HENKE – Maskenball der Nackten

Geschätzte Lesezeit: 4 Minute(n)

Unsere Bewertung:


9 Bewertung

10 Bewertung 2

9.5

Ein zitternder Ton schmeichelt starken PianoklĂ€ngen, die uns innehalten und zu aufmerksamen Zuhörern werden lassen: „Liebe mich und töte dafĂŒr mein Herz“. Oswald Henkes eindringliche Stimme schafft ein partial greifbares Szenario, das in einer wunderschönen Grundmelodie mĂŒndet, die Oswalds Stimme immer lauter und deutlicher werden lĂ€sst. Dokument 2 ist ein starker Einstieg in ein Album, das ohne seine ganzen UnterstĂŒtzer und BefĂŒrworter in dieser Art und Weise gar nicht möglich gewesen wĂ€re. Eine Danksagung direkt am Anfang? Ich denke, das ist nötig, wenn man sich diesem Werk annehmen möchte. Anders als es so ĂŒblich ist, wurde die Arbeit an Maskenball der Nackten nicht von einem Label getragen, sondern von den HENKE- eigenen Fans durch den Kauf von UnterstĂŒtzerpaketen und das Ersteigern und die Übernahme einer Patenschaft von Songs des Albums. Eine wirklich grandiose Idee, vor allem auch deshalb, weil die liebenden HENKE- Fans ganz nahe an dem Geschehen waren. Zwar saßen keine Fanmengen in den StudiorĂ€umen und haben Instrumente gehalten oder sogar gespielt, aber durch die InternetprĂ€senz der aufstrebenden Band war man immer bestens informiert ĂŒber den aktuellen Stand der Dinge, durfte vor laufender Kamera mit Kopfhörern in die geplanten Songs reinhören und bekamen gezeigt, was es eigentlich heißt, kreativ zu arbeiten. Und da sind wir nun und Dokument 2 eröffnet die Reise, packt uns und nimmt uns mit.

Mit Valiumregenbogen geht es mit einem typischen HENKE- Song weiter. Doppeldeutig, schmerzhaft schön, mal rockig, in den Strophen zurĂŒckhaltender, mal flĂŒsternd und mal der Deutlichkeit ins Auge blickend: „Was Spaß macht, geht vorĂŒber, was bleibt, ist nur der Schmerz.“ Nachdem wir das emotionale Auf und Ab hinter uns haben, verlieren wir uns in Rote Irrlichter irgendwo im Großstadt- Hinterhofs- Nirgendwo zwischen Prostitution und Drogenchaos, um wenig spĂ€ter mit Grauer Strand wieder etwas zu uns zu kommen. Und kaum haben wir etwas Luft holen wollen, da werden wir ĂŒbermannt von der mitreißenden und im Vergleich zu Grauer Strand komplett anders gestalteten Singleauskopplung Zeitmemory, das nachdenklich stimmt und thematisch sicher bei jedem Anklang finden wird. Irgendwo zwischen Alltagsvergesslichkeit und Rastlosigkeit erbaut Zeitmemory ein Szenario vor dem inneren Auge, das anschaulicher nicht hĂ€tte sein können. „Alle, alle, alle laufen rĂŒckwĂ€rts…“ und die mitschwingende Botschaft, dass nur weil man die anderen sehen kann, es nicht zwangslĂ€ufig bedeuten muss, dass man auch nur in irgendeiner Weise am Leben Teil nimmt. Mit Vergessen wird an den Grundton in Zeitmemory angeknĂŒpft. Oswalds Stimme ist hier noch fesselnder, die Stimmung bedrĂŒckender, auch wenn das Piano mit einer lieblichen, fast schon hoffnungsvollen Melodie das Ohr umschmeichelt. Hier hat man die Alltagsvergesslichkeit schon lĂ€ngst ĂŒberschritten, denn hier vergisst sich das Ich, der tiefste Kern zerbricht und das bekommen wir am eigenen Leibe mit. Ein wirklich genialer Song!

