HURRICANE FESTIVAL 2019 Tag 1 РScheeßel, Eichenring (21.06.2019)

Papa Roach, © Cynthia Theisinger
Geschätzte Lesezeit: 6 Minute(n)

Während die einen gerade erst ankommen, sind die anderen schon tagelang beim Feiern. Nun kommen aber alle zusammen, denn ist es Freitag. Das heißt, das Infield des Hurricanes öffnet seine Pforten, um das Verlangen der musikhungrigen Fans zu stillen. Man könnte meinen, dass man etwas gemäßigt anfangen sollte, das Hurricane sieht das aber anders. Hier gibt sich sofort ein Top Act nach dem anderen die Gitarre in die Hand, bis schließlich Die Toten Hosen den Sack zu machen.

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Ge√§ndert hat sich in diesem Jahr insgesamt wenig. Auf den ersten Blick wurden nur die B√ľhnen umbenannt. So wird aus der Green Stage die Forest Stage, aus Blue wird River, Red zu Mountain und White zu Coast. Kann man also alles noch leicht assoziieren. Der Rest ist so, wie man ihn gewohnt ist. Warum sollte man auch ein ausgekl√ľgeltes Konzept √ľber den Haufen werfen?

Los geht es mit einer ‚ÄúBand‚ÄĚ, die 2016 aus der Not heraus entstand, denn in dem Jahr ist das Hurricane wortw√∂rtlich abgesoffen. Die Folge waren viele, lange Aufenthalte im Auto, was das Camp FM dazu anregte einen eigenen Song aus eingesendeten Texten zu bauen. So entstand Am Sichersten Seid Ihr Im Auto, dessen Text am Ende jeder auf dem Festival auswendig konnte. Durch diesen Erfolg durfte das #HURRICANESWIMTEAM schon 2017 mit diesem Song das Festival er√∂ffnen. Danach entstand ein neuer Song, Lass Uns Schee√üeln Gehen, der seit 2018 ebenfalls zum Programm geh√∂rt und nun ein weiterer brandneuer Song. Alle Bands, die es wirklich ernst meinen, k√∂nnen ja sp√§ter kommen, hier wird erstmal die Stimmung gelockert und gehofft, dass der n√§chste Song nicht wieder aus der Not des Wetters entsteht.

Richtig los geht es im fliegenden Wechsel mit Sam Fender. Der englische Singer/Songwriter beweist ab dem ersten Moment, dass er zurecht als neuer Stern des Indie-Rocks betitelt wird. Trotz seines jungen Alters und obwohl sein Deb√ľtalbum erst im August erscheint, rast er nur so durch s√§mtliche britische Auszeichnungen und konnte schon die eine oder andere gewinnen. Auf der B√ľhne kann er auch √ľberzeugen. Alles passt und die Fans, die schon jetzt zahlreich erschienen sind, haben Spa√ü.

Nun geht es auch auf der Forest Stage richtig los. Letztes Jahr erschien das Doppelalbum Vamos! von Betontod,welches sich direkt auf Platz drei der Charts etablieren konnte. In alle den Jahren hat die Band inzwischen √ľber 1.000 Konzerte gespielt, was sich auch in ihrer Show widerspiegelt. Routiniert geleiten sie uns √ľber 45 Minuten durch die Bandgeschichte. Man k√∂nnte ihren ersten Song, Keine Popsongs, schon fast als Angriff auf die River Stage deuten, wo selbiges fast den ganze Tag gespielt wird. Obwohl S√§nger Oliver Meister einen Gipsarm hat, h√§lt es ihn nicht davon ab, ordentlich zu rocken und mit dem Publikum zu spa√üen: ‚ÄúWir k√∂nnen erst weiterspielen, wenn mehr Menschen oben sind. Ansonsten m√ľsst Ihr mein Gelaber weiter ertragen‚ÄĚ.

Nun wird auch die Mountain Stage er√∂ffnet und kommt an den Eingangsschleusen direkt an ihre Grenzen. Bei Neonschwarz ist jedem klar, warum er hier ist. Wer hier nicht hergeh√∂rt ist ebenso schnell klar. Die erste Ansprache gegen Nazis, Faschos und Konsorten. Nebenbei fliegt ein ‚ÄúFCK NZS‚ÄĚ Banner, an Ballons befestigt, durch die Luft. Zu jedem Zeitpunkt stellen Neonschwarz klar, welche Interessen sie vertreten. Sowohl in den Songs, 2018, also auch drum rum. ‚ÄúCapitalism kills our future, shout-out an die Kids von Fridays For Future‚ÄĚ. Die Fans sehen dies genauso und feiern das ganze Konzert √ľber ordentlich mit.

