Morrissey – Years Of Refusal

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Morrissey – Years Of Refusal

Morrissey - Years Of Refusal

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin bereits seit den Achtziger Jahren ein ausgesprochener Fan von Morrissey und seiner damaligen Band The Smiths und insofern ist ein neues Album des Meisters natürlich immer etwas ganz Besonderes für mich. Allerdings bringt dieses auch mit sich, dass ich beim Thema "Morrissey" vorbelastet bin, was sowohl gut, als auch schlecht für die jeweilige Scheibe sein kann. Mag es auch den meisten Künstlern wohl nie vergönnt sein, Alben von der Güte eines "Ringleader Of The Tormentors" oder "You Are The Quarry" zu veröffentlichen, so war ich trotzdem von diesen beiden letzten Morrissey Alben enttäuscht worden. Die Messlatte liegt hier einfach besonders hoch und beide Longplayer konnten diese Erwartungen einfach nicht voll erfüllen. Es stand daher für mich sofort fest, dass diese Kritik kein Schnellschuss werden sollte, sondern ich dem Album zunächst eine gewisse Zeit zum Reifen geben wollte, denn gerade bei Morrissey liegt des Teufels Seele meist im Detail. Und mit dieser Einstellung lag ich, wie nach einigen Hördurchgängen feststand, genau richtig, denn wie viele seiner vorherigen Alben braucht auch "Years Of Refusal" eine gewisse Zeit, um voll durchzustarten und seine Klasse komplett zu entfalten. Hatte mich das Album nach dem ersten Durchgang noch verwirrt zurück gelassen und mein inneres Meinungsbarometer den Weg nach unten angetreten, so stieg dieses von Mal zu Mal weiter an. Zunächst als Flop gehandelt, kann man schon jetzt sagen, dass "Years Of Refusal" eine deutliche Steigerung zu seinen Vorgängern darstellt und durch seine "uneinheitliche" Einheit zu überzeugen weiß. Große Hits für die Ewigkeit sucht man hier vermutlich vergeblich, aber das Level auf dem sich Morrissey heute bewegt, ist durchweg angenehm und Potential weiter nach oben ist noch vorhanden.

Über das neue Albumcover, auf dem Morrissey ein Baby in seinem Arm hält, welches in bester Harry Potter Manier einen Schmetterling auf der Stirn trägt, ist bereits vielfach diskutiert worden. Daher widmen wir uns gleich dem Wichtigen, nämlich der Musik und ihren Texten. Das neue Werk beginnt überraschend rockig, denn "Something Is Squeezing My Skull" geht sofort nach vorne und gibt dem Hörer keine Chance der Akklimatisierung. Produzent Jerry Finn, der schon "You Are The Quarry" produzierte und leider kurz nach den aktuellen Albumaufnahmen an einer Gehirnblutung verstarb, hat hier ganze Arbeit geleistet und lässt noch einmal die Muskeln seiner Rockvergangenheit spielen. Der Song erinnert an Zeiten von "Bona Drag" oder "Your Arsenal" und gibt damit gleich eine der Stärken von "Years Of Refusal" preis: Beim Hören des Albums fühlt man sich nach einiger Zeit wie bei einem Klassentreffen mit alten Bekannten. Zwar hat sich das Rad der Zeit weitergedreht und die Songs wirken frisch und voller neuer Energie, aber trotzdem scheinen aus ihnen immer wieder bekannte Charakterzüge hervor, so dass man sich zu Hause und geborgen fühlen kann. Diese zeitweise Rückbesinnung auf alte Stärken bringt auch eine weitere Veränderung mit sich und zwar hat sich Morrisseys Gesangsstil leicht verändert. Hatte er diesen zuletzt von Album zu Album immer weiter vom künstlerischen Aspekt her perfektioniert, wird dieser nun von einigen höheren Spitzen wie zu altehrwürdigen Smiths-Zeiten unterbrochen.

Ein ungewöhnlicher Song ist "Black Cloud", der, wie der Titel bereits andeutet, recht düster daher kommt und wieder vielerlei Interpretationen zulässt. "I can chase you and I can catch you, but there is nothing I can do to make you mine" singt er und angesichts der Tatsache, dass Morrisseys damaliges Haus in Los Angeles über Jahre hinweg ständige Fan-Präsenz genoss, drängt sich mir der Verdacht auf, dass hier auch das Verhältnis Fan <-> Star thematisiert wird, mit dem Ergebnis, dass es keine Rolle spielt was man tut, das Idol wird einem nie ganz gehören können. Aber natürlich ist das nur einer der möglichen Ansätze, denn der ehemalige The Smiths Frontman versteht es wohl wie kein Zweiter, seine Lyrics wage genug zu halten, ohne jedoch an Schärfe einzubüßen. Die parallel zum Album veröffentlichte Single "I’m Throwing My Arms Around Paris" hätte mit ihrem stimmungsvollen Background auch gut auf "Vauxhall And I" oder gar "Kill Uncle" erscheinen können. Auch dieser Song benötigt eine gewisse "Eingewöhnungzeit" und erscheint zunächst als ungünstige Singleauswahl, doch verliebt man sich nach und nach immer mehr in die Melodie und verspürt den Drang, die französische Hauptstadt (mal wieder) zu besuchen um Morrisseys Faszination nachzuempfinden.

