NEPHEW – DK- Holbaek, Elvaerket (22.03.2013)

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Nephew-Tourabschluss in Holbaek: „Noch einmal alle Emotionen rausrocken!“

Der gellende Schrei kommt aus seinem tiefsten Innern und erinnert sofort an eine Szene, die rund sechs Jahre her ist: Nephew auf der Orange-Stage des Roskilde-Festivals, davor 60.000 Menschen, die ihre Arme im Takt zum Keyboardsolo bei Worst/Best-Case-Scenario hin und her schwingen, eine unfassbare Energie, die zwischen BĂŒhne und Zuschauerraum zirkuliert. SĂ€nger Simon Kvamm schreit, versucht so seinen Adrenalinpegel wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Auch beim Konzert in Holbaek brĂŒllt er unvermittelt los, als wĂŒrde eine unsichtbare Kraft ihren Weg nach draußen suchen. Der Schrei geht durch Mark und Bein, trifft die Zuhörer mitten in die Seele. Es ist die letzte regulĂ€re Show von Nephew wĂ€hrend ihrer Hjertestarter-Tour, die Emotionen schwanken zwischen Melancholie und völligem Ausrasten. Zwar sind es im Elvaerket in Holbaek keine 60.000, sondern nur 500 Zuschauer – dennoch geben Nephew an diesem letzten Abend noch einmal alles. Der Schweiß fließt in Strömen – nicht nur auf der BĂŒhne, auch das Publikum tanzt, springt, singt und schreit krĂ€ftig mit. Wie am Abend zuvor, bei der Show im Gimle in Roskilde, fliegen einige ruhige, neue Nummern aus der Setlist und werden durch schnellere, Ă€ltere ersetzt. Die Emotionen nach 26 Tourtagen mĂŒssen schlichtweg rausgerockt werden.

Zu intensiv waren die EindrĂŒcke der letzten Wochen: Die Synth-Rocker Nephew spielten seit Ende Januar nicht etwa in großen Locations oder gar Arenen, sondern in kleinen, besonderen SpielstĂ€tten, beispielsweise in Museen, Hotels und Feriendiskotheken an der Nordsee. Oder eben in kleinen Clubs, die sie auch im Jahr 2000 schon auf dem Tourplan hatten. Die grĂ¶ĂŸte Venue der Tour (Stor Vega in Kopenhagen) fasste 900 Menschen, beim kleinsten Gig waren gerade mal 80 Zuschauer dabei. Nephew wollten bei den Shows eine intime AtmosphĂ€re schaffen, um die recht persönlichen und ruhigen Songs ihres fĂŒnften Studioalbums Hjertestarter live vorzustellen. Die komplette Tour war nach Bekanntgabe der 26 Termine in Rekordzeit komplett ausverkauft. Kein Wunder: Nephew, die 1996 in Aarhus zusammenfanden, sind eine der populĂ€rsten Bands DĂ€nemarks, ihre Clubtour ist etwas Besonderes.

Doch zurĂŒck nach Holbaek: Mit Alt er hĂ„rdt starten Nephew ruhig, meditativ und dĂŒster, dennoch rockig und gitarrenlastig in den Abend. Simon nimmt, im Gegensatz zum Rest der Band, sofort Kontakt zum Publikum auf, die Zuschauer reißen ihr HĂ€nde nach oben und klatschen den Takt mit. Bei Åh gud (jeg hĂ„ber du holder Ăžje med mig) groovt der ĂŒbermĂ€chtige Bass die Zuschauer ein, der mehrstimmige Gesang verleiht dem Song die nötige Power. Und wie immer bietet Bassist Kasper ein wunderbares Schauspiel: Gar nicht so einfach das Plektron loszuwerden, wenn man beide HĂ€nde voll hat und es nicht braucht. Wohin also damit? Ganz einfach: wenn er die Saiten zupft, schiebt er es sich zwischen die ZĂ€hne, um es rechtzeitig wieder auszuspucken, um seinen Einsatz beim Chorgesang nicht zu verpassen. Immer und immer wieder. Ein Plektron auf Wanderschaft.

