Interview: PARADISE LOST (Greg Mackintosh)

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Seit ├╝ber 30 Jahren sind sie aktiv, ein Ende ist nicht in Sicht. Zum Gl├╝ck! Das beweisen Paradise Lost auch jetzt wieder. Mit ihrem neuen Album Obsidian pr├Ąsentieren sie ein sehr ausgereiftes und abwechslungsreiches Werk, das sich h├Âren lassen kann. Wir haben zur Ver├Âffentlichung des Albums ein ausf├╝hrliches Telefonat mit Gitarrist Greg Mackintosh gef├╝hrt, um ├╝ber das Album, das ├älterwerden, die Corona-Krise, die neue Biografie und vieles mehr zu sprechen. Viel Spa├č mit dem vorliegenden Interview!

Lass Dir den Beitrag vorlesen:

Ich w├╝rde gerne direkt mit dem neuen Album starten. Drei Jahre sind seit Medusa vergangen. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Wir waren viel auf Tour, sind noch ├Ąlter geworden und haben ein bisschen mehr ├╝ber uns erfahren. Wie das so ist, wenn man ├Ąlter wird: Man reflektiert. Das, was generell im Leben passiert.
Ich denke, Medusa war unser Doom Metal-Album. Danach war uns klar, dass wir das nicht weiter voran treiben wollten. Wir wollten etwas ausgewachsener und pr├Ąziser klingen, etwas vielschichtiger w├╝rde ich sagen.

Wie w├╝rdest Du denn die Unterschiede zwischen Medusa und Obsidian beschreiben?
Da gibt es recht viele Unterschiede, aber es sind eins zwei St├╝cke dabei, die n├Ąher an Medusa dran sind als die anderen, besonders Fall From Grace. Als Album ist Obsidian deutlich vielseitiger, es ist pr├Ąziser und erwachsener. Es ist nicht ganz so w├╝tend, es hat eine eher introspektive Herangehensweise. Da spielen viele Einfl├╝sse rein, es ist ziemlich vielseitig.

In der Album-Info liest man vom vielf├Ąltigsten und dunkelsten Paradise Lost-Album bisher. W├╝rdest Du da zustimmen?
Ich wei├č nicht, ich mag diese Biografien nicht, in denen Leute sagen, es sei das Gr├Â├čte, das Beste… Ich hasse das, das ist etwas, aus dem ich mich raushalten m├Âchte. Ich mache Musik, ich bin kein guter Verk├Ąufer. Ich wei├č nicht, ob ich da zustimme, das lasse ich Euch entscheiden.

Du hast gerade Fall From Grace angesprochen. Das St├╝ck wurde auch als Single ver├Âffentlicht. War das eine bewusste Entscheidung wegen der Verbindung zu Medusa?
Nein, wir haben immer gedacht, die Leute sollten drei St├╝cke daraus h├Âren, bevor das Album erscheint. Das waren Darker Thoughts, Ghosts und Fall From Grace. Die Reihenfolge war uns dabei eigentlich egal, wobei Nick und ich schon sehr gerne Darker Thoughts als erste Single gehabt h├Ątten. Aber Nuclear Blast hat gesagt, es w├╝rde zu lange dauern, bis das St├╝ck ÔÇ×heavyÔÇť wird. Sie haben entscheiden, dass wir Fall From Grace nehmen. Das ist okay f├╝r uns, das verstehen wir. Das ist ein guter Wegbereiter durch die Inspiration von Medusa.

Zu Fall From Grace gab es auch ein Video. Kannst Du ein bisschen ├╝ber die Idee und die Geschichte hinter dem Clip erz├Ąhlen?
Ich denke, wenn man mit Budgets arbeitet, die nicht so riesig sind, braucht man gute Ideen und Storyboards. Mit dem Regisseur haben wir schon einige Male gearbeitet. Er interpretiert die Texte auf seine Weise und ist wirklich gut darin, das Beste aus einem Budget rauszuholen, was sehr wichtig ist. Wenn man kein gro├čes Budget hat, muss man eine richtig gute Idee haben. Die Idee hier war nat├╝rlich der Typ, der in Ungnade f├Ąllt, das leuchtet ein. Er stirbt, er bringt sich um und ist dann noch nicht tot. Er sucht nach einem Weg zur├╝ck, als er merkt, was er verloren. Nach dem Tod kommt nichts und er begreift, was er an seinem Leben alles hatte. Also versucht er, ein Portal zu bauen, das ihn zur├╝ckbringt, aber er scheitert daran und begreift, dass es keinen Weg zur├╝ck gibt. Das ist ziemlich d├╝ster und nat├╝rlich auch metaphorisch zu sehen.

