Lesedauer: 15 Minuten
Lesedauer: 15 MinutenEin warmer Frühlingsabend lag über der Kantine Köln, als sich bereits zwei Stunden vor Einlass die ersten Besucher vor der Halle einfanden. Im Rahmen ihrer Europa-Tour zu „Artificial Innocence“ hatten IAMX bewusst nur wenige, ausgewählte Termine pro Land angesetzt. In Deutschland bedeutete dies einen Festivalauftritt beim E-Only Festival Leipzig sowie zwei Clubshows in Köln und Mannheim. Wer hier wartete, wollte nicht einfach nur dabei sein, sondern möglichst nah an das intensive Geschehen einer IAMX-Show heran.
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Für Chris Corner zeichnete sich im Vorfeld jedoch eine einschneidende Zäsur ab. Im Herbst hatte der Ausstieg von Janine Gezang die Community erschüttert – eine Künstlerin, die über fast zwei Jahrzehnte nicht nur Teil der Live-Band, sondern eine prägende Kraft im Inneren des Projekts gewesen war. Corner selbst beschrieb sie als „Anker und Partnerin im Chaos“ – in einem Gefüge, das stets zwischen Kontrolle und Eskalation balanciert.
So schwang in der Vorfreude auf das Konzert immer auch eine leise Frage mit: Wie würde sich IAMX nun anfühlen? Verändert, fragiler – oder gerade deshalb intensiver? Eine mögliche Antwort deutete sich bereits im Vorfeld an. Gözde Düzer, bekannt für ihre eigenwilligen Performances mit Aux Animaux, eröffnete den Abend nicht nur mit ihrem Projekt, sondern war zugleich Teil der neuen IAMX-Live-Besetzung. In einem Social-Media-Posting bat Corner die Fans im Vorfeld ausdrücklich darum, ihr besondere Unterstützung entgegenzubringen – ein Zeichen dafür, wie sensibel dieses neue Kapitel begann. Für Gözde selbst markierte diese Tour einen persönlichen Meilenstein. Monate der Geheimhaltung mündeten in der Möglichkeit, mit einem ihrer musikalischen Bezugspunkte auf der Bühne zu stehen.
Bevor Aux Animaux den Abend eröffnen konnte, hieß es zunächst, sich in Geduld zu üben. Dass IAMX später als angekündigt die Bühne betreten, nimmt man mittlerweile gelassen hin – doch an diesem Abend ließ die in Schweden ansässige Künstlerin Gözde Düzer auf sich warten. Erst eine halbe Stunde nach der angekündigten Zeit verdunkelte sich gegen 20 Uhr schließlich die Halle.
Das Intro setzte langsam ein, schwebend, und trug von Beginn an eine unterschwellige Unruhe in sich. Noch bevor ein klarer Rhythmus greifbar wurde, entstand dieses Gefühl von Enge, von innerer Unruhe. Auf einem Podest positionierte sich die Künstlerin, ihr Gesicht von einem schwarzen Schleier bedeckt, und leitete spannungsgeladen ein Ritual ein. Achtsam zündete sie eine Kerze an, las aus einem Buch, während schwere Ketten ihre Handgelenke mit einem Halsband verbanden. Stachelbesetzte Bänder um ihre Beine, ein Pentagramm auf der Stirn – jedes Detail wirkte bewusst inszeniert.
Langsam hob sie ein Glas Wein, pustete die Kerze aus und begann, mit einem Pendel die Menge in eine Art stillen Bann zu ziehen. Erst dann fiel der Schleier. Mit einer kurzen, fast abrupten Bewegung schüttelte sie ihr blondes auftoupiertes Haar – und mit „Blackout“ setzte mit eine kalter, mechanischer Puls ein, treibend, leicht aggressiv, und fand ohne Umwege seinen Weg in die Beine. Mit „Venus Lucifer“ verdichtete sich die Ästhetik des Sets. Der Track spielte mit einer Mischung aus Erotik und Bedrohung, die sich auch in der Performance widerspiegelte. Fordernd ließ die Künstlerin ihre Hüften zum mystischen Sound kreisen, ging schließlich auf die Knie und beendete den Song stöhnend – ein Moment, der irgendwo zwischen Inszenierung und Hingabe lag. „I’m Aux Animaux from Sweden. Alright, this one is called ‘Thrill Kill’.“ Hiermit verlagerte sich die Energie deutlich. Der Song setzte direkter an, clubbiger, mit einer unterschwelligen Gefährlichkeit, die sich sofort übertrug. Schüttelnde Tanzbewegungen, ein Kick in die Luft, dann wieder headbangend – die Performance wurde straighter. Im Raum kam der eingängigere Sound gut an, erste verhaltene „Woohoo“-Rufe mischten sich unter die Menge, ehe sich daraus ein aufkommender Jubel entwickelte.
