UNZUCHT / SORROWNIGHT – Düsseldorf, Ratinger Hof (15.05.2026)

Unzucht, © Peter Bernsmann
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Lesedauer: 4 Minuten

Der Laden atmet Geschichte. Im Ratinger Hof wurde der deutsche Punk mindestens miterfunden. DAF, Fehlfarben, ZK, Male, S.Y.P.H. und wie sie nicht alle heißen. Wer den Club am Rande der „längsten Theke der Welt“ heute nach mehreren Namensänderungen besucht, sieht nach Eintreten rechts eine Fotowand mit Motiven aus der großen Zeit Ende der 70er bis Anfang der 80er und erspäht die Delgados und Englers dieser Welt in ihren jungen Jahren.

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Was an diesem Freitagabend jedoch von der Bühne schallte, hat mit Punkrock oder EBM-Pionierstaten nichts zu tun. Dunkler melancholischer Rock mit einigen kräftigen Riffs war die Losung. Das galt nicht nur für die Unzucht, die sich zeitgleich über den Album-Release von „Neon Dom“, der ersten LP mit Sänger Timm Hindorff, freuen durfte. Auch die recht kurzfristig für die aus familiären Gründen ausgefallenen Vlad in Tears eingesprungenen Sorrownight lassen sich in dieser Kategorie wohl am ehesten verorten.

2016 spielte das Quintett aus Erfurt sein erstes Konzert, in der Zwischenzeit standen unter anderem Support-Shows für Florian Grey im Kalender. Jetzt also für Unzucht. Und sympathisch war das, was Sänger Veri Jumala & Co. ablieferten. Melodiöse Songs mit eingängigen Refrains, solide gut gesungen und gespielt, mit tragenden Keyboard-Klängen von Tastenfrau Jen, die gerade erst frisch von einer OP genesen war, wie wir erfuhren. Respekt dafür – wie auch für den Einsatz des Schlagzeugers. „Den Otto kannte ich bis vor zwei Wochen gar nicht“ , gab Veri zu. Er selber erinnert mit seiner Statur und Frisur ein wenig an den vor rund 20 Jahren recht populären DSDS-Kandidaten Max Buskohl, ist aber wie eingangs erwähnt musikalisch in ganz anderen Sphären unterwegs.

Das Rad erfinden Sorrownight dabei sicher nicht neu – man blicke nur auf die wirklich jedes Genre-Klischee erfüllenden Songtitel und Textzeilen, doch insgesamt waren das 35 kurzweilige Minuten, die sicher den oder die eine/n oder anderen Gast dazu verleitet haben, sich den Fünf mal etwas näher zu widmen. Nach aktuellen Veröffentlichungen müssen diejenigen aber etwas suchen – der noch immer frischeste Release, die EP „Acoasma“, erschien bereits im Februar 2021 …

Setlist SORROWNIGHT @ Düsseldorf, Ratinger Hof (15.05.2026)
  1. Hellish Sacrifice
  2. Autumn Melodies
  3. In Your Arms
  4. Sapphire Eyes
  5. Buried Forever
  6. Abstract
  7. A Story of a Forlorn Love
  8. Darkest Dawn

Fast 40 Minuten dauerte der Umbau – puuh, ganz schön lange. Doch das Warten wurde belohnt. Denn Unzucht gaben mehr als 100 Minuten lang alles, mit einer gesunden Mischung aus Klassikern sowie frischen Stücken des siebten Albums „Neon Dom“. Der Titelsong brachte den kraftvollen Einstieg, bevor mit der „Todsünde 8“ direkt das Gegenstück des nun 14 Jahre alten Debüts folgte. „Wir haben Grund zu feiern. Den Albumrelease und meinen zweiten Bandgeburtstag“ , frohlockte Frontmann Timm. Auf „Nela“ folgte erstmal ein Trio mit frischen Stücken, die einige Fans schon erstaunlich präzise mitsingen konnten. Da wurde wohl seit Mitternacht auf Freitag schon kräftig reingehört …