Epilog kommt zeitversetzt, aufbrausend und wĂŒtend daher, stĂ¶ĂŸt alles von sich außer unsere vollste Aufmerksamkeit. Musikalisch und von der Art her bewegt sich der Song eher im Sektor von Goethes Erben als in dem von HENKE, was die QualitĂ€t aber auf keinen Fall mindert, sondern einfach auch nochmal die Vielseitigkeit von HENKE verdeutlicht. Nicht weniger ruhig geht es in Fernweh Ist zur Sache. Oswalds Stimme nimmt uns komplett gefangen, Worte und Melodien prasseln auf uns ein, Fernweh Ist einfach ansteckend…
DĂŒstere Schatten legen sich mit Ein Jahr als Tag auf das GemĂŒt und erneut flammt ein GefĂŒhl von dunkelschöner Beklemmung und Befangenheit auf. Ich stelle mir vor, wie ich in 50 Jahren alleine in einem dĂŒsteren Raum sitze, orientierungslos, ganz alleine, in den grauen Himmel starre und mich frage, wo die Zeit hin ist. Eine Frage, die wir uns ohnehin schon oft genug stellen und das, obwohl die meisten von uns noch jung und frisch sind. Smiley Ein wirkliches Meisterwerk, das vor allem durch die vielen Wiederholungen und der stetigen Steigerung so eindringlich durch den Körper fĂ€hrt.
Dann fĂ€llt der Vorhang fĂŒr den Maskenball der Nackten, das Versteckspiel in der Öffentlichkeit, die große Fluch vor dem Hier und Jetzt hat endlich einen Namen gefunden. Hier ist Aufmerksamkeit gefordert, denn auch wenn der Song als feiner Walzer dahin fließt, ist es doch gut möglich, dass wir auch regelmĂ€ĂŸig den Maskenball der Nackten besuchen…vielleicht sogar ohne es zu wissen.

Wenig spĂ€ter nehmen wir Fahrt auf das wundervoll-traurige Nur Allein, das uns zunĂ€chst in Schmerzen zu ertrinken scheinen lĂ€sst, aber zum Ende hin die Erlösung bereit hĂ€lt. Auch Medea hat einen Lösungsansatz parat, auf den ersten Blick einfach und aus tiefem Leid geboren: „Medea tötet, was sie liebt…“. Und doch bleiben noch Fragen offen, aber was wĂ€re ein HENKE- Album, wenn uns der Sinn des großen Ganzen auf einem silbernen Tablett serviert wĂŒrde?

Mit Maskenball der Nackten knĂŒpfen HENKE erfolgreich an den VorgĂ€nger SeelenfĂŒtterung an und zeigen sich noch abwechslungsreicher als zuvor. Zwar geht man die Themen mehr nach der gekonnten Goethes Erben- Manier an, sieht aber davon ab, dies auch in das Musikalische einfließen zu lassen. HENKE sind und bleiben eigenstĂ€ndig. Maskenball der Nackten ist mit jedem Ton der beste Beweis dafĂŒr.

Tracklist:
01. Dokument 2
02. Valiumregenbogen
03. Rote Irrlichter
04. Grauer Strand
05. Zeitmemory
06. Vergessen
07. Epilog…
08. Fernweh Ist
09. Ein Jahr Als Tag
10. Maskenball Der Nackten
11. Nur Allein
12. Medea

Autorin: Tanja Pannwitz

Übrigens gibts das Album an den ersten drei Verkaufstagen (01.03.2013-03.03.2013) fĂŒr nur 5,00 Euro als Download zu kaufen: Link!

Geschrieben von
Mehr von Sparklingphotos.de

TORUL & EGOAMP – Oberhausen, Kulttempel (11.10.2015)

EGOamp wurde von Asmodi Caligari und Cesare Insomnia gegrĂŒndet. Das Projekt wird...
Weiterlesen