Interview : PETER HEPPNER

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„Man darf auf gar keinen Fall den Fehler machen, zu glauben, ich hĂ€tte ganz gezielt einzelne Lieder fĂŒr den Konflikt mit Wolfsheim geschrieben.“- Ein Interview mit Peter Heppner.

Der AusnahmekĂŒnstler Peter Heppner hat nach der Vorab-Single "Meine Welt" jĂŒngst sein zweites Soloalbum "My Heart of Stone" veröffentlicht und ist zur Zeit – auch nach dem Auftritt in der Harald Schmidt Show – zu Recht in aller Munde. Sparklingphotos sprach mit dem sympathischen SĂ€nger u.a. ĂŒber das aktuelle Album, Marianne Rosenberg, Wolfsheim und KrĂ€uterbonbons.


Auf "My Heart of Stone" hört man viele leise, bedĂ€chtige Töne. Ist ein Song im Midtempo fĂŒr Dich der ideale Weg, Deine Inhalte zu transportieren?

Das kommt ganz auf die Inhalte an wĂŒrde ich mal sagen, sonst wĂŒrde ich ja nur Midtempo StĂŒcke machen. Das Tempo ist sehr abhĂ€ngig von dem, was man an Inhalten transportieren will. Besser gesagt, da ich erst mit der Musik anfange, komme ich bei langsameren StĂŒcken auf andere Ideen, als bei Midtempo- oder schnelleren StĂŒcken. Weil ich finde, dass bestimmte Tempi bestimmten Musiken ganz angemessen sind. Wenn ich ein ganz langsames StĂŒck habe, ist es ja irgendwie blöd, so einen Text wie bei „Ja alles klar“ zu machen. Das geht ja nicht, das passt ja irgendwie nicht zusammen. Deshalb hĂ€ngt das eine schon von dem anderen ein bisschen ab. Aber ich wĂŒrde nicht sagen, dass es ein ideales Tempo gibt.


In dem Ohrwurm "meine Welt" beschreibst Du, wie Du Dir Deine eigene Welt gestalten wĂŒrdest. Stell Dir bitte mal vor, Du wĂ€rst fĂŒr eine Regierungsperiode Bundeskanzler. Was wĂŒrdest Du in diesem Land Ă€ndern?

(Lacht) Oh Gott, das ist soviel, ich wĂŒrde schon eine ganze Menge anders machen, aber ich will auch gar nicht Bundeskanzler werden. Ich bin KĂŒnstler, ich habe meine Art und Weise zu versuchen an dieser Gesellschaft mitzuarbeiten. Das mache ich als KĂŒnstler glaub ich ganz gut. Bin nicht so sicher, ob ich als Politiker auch so gut wĂ€re. Wenn ich das glauben wĂŒrde, wĂŒrde ich in die Politik streben. Ich bin schon sehr politisch, habe auch so gut wie zu jedem Thema eine Meinung, auch in der Regel eine fundierte Meinung. Ich finde, es ist wichtig, dass man sich erst mal informiert, bevor man sich eine Meinung bildet. Ich weiß auch nicht, ob ich als Politiker gut wĂ€re, und mag mir das gar nicht vorstellen. Ich glaube, das wĂŒrde nicht gut gehen Ich wĂŒrde wahrscheinlich zu viel auf einmal wollen, da wĂŒrde ich zu sehr gegen WĂ€nde rennen, glaube ich.

Deutsche Texte wirken oft peinlich und platt. Wenn man aber mit der deutschen Sprache umgehen kann, wie Du und z.B. Herbert Grönemeyer, wird Poesie daraus. Wie entscheidest Du, ob ein Heppner Song in englischer oder deutscher Sprache verfasst wird?