„Are you all feeling good? Love you all. Let’s go. Here’s a song that I wrote for my toxic ex.“ Mit „Demonizer“ wurde es persönlicher – und gleichzeitig noch einmal intensiver. Inhaltlich kreist der Song um Zuschreibungen und das Gefühl, zur Projektionsfläche für die eigene Schuld eines anderen gemacht zu werden. Zeilen wie „Curse my name every day / to have someone to blame“ oder „I’m the villain of your story“ zeichnen das Bild einer verzerrten Wahrnehmung, in der sich die Rollen längst verschoben haben. Die Erzählerin wird zur Figur in einer Geschichte, die nicht ihre eigene ist – festgehalten in den Deutungen eines Gegenübers, das sich selbst ins Zentrum stellt. Passend dazu beschrieb Aux Animaux den Schreibprozess selbst als „eine Art Exorzismus“ – ein Lösen, ein Ausstoßen dessen, was sich zuvor festgesetzt hatte. Und genau so wirkte der Track auch live: düster, atmosphärisch dicht, getragen von einer dominanten Präsenz, die fast beschwörend wirkte. Spielerisch wickelte sich die Musikerin währenddessen das Mikrofonkabel um den Hals, zog die Bewegung in die Länge, ohne sie zu dramatisieren. Immer wieder kehrte sie zu den Worten „release me“ zurück, mantraartig, beinahe entrückt – weniger als Bitte, mehr als Feststellung. Ein Moment, der den Song nicht nur erzählte, sondern greifbar machte.
Aus der ersten Reihe wurde der Sängerin schließlich eine weiße Rose angereicht, die sie sichtlich entzückt entgegennahm – ein kurzer, beinahe zarter Moment innerhalb der ansonsten so kontrollierten, düsteren Inszenierung. „Sleep Paralysis“ wirkte besonders dicht, getragen von diesem beklemmenden Gefühl, im eigenen Körper gefangen zu sein. Dazu rannte die Künstlerin auf der Stelle, ließ die Bewegungen zunehmend energischer werden, als würde sie gegen etwas Unsichtbares ankämpfen. Gleichzeitig entlockte sie ihrem Theremin beschwörend schwebende Klänge, die sich über den Raum legten und die Szenerie noch weiter entrückten.
„Thank you so much. This is gonna be the last song for me tonight. Thank you all for coming. I appreciate it. Soon, I’m on stage with IAMX.“ Mit „Devil Inside“ fand das 30-minütige Set seinen Abschluss. Vergleichsweise eingängig, ohne die Dunkelheit zu verlieren, spielte der Track mit dem Kontrast zwischen Kontrolle und innerem Chaos. Die Sängerin legte sich auf den Rücken, warf verführerische Blicke ins Publikum, während ihre Stimme immer wieder von kurzen, hohen Schreien durchzogen wurde – ein letzter Moment zwischen Hingabe und Spannung, bevor sich Aux Animaux zum Abschied unter Jubel verneigte.
