Interview : DE/VISION (Thomas Adam)

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Denkt man an deutschen Synthpop, dann fällt einem seit vielen Jahren immer recht schnell der Name De/Vision ein. Die Band um Sänger Steffen Keth und den für die Musik zuständigen Thomas Adam veröffentlicht am 24. August 2012 ihren 13. Longplayer Rockets And Swords, auf dem sich soundtechnisch mal wieder Einiges getan hat. Grund genug sich in lustiger Atmosphäre mit Thomas Adam über ihre Spitznamen, die allgemeine Entwicklung bei De/Vision, die Gema und natürlich vor allem über das neue Album und die im September startende Tour zu unterhalten.


Rockets and Swords, wie kam der Albumtitel zustande?

Das ist natürlich wie immer reiner Zufall (lacht).Wir haben viel überlegt und irgendwann kam Steffen mit dieser Idee. Die ursprüngliche Idee – ich kann es ja sagen – war „Rockets and Apples“. Ganz banal eine Anspielung auf unsere Spitznamen: „Apple“, also Apfel, wegen meinen Nachnamens Adam, der Adamsapfel (lacht) und die Rakete, das wissen nur Insider, ist Steffens Spitzname.


Ich habe im Pressetext allerdings ein bisschen was anderes gelesen, nämlich dass Raketen und Schwerter im Endeffekt auch Waffen sind…

Raketen und Schwerter sind Mordinstrumente ja, aber jeder hat etwas anderes im Kopf, wenn er den Albumtitel hört. Jeder macht sich so seine eigenen Gedanken dazu und für mich steht dieser Titel eben vor allem auch für die kriegerische Geschichte der Menschen. Es ging immer ums Töten, getötet zu werden, ums Überleben und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Dafür steht für mich in erster Linie der Albumtitel, aber er hat für uns natürlich auch mit dieser Bipolarität zu tun. Mit diesen alten, neuen und modernen Waffen, mit dem Tod, mit dieser Zweipoligkeit des Lebens allgemein. Und genau um diese Dinge geht es auch oftmals in den Texten, zumindest in den Texten die ich geschrieben habe.


Ist Rockets and Swords eine Art Themenalbum?

Für mich ist es das erst im Laufe der Produktion geworden. Wir haben ja wenn wir mit den Arbeiten an einem neuen Album beginnen nie irgendein bestimmtes Thema und auch kein starr festgelegtes Konzept. Wenn überhaupt entwickelt sich so etwas immer erst im Laufe der Produktion und wie gesagt, für mich war es, nachdem wir den Albumtitel hatten, dieses Konzept, ich nenne es mal Yin und Yang (lacht). Da habe ich auch dementsprechend für mich die Texte geschrieben und auch immer wieder den Bezug zu diesen Gegensätzen, der Polarität, zu diesen beiden Extremen im Leben aufgenommen.


Ihr habt ein eigenes Label (
„Popgefahr Records“) gegründet, wie kam es zu dieser Entscheidung?

Es war einfach zur damaligen Zeit so, dass viele Labels irgendwelche Bands rausgeschmissen haben, es wurden kaum noch Bands unter Vertrag genommen. Die Vorschüsse wurden immer kleiner und da mussten wir einfach für uns irgendwann mal sagen, dass es so keinen Sinn mehr macht, mit der Plattenfirma im Sinne eines Angestellten zu arbeiten, sondern wir müssen einfach mal den Schritt wagen, unsere eigene Plattenfirma zu sein. Das hatte natürlich viel mit der wirtschaftlichen Lage zu tun, ganz klar.


Das Album ist wie das letzte sehr minimal gestaltet. Minimalismus bedeutet aber auch, dass jeder Sound, jede Kleinigkeit stimmen muss, damit die Melodie gut herauskommt. Ward ihr der großen Arrangements überdrüssig oder woher kam diese Entscheidung?

