Interview: PARADISE LOST (Greg Mackintosh)

Interview: PARADISE LOST (Greg Mackintosh)
Geschätzte Lesezeit: 8 Minute(n)

Seit über 30 Jahren sind sie aktiv, ein Ende ist nicht in Sicht. Zum Glück! Das beweisen Paradise Lost auch jetzt wieder. Mit ihrem neuen Album Obsidian präsentieren sie ein sehr ausgereiftes und abwechslungsreiches Werk, das sich hören lassen kann. Wir haben zur Veröffentlichung des Albums ein ausführliches Telefonat mit Gitarrist Greg Mackintosh geführt, um über das Album, das Älterwerden, die Corona-Krise, die neue Biografie und vieles mehr zu sprechen. Viel Spaß mit dem vorliegenden Interview!

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Ich würde gerne direkt mit dem neuen Album starten. Drei Jahre sind seit Medusa vergangen. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Wir waren viel auf Tour, sind noch älter geworden und haben ein bisschen mehr über uns erfahren. Wie das so ist, wenn man älter wird: Man reflektiert. Das, was generell im Leben passiert.
Ich denke, Medusa war unser Doom Metal-Album. Danach war uns klar, dass wir das nicht weiter voran treiben wollten. Wir wollten etwas ausgewachsener und präziser klingen, etwas vielschichtiger würde ich sagen.

Wie würdest Du denn die Unterschiede zwischen Medusa und Obsidian beschreiben?
Da gibt es recht viele Unterschiede, aber es sind eins zwei Stücke dabei, die näher an Medusa dran sind als die anderen, besonders Fall From Grace. Als Album ist Obsidian deutlich vielseitiger, es ist präziser und erwachsener. Es ist nicht ganz so wütend, es hat eine eher introspektive Herangehensweise. Da spielen viele Einflüsse rein, es ist ziemlich vielseitig.

In der Album-Info liest man vom vielfältigsten und dunkelsten Paradise Lost-Album bisher. Würdest Du da zustimmen?
Ich weiß nicht, ich mag diese Biografien nicht, in denen Leute sagen, es sei das Größte, das Beste… Ich hasse das, das ist etwas, aus dem ich mich raushalten möchte. Ich mache Musik, ich bin kein guter Verkäufer. Ich weiß nicht, ob ich da zustimme, das lasse ich Euch entscheiden.

Du hast gerade Fall From Grace angesprochen. Das Stück wurde auch als Single veröffentlicht. War das eine bewusste Entscheidung wegen der Verbindung zu Medusa?
Nein, wir haben immer gedacht, die Leute sollten drei Stücke daraus hören, bevor das Album erscheint. Das waren Darker Thoughts, Ghosts und Fall From Grace. Die Reihenfolge war uns dabei eigentlich egal, wobei Nick und ich schon sehr gerne Darker Thoughts als erste Single gehabt hätten. Aber Nuclear Blast hat gesagt, es würde zu lange dauern, bis das Stück „heavy“ wird. Sie haben entscheiden, dass wir Fall From Grace nehmen. Das ist okay für uns, das verstehen wir. Das ist ein guter Wegbereiter durch die Inspiration von Medusa.

Interview: PARADISE LOST (Greg Mackintosh)Zu Fall From Grace gab es auch ein Video. Kannst Du ein bisschen über die Idee und die Geschichte hinter dem Clip erzählen?
Ich denke, wenn man mit Budgets arbeitet, die nicht so riesig sind, braucht man gute Ideen und Storyboards. Mit dem Regisseur haben wir schon einige Male gearbeitet. Er interpretiert die Texte auf seine Weise und ist wirklich gut darin, das Beste aus einem Budget rauszuholen, was sehr wichtig ist. Wenn man kein großes Budget hat, muss man eine richtig gute Idee haben. Die Idee hier war natürlich der Typ, der in Ungnade fällt, das leuchtet ein. Er stirbt, er bringt sich um und ist dann noch nicht tot. Er sucht nach einem Weg zurück, als er merkt, was er verloren. Nach dem Tod kommt nichts und er begreift, was er an seinem Leben alles hatte. Also versucht er, ein Portal zu bauen, das ihn zurückbringt, aber er scheitert daran und begreift, dass es keinen Weg zurück gibt. Das ist ziemlich düster und natürlich auch metaphorisch zu sehen.

Ich habe noch andere Stücke aus dem Album gewählt, über die ich gerne sprechen würde. Über Ghosts hast Du ja auch schon gesprochen. Um welchen Geist geht es hier?
Das ganze Album ist nachdenklicher und in sich gehender als die letzten Alben, auch Ghosts guckt mehr nach innen und versucht, Dinge aus dem eigenen Leben zu erforschen. Zudem ist es sehr inspiriert von der frühen Gothic-Szene der 80er Jahre in seinen Sounds, seiner Struktur, dem Schlagzeugspiel… Es denkt darüber nach, worum es im Leben geht und versucht, all das in einen modernen Kontext und in unsere Art von Musik zu bringen.