SETLIST AUX ANIMAUX – Köln, Kantine (01.04.2026):
- Anxious Ambivalent
- Redrum
- Blackout
- Venus Lucifer
- Thrill Kill
- Demonizer
- Sleep Paralysis
- Devil Inside
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Nun galt es, weitere 40 Minuten zu überbrücken. Doch das fiel an diesem Abend überraschend leicht. In der Crowd gab es genug zu entdecken – und noch mehr zu erleben. Die Konzertbesucher machten durchweg einen offenen, sympathischen Eindruck, Gespräche entstanden wie von selbst, und mit jedem Austausch schien sich die Vorfreude weiter zu steigern, fast zu multiplizieren. Die Verbundenheit zur Band zeigte sich dabei nicht nur in Worten, sondern auch sichtbar auf der Haut. Das charakteristische Logo von IAMX zierte bei einigen Fans verschiedene Körperstellen – ein klares Zeichen dafür, wie tief diese Musik verankert ist. Selbst Chris Corner griff dieses Motiv kurz vor Tourbeginn noch einmal auf besondere Weise auf: Er tätowierte es Gözde Düzer auf das Bein – ein einladendes Symbol dafür, sich direkt als Teil der IAMX-Family zu identifizieren.
Und genau dieses Zugehörigkeitsgefühl setzte sich im äußeren Erscheinungsbild fort. Ein Chris Corner würde schließlich niemals schlicht mit Jeans und T-Shirt auftreten. Zu sehr ist seine Kunst mit Ästhetik, Ausdruck und Detail verbunden – vom eigens gestalteten Kopfschmuck bis hin zu sorgfältig gewählten Accessoires, die jede Show visuell mitprägen. Und genau dieses Verständnis spiegelte sich auch im Publikum wider. Glitzernde Spuren zogen sich über auffällige, dabei stets anmutige Make-ups. Outfits waren nicht nur gewählt, sondern komponiert – oft mit subtilen Kink-Elementen, ohne dabei plakativ zu wirken. Viele hätten an diesem Abend mühelos über einen Laufsteg schreiten können und dabei genau die Blicke auf sich gezogen, die sie hier ganz selbstverständlich erhielten.
Auf der Bühne waren im Hintergrund drei große Leinwandelemente positioniert, jeweils aus zwei schräg aufeinander zulaufenden Flächen bestehend, die sich zu einer Art geöffnetem „V“ formten. Dadurch entstand eine visuelle Tiefe, die den Raum nicht einfach begrenzte, sondern ihn nach hinten hin aufbrach. Die Flächen wirkten wie fragile, geometrische Körper – nicht starr, sondern dafür gemacht, sich im Laufe der Show mit Visuals, Schatten und Bewegung aufzuladen und zu verändern.
Um 21:10 Uhr war es schließlich soweit. Der Saal verdunkelte sich. Nach und nach betraten Jon Siren und Gözde Düzer die Bühne, ehe Chris Corner folgte. Mit verzerrtem Effekt rief der Fronter der Menge ein „Scream for me“ entgegen – als wäre das überhaupt nötig gewesen. Spitze Schreie brachen durch lauten Jubel und gellende Pfiffe hervor. Die mechanisch anmutenden Klänge von „Disciple“ leiteten die Show von IAMX ein: „Believe in me, worship me. You will be always protected.“ Einzelne Soundstrukturen trafen zunächst fragmentiert aufeinander, um sich dann zunehmend zu verdichten und miteinander zu verschränken. Der Gesang von Chris Corner breitete sich voller Verzweiflung aus, während hallende Effekte den Eindruck von Bewegung im Raum erzeugten – als würde sich der Klang selbst ständig neu formen.
Ab der ersten Sekunde war der Wahl-Kalifornier absolut präsent. Mit präziser Agilität bewegte er sich über die Bühne, kontrolliert und doch jederzeit bereit, auszubrechen. Sein Erscheinungsbild fügte sich nahtlos in diese Wirkung ein. Auf dem Kopf trug er eine markante Art Mütze mit seitlich abstehenden, tierohrähnlichen Elementen, die sein feines Gesicht einrahmte und ihm etwas Animalisches, zugleich Entrücktes verlieh. Darunter war sein Haar seitlich zu zwei Knoten drapiert. Dazu kombinierte er eine schwarze Leggings mit schweren Stiefeln und ein kurzes, eng anliegendes Sakko. Sein Oberkörper war von einem feinen Netzsuit überzogen, der nicht nur seine Silhouette andeutete, sondern sich bis über sein Gesicht zog und dieses kunstvoll verschwimmen ließ. Im Hüftbereich wurde die lackartige Panty durch einen rückseitig angesetzten, mit Rüschen versehenen Überwurf aus Leder ergänzt – ein Spiel aus Härte und verspielter Überzeichnung, das sich durch den gesamten Look zog.