Ich würde es ja gar nicht mal so auf das ganze Album beziehen. Sicher war uns das schon wichtig, ein bisschen minimalistischer zu sein und damit auch durchaus geplant. Allerdings gibt es natürlich auch ganz andere Beispiele auf der Platte, wenn man sich z.B. Want to Believe anhört, da geht es teilweise schon auch sehr bombastisch zu. Ich gebe dir aber Recht, gerade in den doch etwas flotteren Nummern wie Boy Toy haben wir schon auch auf Minimalismus geachtet, so dass das Ganze nicht mehr so überladen ist, wie es vielleicht in der Vergangenheit überladen gewesen wäre. Es war schon eine bewusste Entscheidung. Es sollte alles ein bisschen direkter und auch wirklich ein wenig mehr 80er-mäßig werden, einfach vom Gefühl her.


Auf der CD sind einige Balladen wie zum Beispiel Beauty of Decay. Seid ihr privat sehr romantisch?

Eine Ballade ist ja irgendwie immer dabei (lacht) es geht nicht ohne und es ist auch gut so finde ich. Wobei dieses Mal die Balladen, insbesondere Beauty of Decay  und Want to Believe vor allem von Jos (Produzent Josef Bach, Anm. d. Verf.), unserem Produzenten kamen. Man kann ja nicht nur immer Tanznummern und „Abgehnummern“ haben, es muss ja auch mal irgendwie der Gegenpol dabei sein, also auch mal die langsame Schmusenummer. Ich selbst würde mich nicht unbedingt als Romantiker bezeichnen, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Also falls Du mit Romantik so was wie Candlelight Dinner meinst. (lacht).


So wie Dinner without grace?

Der Typ bin ich z.B. überhaupt nicht (lacht )


Wobei Grace kein Frauenname ist. Ein Freund von mir hat den Songtitel völlig falsch verstanden, er meinte: das muss eine tolle Frau sein diese Grace! (lacht) Mit Dinner without grace ist nicht die Frau gemeint hatte ich ihm nur gesagt…


Kommen wir wieder zum Album: Beim Stück Brotherhood of Men habt ihr mit Janosch Moldau zusammengearbeitet, der bei dem Song eine Art
„Martin Gore“ Gitarre spielt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Wir kennen Janosch schon länger und er war auch das eine und das andere Mal mit uns auf Tour. Nicht nur ich bin ein Fan von Janosch, sondern auch Steffen. Ich finde seine Musik toll und vor allem finde ich den Menschen Janosch Moldau wirklich großartig. Ein ganz toller Typ, wir mögen seine Sachen sehr und da wir uns halt schon länger kennen, war das eben einfach eine Option. Ich glaube, das war Steffens Idee, Janosch zu fragen. Und es ist alles so problemlos, wenn wir was von ihm brauchen, dann ist er gerne dazu bereit.


Beim letztgenannten Stück liefert Crystin Fawn von Hearhere zusätzliche Vocals, wie kam hier der Kontakt zustande?

Wir haben Ihre Stimme zum ersten Mal im Zuge der Remix-Geschichte von Popgefahr gehört, wo jeder der wollte, eigene Remixe machen konnte. Und wir haben dann die entsprechenden Gesangsparts herausgeschickt und die Leute konnten sich mit den Popgefahr-Songs austoben und in dem Zusammenhang kam dann auch ein Remix von Hearhere. Und darauf war auch die Stimme von Crystin zu hören. Steffen und ich haben beide sofort gesagt: tolle Stimme, klingt super. Als wir dann bei Brotherhood of Men saßen, da kam die Idee auf, dass eigentlich eine Frauenstimme sehr gut dazu passen könnte. Da sind wir auch sofort auf die gute Frau gekommen.


Nach welchen Kriterien sucht ihr aus, wer das neue Album produzieren darf?