Ich habe noch andere St├╝cke aus dem Album gew├Ąhlt, ├╝ber die ich gerne sprechen w├╝rde. ├ťber Ghosts hast Du ja auch schon gesprochen. Um welchen Geist geht es hier?
Das ganze Album ist nachdenklicher und in sich gehender als die letzten Alben, auch Ghosts guckt mehr nach innen und versucht, Dinge aus dem eigenen Leben zu erforschen. Zudem ist es sehr inspiriert von der fr├╝hen Gothic-Szene der 80er Jahre in seinen Sounds, seiner Struktur, dem Schlagzeugspiel… Es denkt dar├╝ber nach, worum es im Leben geht und versucht, all das in einen modernen Kontext und in unsere Art von Musik zu bringen.

Du hast gerade ├╝ber die Perspektive des In-sich-Gehens gesprochen. Ist das auch bei Serenity der Fall?
Das ist beim Gro├čteil des Albums so. Es ist nicht das Konzept dahinter, aber irgendwie schon so etwas in der Art. Ich denke, auf Medusa waren die Texte aggressiver und ein wenig nihilistischer. So wie es auch die Musik war. Auf diesem Album ist die Musik deutlich introspektiver, was sich auch in den Texten widerspiegelt. Wir reden viel ├╝ber das Bereuen in den Texten, aber das ist nicht das, woran wir glauben. Bereuen ist eher eine Art Emotion, die Dinge im Leben sind geschehen. Aber es interessiert uns sehr, woher das kommt, dass Leute Dinge so sehr bereuen und es unbedingt besser machen wollen. Viele Texte handeln von Tr├Ąumen, die man fr├╝her einmal hatte, von denen man beim ├älterwerden abgelassen hat. Warum passiert das? Wir haben daf├╝r keine Antworten. Aber es sind Dinge, die passieren, wenn man ├Ąlter wird.

Du hast davon gesprochen, ├Ąlter zu werden. Auf dem Album ist auch das St├╝ck Hope Dies Young. Ist das sozusagen ÔÇ×vom Leben gelerntÔÇť?
Genau ├╝ber das St├╝ck habe ich gesprochen. Ja, die Hoffnung stirbt jung, das meinte ich. Das St├╝ck ist inspiriert vom Text von Teenage Kicks von den Undertones. Hope Dies Young handelt genau davon, wie man als Teenager diese gro├čen Ideen hat. Wenn man ├Ąlter wird, ziehen das Leben, die Gesellschaft oder auch einfach die eigene Pers├Ânlichkeit diese aus einem raus, bis man diese Tr├Ąume nicht mehr hat. Warum hat man diese Tr├Ąume nicht mehr? Warum kann man nicht mehr danach streben? Das Leben nimmt sie einem, genau davon handelt das St├╝ck.

Wenn Du das Album als Ganzes betrachtest: Wie sind Eure Erwartungen damit? Hat man noch Erwartungen, wenn man schon so lange im Musik-Business aktiv ist?
Das ist lustig, da wir, seit wir angefangen haben, nie irgendwelche Erwartungen hatten. Wir kommen aus dem Norden Englands und sind quasi ein Produkt dieser Gegend. Wir k├Ânnen ├╝ber uns selbst lachen, da steckt kein gro├čes Ego dahinter oder so. Also hat man nicht wirklich Erwartungen. Klar, man kann nat├╝rlich Hoffnungen haben, aber ich pers├Ânlich schaue da nie weiter als heute. Wenn man zu weit voraus schaut ist mir das zu bedr├╝ckend. Das hat ja bisher auch ganz gut funktioniert.