Auch Gözde Düzer passte sich visuell nahtlos in dieses Gesamtbild ein. Am Bass zeigte sie sich nun freizügiger: Ihre Brüste waren lediglich durch X-förmige Pads bedeckt, die durch eine Kette miteinander verbunden waren – ein Look, der die Ästhetik zwischen Provokation und bewusster Inszenierung weiterführte. Hingebungsvoll gingen die Arme in die Höhe, Bewegung durchzog die Menge, erste Screams brachen sich ihren Weg. Chris nahm das Geschehen bewusst wahr und bedankte sich mit einem ehrlichen: „We love you!“. Aus dem Publikum schallte ihm prompt eine weibliche Stimme entgegen: „I love Chris Corner!“ – ein Moment, der sich nicht im Raum verlor. Corner griff ihn direkt auf, grinste und konterte: „Say it again, baby! Fucking love you, too.“ Ein kurzer, ungeplanter Austausch, der für ein spürbares Schmunzeln sorgte und die Verbindung zwischen Bühne und Publikum weiter verdichtete.
Zu „The X ID“ verlagerte sich der Fokus. Jon Siren zog sich eine Leder-Maske über den Kopf, deren Form irgendwo zwischen Tier und Fantasiewesen lag – nicht eindeutig greifbar, eher eine Andeutung als ein klares Bild. Mit freiem Oberkörper bespielte er sein Drumkit mit einer anmutigen Selbstverständlichkeit. Die kraftvollen Beats verliehen dem Track eine besondere Coolness, roh und gleichzeitig präzise gesetzt. Über das gesamte Set hinweg arbeitete Chris Corner seine Songs live spürbar weiter aus. Immer wieder fügte er neue Soundeffekte hinzu, verschob Nuancen, ließ Übergänge anders wirken als erwartet. Seine übermächtige Passion für Musik war dabei in jeder Bewegung greifbar – nicht aufgesetzt, sondern tief verankert.
Diese Energie blieb nicht auf der Bühne. Sie übertrug sich unmittelbar in die Crowd, spiegelte sich in Bewegung, in Blicken, in Reaktionen. Gleichzeitig war der Sound bemerkenswert klar: Musik und Gesang waren perfekt aufeinander abgestimmt, differenziert, kraftvoll – ein Klangbild, das selbst in den intensiven Momenten nichts an Präzision verlor.
„My babies, I fucking love you all. Do you want me to sail? Show me how much you wanna be the fucking sailor.“ Mit „Sailor“ griff der Abend tief in die frühen Kapitel von IAMX zurück – und genau das war spürbar. Der Track entfaltete live eine Sogwirkung, die sich nicht laut aufdrängt, sondern sich festsetzt. Dieser gleichmäßige, treibende Puls, kühl und präzise, legte sich sofort über den Raum, während einzelne, leicht verschobene Sounddetails immer wieder kleine Reibungen erzeugten. Nichts wirkte glatt, nichts vorhersehbar – und genau darin lag die Stärke.
Chris Corner spielte dabei bewusst mit den Zeilen, ließ „wanna be a sailor?“ nicht einfach stehen, sondern stellte sie in den Raum, fast herausfordernd, als würde er die Bedeutung jedes Mal neu verschieben. Seine Stimme bewegte sich zwischen Nähe und Distanz, zwischen Verführung und Kontrolle. Über das gesamte Set hinweg blieben die Lichtverhältnisse reduziert. Helle Momente entstanden ausschließlich durch die wechselnden Visuals auf den Leinwänden, während farbige Scheinwerfer die Bühne in ein konstantes, gedämpftes Leuchten tauchten.
