JOHNNY MARR & CHILDHOOD – Köln, Luxor (02.11.2014)

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Er ist endlich da und Köln war –neben Amsterdam und Paris- glĂŒcklicherweise als eine von nur 3 StĂ€dten außerhalb Großbritanniens fĂŒr einen Europatermin auserkoren worden. Kein Wunder, dass das Luxor an diesem Sonntagabend ausverkauft ist und aus allen NĂ€hten zu platzen droht. Wenn man ihn da so stehen und singen hört, mag man beizeiten kurz denken „War er nicht vielleicht mal bei Oasis?“, aber natĂŒrlich war Johnny Marr das nicht, sondern vielmehr als Gitarrist von The Smiths deutlich frĂŒher Wegbereiter einer ganzen Generation (und aller derer die noch kommen mögen). Trotzdem verbindet ihn einiges mit jener anderen Band aus Manchester. Doch dazu spĂ€ter mehr, denn zunĂ€chst steht mit Childhood ein Support auf dem Programm, der fĂŒr viele zuvor ein absolut unbeschriebenes Blatt war. Und auch ich frage mich, als ich da in der Enge vor der BĂŒhne stehe kurz, ob ein renommierter Act wie Johnny Marr wirklich eine Vorband benötigt
 verzögert das nicht nur die Wartezeit auf das erwartete Highlight heute Abend?

Doch kaum haben die fĂŒnf Jungs von Childhood aus Nottingham ihr Set begonnen, dĂŒrften sich die ersten im bunt-gemischten Publikum zwischen 16 und 75 Jahren vorgenommen haben, dieses imaginĂ€re leere Blatt „Childhood“ möglichst schnell mit allerhand Infos und TontrĂ€gern zu befĂŒllen. Das kĂŒrzlich erschienene DebĂŒtalbum Lacuna war jedenfalls am Ende des Abends zu Recht restlos ausverkauft. Childhood kommen nicht nur retro gekleidet auf die BĂŒhne, sondern auch ihr Sound ist irgendwie retro und atmet den Geist des Lo-Fi Psychedelic Rocks, inklusive leichter Anleihen bei diversen Ravepop Indiebands wie den Stone Roses, The Charlatans oder Kula Shaker. Schöne Grooves und die sehr angenehme Stimme von Fronter Ben Romans-Hopcraft bestimmen das Soundbild, doch Childhood können auch rocken! Und so spielen sie sich zum Ende hin geradezu in einen Rausch, der die Zuschauer mitnimmt und streckenweise fast vergessen lĂ€sst, dass dies hier erst der Opener ist. Über gut 30 Minuten waren Childhood die perfekte Einstimmung auf den Hauptact.

Als dann nach gut 25 Minuten Umbaupause die Taschenlampe aus dem BĂŒhnenhintergrund in Richtung FOH erleuchtet wird, weiß jeder: „Jetzt geht es los“ und sobald die Begleitband und dann Johnny Marr himself die BĂŒhne zum neuen Albumtiteltrack Playland betreten haben, herrscht Begeisterung pur im Publikum, das natĂŒrlich spĂ€testens beim 2. Song (Stop Me If You Think You’ve Heard This One Before) schon vollends zufrieden ist. Ich hatte Johnny zwar schon einmal in seiner The Cribs Zeit live gesehen, doch nun wurden auch endlich die The Smiths Gitarrenparts von dem Mann gespielt, von und fĂŒr den sie damals geschrieben wurden. Wahnsinn! ErwartungsgemĂ€ĂŸ werden dementsprechend vor allem die The Smiths StĂŒcke wie Bigmouth Strikes Again oder How Soon Is Now? abgefeiert, da singt das Publikum mit und unterstĂŒtzt den ehemals reinen Gitarristen. Johnny Marr macht seine Sache gesanglich aber auch trotz der ĂŒbermĂ€chtigen Fußstapfen von Morrissey wirklich gut, auch wenn er bei den frĂŒher auf Morrissey gesanglich zugeschnittenen StĂŒcken eher etwas auf Nummer sicher geht. Bei seinen eigenen SolostĂŒcken scheint er hingegen selbstsicherer und stimmlich so richtig in seinem Element. Dann klingt sein nun deutlich druckvollerer Gesang auch fast wie der des ehemaligen Oasis Frontmanns Liam Gallagher, dessen Bruder Noel ja erst kĂŒrzlich beim Auftritt in London zu Gast auf Johnnys BĂŒhne war und mit ihm gemeinsam das Iggy Pop Cover Lust For Life und den The Smiths Klassiker How Soon is Now? performte. Und auch wegen dieses Selbstbewusstseins kommen Johnnys SolostĂŒcke ebenfalls heute gut an, allem voran das etwas flottere Easy Money vom neuen Album. Und auch wenn man ihm sein fortgeschrittenes Alter durchaus ansieht, ist Johnny noch fit und hĂŒpft bei Back In The Box wie ein Flummi ĂŒber die BĂŒhne, herrlich! Mit dem Electronic Hit Getting Away With It und How Soon Is Now? verabschiedet sich die Band nach gut 75 Minuten erstmals vom Publikum, bleibt aber natĂŒrlich nicht lange fern, den die Leute wollen noch mehr hören. Los geht der Zugabenblock Ă€ußerst prominent mit Still Ill, bei dem aber dann leider doch auffĂ€llt, das Johnny in Sachen „abgedrehter Gesang“ nicht an seinen frĂŒheren Frontmann heranreicht. Sein Sicherheitsgesang fĂ€llt hier leider etwas ab, vielleicht hĂ€tte er den Song wie seinen eigenen behandeln sollen und mal voll aus sich rausgehen. Das klappt dann bei Dynamo und dem zum Teil mehrstimmigen I Fought The Law wieder deutlich besser, bevor das lautstark mitgesungene und viel umjubelte There Is A Light That Never Goes Out das Set nach etwas ĂŒber 1,5 Stunden beschließt und die Zuschauer sichtlich begeistert nach Hause gehen!

Setlist Johnny Marr:
01. Playland
02. Stop Me If You Think You’ve Heard This One Before (The Smiths Song)
03. Right Things Right
04. Upstarts
05. 25 Hours
06. New Town Velocity
07. The Headmaster Ritual (The Smiths Song)
08. Back in the Box
09. Speak Out Reach Out
10. Generate! Generate!
11. Bigmouth Strikes Again (The Smiths Song)
12. Boys Get Straight
13. The Messenger
14. Easy Money
15. Getting Away with It (Electronic Song)
16. How Soon Is Now? (The Smiths Song)
17. Still Ill (The Smiths Song) (Z)
18. Dynamo (Z)
19. I Fought The Law (The Crickets Cover) (Z)
20. There Is a Light That Never Goes Out (The Smiths Song) (Z)

Johnny Marr:

Childhood:

Fotos: Michael Gamon

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