Beim schon auf dem letzten Greatest Hits Album enthaltenen "All You Need Is Me" geht es um eine Art Hassliebe, bei der sich so manches was man vordergründig zu hassen vorgibt, als eine Art eigenes Lebenselixier entpuppt. Der Song endet mit der Zeile "You don’t like me but you love me, either way, you’re wrong, you’re gonna miss me when I’m gone", die wie so vieles autobiographisch zu verstehen sein könnte. Denn auch Morrissey ist seit jeher der hassgeliebte Star der Medien. Auch scheint hier eine erste Anspielung auf einen möglichen Rücktritt des Briten durch, aber das ist man von ihm ja bereits gewohnt.

Ein interessanter Mariachi-Bläsereinsatz ist das tragende Element in "When Last I Spoke To Carol", mit dem Morrissey seinem früheren Wohnort Los Angeles (gerüchteweise wohnt er derzeit in Rom) und dessen hispanischer Bevölkerung Tribut zollt. Es folgt die bereits einige Monate vorab veröffentlichte Single "That’s How People Grow Up", eigentlich der perfekte Popsong, wäre da nicht dieser leicht nervende Melodiebogen im Refrain, der an der Reinheit des Tracks kratzt. Das mag in vielen Fällen einem Song die nötigen Ecken und Kanten verleihen, aber hier zahlt es sich irgendwie nicht aus und meine Empfindungen zum Song schwanken somit ständig zwischen gut gemacht und nervend. Schade eigentlich, denn "That’s How People Grow Up" hätte wohl am ehesten das Zeug zu einer neuen Morrissey Hymne gehabt, im Ohr bleiben tut es allemal.

"One Day Goodbye Will Be Farewell‘ ist ein thematisch eigentlich traurig angelegter Song, den man -wenn man Morrisseys ironische Art berücksichtigt- auch als weiteres Spielen mit seinem Karriereende verstehen kann, zumal mich die den Song beschließende Wendung "so grab me while we still have the time" an das Ende von "Disappointed" vom "Bona Drag" Album erinnert.

Ein letzter Track, auf den ich im Speziellen eingehen möchte ist "You Were Good In Your Time". Denn hier zieht Morrissey textlich noch einmal alle Register und man muss ihn schon für seine selbstironische Art bewundern. Textzeilen wie "You made me feel less alone, you made me feel not quite so deformed, uninformed and hunchbacked" oder "You said more in one day than most people say in a lifetime, it was our time" sprechen vielen Fans der Smiths aus der Seele und passen auf Morrissey, wie auf sonst kaum einen anderen Künstler. Durch den Songtitel wirft er sich allerdings quasi selbst vor, dass seine Zeit abgelaufen ist und legt sich seinen eigenen Rücktritt nahe, womit wir eine weitere Andeutung eines Abschieds vorliegen hätten, was mich zu meinem Fazit bringt:

Morrissey ist zurück und beweist auf "Years Of Refusal" endlich wieder den in letzter Zeit etwas vermissten Biss. Textlich knüpft er an seine Hochzeiten an und auch musikalisch strahlt das Album nach den eher mäßigen beiden letzten Alben wieder mehr Glanz aus und ist gespickt mit Reminiszenzen an alte Werke des Meisters, quasi eine Art Zwischenfazit anlässlich seines bevorstehenden 50. Geburtstag im Mai diesen Jahres. Hoffentlich ist dies aber nicht doch der seit Jahren befürchtete Schlussstrich, textliche Anlässe für eine solche Annahme gibt es auch auf diesem Album (leider) wieder zur Genüge. Doch wäre ein Ende wirklich ein herber Verlust für die Musikwelt und eine fahrlässige Verschwendung von Talent. Goodbye, but not farewell Morrissey!

Im Juni kommt Morrissey übrigens für vier Termine live nach Deutschland. Wer seinen Sommerurlaub in diesem Jahr für den Frühsommer geplant hat, wird wohl umbuchen müssen, es stehen Pflichttermine an… !


Tracklist:
01. Something Is Squeezing My Skull
02. Mama Lay Softly On The Riverbed
03. Black Cloud
04. I?m Throwing My Arms Around Paris
05. All You Need Is Me
06. When I Last Spoke To Carol
07. That?s How People Grow Up
08. One Day Goodbye Will Be Farewell
09. It?s Not Your Birthday Anymore
10. You Were Good In Your Time
11. Sorry Doesn?t Help
12. I?m OK By Myself

Bewertung : 8,5 / 10 Punkte

Autor : Michael Gamon

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