Das ist die Frage die ich so eigentlich nicht beantworten kann. Ich entscheide das ganz aus dem Bauch heraus, denn ich fange ja in der Regel mit der Musik an. Das habe ich jetzt auch so mit der letzten Platte gemacht, erst haben wir die Musik zusammen geschrieben und danach nehme ich das und fange an, die GesĂ€nge dazu zu kombinieren – also die Gesangslinien – und dabei fange ich auch schon an, die ersten Texte hinein zu legen. Dabei entstehen schon die ersten Textfragmente. Hier entscheidet sich dann auch, ob ein Lied Deutsch oder Englisch wird. Das mache ich nicht bewusst. Das ist schon so eine Sache, die aus dem Bauch heraus kommt und ich vermute mal, dass das so ein bisschen davon abhĂ€ngt, welche Sprachmelodie zu der Musik, die ich da gerade habe, passender ist. Das ist eine Instinktentscheidung, eine Bauchentscheidung. So ein Gesang hat ja auch so eine Rhythmik, eine Sprache hat ja auch eine Melodie und das muss natĂŒrlich dann auch passen. Dann muss ich auch das GefĂŒhl haben, das passt jetzt aber gut zusammen und natĂŒrlich kommt dann auch noch ganz stark der Inhalt dazu. Wenn ich das, was ich so anfange, wĂ€hrend ich die Gesangsmelodien schreibe, stark genug finde, mach ich natĂŒrlich weiter. Dass die deutsche Sprache sehr schnell plump klingen kann, da hast Du ein großes, weises und wahres Wort gesprochen, denn das ist eines der grĂ¶ĂŸten Probleme bei deutschen Texten, weswegen es bei mir auch endlos dauert, bis diese Texte endlich fertig sind. Ich sitze dann da und probiere aus. Meist wird knapp 90% aussortiert, weil es so plump klingt und wenn es dann nicht mehr so klingt, weiß ich dass ich auf den richtigen Weg bin. So entscheiden sich – denke ich – auch andere KĂŒnstler und dann gibt es wieder Leute, denen es völlig egal ist. Sie denken sich: der Sinn ist okay und irgendwie reimt es sich auch und dann ist es ja gut. Aber das ist halt bei Leuten wie mir, oder auch Grönemeyer und Marianne Rosenberg, die die deutsche Sprache ja auch sehr schön nutzen, super. Da gibt es so einige, die das sehr gut können, die mit der deutschen Sprache sehr gut umgehen können. Es ist aber auch sehr arbeitsintensiv, das kann ich Dir aus eigener Erfahrung sagen und es dauert deshalb auch sehr lange deutsche Texte zu machen. Im Vergleich zum Englischen klingen einfach Sachen schneller gut, weil die Sprache halt danach ist, sie hat eine gefĂ€lligere Melodie, passt auch sehr viel besser zu Pop Musik, weil es auch viel weniger lange Worte gibt. Die meisten englischen Wörter sind ein- oder zweisilbig und im Deutschen fangen ab drei Silben ĂŒberhaupt erst interessante Worte an. Das ist eine ganz andere Art und Weise, wie man mit den Sprachen umgehen kann. Im Deutschen ist es echt ein gutes StĂŒck Arbeit, bis es soweit ist.


Hast Du vielleicht auch mal die Idee gehabt, einen Song z.B. auf Französisch zu singen?

Ja, doch, aber dafĂŒr kann ich die Sprache nicht gut genug.


Dann hast Du wahrscheinlich so einen hohen Anspruch, dass Du es wegen der Aussprache dann lieber sein lÀsst?

Das hat weniger mit der Aussprache zu tun, das kann ich schon, ich habe ein paar Jahre Französisch gehabt. Das ist beim Französischen ja das Tolle: da weiß man genau, wie alles ausgesprochen wird. Ich möchte dennoch auch eine Sprache inhaltlich besser beherrschen. Ich habe ein paar Freunde, die sehr gut Französisch sprechen und ich habe schon sehr lange den Plan gehabt, etwas in dieser Sprache zu machen, aber dann muss ich auch mit jemanden sehr eng daran arbeiten können. Das heißt, ich muss mich mit demjenigen sehr gut verstehen, weil er ja dann meine Textarbeit ĂŒbernehmen mĂŒsste und dem mĂŒsste ich auch glauben, dass er das gut macht. Deswegen kann es nicht irgendein Franzose sein, mit dem ich das mache. Aber ich habe zwei drei wirklich enge Freunde und wir haben das Projekt, mal einen Song auf Französisch zu machen ins Auge gefasst.


Vielleicht können wir uns ja bald darauf freuen, ich fÀnde es sehr interessant.

Auf jeden Fall.


Wie kam es zum ungewöhnlichen Duett mit Marianne Rosenberg? Ein Promogag oder wolltest Du das immer schon mal machen?