Inmitten dieser Spannung entwickelte sich eine spürbare Dynamik auf der Bühne. Spielerisch klatschte Chris Gözde im Takt mit der flachen Hand auf ihren Po – eine Geste, die weit mehr transportierte als bloße Provokation. Sie spiegelte genau jene Spannung wider, die „Sailor“ inhaltlich durchzieht. In einem Wechselspiel aus Verführung und Provokation, aus Begehren, Identität und verschobenen Machtverhältnissen. Die Lyrics wirken intensiv, widersprüchlich und leicht zerstörerisch – aufgrund der Fragmente nicht klar greifbar, aber gerade deshalb so nachhaltig. Im Publikum griff die Energie unmittelbar über. Bewegung verdichtete sich, Stimmen wurden lauter, und mit jedem Takt nahm die Intensität zu. „Sailor“ war kein Song, der explodiert – sondern einer, der sich mit seiner hypnotischen Wirkung einbrannte.
In dem aufbrandenden Jubel schien Chris innerlich baden zu wollen. „It’s a beautiful day. You beautiful, beautiful people. Do you feel beautiful? I see you.“ Und das Set drehte sich weiter in der Intensitätsspirale nach oben. Mit „Aphrodisiac“ kippte die Energie endgültig in einen Zustand, der sich kaum noch kontrollieren ließ. Wild stampfte Corner den Takt in den Bühnenboden, ungebremst, fast getrieben, während sich der Track in seiner ganzen rastlosen Dynamik entfaltete. Inhaltlich bündelt sich hier alles: Obsession, Exzess, diese toxische, süchtige Form von Verlangen, der man sich nicht entziehen kann. Die wiederholende Zeile „I want your contact / I think I cannot fight your aphrodisiac“ riefen Corner und die Menge aufgeheizt gemeinsam in den Raum – ein Moment, der weniger gesungen als vielmehr herausgeschleudert wurde. Mit verfremdeter Stimme und treibenden Drums sprang Chris wie besessen über die Bühne, schüttelte wild den Kopf, headbangte, verlor sich vollkommen im Track. Jede Bewegung wirkte entladen, ungefiltert, als würde sich die innere Spannung des Songs direkt in Körperlichkeit übersetzen. Grandios!
„You’re fucking awesome, tonight.“ Weiter ging die wilde Party mit „After Every Party I Die“. „So watch, as I start to smile“ sang Chris – und nicht nur er. Auch die Fans strahlten mit leuchtenden Augen, ein Moment, der sich leicht anfühlte, fast schwerelos, als würde sich die zuvor aufgestaute Intensität für einen Augenblick in pure Freude auflösen.
Chris wechselte seine Kopfbedeckung, und nun zierte eine neue Variation seines bekannten Kopfschmucks mit zahlreichen Spitzen und Federn sein Haupt. Der Look sorgte auch in der Menge für sichtliche Verzückung. „Now, we’re talking. Geht doch!“ bemerkte ein Fan neben mir – ein kurzer Kommentar, der die Wirkung ziemlich treffend einfing. Zu „Grass Before The Scythe“ änderte sich die Atmosphäre spürbar. Der Track lebt von seiner ruhigeren, fast schwebenden Anlage – getragen von sanften Synthflächen und einer Melancholie, die sich eher einschleicht als aufdrängt. Gözde legte ihren Bass beiseite, bewegte sich weich zu den Klängen und ergänzte das Ganze mit ihrem Backgroundgesang. Ein Song, der nicht laut sein musste, um Wirkung zu entfalten.
Mit „Break The Chain“ rückte das Zusammenspiel der Band noch einmal anders in den Fokus. Besonders das Drumming von Jon Siren zog mich vollends in seinen Bann. Auffallend ist, dass sich die Fans meist um die Position von Chris Corner scharen – doch nicht umsonst steht das Drumkit vergleichsweise nah am Bühnenrand. Denn es lohnt sich durchaus, sich auch einmal auf Jons Höhe zu platzieren. Seine Aura beim Spielen ist faszinierend – konzentriert, kraftvoll, und gleichzeitig von einer fast ruhigen Selbstverständlichkeit getragen. Klanglich lebt „Break The Chain“ von genau dieser Energie. Der Track verbindet treibende, druckvolle Beats mit einer klaren, nach vorne gerichteten Struktur, die sich stetig steigert, ohne dabei zu überladen. Etwas Befreiendes schwingt mit – ein Drängen nach vorne, ein Lösen von inneren Fesseln, das sich nicht nur in den Lyrics, sondern auch unmittelbar im Rhythmus widerspiegelt.