Du hast gerade über die Perspektive des In-sich-Gehens gesprochen. Ist das auch bei Serenity der Fall?
Das ist beim Großteil des Albums so. Es ist nicht das Konzept dahinter, aber irgendwie schon so etwas in der Art. Ich denke, auf Medusa waren die Texte aggressiver und ein wenig nihilistischer. So wie es auch die Musik war. Auf diesem Album ist die Musik deutlich introspektiver, was sich auch in den Texten widerspiegelt. Wir reden viel über das Bereuen in den Texten, aber das ist nicht das, woran wir glauben. Bereuen ist eher eine Art Emotion, die Dinge im Leben sind geschehen. Aber es interessiert uns sehr, woher das kommt, dass Leute Dinge so sehr bereuen und es unbedingt besser machen wollen. Viele Texte handeln von Träumen, die man früher einmal hatte, von denen man beim Älterwerden abgelassen hat. Warum passiert das? Wir haben dafür keine Antworten. Aber es sind Dinge, die passieren, wenn man älter wird.

Du hast davon gesprochen, älter zu werden. Auf dem Album ist auch das Stück Hope Dies Young. Ist das sozusagen „vom Leben gelernt“?
Genau über das Stück habe ich gesprochen. Ja, die Hoffnung stirbt jung, das meinte ich. Das Stück ist inspiriert vom Text von Teenage Kicks von den Undertones. Hope Dies Young handelt genau davon, wie man als Teenager diese großen Ideen hat. Wenn man älter wird, ziehen das Leben, die Gesellschaft oder auch einfach die eigene Persönlichkeit diese aus einem raus, bis man diese Träume nicht mehr hat. Warum hat man diese Träume nicht mehr? Warum kann man nicht mehr danach streben? Das Leben nimmt sie einem, genau davon handelt das Stück.

Wenn Du das Album als Ganzes betrachtest: Wie sind Eure Erwartungen damit? Hat man noch Erwartungen, wenn man schon so lange im Musik-Business aktiv ist?
Das ist lustig, da wir, seit wir angefangen haben, nie irgendwelche Erwartungen hatten. Wir kommen aus dem Norden Englands und sind quasi ein Produkt dieser Gegend. Wir können über uns selbst lachen, da steckt kein großes Ego dahinter oder so. Also hat man nicht wirklich Erwartungen. Klar, man kann natürlich Hoffnungen haben, aber ich persönlich schaue da nie weiter als heute. Wenn man zu weit voraus schaut ist mir das zu bedrückend. Das hat ja bisher auch ganz gut funktioniert.

Interview: PARADISE LOST (Greg Mackintosh)Durch die weltweite Pandemie haben einige Bands ihre Alben derzeit verschoben. Habt Ihr auch darüber nachgedacht?
Nein, kein Stück. Ich finde das etwas komisch, wenn jetzt Alben verschoben werden. Ich denke, es ist gerade jetzt wichtig, wenn wir in diesem Lockdown sind. Dinge wie Kunst, Bücher, Musik und Filme unterhalten uns und verhindern, dass die Leute verrückt werden und anfangen, aufeinander loszugehen oder so. Wir haben da nicht drüber nachgedacht. Nuclear Blast hat uns danach gefragt, aber wir sehen da keinen Sinn drin. Keiner weiß, wann das alles aufhören wird. Und wenn wir es jetzt verschieben, sind wir offen für Leaks. Ich habe gerade von einer Band gelesen, die ihr Album auf unbestimmte Zeit verschoben hat, aber sehr viele Leute haben das Album bereits.

Seid Ihr sonst von der Krise in irgendeiner Weise betroffen?
Oh ja. Die Musikindustrie ist betroffen wie eigentlich jede andere Industrie und ist jetzt auf unbestimmte Zeit „on hold“. Das benötigt gerade viel Geduld von den Bands, Promotern und Fans, bis es wieder einen normalen Weg geht. Wenn man sich das so anschaut, weiß ich nicht, ob das noch dieses Jahr geschehen wird. Wir hoffen auf den Herbst und gucken, was passiert. Das kann das Musikgeschäft auf Dauer zum Stillstand bringen. Die Bands müssen jetzt gucken, wie sie damit umgehen und über neue Wege nachdenken, mit der Musik ihre Fans zu erreichen. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens mit Festivals und Gigs verbracht, das vermisse ich wie verrückt. Man muss sich jetzt mit den neuen Gegebenheiten arrangieren denke ich.

Ich habe mal im Tourbereich auf Eurer Homepage geschaut. Im Moment waren dort nur Festivals zu sehen. Gab es auch schon Pläne für eine Tour zum neuen Album?
Die meisten Festivals sind gecancelt oder auf das kommende Jahr verschoben. Wir haben täglich diese Unterhaltung wie vermutlich jede andere Band mit dem Management, wann es denn weiter gehen könnte und wie es für die Zukunft aussieht. Während die Tage vergehen, schiebt sich immer mehr nach hinten. Realistisch betrachtet ist der früheste Zeitpunkt für eine richtige Tour zum Album Anfang nächstes Jahr.