Mit Alice Merton steht eine weitere junge, aufstrebende K√ľnstlerin auf der B√ľhne. Mit ihrer No Roots EP¬†konnte sie schon europaweit √ľberzeugen und unter anderem einen der letzten Echos einheimsen. Anfang des Jahres erschien ihr Deb√ľtalbum, welches an den Erfolg ankn√ľpfen konnte. All dies sorgt daf√ľr, dass es vor der B√ľhne kuschelig warm is – und das liegt nicht nur an der Sonne. Auch werden die Gesangsmuskeln strapaziert, sp√§testens als No¬†Roots¬†gespielt wird. Mit viel Charme geleitet uns Alice durch ihr Set und gibt auch immer wieder Anekdoten zum Besten, bei welchen sie immer wieder zwischen Deutscher und Englischer Sprache wechselt.

In Hemd und Krawatte kommen nur selten Bands auf die B√ľhne. Bei Enter Shikari ist das fast schon Alltag. Als die Briten die B√ľhne betreten, bleibt kein Stein auf dem anderen. Das Publikum ist Feuer und Flamme. Auf der B√ľhne ist es kaum anders. S√§nger Roughton ‚ÄěRou‚Äú Reynolds springt wie wild √ľber die B√ľhne und gibt mit dem damit verbundenen (Kabel-) Chaos seinem Techniker einiges an Arbeit. Es dauert nicht lange, bis sich der erste Pit bildet, der auch nicht mehr endet. Richtig zum √úberkochen kommt die Stimmung aber erst bei einem Medley von Sorry Your Not A Winner¬†und The¬†Last Garrison, zu welchem auch Bengalos im Publikum gez√ľndet werden. So geht es eine Stunde lang energiegeladen durch das Set, bis wir schlie√ülich mit den Worten ‚ÄúI hope you have a wonderful day‚ÄĚ verabschiedet werden.

Seit 2008 gibt es Cigarettes After Sex schon, 2017 erschien dann endlich ihr lang erwartetes Deb√ľtalbum. Nun stehen sie auf der B√ľhne um dem Publikum des Hurricanes einzuheizen. Oder in diesem Falle eher zum Schunkeln und Tr√§umen zu animieren. Vom Klangbild her ist die Band vergleichsweise ruhig, was sie an diesem Tag etwas hervorhebt. Dies aber auf keinen Fall negativ. Spa√ü haben schlie√ülich alle, die sich vor und auf der B√ľhne zusammengefunden haben. Etwas merkw√ľrdig ist die Band dennoch. Alles ist Schwarz-Wei√ü. Von der Kleidung der Musiker, √ľber das Licht und die B√ľhnendeko bis zum Stream. Man muss aber zugeben, es passt perfekt zum Gesamtkonzept der Band.

F√ľr viele der aktuellen Festivalgeneration ist Papa Roach ein fester Bestandteil der Jugend. Dies merkt man auch heute wieder, besonders als diese mit vielen alten Songs beginnen. ‚ÄúWe fucking love it when you guys go off‚ÄĚ – sch√∂ner als Frontmann Jacoby Shaddix kann man die zahlreich entstehenden Pits wohl nicht beschreiben. ‚ÄúYou guys are on fucking fire, thank you for all your energy‚ÄĚ f√§hrt er fort. Heute gibt es wirklich kein Halten, aber alle warten trotzdem auf ‚Äúden einen Song‚ÄĚ – Last Resort. Es ist schon etwas erschreckend, wie steil die Stimmung nach oben geht, sobald die ersten T√∂ne gespielt werden. Das Ende des Konzerts wird den Verstorbenen gewidmet. Um Keith Flint zu ehren wird Firestarter von The Prodigy gecovert, was verdienterma√üen sehr gut ankommt.

Seit einigen Jahren ist Bosse nicht mehr aus der deutschen Pop-Szene wegzudenken. Dabei √ľberzeugt er nicht nur musikalisch, sondern auch mit Charakter auf und abseits der B√ľhne. Immer wieder hat er Fernsehauftritte, setzt sich f√ľr Fl√ľchtlinge ein und bezieht klar Stellung gegen Nazis. All dies verhilft ihm dazu heute auf beachtlich viele Fans vor der B√ľhne blicken zu k√∂nnen. Man k√∂nnte fast schon meinen, dass Bosse von Nebenberuf Entertainer ist, mit wie viel Witz er zwischen und w√§hrend der Songs mit dem Publikum spielt. So verlangt er unter Anderem von seinem Trompeter ein ‚Äúsexuelles Solo‚ÄĚ. Aber er kann auch Ernst. So macht er noch Werbung f√ľr Viva con agua und Hanseatic Help.

