JENS LEKMAN – Frankfurt, Mousonturm (24.02.2008)

GeschÀtzte Lesezeit: 6 Minute(n)
Konzert: Jens Lekman
Ort: Mousonturm, Frankfurt
Datum: 24.02.2008
Zuschauer: gut 3/4 voll

Frankfurt ist eine Stadt, die mich früher nie gereizt hat; weder Einkaufen noch Weggehen sind da verlockender als in Köln, von Stadionbesuchen ganz zu schweigen. Allerdings wurde mir gestern auf der Fahrt an den Main klar, daß ich in Frankfurt noch nie ein schlechtes Konzert gesehen habe. Es waren zwar insgesamt noch nicht furchtbar viele, die dann aber alle sehr gut. Auch gefallen mir alle Clubs und Säle, die ich kenne, ausgezeichnet, das niedliche Cooky’s, das lustige Bett oder der für Konzerte perfekte Mousonturm. So war ich auch nicht furchtbar traurig, daß ich Jens Lekman nicht wie ursprünglich geplant in Köln sehen konnte, sondern nach Frankfurt ausweichen mußte, da am kommenden Samstag Rock im Saal mit Los Campesinos!, den Kilians und Kula Shaker in Haldern stattfindet und das wegen der Waliser bei mir gesetzt ist.

Gesehen hatte ich Jens Lekman vorher noch nicht, weil ich seine Platten aber sehr schätze (trotz des – Zitat Oliver – hohen Zuckergehalts), wollte ich ihn nicht noch einmal verpassen. Zunächst aber eröffnete eine für mich unbekannte Vorgruppe den Abend: Kim Ki O aus Istanbul. Kim Ki O sind zwei junge Frauen, die Synthesizer und Keyboard (Ekin Sanac) und Bass (Berna Gol) spielen. Zwischen den beiden stand ein mit Tisch mit Decke, auf dem sich unter anderem ein knallroter Kassettenrekorder mit Bandfähnchen befand. Die Musikerinnen wirkten ziemlich schüchtern, ihre Musik auch. Mich erinnerte das an Mates of State oder Au revoir Simone, mit weniger Gesang. Die elektronischen Melodien waren nämlich nur selten mit viel Sangesparts unterlegt. Anfangs waren auch beide Stimmen extrem leise, später wurden sie lauter, das wichtigste Element bei der Musik der Türkinnen sind sie aber sicher nicht. Mir hat das, was sie gespielt haben, sehr gefallen, wenn es auf Dauer auch ein wenig vom Reiz einbüßte (sie spielten immerhin 50 Minuten).

Schüchtern waren auch die Ansagen von Ekin und Berna. Bei einem Stück entschuldigten sie sich, daß wir den Text nicht verstehen würden, das Lied sei auf Türkisch. In der Türkei verstünde den aber auch niemand. Aber trotz aller Schüchternheit merkte man den beiden an, wie verzückt sie waren, Jens Lekman zu begleiten. Auf ihrem myspace-Blog schreiben sie: "This is more than a dream, this cannot be happening.." Doch, konnte es. Und gut war es.

Es wurde aber natürlich noch viel besser…

Jens Lekman kam nämlich schon einmal mit einer ausgewachsenen Band auf die Bühne. Er hatte nicht nur eine Schlagzeugerin, einen Bassistin und einen Notebook-, Drumcomputer- und Effekt-Mann dabei, rechts auf der Bühne bauten sich auch eine Cellistin und eine Violinistin auf. Mir fehlte zu meinem Glück eigentlich nur ein Glockenspiel – doch auch da sollte ich noch auf meine Kosten kommen.

Die Streicherinnen gehören vermutlich nicht zum Standardensemble, sie trugen nämlich schon einmal nicht die offiziellen Band-Schuhe. Jens und die anderen drei hatten weiße Lackschuhe an. Um den Hals hatten alle (auch die Streicherinnen) Schlüssel an einem dünnen Bändchen (nein, nicht an solch einem albernen breiten Schlüsselband mit Bier- oder Handywerbung!). Die Schlüssel stammten wohl alle von Schränken oder Möbelschlössern, gehörten sicher nicht zu Zimmern oder Autos und haben mir ihr Geheimnis nicht offenbart.