Da machen wir uns schon lange überhaupt keine Gedanken mehr, weil wir unser Produzententeam gefunden haben, mit dem wir echt glücklich sind. Bei Popgefahr hat auch Arne das eine oder andere Lied dazugeschrieben. Und dieses Mal hat Arne eigentlich nur noch den Final Mix gemacht und Jos, Steffen und ich haben uns um das Songwriting gekümmert. Beim neuen Album war es so, dass wir nur drei Songs geschrieben haben. Ich muss aber auch dazu sagen, dass zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte von De/Vision auch Produzenten beim Songwriting beteiligt waren. Das kam bisher eigentlich nie vor, soweit ich mich erinnern kann. Natürlich haben alle Produzenten in der Vergangenheit ihren Beitrag zu jedem Album geleistet und sicherlich auch mal auf bestehende Playbacks noch eine Melodie dazu gemacht, vielleicht sogar auch mal einen kompletten Song umgemodelt. Aber wirklich am Songwriting beteiligt waren zum ersten Mal jetzt Jos und Arne. Wir sind eigentlich immer so begeistert von den Songs, dass es überhaupt keinen Grund gibt zu sagen, wir suchen uns ein neues Produzententeam oder versuchen es komplett mit jemand anderem. Und dazu kommt natürlich auch, dass man schon so viele Jahre zusammenarbeitet und dadurch natürlich auch im privaten ein ganz anderes Verhältnis hat.


Ich denke mal, das ist so ein Gefühl wie nach Hause kommen, wenn man mit der Familie zusammensitzt und sagt: komm, wir machen wieder mal was Neues.

Eben, man muss nicht alles zerreden, jeder weiß irgendwie, in welche Richtung es dieses Mal gehen könnte und jeder hat eine Idee, was möglich ist oder was man mal wieder ausprobieren sollte oder vielleicht auch besser nicht.


Wie stellt ihr eure elektronische Musik her? Seid ihr Verfechter der analogen Synthesizer, oder dreht ihr auch an dem einen oder anderen virtuellen Knopf?

Beides natürlich. Gerade im Laufe einer Produktion wird natürlich viel an Softwaresynths herum gearbeitet, aber auch noch an analogen Geräten. Ich bin niemand der sagt, das eine oder andere ist besser. Es sind zwei unterschiedliche Wege, um letztendlich genau das Gleiche zu erreichen oder hinzubekommen. Es gibt auch Leute, die sagen: es muss alles analog sein, ich halte das für völligen Schwachsinn. Ein Lied bzw. einen Sound findet man dadurch nicht automatisch besser, nur weil es auf einem analogen Instrument basiert. Das sagt letztendlich nichts über die Qualität eines Sounds oder eines Songs aus. Von daher: Wir benutzen beides.


Das Ergebnis zählt einfach. Ein guter Song ist ein guter Song, egal wie er gemacht wird. Auf einer Akustikgitarre oder irgendwie anders, wenn der Song irgendwelche Gefühle ausdrückt, dann ist es halt ein guter Song…

Natürlich, so sehe ich das auch.


Mein Lieblingstück auf dem Album ist Binary Soldier, beginnend mit einer treibenden Bassline, dann Steffens einfühlsamer Gesang, unterstützt durch Vocodervocals und coole elektronische Sounds. Wie genau ist der Song entstanden? Hartes Stück Arbeit, oder ward ihr einfach im Flow?

(lacht) Das ist eine gute Frage. Ich habe keine Ahnung, wie das Demo damals klang. Die Sache mit diesem Vocoder bei „We march on“, das war auch nicht von Anfang an da, das ist dann mit der Zeit hinzugekommen.


Ich kann mal kurz im Booklet nachlesen (lacht). Das Stück ist auf jeden Fall sehr schön, den Song höre ich sehr oft.

Obwohl, wenn ich so recht überlege, er muss eigentlich von Jos sein. Ich glaube drei oder vier Songs sind von Jos, der Rest von uns.