Obwohl Parkway Drive mit Fackeln durch das Publikum Richtung B√ľhne laufen, l√§sst einen der Beginn etwas kalt. Normalerweise ist der ab Minute null mit Feuer umringt, l√§sst dieses Mal aber etwas auf sich warten. Dann f√§hrt die Band aber auf und die B√ľhne versinkt im Feuer. Alles baut auf das Finale beim Song Crushed¬†auf. S√§nger Winston McCall wirft einen Molotov hinter die B√ľhne und zack, f√§ngt es √ľberall (kontrolliert) an zu brennen. Der ganze vordere B√ľhnenbereich gl√ľht, √ľber den K√∂pfen gibt es weitere Font√§nen und selbst √ľber der B√ľhne gibt es Meterhohe S√§ulen zu sehen. Das Publikum ist das ganze Konzert √ľber Feuer und Flamme. Der Pit kennt kein Ende und so sehen wir auch den (bisher) gr√∂√üten Circle Pit des Festivals.

2015 haben Bilderbuch mit dem Album Schick Schock f√ľr viel Aufsehen gesorgt. Seither vergeht kaum ein Moment, in dem kein Song von ihnen im Radio l√§uft. Dabei unterscheiden sie sich zugleich von vielem, was sonst in der Welt des Pops passiert. Man kann sie zurecht als Art-Pop-Band bezeichnen, da sie immer wieder Nuancen einbringen, die man so noch nicht geh√∂rt hat, sich aber perfekt in das Ganze einf√ľgen. Es ist also kein Wunder, dass sie heute als Headliner auf der River Stage auf der B√ľhne stehen. ‚ÄúWir waren gerade 2 Wochen im Urlaub und der Urlaub soll weitergehen oder liebes Hurricane?‚ÄĚ fragt S√§nger Maurice Ernst. Die Fans stimmen mit ein und so wird die n√§chste Stunde wild getanzt und mitgesungen.

Schon bevor der erste Ton durch die Boxen ert√∂nt, verneigen sich Die Toten Hosen vor dem versammelten Publikum. Gef√ľhlt befindet sich nun jeder vor der B√ľhne. Schon beim ersten Song Bonnie und Clyde ist klar, dass alle feiern wollen. Lautstark und Textsicher wird mitgesungen, auch wenn es noch so schief ist. Getreu dem Motto ‚ÄúDas geht alles von Eurer Zeit ab‚ÄĚ spielen Die Toten Hosen einen Song nach dem anderen. Dennoch bleibt immer Zeit f√ľr Frontmann Campino, das ein oder andere Wort zu sagen. ‚ÄúEs ist 18 Jahre her, dass wir das letzte Mal hier waren und ich muss sagen, Ihr habt Euch gut gehalten‚ÄĚ sagt er uns zur Begr√ľ√üung. Ihre Show ist minimalistisch. Dies liegt auch mit an Rammstein, erkl√§rt uns Campino. Dadurch, dass denen zwischendurch bei ihrer aktuellen Tour die Munition ausging, hat die Band ihre Pyro abgegeben. Gereicht hat es daher nur noch f√ľr eine Wunderkerze auf der B√ľhne. Um Punkt Mitternacht gibt es dann noch ein St√§ndchen f√ľr Campino der nun seinen Geburtstag feiert. Am Ende reicht es sogar nicht nur f√ľr eine Zugabe, es gibt gleich zwei zu h√∂ren, bei denen sp√§testens jetzt jeder Fan auf seine Kosten kommt.

4 Jahre lang war es still um Tame Impala. Im April und Mai erschienen gleich zwei neue Songs von Mastermind Kevin Parker, diese gilt es nun in Europa zu präsentieren. Das Hurricane ist dabei einer der wenigen Deutschlandtermine. Zur späten Stunde gibt es hier die geballte Ladung Psychedelic Rock, welche von den einen genutzt wird, um die letzten Reserven zu verbrauchen oder von den anderen, den Abend ruhig ausklingen zu lassen. Jeder kommt dabei auf seine Kosten.

Das war also der erste Tag des Hurricanes in diesem Jahr. Obwohl der Himmel fast durchgehend bew√∂lkt war, hat man vergebens auf den Regen gewartet. Schon etwas merkw√ľrdig, wenn man den Ruf des Hurricanes bedenkt. Viele haben sich schon jetzt einen Sonnenbrand zugezogen und sich komplett verausgabt. Also warten wir mal ab, was die n√§chsten Tage noch so bringen…

Geschrieben von
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