Jein. Also immer schon mal machen kann ich jetzt so nicht sagen, aber ich fand Marianne eigentlich schon immer gut. Zuerst natĂŒrlich als kleines Kind, da war ich ja noch selber klein, als sie schon angefangen hat Musik zu machen. Als Kind habe ich teilweise auf ganz fĂŒrchterliche Sachen gestanden, aber ich fand auch Marianne Rosenberg gut, deswegen kenne ich was sie macht schon sehr lange. Was ich dann sehr interessant fand, dass sie ja irgendwann mal komplett dieser „Deutsch Pop“ Schiene zugeordnet wurde, einige haben es auch Schlager genannt, was ich eigentlich gar nicht so finde. Es gab da schon Unterschiede zwischen dem, was Marianne gemacht hat oder Udo JĂŒrgens oder Alexandra im Gegensatz zum ĂŒblichen Deutschen Schlager. Ich finde, das ist nicht ein und dasselbe, das nenne ich dann doch eher deutsche Popmusik, was Marianne gemacht hat. Das hat sie ja irgendwann mal komplett verĂ€ndert und macht nun seit ungefĂ€hr 20 Jahren oder lĂ€nger ganz andere Musik, sehr interessante Sachen. Das ist nicht so bekannt und hat auch nicht so die Charterfolge, wie die Sachen, die sie damals gemacht hat. Es ist aber sehr kĂŒnstlerisch und hat auch einen sehr hohen Anspruch. Ich weiß nicht, ob Du die letzte CD von Marianne gehört hast?

Nein, leider noch nicht.

Die letzte Platte ist von Dirk Riegner produziert.


Ah, da schließt sich also der Kreis. Hat er euch zusammen gebracht?

Genau. Dadurch haben wir uns dann kennengelernt. Ich kann nicht sagen, dass ich ein Marianne Rosenberg Fan war, das jetzt nicht, aber ich habe es immer mit großem Interesse verfolgt, was sie gemacht hat. Als ich dann von Dirk erfahren habe, dass er mit ihr zusammenarbeitet, habe ich mir gedacht, das wĂ€re klasse, wenn wir uns mal kennenlernen könnten und das haben wir dann eben auch gemacht und haben gleich beschlossen: wenn es dann mal passt, dann mĂŒssen wir unbedingt mal was zusammen machen. Das blieb dann erst mal eine ganze Weile so, weil entweder bei ihr oder mir etwas dazwischenkam, oder es passte irgendwie nicht oder war nicht das richtige Lied. So ging es dann zwei bis drei Jahre weiter, doch dann war es so, dass Marianne die letzte Platte heraus gebracht hatte und ich fand gerade dieses eine StĂŒck „Genau Entgegengesetzt“ extrem gut und habe das ehrlich gesagt den ganzen Tag „auf repeat“ gehabt, weil ich das so klasse fand und dann hat mich ausgerechnet Marianne nach dem StĂŒck gefragt und mich durch Dirk fragen lassen, ob ich nicht bei dem StĂŒck mitsingen wollte. Damit hat sie mich ehrlich gesagt erwischt, denn das StĂŒck fand ich so klasse, da wĂ€re es mir echt eine Ehre mitzusingen und ja dann haben wir es gemacht. Es ist daher auch kein Promogag,und nachdem wir zunĂ€chst mal eine Verwendungsmöglichkeit fĂŒr dieses StĂŒck gesucht haben, habe ich dann gesagt: „aber auf die Zusatz CD muss es aber dann drauf. Ich habe jetzt keine Lust noch ein Jahr zu warten, bis es endlich herauskommt.“.


Irgendwann möchte man auch, dass das das Kind endlich geboren wird.

Ja, genau (lacht), Marianne war dann auch direkt Feuer und Flamme und hat gesagt: klar, machen wir. Es hat viel Spaß gemacht und ehrlich gesagt musste ich dann erst noch einmal ein, zwei Wochen lang sehr intensiv das Singen ĂŒben, weil ja Marianne doch auf sehr hohen Niveau singt, und ich wollte da nicht irgendwie abstinken. (lacht) Aber so etwas ist ja gut, denn es fordert einen auch heraus.


Das ist bestimmt spannend.

Ja, das hat mir auch fĂŒr meine Platte wunderbar geholfen.