Die zweite Single-Auskopplung Klokken 25 treibt die Zuschauer und die Band weiter nach vorne, die ersten Reihen tanzen und singen obgleich des dĂŒsteren Textes ausgelassen mit. Eine Ansage von Simon unterbricht kurz die Party vor der BĂŒhne, er animiert das Publikum zum Mitsingen, singt vor wie sich der neue Refrain von Worst/Best Case Scenario anzuhören hat – und wie nicht. Die Zuschauer biegen sich vor Lachen, das komödiantische und schauspielerische Talent des Frontmanns ist beliebt. Schließlich klappt auch das Mitsingen, auch wenn nicht alle im Publikum exakte Noten singen können – es ist teilweise grotesk schief, aber sehr herzlich, was da an Gesang zurĂŒck auf die BĂŒhne schwappt. Mit De Satans HĂŠmninger, ein Song, der von einem funky Klavier und einem harten Beat dominiert wird, gibt es nochmal einen kurzen Ausflug in die Popwelt der neuen Platte. Die MĂ€dels lassen die HĂŒften kreisen, die Kerle nutzen die Pause, um schnell Biernachschub zu holen. Schließlich gilt es den letzten kleinen Rest des Alltags, die „gottverdammten Hemmungen“, hinter sich zu lassen – und sich völlig ins Konzerterlebnis fallen zu lassen. SĂ€nger Simon Kvamm gelingt das schon hervorragend – er springt schließlich mit viel zu viel Schwung auf eine kleine Stufe des Wellenbrechers und verschwindet fast kopfĂŒber in der feierwĂŒtigen Menge. Und auch der Rest der Band wird immer und immer lockerer auf der BĂŒhne, die Verbindung zwischen den einzelnen Bandmitgliedern reißt fĂŒr keine Sekunde ab. Sie halten Blickkontakt, jammen und rocken gemeinsam, lachen einander an – kurzum: sie haben eine Menge Spaß da oben. Die Band bildet eine unerschĂŒtterliche Einheit, die aber auch dem Individuum genug Platz lĂ€sst, um sich auf der BĂŒhne zu entfalten.

Was dann folgt ist eine ausgelassene Rockparty, bei der vor allen Dingen die alten Nummern, wie das recht elektrobeat-lastige Va Fangool!, das gitarrenlastige Mexico Ligger I Spanien mit seinem wunderbaren Mitsing-Refrain, Igen Og Igen Og, Police Bells and Church Sirens und 007 Is Also Gonna Die das Konzert dominieren. Die aktuelle Nephew-Single GĂ„ Med Dig sĂ€uft dabei leider ein wenig ab – keine Ahnung, ob einer der Gitarristen in der falschen Tonlage gelandet ist oder ob es an einem Soundproblem liegt. Von links kommen viele StörgerĂ€usche, einige der Zuschauer schauen sich irritiert um. Die kleine Panne ist aber schnell vergessen – den nĂ€chsten Song widmet Kvamm nĂ€mlich dem Nephew-Publikum: „Du er
 SUPERLIGA!“ (Ihr seid
Superliga!) Das lassen sich die Fans nicht zweimal sagen und zeigen, dass sie ihren Auftrag verstanden haben: der Band einen denkwĂŒrdigen Abschlussabend zu bereiten, an den sie sich noch lange erinnern werden.

Das gelingt dann bei der Zugabe auch mehr als gut: D.T.A.P. vom 2010 erschienen englisch-dĂ€nischen Album DanmarkDenmark lĂ€sst die Zuschauer nochmal krĂ€ftig abtanzen, bevor sie sich beim poppigen Movie Klip in den Armen liegen. Plötzlich tauscht RenĂ© sein Keyboard gegen eine akustische Gitarre ein – der letzte Song des Abends Hjertestarter beginnt. FĂŒr viele Anwesenden zu schnell und viel zu frĂŒh. Dennoch sind sich alle beim Verlassen des Elvaerket einig, dass es ein unvergessliches Konzert war.

Nephew haben jetzt erstmal ein paar Wochen Pause, bis sie am 24. Mai in Jelling in die Festivalsaison starten. Im Herbst wird die Hjertestarter-Tour fortgesetzt, diesmal jedoch in fĂŒnf großen Arenen in Odense, Aalborg, Aarhus, Herning und Kopenhagen.


Setlist (Roskilde und Holbaek):

01. Alt Er HĂ„rdt
02. Åh Gud
03. Klokken 25
04. Worst/Best Case Scenario
05. De Satans HĂŠmninger
06. Va Fangool!
07. Mexico Ligger I Spanien
08. GĂ„ med dig
09. Superliga
10. Igen Og Igen Og
11. Police Bells & Church Sirens
12. 007 Is Also Gonna Die
13. Alt er Synd
14. D.T.A.P (Z)
15. Movie Klip (Z)
16. Hjertestarter (Z)
17. (Fem Rum – zur Verabschiedung leider nur vom Band)

Bilder des Konzerts im Gimle in Roskilde am 21.03.2013 befinden sich in unserer Konzertfotos Sektion (Bildkommentare sind durch Anklicken der Sprechblase möglich) oder direkt durch Anklicken der Fotos

Autorin & Fotos: Esther Mai

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