Durch die weltweite Pandemie haben einige Bands ihre Alben derzeit verschoben. Habt Ihr auch dar├╝ber nachgedacht?
Nein, kein St├╝ck. Ich finde das etwas komisch, wenn jetzt Alben verschoben werden. Ich denke, es ist gerade jetzt wichtig, wenn wir in diesem Lockdown sind. Dinge wie Kunst, B├╝cher, Musik und Filme unterhalten uns und verhindern, dass die Leute verr├╝ckt werden und anfangen, aufeinander loszugehen oder so. Wir haben da nicht dr├╝ber nachgedacht. Nuclear Blast hat uns danach gefragt, aber wir sehen da keinen Sinn drin. Keiner wei├č, wann das alles aufh├Âren wird. Und wenn wir es jetzt verschieben, sind wir offen f├╝r Leaks. Ich habe gerade von einer Band gelesen, die ihr Album auf unbestimmte Zeit verschoben hat, aber sehr viele Leute haben das Album bereits.

Seid Ihr sonst von der Krise in irgendeiner Weise betroffen?
Oh ja. Die Musikindustrie ist betroffen wie eigentlich jede andere Industrie und ist jetzt auf unbestimmte Zeit ÔÇ×on holdÔÇť. Das ben├Âtigt gerade viel Geduld von den Bands, Promotern und Fans, bis es wieder einen normalen Weg geht. Wenn man sich das so anschaut, wei├č ich nicht, ob das noch dieses Jahr geschehen wird. Wir hoffen auf den Herbst und gucken, was passiert. Das kann das Musikgesch├Ąft auf Dauer zum Stillstand bringen. Die Bands m├╝ssen jetzt gucken, wie sie damit umgehen und ├╝ber neue Wege nachdenken, mit der Musik ihre Fans zu erreichen. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens mit Festivals und Gigs verbracht, das vermisse ich wie verr├╝ckt. Man muss sich jetzt mit den neuen Gegebenheiten arrangieren denke ich.

Ich habe mal im Tourbereich auf Eurer Homepage geschaut. Im Moment waren dort nur Festivals zu sehen. Gab es auch schon Pl├Ąne f├╝r eine Tour zum neuen Album?
Die meisten Festivals sind gecancelt oder auf das kommende Jahr verschoben. Wir haben t├Ąglich diese Unterhaltung wie vermutlich jede andere Band mit dem Management, wann es denn weiter gehen k├Ânnte und wie es f├╝r die Zukunft aussieht. W├Ąhrend die Tage vergehen, schiebt sich immer mehr nach hinten. Realistisch betrachtet ist der fr├╝heste Zeitpunkt f├╝r eine richtige Tour zum Album Anfang n├Ąchstes Jahr.

Auch, wenn im Moment keine Konzerte gespielt werden, spielen viele Bands online Konzerte im Livestream. Was h├Ąltst Du davon?
Ich bin mir da unsicher. Das ist f├╝r mich recht neu. Da unser Drummer in Helsinki lebt, ist das f├╝r uns sowieso schwierig. Aber es ist, wie es ist, man muss sich damit arrangieren. F├╝r mich ist das seltsam, weil man die Atmosph├Ąre nicht hat, die Freude, das Feedback vom Publikum… Ich war selbst nie der Social Media-Typ. Mir ist immer noch unwohl bei Foto-Shootings (lacht) und ich verstehe nach wie vor nicht das Autogramme-Geben nicht, so ist es auch mit Social Media. Aber man muss sich damit arrangieren.

Wie ich gesehen habe, kommt jetzt nicht nur das Album, sondern auch die Biographie. War das so geplant, dass das Buch und das Album in etwa zeitgleich kommen oder ist das einfach zuf├Ąllig passiert?
Das ist nur der europ├Ąische Ver├Âffentlichungstermin. Die Biografie hat ein amerikanischer Autor geschrieben. Sie kam bereits letztes Jahr im November in Amerika raus. Es hat ein paar Monate gebraucht, die jeweiligen ├ťbersetzungen zu machen, daher kommt sie etwas sp├Ąter raus. Das ist daher tats├Ąchlich nur ein Zufall.