Mittlerweile war die Kantine spürbar aufgeheizt. Chris Corner entledigte sich seines Sakkos und ließ den Blick über die Menge schweifen: „You blow my fucking mind every time. Never stop.“ Ein melodischer Einspieler setzte ein, getragen von einer lieblichen Frauenstimme, die „I Come With Knives“ einläutete: „Kinder und Sterne küssen und verlieren sich, greifen leise meine Hand und führen mich. Die Traumgötter brachten mich in eine Landschaft, Schmetterlinge flatterten durch meine Seele.“ Ein kurzer Moment der Leichtigkeit – fast trügerisch, denn was folgte, traf umso unmittelbarer.
Chris sprang über die Bühne, suchte immer wieder die Nähe zum Rand, zog die Fans förmlich in seinen Bann. Die Distanz löste sich auf, die Energie entlud sich direkt nach vorne. Völlig entfesselt rief er: „I come with knives / I come with knives / And agony“ – und der eindringliche Beat setzte ein. Genau hier liegt die Kraft des Songs: dieser kompromisslose, treibende Rhythmus, der sich wie ein Puls durch den Raum zieht, gepaart mit einer düsteren, fast manischen Dringlichkeit. „I Come With Knives“ lebt von diesem Kontrast – zwischen fast märchenhafter Einleitung und der darauffolgenden, rohen Eskalation. Der Track baut keinen klassischen Spannungsbogen auf, sondern kippt – und reißt alles mit sich. Die Crowd geriet in eine pulsierende Bewegung, als würde sich der Beat direkt im Körper fortsetzen. Jeder Schlag saß, jeder Einsatz traf – ein Moment, in dem sich Musik und Masse vollständig miteinander verzahnten.
Mit „Neurosymphony“ kehrte eine spürbar ruhigere, dafür umso intensivere Stimmung ein. Mit besonders liebevoller Stimme sang Chris Corner: „I know you’re scared, but I am right here – take my hand.“ Ein Satz, der Fans und Künstler auf magische Weise miteinander verband – trotz Fotograben und der fehlenden körperlichen Nähe, die eine IAMX-Show sonst so oft ausmacht. Chris faszinierte die Menge mit einer fast hypnotischen Wirkung – sanft, aber bestimmt. Auf den Leinwänden öffneten sich zeitgleich unterschiedliche Blüten, die sich langsam entfalteten – ein visuelles Echo auf die Musik, das den Moment zusätzlich vertiefte. Klanglich lebt „Neurosymphony“ genau von diesem Spannungsfeld: einer gewissen Zerbrechlichkeit in der Melodie, getragen von elektronischen Flächen, die sich stetig verdichten. Der Song wirkt zunächst ruhig, fast vorsichtig, entwickelt aber im Verlauf eine unterschwellige Dringlichkeit, die sich immer weiter aufbaut. Gerade live gewann der Track dadurch noch einmal deutlich an Eindringlichkeit. Einen wesentlichen Anteil daran hatte erneut Jon Siren, dessen präzises, zugleich gefühlvolles Drumming dem Song eine zusätzliche Tiefe verlieh. Keine überladenen Akzente, sondern genau gesetzte Impulse, die den emotionalen Kern des Stücks freilegten.
„Exit“ aus dem Jahr 2018 bescherte uns Momente des Durchatmens, die rasch in einen wohligen Seufzer mündeten. „Hold me like you mean it / Tonight I need to feel your skin on my skin“ sang Chris Corner bedächtig und voller Emotion. Zeilen, die Nähe suchen und gleichzeitig eine gewisse Distanz in sich tragen – dieses typische Spannungsfeld, in dem sich der Song bewegt. Doch die Ruhe hielt nicht lange an. Nach und nach lud sich die Intensität wieder auf. „Often I forget you’re this being / I get lost alone online, stalking humanity“ – ein Moment zwischen Intimität und Entfremdung, der sich auch live deutlich übertrug. Klanglich lebt „Exit“ genau von diesem Wechsel: zwischen zurückgenommener, fast fragiler Melancholie und einer sich langsam aufbauenden, emotionalen Wucht, die sich schließlich entlädt. Auf der Bühne übersetzte sich das in eine eindringliche Szene. Gözde Düzer legte sich auf den Rücken, während Chris sich über sie beugte und ihr mit einer Hand die Augen verdeckte – ein Moment zwischen Kontrolle und Vertrauen, der die inhaltliche Ebene des Songs visuell aufgriff. Mit der Zeile „We are infinite / Can you feel it?“ fand der Song seinen Abschluss – getragen, intensiv, nachwirkend.