Wie entsteht heutzutage ein Heppner Song? Setzt Du Dich mit Lothar und Dirk zusammen, ihr tauscht Harmonien aus, Du hast vielleicht schon eine Gesangslinie fĂŒr die Songs…?

Ja, das ist so ein Geben und Nehmen, ich stehe ja immer so ein bisschen auf dem Standpunkt, wenn man mit Leuten zusammen arbeitet, macht es keinen Sinn, wenn man ihnen jeden Ton vorschreibt, weil dann kann man es ja gleich alleine machen und ich könnte es auch, weil ich schon lange genug Musik mache. NatĂŒrlich könnte ich mich auch selber hinsetzen und komponieren, aber das ist ja gar nicht das, was ich möchte. Ich möchte ja auch gerne mit anderen Leuten zusammen arbeiten, neue Sachen finden und es macht sehr viel mehr Sinn, wenn man es mit andern Leuten zusammen macht. Ich habe mit Dirk und Lothar zusammen gesessen und wir haben dann angefangen -und wenn mir etwas gefallen hat, dann habe ich gesagt: „ach das hört sich ja gut an“. Dann haben wir daran weitergearbeitet oder haben zwei bis drei Stunden jeder so fĂŒr sich was gemacht. Ich kam dann wieder dazu, habe meinen Kommentar dazu abgegeben oder habe mal eine Melodie dazu gesungen und dann gesagt: „so könnte das eventuell weitergehen“. Das ist ja immer ganz praktisch als SĂ€nger, da kann man ja auch so mal was dazu singen, ohne erst die Noten dazu zu suchen. Die beiden haben das quasi dann entsprechend umgesetzt. Es variierte auch, weil wir das in verschiedenen Situationen gemacht haben. Einmal haben wir zwei Wochen lang im Probenraum komponiert, da haben wir von morgens bis abends zusammengehangen und an den Sachen gearbeitet, teilweise auch hier bei mir in Hamburg. Da haben sie teilweise auch ganz fĂŒr sich gearbeitet und ich bin nur ab und zu mal dazugekommen oder dann abends lĂ€nger, weil ich teilweise auch tagsĂŒber BĂŒroarbeiten machen musste oder Ă€hnliches. Also das Schreiben der Songs unterschied sich schon, aber in Grunde genommen haben wir das mehr oder weniger zusammen gemacht, was auch ganz gut ist. Da konnte ich schon relativ frĂŒh bereits Einfluss nehmen und daneben auch so ein wenig steuern und eingreifen bei Dingen, wenn ich gemerkt habe, dass sich das dann in eine Richtung entwickelt, die etwas schwieriger wĂ€re was meinen Gesang angeht. Es hat sehr gut funktioniert und das macht Musikmachen im Team auch aus. Das heißt nicht unbedingt, dass man jede Minute aufeinander gluckt und jeder bei jedem etwas zu den Tönen sagt, die er macht. Man muss ja auch fĂŒr sich selbst erst einmal ein paar Sachen ausarbeiten und ĂŒber Dinge klar werden. Es macht auch viel mehr Sinn, sich eine Zeit lang auch mal alleine zu beschĂ€ftigen und erst wieder zusammenzukommen, wenn Dinge zu besprechen sind.


Werden Lothar Manteuffel und Dirk Riegert Dich auch bei der diesjÀhrigen Tour begleiten?

Das ist noch nicht so ganz sicher. Das hÀngt auch von deren TerminplÀnen ab. Geplant ist das schon, aber ob es genauso wieder hinhaut, muss man mal sehen.


Eine Heppner Performance gleicht eher einem klassischen Konzert, denn einer Rockshow. Wird man Dich irgendwann mal ĂŒber die BĂŒhne tanzen sehen?

