Prodigy with the hectic rave sounds of their early records – essentially the quintessence of the band’s history, compressed into 3 minutes and 30 seconds, and after almost one and a half hours, the last opportunity to really break a sweat.

Thus, a clear conclusion can be drawn: Even without Keith Flint, The Prodigy remains a guarantee for intensely sweat-inducing and captivating live concerts. The sound is as brutal as ever, Maxim performs with the usual energy, and the setlists include all the hits that both fans and casual listeners would wish for. The former might have hoped for one or two rarities, like Fire, played in the same spot in 2018, but they likely left satisfied (and completely sweaty?). However, one final critique for the four gentlemen must be allowed: Please play Out Of Space at the end in full lenght instead of teasing the fans with the iconic intro only to leave the stage after 60 seconds.

Weblinks THE PRODIGY:

Homepage: https://www.theprodigy.com/
Facebook: https://www.facebook.com/theprodigyofficial
Instagram: https://www.instagram.com/theprodigyofficial

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