Sommer, Sonne, Sonnenschein – und dann ein Gothic-Festival. Es ist die Kombination, die sich viele Anhänger der Schwarzen Szene mal so gar nicht wünschen. In diesem Höllensommer wurden aber auch die 25.000 beim Mera Luna in Hildesheim ordentlich durchgebrutzelt. So richtig viel Schatten gibt es auf dem Gelände des Flugplatz Drispenstedt eben nicht, die stark genutzten Trinkwasserstellen lieferten glücklicherweise konstant ab. Doch nun zur Musik: Das Bühnentreiben eröffneten zur frühen Stunde um 11 (bzw. 11.20 Uhr) Mortes und Beyond Obsession, erstere noch ganz am Anfang der Karriere, zweitere durchaus etabliert. Gesanglich war da sowohl bei den Dark-Wavern auf der Hauptbühne wie auch den Synthpoppern auf der Club Stage aber durchaus Luft nach oben.
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Überzeugender da sicherlich Ambre Vourvahis, Sängerin von Xandria. Die 2022 komplett renovierte Symphonic-Metal-Band um das einzig verbliebene Ur-Mitglied Marco Heubaum nutzte den kurzen 25-Minuten-Slot druckvoll und bestmöglich, um das erst am Vortag erschienene neue Album „Eclipse“ vorzustellen – den Titeltrack gabs als Live-Premiere inklusive. Es folgte weitere stilistische Vielfalt im Schnelldurchlauf: Principe Valiente begeisterten die Frühaufsteher aus der Batcave-Fraktion mit ihrem recht minimalistischen Postpunk, die Newcomer Tabernis erfreuten mit ihrem instrumentalen Tribal-Sounds diejenigen, die es eher mit mittelalterlich-folkigen Klängen halten. Wobei sich beim Anblick des Duos im Imker-Outfit nicht wenige Gäste doch wunderten, was zum Teufel da auf der Bühne gerade los ist.
Deutlich massenkompatibler die ewig solide elektro-rockigen Auger und vor allem Unzucht auf der Mainstage. Die Band mit der wohl kürzesten Anfahrt des gesamten Festivals (die Basis ist Hannover) war ab 13.40 Uhr die erste Band, bei der sich die Hitze so richtig auf dem Infield durchsetzte. Und dann kommen von Sänger Timm Hindorff noch Zwischenansagen wie diese: „Ist euch warm? Wir heizen weiter ein …mit dem Feuerregen!“ Einer von vielen gespielten Songs des gelungenen neuen Albums „Neon Dom“, das auch die letzten Skeptiker von der Stimme und Präsenz des nun nicht mehr ganz so neuen Sängers überzeugen dürfte – so man mit dem deutschsprachigen Dark Rock grundsätzlich etwas anfangen kann. Ein sehr runder Auftritt, dem nur ein, zwei Klassiker der Kategorie „Engel der Vernichtung“ fehlten.
Rüber ging’s zur Club Stage – zu DEN Exoten des Mera Luna 2026. Wohl nur den wenigsten Anwesenden wird der Name M. Walking On The Water ein Begriff gewesen sein. Dabei existiert die Gruppe aus Krefeld schon seit 1985. Fünf Männer gehobenen Alters in weißen Anzügen, die bei Festivals dieser Couleur normalerweise nicht zu sehen sind, präsentierten ihren selbst ernannten „Short-Distance-Psycho-Folk“. Und was soll man sagen? Das war einfach schöne Musik, nah am Indie-Rock, dank Violine und Akkordeon aber auch mit folkigem Charakter. Einige wenige ältere Fans in den vorderen Reihen sangen textsicher mit, viele ließen sich berieseln und applaudierten artig. Die Band um Sänger und Gitarrist Markus Maria Jansen verzichtete quasi komplett auf Zwischenansagen und legte den Fokus auf die Musik. Spaß hatte das Quintett vor nicht ganz typischem Publikum sichtbar. Ein hörenswerter Farbtupfer, den sich Gothic-Festivals öfter mal trauen sollten.
Dann wurde es Zeit für deftigen Electro – es war ja noch nicht heiß genug. Erk Aicrag wirbelte in gewohnter Manier über die Hauptbühne, auf der Club Stage motivierte Tyske-Ludder-Frontmann Claus Albers in bester Animateur-Manier – die Zwischenansagen gingen von „Springt! Springt! Springt!“ über „Hammer! Hammer! Hammer“ bis hin zu „Mann, seht Ihr alle geil aus!“ Zeit für ein entschiedenes Statement gegen Faschismus war aber auch noch – eine Ausnahme an diesem Wochenende. Wer nach Tyske Ludder schnell rüber ging, erlebte erstmal ein klangliches Desaster. Keine Ahnung, was da zu Beginn des Auftritts von Megaherz mit dem Ton los war – Rückkopplungen, wiederkehrende Ausfälle bestimmter Instrumente und das typisch schreckliche Dröhn-Geräusch, wenn ein Kabel nicht so ganz im dafür vorgesehenen Anschluss steckt und Kontakt mit den Kontakten hat, machten zumindest den Auftakt des Sets der Neue-Deutsche-Härte-Pioniere schwer genießbar. Mit zunehmender Spieldauer änderte sich dies glücklicherweise und Fans des typischen Tanzmetall-Sounds durften sich über Hymnen wie „Alles Arschlöcher“, „Jagdzeit“, das unvermeidliche „Miststück“ und gar ein Cover von Falcos „Rock Me Amadeus“ freuen. „Es ist das geilste Festival überhaupt“ , jubilierte Sänger Lex Wohnhaas. Da werden ihm sicherlich viele Fans im Gedanken zugestimmt haben.