Gerade „Koloss“ prescht richtig rein. „Da brauch‘ ich noch n‘ Drink“ , kommentierte Gitarrist De Clercq leicht erschöpft den Song – um dann einen tiefen Schluck aus einer Wasserflasche zu nehmen. Ungläubige Blicke im nicht so weiten Rund. „Fuck, jetzt hab‘ ich Wasser getrunken“ , kommentierte er dies, sicher nicht ganz ernst gemeint. „Ich hab‘ gehört, Wasser ist nicht so schlimm“ , antwortete Hindorff schlagfertig. Es sollte nicht die einzige kleine unterhaltsame Frotzelei an diesem intimen Abend bleiben. Bei „Jenseits der Welt“ kam der Sänger an einer Stelle aus dem Takt, was Bassist Don Canone mit den Worten „Deswegen wollten wir hier spielen. Tief im Herzen sind wir ja auch eine Punkband“ kommentierte. „Sonnentod“ startete die Unzucht kurz vor Ende des Hauptsets gar neu, nachdem De Clercq anmerkte, „etwas Falsches“ gehört zu haben – um dann süffisant nachzulegen: „Der Sänger war schuld!“ . Ja, es durfte des Öfteren gelacht werden. Natürlich miteinander, nicht übereinander.

An anderer Stelle wurde es allerdings ganz still, dies ausgerechnet nach dem brettharten „Kettenhund“. Zunächst meckerte De Clercq: „Keine gute Idee, den Song nach ‚Kettenhund‘ zu spielen. Wer hat sich das ausgedacht?“ Denn herausstechend auf „Neon Dom“ ist eine sehr reduzierte Ballade namens „Nie mehr zurück“, sehr rau und zur Abwechslung mal unverzerrt gesungen von De Clercq. „Das Lied ist für alle, die am Strugglen sind und nicht hier sein können, weil sie am Strugglen sind. Mal gucken, ob ich den überhaupt so hinkriege“ , äußerte er Bedenken. Es lässt sich festhalten: Er hat ihn hingekriegt, dies absolut ergreifend. Ein absoluter Höhepunkt des Abends.

Langjährige Fans dürften sich vor allem über das letzte Konzertdrittel gefreut haben, mit vielen Hits aus der Vergangenheit. Zu „Sonnentod“ genoss Timm das Bad im Publikum, stimmte energisch den klassischen „Ooohooohooo“-Chor am Ende an. Generell beweist der 2024 eingestiegene Frontmann, warum die Wahl als Nachfolger von Daniel Schulz die richtige war. Stimmlich ist er nicht zu weit weg vom jetzigen Oomph!-Sänger, aber auch weit entfernt von einer Kopie. Auch den Vergleich in Sachen aktivierender Publikumsinteraktion braucht Hindorff nicht scheuen. Er treibt unermüdlich an, findet nach „Nein“ kurz vor dem Ende die passenden Worte, um die Top-Stimmung vor Ort adäquat zu beschreiben: „Ich sage JA zu Düsseldorf!“

Der einzige Wermutstropfen war die Auslastung des ohnehin schon recht winzigen Clubs. Im hinteren Bereich war doch mehr als reichlich Platz – das muss im Herbst bei der vollwertigen Clubtournee zu „Neon Dom“, bei der die Locations in Teilen doppelt so groß sind, besser werden. Drücken wir der Unzucht die Daumen – am neuen Sänger sowie Songmaterial sollte es jedenfalls nicht scheitern.

Setlist UNZUCHT @ Düsseldorf, Ratinger Hof (15.05.2026)
  1. Neon Dom
  2. Todsünde 8
  3. Nela
  4. Krieger
  5. Feuerregen
  6. Koloss
  7. Deine Zeit läuft ab
  8. Nur die Ewigkeit
  9. Jenseits der Welt
  10. Monsterfreilaufgehege
  11. Kettenhund
  12. Nie mehr zurück
  13. 1000 Scherben
  14. Chaos
  15. Engel der Vernichtung
  16. Sonnentod
  17. Ein Wort fliegt wie ein Stein (Z)
  18. Nein (Z)
  19. Katharsis (Z)
  20. Unzucht (Z)
Weblinks UNZUCHT

Homepage: www.unzucht-music.com
Facebook:  www.facebook.com/Unzucht
Instagram:  www.instagram.com/unzucht_official
Shop: https://unzucht.merchcowboy.com

Weblinks SORROWNIGHT

Homepage: https://sorrownightband.wixsite.com/sorrownight
Instagram: https://www.instagram.com/sorrownight_official
Facebook: www.facebook.com/sorrownightband


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