Ist schon passiert (lacht), doch bei den meisten Sachen, die ich mache, ist das relativ unpassend und dazu kommt auch noch, dass ich mich fĂŒr das, was ich da mache sehr konzentrieren muss und da lenkt mich solch eine Tanzeinlage meistens sehr ab. Das heißt, ich bewege mich ein wenig mehr oder tanze ein bisschen und der nĂ€chste Satz kommt nicht, weil ich einfach draußen bin oder Ă€hnliches und das sind so Dinge, wo ich sage, wir sind ja alle da, weil wir schöne Konzerte haben wollen und dann mach ich eben alles das, was ein Konzert von mir gut macht und das heißt dann eben leider nicht, dass ich da noch den Hampelmann machen kann. Dann steh ich lieber etwas ruhiger da und singe besser und sicherer und wir alle können das Konzert besser genießen, aber getanzt habe ich natĂŒrlich auch schon. Aber dazu muss man auch als Zuschauer ein wenig beitragen. Wenn die Stimmung ĂŒberschwappt, bin auch ich nicht immun dagegen.


Jeder SĂ€nger hat seine eigenen Tricks, seine Stimme fit zu halten, wie machst Du das? Lebst Du gesund?

Ich könnte eine Reihe von Mittelchen aufzĂ€hlen, die ich auch tatsĂ€chlich nehme, weil die sehr gut sind. Aber das wĂ€re jetzt Schleichwerbung, wenn ich die nennen wĂŒrde, aber es gibt da das eine oder anderen KrĂ€uterbonbon oder Ă€hnliches, das sehr gut wirkt. Aber das Beste, was man tun kann ist, zwischenzeitlich auch mal die Stimme zu schonen. Also zwischen den Auftritten und bei mir ist es so, dass wir in der Regel nur in AusnahmefĂ€llen mehr als drei Konzerte hintereinander machen, weil ich den vierten Tag brauche, um die Stimme wieder auszuruhen. Das haut nicht anders hin und deshalb ist es immer so: drei Tage auftreten, einen Tag Pause. In absoluten AusnahmefĂ€llen auch mal vier Tage hintereinander, aber dann brauche ich spĂ€testens eine Pause. Sonst kann man den Rest der Tour vergessen.


In "Give Us What We Need (Truth Is Not The Key)" vertrittst Du scheinbar die PrĂ€misse, dass die Wahrheit nicht immer das Richtige ist. BelĂŒgst Du Dich selber oft und wie fĂŒhlst Du Dich dabei?

Ähm, belĂŒgst Du Dich nie?


Doch, natĂŒrlich.

Ich wollte gerade sagen, dann kannst Du Dir die Frage selber beantworten (lacht). Mir ging es ein bisschen auf den Keks, dass Leute immer sagen: ich will die Wahrheit, die volle Wahrheit, die ganze Wahrheit. Das Problem fĂ€ngt ja schon damit an, dass man die Wahrheit auch ertragen und damit auch leben können muss. Oft wissen die Leute, wenn sie sagen sie wollen die Wahrheit gar nicht genau, wonach sie eigentlich fragen. Ob es wirklich die Wahrheit ist, davon gibt es so viele, wie es Menschen auf der Welt gibt. Wollen sie die RealitĂ€t? Da kommen wir so in einem Bereich, denn die kennen wir oft gar nicht. Oder wollen sie Wahrhaftigkeit? Das ist schon wieder etwas ganz anderes. So wird mit dem Wörtchen Wahrheit doch schon oft sehr schludrig umgegangen. Das ist so ein bisschen der Antrieb zu diesem Lied gewesen. Und das ist ja auch tatsĂ€chlich so. Ich meine, ich will ja auch nicht immer die Wahrheit hören, will sie auch gar nicht immer wissen. An vielen Stellen natĂŒrlich: na klar! Das soll nicht dafĂŒr plĂ€dieren, dass man stĂ€ndig alle belĂŒgen sollte oder Ă€hnliches. Es geht eher in dem Lied darum, dass man sich darĂŒber klar werden sollte, was man eigentlich wirklich will und nicht einfach mit Floskeln um sich schlagen, nach dem Motto: ich will aber die ganze Wahrheit hören. Damit macht man es sich zu einfach.


"God Smoked" ist ein sehr interessanter Track auf dem Album: in den Strophen dĂŒster und eng, fast funky mit einer Prise „Kraftwerk“, bevor sich der Chorus wunderbar öffnet und Platz macht fĂŒr eine positive Stimmung. War die Idee bereits in der Demoversion vorhanden, oder entsteht so etwas eher im Studio beim Arrangieren der Songs?