So langsam wurde die Hitze bei knapp 30 Grad schwer erträglich. Etwas angenehmer war es an der Club Stage, der runden Überdachung sei Dank. Wir, weitgehend hitzeresistent, blieben aber vor der Mainstage. Dort präsentierten sich Combichrist, zwei Jahre nach einem Oldschool-Electro-Set nun wieder im vollen Band-Line-up vor Ort, viele Stücke des erst zwei Wochen zuvor veröffentlichten Album „The Venom In The Mouth Of God„. Warum Andy LaPlegua den wohl Hit-verdächtigsten Track der Platte namens „Desolation“ nicht spielte, bleibt sein Geheimnis. Brutal fett war es dennoch, was das Quintett ablieferte. „Throat Full Of Glass“, „Get Your Body Beat“ und vor allem „Fuck That Shit“, bei dem in guter alter Manier zahlreiche Mittelfinger in die Luft gereckt wurden, bedienten auch die Fans „who listened to Combichrist before they were Metal“. 😉 Das Wort zum späten Samstagnachmittag von LaPlegua: „It’s fucking hot! You are so fucking hot! „
In der Zwischenzeit präsentierten sich Diorama (mit Helge von Wiegand als Gastmusiker für den erkrankten Felix Marc) und die für den erkrankten Veljanov eingesprungenen The Beauty of Gemina. Da uns auf der Hauptbühne aber ein selten zu sehendes Highlight bevorstand, blieben wir an Ort und Stelle. The Birthday Massacre sind eine dieser Bands, bei denen das Prinzip „Angebot und Nachfrage“ leider nicht der tatsächlichen Präsenz auf deutschen Bühnen entspricht. Wenn die Synthrock-Fraktion aus Toronto mal über den großen Teich kommt, stehen zuallervorderst Shows im UK an – zum Leidwesen der zahlreichen deutschen Fans, die die Kanadier im Durchschnitt nur alle vier bis fünf Jahre zu Gesicht und Gehör bekommen. Umso schöner, dass es nun wieder soweit war und viele Fans TBM-Konzert-typisch immer wieder Herzchen mit ihren Händen in der Luft formten. Mit „Kill The Lights“ und „Red Stars“ vom superben 2007er-Album „Walking With Strangers“ ging es direkt in die Vollen. Schnell fiel auf, dass gerade der Drum-Sound leider gar nicht gut abgemischt wurde. Das klang doch arg übersteuert, bisweilen dumpf – und gemäß mehrerer Kommentare in den Sozialen Medien machte es auch keinen Unterschied, ob man die Show vor der Bühne oder im Arte-Livestream verfolgte. Der Band war kein Vorwurf zu machen. Sängerin Chibi betörte wie gewohnt alle Beteiligten mit ihrer Stimme und ihren ewig niedlichen Gesichtskaspereien, alles klang tight gespielt und die Setlist ließ von frischem Material wie „Sleep Tonight“ über Mittelaltes wie „Under Your Spell“ bis hin zu Klassikern wie „Video Kid“ und den abschließenden „Happy Birthday“ sowie „Blue“ kaum Wünsche offen. Gleichzeitig wünscht man sich für die nahende Deutschland-Tournee im November und Dezember eine besser ausgesteuerte Akustik – wir werden berichten!
Da der Verfasser dieser Zeilen ausgewiesener Fan der nun folgenden Band ist, verharrte er der unnachgiebigen Sonne trotzend an Ort und Stelle – sorry an die Hellectro-Fraktion, die nebenan mit Agonoize und Nachtmahr so richtig auf ihre Kosten kam. White Lies kehrten nach neun Jahren auf das Mera Luna zurück. Im Gegensatz zu 2017, als Sänger Harry McVeigh noch ein graues Schlabbershirt trug, schmissen sich die Briten diesmal richtig in schicke (schwarze) Schale. Anfangs war es bei den Londonern noch recht leer vor der Bühne, mit zunehmender Spieldauer und dem einen oder anderen funkelnden Disco-Hit der Marke „Farewell To The Fairground“ oder „Is My Love Enough“ füllte es sich aber doch sichtbar. Für manch einen wirkten White Lies wie Fremdkörper auf diesem Festival. Ja, diese Gruppe ist sicher deutlich mehr „Indie“ als die meisten anderen, doch die Nähe zu Post-Punk- und Wave-Pionieren ist doch deutlich herauszuhören und qualifiziert White Lies als dunkelbunter Farbtupfer für einen Slot, der auf Festivals dieser musikalischen Couleur normalerweise alle zwei bis drei Jahre an die immer gleichen Acts vergeben wird. Spätestens mit dem Dreierpack vom Debütalbum, bestehend aus „To Lose My Life“, „Death“ und „The Price of Love“, packten die vier Herren das Publikum doch hörbar. Treibend, hymnisch – und sicher auch ein Stück weit düster.