Also es bleibt ja quasi in der Familie…

Ich weiß halt noch, dass die ersten Entwürfe von diesem Song noch ganz anders waren. Die gingen schon ganz schön in eine Dance-Richtung. Das war deutlich kommerzieller und wir haben gesagt: „das muss schon ein bisschen kredibler werden“. Der Song hat dann noch eine deutliche Wendung genommen.


Wie siehst Du die Entwicklung von Livemusik in kleinen Clubs, wenn die Gema ihre Reform durchsetzen kann? Wird es überhaupt noch möglich sein, sich eine Band live anzuschauen?

Ich glaube das größte Problem haben ja vor allem die Discotheken, wenn sie dann tatsächlich so viel Geld mehr bezahlen müssen, als sie es bisher getan haben. Ich habe mir das noch nicht genau ausgerechnet, ich weiß auch nicht, was so ein Club verdient oder an Gema zahlen muss. Ich hörte davon, dass ein Club, der bis jetzt 10.000 Euro im Jahr an die Gema bezahlt hat, demnächst 160.000 Euro im Jahr bezahlen muss. Es kommt natürlich immer auf die Clubgröße an, aber ich meine, das ist schon ein Riesenunterschied zu vorher. Ich als Musiker kann mich auf der einen Seite freuen, wenn wir vielleicht höhere Gema-Einnahmen bekommen in Zukunft. Aber es sollte doch schon alles im Rahmen bleiben, so dass letztendlich nicht irgendwelche Clubs schließen müssen, nur weil sie sich die Gebühren nicht mehr leisten können. Das wäre Mist und sicher auch nicht der richtige Weg. Natürlich muss man immer auch gucken, dass hier und da auch eine bessere Entlohnung für die Künstler selbst herausspringt, aber man darf es nicht übertreiben.


Welchen Moment in der fast 25 Jahre langen Bandgeschichte möchtest Du gerne noch einmal erleben?

Um Gottes Willen! (lacht) Also ganz ehrlich: in knapp 25 Jahren Bandgeschichte erlebt man so viele tolle Momente, ich kann dir jetzt nicht sagen, dieser oder jener Moment ist es, woran ich gerne zurückdenke. Ich bin da eben nicht so „romantisch“, dass ich mich hinsetze und an längst vergangene Zeiten denke und dabei anfange zu Träumen nach dem Motto „Früher war alles besser“. Ich versuche immer im Hier und Jetzt zu leben und so wie ich in der Vergangenheit tolle und beschissene Tage hatte, habe ich die heute auch noch…


(lacht) Das hast Du schön gesagt. Was erwartet uns bei eurer Liveshow? Seid ihr wieder zu zweit on Stage?

Dieses Mal sind wir mit Drummer unterwegs, es muss doch wieder mal ein bisschen mehr Bewegung auf die Bühne, um dieses „Livegefühl“ ein bisschen zu verstärken. Und es wird noch ein paar andere Kleinigkeiten geben, die eventuell neu sind. Steffen wird auf dieser Tour sogar ein bisschen Keyboard spielen, das gab es in der Vergangenheit auch noch nie. (lacht)


Wir werden uns überraschen lassen… Ich hab jetzt mal die Frage weggelassen was denn deine Lieblingsfarbe ist oder dein Lieblingsgetränk…

(lacht) Ich finde alle Farben toll, ich mag jedes Essen gerne, ich trink so viele Getränke gerne.


Dann schreiben wir einfach: Er mag alles.

Oder besser: Ich bin offen für alles.


Hast du noch paar letzte Worte an Sparklingphotos, die du gerne loswerden möchtest?

Letzte Worte? Oh Gott, das klingt so als würde ich sterben. (lacht)


Nein nein, wenn nur in den paar Minuten, in denen wir geredet haben. (lacht)

Vielen Dank für euren Support und ein Wort an alle Fans und die Leute, die uns noch nicht kennen: Genießt das neue Album, gebt ihm eine Chance, es ist voller großartiger Electropopsongs.

Das Interview mit Thomas Adam führte Frank Stienen am 06.08.2012
Redaktion: Kerstin Wurzel

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