„Thank you so much. All the fucking years of support – unbelievable. Are you ready?“ Mit „Happiness“ folgte ein Track, in dem sich in einem Club mit geschlossenen Augen auf der Tanzfläche verlieren kann – doch live entfachte er weitaus mehr als das. Die Atmosphäre mündete in ein regelrechtes Freudenfeuer. „Maybe the drugs are the only way to be free“ hallte es durch den Raum, während sich in der Crowd spürbar Endorphine freisetzten. Chris wiederholte mantraartig die Worte „liars“ und „happiness“, ließ sie kreisen, sich verdichten, bis sich ein Gefühl von beinahe schwereloser Euphorie ausbreitete. Für einen Moment wirkte alles gelöst, getragen, fast unwirklich.
Zwar verließen IAMX die Bühne, und doch lag bereits in der Luft, dass das noch nicht das Ende gewesen sein konnte. Natürlich kehrte das Trio zurück. Chris trat nun mit offenem Haar und Cappy auf die Bühne – und mit „Spit It Out“ folgte der Klassiker, der sofort eine Welle der Verzückung auslöste. Seine Stimme – präzise, eindringlich, voller Ausdruck – trug den Moment mühelos, während seine Bewegungen, dieses charakteristische Spiel mit den Hüften, die Energie weiter anfachten. Als die bekannte Pianomelodie einsetzte, ging ein hörbarer Zwischenjubel durch die Menge. Und Chris? Er wirkte sichtbar glücklich. Leicht, präsent, ganz im Moment. Voller Leidenschaft stimmten alle ein: „’Cause it breaks my heart / That we live this way / I know people need love, ’cause them people never play the game.“ Ein kollektiver Augenblick, getragen von dieser einen Gewissheit, die sich durch den gesamten Abend zog: Was wären wir nur ohne Livemusik?
„I fucking love Germany. It feels so good tonight. No struggle tonight. Just pleasure.“ „No Maker Made Me“ lebte genau von diesem Moment. Der Song spielt mit einem starken Kontrast aus Reduktion und purer Wucht – zurückgenommene Passagen treffen auf druckvolle, beinahe brachiale Einsätze. Jons Drumming ging durch Mark und Bein, während sich die eindringlichen Synths wie ein Sog aufbauten. Chris setzte zu einem hohen Sprung an, Gözde Düzer schwang ihren Kopf heftig im Takt. Alles wirkte leicht entrückt, fast schon irr – kontrolliertes Chaos, das sich mit jeder Sekunde weiter auflud – und ein Erlebnis mit IAMX absolut ausmacht.
„The Great Shipwreck“ verlieh dem Abend noch einmal eine andere Färbung. Bereits zu Beginn des Songs wurde Chris Corner aus der ersten Reihe ein Strauß roter Rosen gereicht, den er dankend entgegennahm. Der Song wirkte live herrlich verspielt und gleichzeitig erstaunlich durchdringend. „Stay with me, I’ll be Peter Pan and you just be pretty“ – eine Zeile, die diese Mischung aus Leichtigkeit und unterschwelliger Melancholie auf den Punkt brachte. Klanglich lebt „The Great Shipwreck“ genau von diesem Wechsel: einer fast kindlich anmutenden Verspieltheit, die sich nach und nach mit einer tieferliegenden Schwere auflädt, ohne dabei an Eleganz zu verlieren.