Nein, das hat der Song von vornherein gehabt. Man muss ja auch sagen, dass ich den Track mit Dirk zusammen geschrieben habe, der ja auch sehr viel produziert. Der Song war im Demostadium schon relativ weit gediehen. Wir haben dann noch in der Produktion viele Dinge unterstrichen, noch weiter ausgearbeitet und Ă€hnliches. Es ist schön, wenn du sehr fortgeschrittene Demos hast, denn du weißt dann eigentlich schon ziemlich genau, was Du in der Produktion noch zu machen hast. Wenn Du sehr wenig ausgearbeitete Playbacks oder Demos hast, kann alles Mögliche in der Produktion passieren. Das war aber dieses Mal nicht der Fall, weil Dirk immer das Arrangement schon sehr weit ausarbeitet. Daher waren die beiden auch als Koproduzenten mit dabei. Man mĂŒsste sie eigentlich Vorproduzenten nennen, weil sie ja schon vorher viel ausgearbeitet haben. Das heißt, da hat sich grundsĂ€tzlich nicht mehr viel geĂ€ndert in der Produktion. Wie gesagt, haben wir natĂŒrlich noch viel gemacht, wir haben vier Monate lang an den StĂŒcken in der Hauptproduktion gearbeitet, da ist schon noch ganz schön viel passiert, aber nicht mehr an den grundsĂ€tzlichen Dingen, wie Du sie eben beschrieben hast .


Auf Deinem ersten Album "Solo" konnte man StĂŒcke wie „Vorbei“, „I Hate You“ und „Das geht vorbei…“ hören, die stark nach "Abrechnung" oder "Verarbeitung" Deiner Erlebnisse mit "Wolfsheim" klangen.

Hat auch bestimmt viel damit zu tun gehabt (lacht).


Ich hatte beim Hören direkt daran gedacht, dass die Titel darauf gemĂŒnzt sind.

GemĂŒnzt war es nicht, das wollte ich so gar nicht, ich habe das interessanterweise eigentlich eher vermeiden wollen. Heute staune ich darĂŒber, wie ich solche StĂŒcke schreiben konnte, wĂ€hrend ich es ja doch vermeiden wollte, aber das ist eben so im Leben (lacht). Ich wollte eigentlich ganz unabhĂ€ngig von den Problemen meine Platte machen, deswegen habe ich es ja auch ganz anders gemacht, als ich zum Beispiel bei Wolfsheim gearbeitet hatte. Ich habe das ja so gemacht, wie ich das eigentlich nur bei Nebenprojekten gemacht habe. Ich habe mir auch fĂŒr die erste Soloplatte mehr oder weniger erst die Demos zuschicken lassen und dann damit weitergearbeitet. Das hat wie ich finde aber nicht so gut geklappt. Deswegen hab ich es jetzt auch ein wenig anders machen wollen. Obwohl ich sagen muss, die Zusammenarbeit mit Dirk und Lothar hatte nicht von vornherein das Ziel, die nĂ€chste Heppner Platte zu machen. Wir haben uns wirklich zusammengesetzt und gedacht, wir kennen uns schon so lange, schließlich bin ich mit beiden schon deutlich ĂŒber zehn Jahre befreundet, und wir haben immer gesagt, wir sollten doch irgendwie mal Musik zusammen machen. Wir sind nun schon live zusammen aufgetreten und sagten uns: jetzt muss es aber auch doch mal sein, lass es uns endlich mal versuchen. Einfach mal gucken, wie es sich dann anhört, wenn wir zusammen Musik machen. Was wir damit machen, können wir uns ja hinterher immer noch ĂŒberlegen und so haben wir es ja dann auch gemacht.


Um nochmal auf das Thema „Wolfsheim“ zurĂŒckzukommen, wenn einem als KĂŒnstler irgendwelche Sachen beschĂ€ftigen, dann muss man sie herauslassen, sonst platzt man.