Auch, wenn im Moment keine Konzerte gespielt werden, spielen viele Bands online Konzerte im Livestream. Was hältst Du davon?
Ich bin mir da unsicher. Das ist für mich recht neu. Da unser Drummer in Helsinki lebt, ist das für uns sowieso schwierig. Aber es ist, wie es ist, man muss sich damit arrangieren. Für mich ist das seltsam, weil man die Atmosphäre nicht hat, die Freude, das Feedback vom Publikum… Ich war selbst nie der Social Media-Typ. Mir ist immer noch unwohl bei Foto-Shootings (lacht) und ich verstehe nach wie vor nicht das Autogramme-Geben nicht, so ist es auch mit Social Media. Aber man muss sich damit arrangieren.

Wie ich gesehen habe, kommt jetzt nicht nur das Album, sondern auch die Biographie. War das so geplant, dass das Buch und das Album in etwa zeitgleich kommen oder ist das einfach zufällig passiert?
Das ist nur der europäische Veröffentlichungstermin. Die Biografie hat ein amerikanischer Autor geschrieben. Sie kam bereits letztes Jahr im November in Amerika raus. Es hat ein paar Monate gebraucht, die jeweiligen Übersetzungen zu machen, daher kommt sie etwas später raus. Das ist daher tatsächlich nur ein Zufall.

Interview: PARADISE LOST (Greg Mackintosh)Warum denkst Du, war es die richtige Zeit für eine Bandgeschichte? Ich mein, es sind 32 Jahre Paradise Lost. Normalerweise würde man damit eher nach 30 oder 35 Jahren rechnen…
Weil es von jemand anderem angestoßen wurde, es war nicht unsere Idee. Das war der Herausgeber eines amerikanischen Magazins. Dort war Medusa im Erscheinungsjahr auch das Album des Jahres. Wir wurden gefragt, was wir von einer Biografie halten. Der Autor hatte bereits einige geschrieben, auch eine, die ich selbst gelesen habe: The Story of Noise Records.
Mir hat das sehr gefallen. Etwa ein Jahr lang haben wir jede Woche einige Stunden in Interviews investiert und der Autor hat ungefähr jeden aus unserer Vergangenheit interviewt: Roadies, Journalisten, Mitarbeiter von Plattenfirmen, Fans… Das war wie eine Therapie. Ich war fast etwas traurig, als das vorbei war. Und jetzt, wenn ich das Buch lese, ist das etwas, das man so gar nicht beschreiben kann. Das ist ein verrücktes Gefühl, von wem anders über sein eigenes Leben zu lesen. Man findet Dinge heraus, die man vorher gar nicht so wusste und erfährt, wann man ein ziemlicher Idiot war. (lacht) Ich habe es gelesen und dachte: „Wow, da lag ich ziemlich falsch. Da habe ich die Situation zu ernst genommen.“ Man entdeckt sich neu. Das ist seltsam, aber es ist gut, es ist ehrlich. Da sind einige traurige Momente, einige schreckliche Momente, einige glückliche Momente, viele Spinal Tap-Momente…

Neben dem Buch werden auch auf Eurer Facebook-Seite Menschen interviewt, die gemeinsame Erinnerungen mit Paradise Lost haben. Ist das eine Art Erweiterung des Buches oder wie kam es dazu?
Da kommen zwei Sachen zusammen. Die eine ist natürlich die Biografie, aber mit der Covid-19-Thematik ist das auch etwas, wo wir schon drüber gesprochen haben, dass die Bands neue Wege finden müssen, um mit ihren Fans zu interagieren und im Gedächtnis zu bleiben. Da ist das eine Möglichkeit. Geplant war es wegen der Veröffentlichung Biografie in Europe sowieso, aber jetzt im Lockdown ist das noch wichtiger.

Das waren meine Fragen soweit. Ich würde gerne noch wissen: Wir haben nun über das Album gesprochen, die abgesagten Shows, das Buch… Gibt es bereits weitere Pläne für die nahe und ferne Zukunft, die Du schon nennen kannst?
Wir haben Pläne, so wie vermutlich jeder Pläne hat, aber wir wissen nicht, wann sie eintreten und wie realistisch sie sind. An sich ist eine Release-Show geplant, bei der wir das Album komplett spielen werden. Die war ursprünglich mal für den Mai angedacht, aber wurde jetzt in den September verschoben. Es gibt auch noch ein paar Festivals, die bisher nicht abgesagt wurden, aber ich denke, das sieht nicht gut aus bis zum Ende des Jahres. Aber ja, Stand jetzt hoffen wir natürlich, ab September weitermachen zu können.

Weblinks PARADISE LOST:

Homepage: www.paradiselost.co.uk
Facebook: www.facebook.com/paradiselostofficial
Twitter: www.twitter.com/officialPL

Bilder: Anne Catherine Swallow (Album-Cover: Nuclear Blast)

Written By
More from Marius Meyer

[beendet] Das große Weihnachtsgewinnspiel 2019

Wo ist das Jahr schon wieder hin? Eh man sich versieht, ist...
Read More