Warum denkst Du, war es die richtige Zeit f├╝r eine Bandgeschichte? Ich mein, es sind 32 Jahre Paradise Lost. Normalerweise w├╝rde man damit eher nach 30 oder 35 Jahren rechnen…
Weil es von jemand anderem angesto├čen wurde, es war nicht unsere Idee. Das war der Herausgeber eines amerikanischen Magazins. Dort war Medusa im Erscheinungsjahr auch das Album des Jahres. Wir wurden gefragt, was wir von einer Biografie halten. Der Autor hatte bereits einige geschrieben, auch eine, die ich selbst gelesen habe: The Story of Noise Records.
Mir hat das sehr gefallen. Etwa ein Jahr lang haben wir jede Woche einige Stunden in Interviews investiert und der Autor hat ungef├Ąhr jeden aus unserer Vergangenheit interviewt: Roadies, Journalisten, Mitarbeiter von Plattenfirmen, Fans… Das war wie eine Therapie. Ich war fast etwas traurig, als das vorbei war. Und jetzt, wenn ich das Buch lese, ist das etwas, das man so gar nicht beschreiben kann. Das ist ein verr├╝cktes Gef├╝hl, von wem anders ├╝ber sein eigenes Leben zu lesen. Man findet Dinge heraus, die man vorher gar nicht so wusste und erf├Ąhrt, wann man ein ziemlicher Idiot war. (lacht) Ich habe es gelesen und dachte: ÔÇ×Wow, da lag ich ziemlich falsch. Da habe ich die Situation zu ernst genommen.ÔÇť Man entdeckt sich neu. Das ist seltsam, aber es ist gut, es ist ehrlich. Da sind einige traurige Momente, einige schreckliche Momente, einige gl├╝ckliche Momente, viele Spinal Tap-Momente…

Neben dem Buch werden auch auf Eurer Facebook-Seite Menschen interviewt, die gemeinsame Erinnerungen mit Paradise Lost haben. Ist das eine Art Erweiterung des Buches oder wie kam es dazu?
Da kommen zwei Sachen zusammen. Die eine ist nat├╝rlich die Biografie, aber mit der Covid-19-Thematik ist das auch etwas, wo wir schon dr├╝ber gesprochen haben, dass die Bands neue Wege finden m├╝ssen, um mit ihren Fans zu interagieren und im Ged├Ąchtnis zu bleiben. Da ist das eine M├Âglichkeit. Geplant war es wegen der Ver├Âffentlichung Biografie in Europe sowieso, aber jetzt im Lockdown ist das noch wichtiger.

Das waren meine Fragen soweit. Ich w├╝rde gerne noch wissen: Wir haben nun ├╝ber das Album gesprochen, die abgesagten Shows, das Buch… Gibt es bereits weitere Pl├Ąne f├╝r die nahe und ferne Zukunft, die Du schon nennen kannst?
Wir haben Pl├Ąne, so wie vermutlich jeder Pl├Ąne hat, aber wir wissen nicht, wann sie eintreten und wie realistisch sie sind. An sich ist eine Release-Show geplant, bei der wir das Album komplett spielen werden. Die war urspr├╝nglich mal f├╝r den Mai angedacht, aber wurde jetzt in den September verschoben. Es gibt auch noch ein paar Festivals, die bisher nicht abgesagt wurden, aber ich denke, das sieht nicht gut aus bis zum Ende des Jahres. Aber ja, Stand jetzt hoffen wir nat├╝rlich, ab September weitermachen zu k├Ânnen.

Weblinks PARADISE LOST:

Homepage: www.paradiselost.co.uk
Facebook: www.facebook.com/paradiselostofficial
Twitter: www.twitter.com/officialPL

Obsidian

Preis: 10,50┬áÔéČ

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12 neu & gebraucht ab 10,48┬áÔéČ

Bilder: Anne Catherine Swallow (Album-Cover: Nuclear Blast)

Geschrieben von
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