Ja, die kommen natĂŒrlich durch. Aber man darf das nicht verwechseln: in der Zeit damals sind auch Sachen passiert, auch in meinem Privatleben, die ĂŒberhaupt nichts mit Wolfsheim zu tun hatten, die auch fĂŒr das eine oder andere QuĂ€ntchen dieser StĂŒcke verantwortlich sind. Einfach nur zu sagen: das ist eine Abrechnung mit Wolfsheim, das wĂŒrde ich nicht tun. Das stimmt auch so nicht. Es hat mehr abgefĂ€rbt, als ich wollte. Aber jetzt einen Song zu nehmen wie „Es ist vorbei“ und zu glauben, das singe ich zu Markus (Markus Reinhardt , MitbegrĂŒnder der Band „Wolfsheim“, Anm. d. Verf.) wĂŒrde mir in diesem Ausmaß nicht aus Versehen passieren. Hierzu also ein klares „Nein“! Das hat einfach einen anderen AufhĂ€nger gehabt. Dass Wolfsheim fĂŒr meine Grundstimmung eine Rolle gespielt hat und das sich die Stimmung vielleicht mehr auf das Album ausgewirkt hat, als es sonst vielleicht der Fall gewesen wĂ€re, das mag sein. Man darf aber auf gar keinen Fall den Fehler machen, zu glauben, ich hĂ€tte ganz gezielt einzelne Lieder fĂŒr diesen Konflikt geschrieben.


"Alles klar – Lied fĂŒr WettkĂ€mpfe" klingt eher wie ein "Fußball Song" denn wie ein typischer Heppner Track. Wird der Song endlich Xavier Naidoos "Dieser Weg" als Durchhaltesong fĂŒr die deutsche Nationalmannschaft ablösen? Welche Intention steckt dahinter?

(Lacht) Diese Intension nicht. Ich sag Dir jetzt einmal, wie es dazu kam: Ich hatte mich schon ein paar Mal mit Dirk und Lothar getroffen, wir hatten viele Lieder zusammen geschrieben, aber ich merkte: oh Gott, wir hatten viele langsame StĂŒcke. Eigentlich zu viele, wenn wir vielleicht eine LP daraus machen wollen. Ganz gleich ob nun fĂŒr mich als Peter Heppner oder als Band bzw. Projekt, wir brĂ€uchten auf jeden Fall ein paar schnellere StĂŒcke. Also hab ich dann beim nĂ€chsten Treffen zu den beiden Jungs gesagt: los kommt, lasst uns mal paar schnellere StĂŒcke machen. Also bei dieser Session nur 120 BPM und mehr. Und das haben wir dann auch gemacht und dabei kam dann u.a. dieses StĂŒck heraus. Und so war ich da jetzt mit den Geistern, die ich rief und hatte nun dieses StĂŒck und fand das richtig klasse, aber wusste um Himmels Willen nicht, was ich denn jetzt dazu singen sollte (lacht). Ich habe ehrlich gesagt zwei bis drei Wochen drĂŒber nachdenken mĂŒssen, bevor ich dann auf die Idee kam: naja gut, wenn man daraus so eine Sport Hymne macht, dann kann ich mir das vorstellen. Dann hab ich angefangen, daran zu arbeiten. Der Text sollte auch nicht doof und plump wirken und ich wollte auch einen Text schreiben, den ich immer noch gut finde, wenn ich nicht 2.0 Promille habe. Und dann habe ich mich angestrengt, habe versucht, das richtige Thema zu finden, den richtigen Standpunkt, es kĂŒnstlerisch so gut machen zu können und ich finde, es ist mir am Ende auch gut gelungen. Nun ist aber das das ganze letzte Jahr passiert und – na klar – ist mir dann auch aufgefallen, dass wir dieses Jahr zwei große Sportereignisse haben und dass es natĂŒrlich nicht gerade unpassend wĂ€re, wenn man zu diesem Zeitpunkt das Lied parat hat. Aber das war nicht die Intention: „hey, wir haben ja bald EM und wir machen jetzt einen Song darĂŒber.“.


Es lockert auf jeden Fall das Album auf. Ich habe es als eine Art Experiment empfunden und denke, auf einem Album kann man das wunderbar bringen.

Ich hab es dann auch als Bonus Track genommen, weil ich ehrlich gesagt auch keinen Ort gefunden habe im Album, wo es hĂ€tte passen können. Das ist eigentlich noch besser, dann ist das so ein bisschen getrennt vom Album und ganz klar ein Bonus Track. Und als Experiment, wie Du so schön sagst, finde ich das auch klasse und nach wie vor richtig geil – also mir gefĂ€llt es auch.


Das Interview fĂŒhrte Frank Stienen im Mai 2012 mit Peter Heppner

Redaktion: Kerstin Wurzel

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