Das Konzert fing an mit "I’m leaving you because I don’t love you" vom aktuellen Album "Night falls over Kortedala". Live ist der Klang der Lieder des Schweden etwas weniger popig, verliert aber nichts an seinem Charme. Sicher ist manches nicht ganz weit entfernt von Belle & Sebastian, aber vergleichen sollte man das wirklich nicht, das täte beiden unrecht. Jens Lekman ist ein grandioser schwedischer Künstler, der wundervollen Indiepop macht und, wie ich jetzt weiß, fabelhafte Konzerte spielt.

Die ersten beiden Lieder gingen ineinander über und das zweite ("The opposite of Hallelujah") endete mit einem Luftglockenspiel-Solo von Jens. Köstlich!

"Have I ever been to Frankfurt?" "No? That’s what I thought." Er sei in den letzten Jahren durch so viele kleine deutsche Städte getourt, daß er nicht sicher sei, ob er schon mal am Main gewesen wäre. An Frankfurt hätte er sich aber vermutlich erinnert. Das war eine viel größere Ansage als "Frankfurt, seid Ihr gut drauf? Das ist die tollste Stadt für ein Konzert!" und hat Jens Lekman sicher keine Sympathien gekostet.

Und wenn schon, spätestens mit seinem Auftritt hätte er die spielend wieder erobert. Das Set bestand vor allem aus Liedern der letzten beiden Alben. Obwohl die meisten Stücke von "Night falls…" stammten, spielte die Band auch fünf Songs vom Vorgänger "Oh you’re so silent, Jens" und nur eines (natürlich: "You are the light") von "When I said I wanted to be your dog" von 2004. Komplettiert wurde das Programm durch "A little lost" von einer Arthur Russel Tribut-EP und dem wohl unveröffentlichten "New directions" (falls es so heißt).

Neben der wundervollen Musik war das Drumherum so schön! Bei einem Lied tanzten plötzlich alle Musiker auf der Bühne, auch die beiden Kim Ki O Frauen kamen dafür zurück (weit hatten sie es aber nicht, denn sie standen die ganze Zeit am Bühnenrand und tanzten das Konzert durch!), mal pfiff Jens, dann erzähle er trocken die herrliche Geschichte zu "A postcard to Nina", von einem irre langen Bustrip nach Berlin, um da ihre Eltern kennenzulernen, und von einem begeisterten Vater, der ihn ergoogelt hatte und fragte, ob es ihm etwas ausmache, wenn er Jens‘ CD auflege. Nach 50 Minuten bildete "Shirin" (über seine Frisörin, die er einmal im Monat besucht, das Lied spielte Jens schon solo) den Abschluß des regulären Sets. Keine Minute später stand er aber wieder da und gab die ersten beiden Zugaben. Nach "Friday night at the drive-in Bingo" ("the silliest song I’ve ever written but it has a tear in it’s eye, you’ll probably notice") war die Pause dann schon länger. Das Fußstampfen habe ihn zurückkommen lassen, woher wir bloß wüßten, daß er dem nicht widerstehen könne. Die beiden folgenden Lieder ("A little lost" und "Sky phenomenon" spielte der Schwede wieder solo und begleitete sich mit einem komischen Instrument, einer Art Elektrozither oder Elektroglockenspiel (das war es beides nicht, man spielt es eher wie ein Klavier, es hat auch keine durchgängigen Saiten sondern kleine Metalltasten).

Weil auch danach noch niemand gehen wollte (obwohl es für einen Sonntag reichlich spät geworden war), kam Jens Lekman noch einmal und spielte "Pocketful of money". Um zu verdeutlichen, daß danach Schluß sei und er seine Stimme schonen müsse, riß er sich dabei schon ein Stück Klebeband zurecht, mit dem er anschließend seinen Mund verklebte…

Ganz großartig, gar keine Frage! Auch wer Jens Lekmans Platten zu süß (um im Bild zu bleiben) findet, sollte ein Konzert auf alle Fälle genießen!


Setlist:

01: I’m leaving you because I don’t love you
02: The opposite of Hallelujah
03: Black cab
04: It was a strange time in my life
05: Your arms around me
06: New directions
07: You are the light
08: A postcard to Nina
09: Maple leaves
10: Sipping on the sweet nectar
11: Shirin
12: A sweet summer’s night on Hammer Hill (Z)
13: Friday night at the drive-in Bingo (Z)
14: A little lost (Arthur Russell Cover) (Z)
15: Sky phenomenon (Z)
16: Pocketful of money (Z)

Bilder des Konzerts befinden sich auf Christoph’s Flickr-Seite

Autor : Christoph (http://meinzuhausemeinblog.blogspot.com/).

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