„It’s a fucking pleasure to be here. Ich möchte das letzte Lied auf Deutsch singen, aber ich kann nicht so viel … Ich will nicht peinlich berührt sein, also muss ich es auf Englisch singen.“ „Give it a try!“ rief ein Fan aus der Menge. Auf den Leinwänden loderte Feuer, während bereits dieser unverkennbare Sound einsetzte, der an einen Jahrmarkt aus einer längst vergangenen Zeit erinnerte. Vorhang auf für „Bernadette“! Und tatsächlich: Chris Corner überwand seine Bedenken und begann auf Deutsch zu singen – glasklar, konzentriert, beinahe vorsichtig im Ansatz und doch voller Wirkung:
„Du und ich sind im Spielhaus.
Leben unter Schleiern, wir gehen hier nie wieder raus.
Nostalgie bringt nicht Freud noch Fried.
Wir sind allein, nur dieses Lied.“
Ein Moment, der berührte – gerade weil er so ungeplant wirkte. Spannenderweise meisterte Chris den deutschen Part nahezu perfekt, während er bei der darauffolgenden englischen Strophe kurz aus dem Rhythmus geriet und einen kleinen Texthänger hatte. „Fuck, it’s hard with two languages!“ Doch der innerliche Knoten löste sich unmittelbar. Er fand zurück in den Flow und ließ sich wieder ganz in den Song fallen. Locker und leicht gab er sich den Vibes von „Bernadette“ hin und genoss es sichtlich, den Track zu performen. Es lag etwas Wohliges in der Luft, das sich kaum greifen ließ. Einziger Haken: IAMX verließen erneut die Bühne, und etwas Ungewisses lag in der Luft. Würden sie sich tatsächlich noch einmal von den Zugaberufen locken lassen? Schließlich war mit rund fünfzehn Songs die übliche Grenze dieser Tour eigentlich erreicht.
Doch das Trio überraschte – und kehrte tatsächlich ein letztes Mal zurück. Voller Sphärik entführte uns „Mercy“ noch einmal in die magische Welt von IAMX. Der Song öffnete einen ruhigeren, fast schwebenden Raum und lebte von genau jener intensiven Mischung aus Hingabe und Selbstverlust, die sich durch seine Lyrics zieht. Zwischen Nähe und Abhängigkeit, zwischen Trost und Auflösung entstand eine Tiefe, die unter die Haut ging. Auch Jon nutzte die wenigen Momente ohne Spieleinsatz, um den Song bewusst in sich aufzunehmen – ein stilles Gegenbild zur sonst so treibenden Energie des Abends. Um 22:45 Uhr war er da, dieser unvermeidbare Moment des Abschieds. „Thank you, I love you. Good night.“ Voller Dankbarkeit schickte Chris Corner einen dicken Luftkuss Richtung Menge, bevor er gemeinsam mit Jon und Gözde die Bühne verließ.
Zu Beginn stand diese leise Frage im Raum, wie sich IAMX in ihrer neuen Live-Konstellation anfühlen würden. Im Verlauf wurde schnell deutlich: Ein Bruch war hier nicht zu erkennen. Vielmehr wirkte alles vertraut, gar selbstverständlich – als hätte sich das neue Gefüge auf natürliche Weise gefunden. Chris Corner wirkte zudem spürbar bei sich angekommen. Die offene, unmittelbare Art von Gözde Düzer spannte ein feines Netz, das ihn auffing und ihm die Freiheit gab, sich fallen zu lassen und die Show vollends zu leben. Zwischen den Dreien war die Chemie greifbar. Und so bleibt am Ende genau ein Resümee: Welch ein erfüllender Abend – für alle Beteiligten. <3
SETLIST IAMX – Köln, Kantine (01.04.2026):
- Disciple
- The X ID
- Sailor
- Aphrodisiac
- After Every Party I Die
- Grass Before The Scythe
- Break The Chain
- I Come With Knives
- Neurosymphony
- Exit
- Happiness
- Spit It Out (Z)
- No Maker Made Me (Z)
- The Great Shipwreck Of Life (Z)
- Bernadette (Z)
- Mercy (ZZ)
Weblinks IAMX:
Webseite: www.iamxmusic.com/
Facebook: @IAMXOFFICIAL
Instagram: @iamx
YouTube: YouTube
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