Treibend und hymnisch sind sicher auch Attribute, mit denen man die Musik von In Extremo beschreiben kann. Gerne hätten wir den Auftritt auf dem Mera Luna auch bebildert. Doch aus einem unbekannten Grund war Profi-Fotografie untersagt. Das verstehe wer will, wir verstehen es nicht. Zum Glück die absolute Ausnahme an diesem Wochenende. Musikalisch und in Sachen Performance gab’s nix zu meckern: Jede Menge Hits von „Spielmannsfluch“ über „Troja“, „Liam“ bis „Sternhagelvoll“, jede Menge Pyro und Knalleffekte, jede Menge glückliche Gesichter vor der Bühne. „Wir sind 31 Jahre zusammen und wissen das hier richtig zu schätzen“ , äußerte Sänger Micha Rhein gegen Ende des Sets und fragte im Anschluss „Machen wir nochmal richtig Party?“ Dafür waren „Frei zu sein“ und „Pikse Palve“ zum Abschluss natürlich die passenden Songs.
In Feierstimmung waren die Oldschooler nebenan auf der Club Stage. Front Line Assembly nahmen ihre Fans nochmal mit auf Zeitreise. Es war Teil 2 der im Mai begonnenen Retro-Tour, die ganz im Zeichen der Jahre 1988-1992 steht. Eine Änderung im Vergleich zum Frühjahr gab es: Jon Siren ersetzte an den Drums Eli van Vegas – ein Wechsel, den man hören konnte, so man bereits im Mai live dabei war. Unfassbar fett und peitschend klang das Setup des langhaarigen Tattoo-Freaks, der tags darauf auch noch für seine Stammband IAMX trommeln sollte. Die EBM-Crowd stampfte, tanzte und moshte zu Club-Klassikern wie „Provision“, „Mental Distortion“, „Digital Tension Dementia“ oder „Iceolate“. Bill Leeb war textsicher, versuchte sich mehr als 40 Jahre nach seinem Umzug aus Wien nach Vancouver mal wieder charmant an der deutschen Sprache („Ich weiß, klingt immer komisch, mein Deutsch“ ) und Joey Blush an den Maschinen gelang es einmal mehr, trotz ständigen Kletteraktionen auf seinen Instrumentenständer nicht schwer zu stürzen. Bravo!
Den Schlusspunkt setzten Within Temptation, Dauergäste beim Mera Luna. Bei ihrem zehnten (!) Auftritt auf dem Flugplatz nahmen Sharon den Adel und ihre Jungs die zahlreichen Fans mit auf eine sinfonisch-metallische Reise – nicht wenige, vor allem jüngere weibliche Anhängerinnen standen im Kampf um die besten Plätze schon Stunden vorher im vorderen Bereich vor der Bühne. Sie sollten nicht enttäuscht werden: Vier Stücke vom aktuellen Album „Bleed Out“, Klassiker aus der mittleren Phase wie „The Howling“ oder „Supernova“ und am Ende die beiden frühen Hits „Mother Earth“ und „Ice Queen“ – quasi ein perfektes Festival-Set. Dass die Niederländer zudem an die weiterhin grausame Situation in der Ukraine erinnerten und zuvor am Nachmittag trotz ihres hohen Status noch eine Autogrammstunde am Sonic-Seducer-Zelt gaben, rundet den sympathischen Gesamteindruck ab. Andere Bands dieser Kragenweite zeigen sich nicht so fannah oder knöpfen diesen für Fotos und Autogramme horrende Preise ab.
So ging Tag 1 gegen Mitternacht zu Ende. Der Samstag war abwechslungsreich, sicher nicht ganz perfekt in Sachen Sound, dennoch erfüllend, und vor allem: heiß. Das Schlimme: Der Sonntag sollte in dieser Hinsicht noch einen drauf setzen …
Alle Bildergalerien findet ihr nachfolgend:
Fotos: M’ERA LUNA 2026 – Bands -ClubStage- Samstag (08.08.2026)
Fotos: M’ERA LUNA 2026 – Bands -MainStage- Samstag (08.08.2026)
MERA LUNA, Tag 2 – Hildesheim, Flugplatz Drispenstedt (09.08.2026)
Weblinks M’ERA LUNA:
Webseite: meraluna.de/
Facebook: meralunafestival
Instagram: meralunafstvl
